Es gibt daran leider nichts zu verhandeln: Wir stehen vor der dritten, vielleicht bisher größten Corona-Welle. Und sie bedroht Zehntausende Menschenleben.
Weil das so ist, müssen wir alle vorerst weiterhin unser normales Leben zurückstellen. Deswegen feiern manche Kinder nun schon den zweiten Geburtstag im Lockdown, und deswegen haben viele Menschen einen Höllenwinter hinter sich. Deswegen nehmen auch Depressionen, Alkoholismus und Drogenkonsum zu, und Opfern häuslicher Gewalt fehlen die Flucht- und Ausweichmöglichkeiten. Das ganze Land quält sich durch schier endlose Zeiten mit ungewissen Langzeitfolgen.
Zum Glück ist es nach wie vor gesellschaftlicher Konsens, dass der absolute Wert menschlichen Lebens nicht verhandelt wird. Diese Haltung ist ja unter anderem auch der Grund dafür, dass es so viele Leute aufregt, wenn die Regierenden mal wieder zu früh Lockerungen beschließen, die dann absehbar zu einem Ansteigen des Infektionsgeschehens und zu mehr Toten führen.
Wenn aber die Maßstäbe an unser Handeln und Denken so hoch sind: Warum nehmen wir es eigentlich immer noch hin, dass jeden Morgen die Busse und Bahnen so voll sind? Dass sich immer noch Millionen Menschen jeden Tag auf den Weg zu Autozuliefererfirmen, Stahlwerken, fleischverarbeitenden Betrieben machen? Dass sich Menschen in Pausenräumen und Fahrgemeinschaften anstecken?
Freundliche Aufforderungen
Die Unternehmen, bei denen Homeoffice nicht möglich ist, wurden von den Regierenden in Bund und Ländern gestern lediglich aufgefordert, ihren Angestellten regelmäßig Tests zur Verfügung zu stellen – ohne Verpflichtung wohlgemerkt. Das war's. Zehntausende Menschenleben sind in Gefahr, unser Gesundheitssystem steht möglicherweise vor dem temporären Kollaps, die Gesellschaft bekommt scharfe Einschnitte verordnet – monatelanger Lockdown, samt wochenlang geschlossenen Schulen und Kitas, Kulturschaffenden und Einzelhändlern wurden bis heute qua Staatsvorgabe die Schotten dichtgemacht. Für die Industrie und viele andere, oft große, finanzkräftige Unternehmen aber gibt es: Hygienevorgaben, freundliche Aufforderungen und Selbstverpflichtungen.
Die Regierenden in Bund und Ländern zapfen immer dieselben Ressourcen an: das Privatleben der Menschen. Den Einzelhandel, die Kulturschaffenden, die Soloselbstständigen, die Bildung. Es fehlte nicht viel und gestern Nacht wären auch noch allgemeine nächtliche Ausgangssperren in Deutschland verhängt worden. Warum musste nahezu alles in diesem Land schon wegen der Pandemie stillstehen, mit Ausnahme der Fabriken?
Unterdessen verlieren wir Bürger und Bürgerinnen uns unsererseits in moralischen Schlachten, wir attackieren unsere Nächsten, weil sie hier und da Regeln brechen. Unterstellen uns dann gegenseitig, entweder jede Empathie verloren zu haben oder der Allgemeinheit zu schaden. Wir verzweifeln an Menschen, weil sie die verdammte Maske nicht über die Nase ziehen oder weil sie sich mit Freunden in einen Park setzen.
Dabei geben wir so gut wie alle seit Monaten so vieles auf, manche weniger, manche mehr: ihre berufliche Existenz, ihre geistige Gesundheit, und all das mit dem Ziel, dass die Intensivstationen handlungsfähig bleiben. Das ist auch richtig, in einer Pandemie muss jeder gesellschaftliche Bereich einen Beitrag leisten. Wie aber kann es sein, dass ein Bereich von wirklich drastischen Maßnahmen weitgehend ausgenommen ist? Ist unsere Fleischindustrie systemrelevant? Sind es die Autobauer?
Ja, es würde Geld kosten, viel Geld, die Industrie für ein paar Wochen in den Lockdown zu schicken. Aber Geld ist in Zeiten der Niedrigzinspolitik nicht das wichtigste Problem. Das drängendste ist der endlose Lockdown, der auf so vielen Ebenen Existenzen zerstört. Kann es sein, dass all die Einschränkungen im Privaten auch deswegen so relativ erfolglos bleiben, weil ein großer Teil der Industrie zu wenig verändert hat? Ein großer Teil der Menschen arbeitet immer noch an einem stationären Arbeitsplatz mit anderen. Was wissen wir wirklich darüber, was in den Fabriken passiert? Wo bleiben die Studien dazu, welche Risiken Menschen in Deutschland auf sich nehmen, die jeden Tag zur Arbeit pendeln?
Menschen, die die Corona-Maßnahmen als ungerecht empfinden und sich darüber beklagen, sind nicht nur empathielose Wissenschaftsskeptiker. Viele kritisieren die falsche Hierarchisierung des Schützenswerten. Und kann man da widersprechen? Wer kann nach einem Jahr Pandemie den Eindruck überzeugend widerlegen, dass in Deutschland unmittelbar nach dem Wert des Lebens schon der Wert der Konzerne kommt? Die Grundrechte, die Kinder, die Kultur, die mentale Gesundheit: All das muss im Angesicht der Pandemie zurückgestellt werden. Aber den Berufs- und Pendelverkehr einzuschränken und die Produktionsstätten zeitweise zu schließen, das gilt noch immer als linksradikal.
Es kann gut sein, dass wir dieses Virus noch ein halbes Jahr ertragen müssen, vielleicht auch noch länger. Aber wenn im Privatleben kein Stein auf dem anderen stehen bleiben kann, um diese Pandemie zu besiegen, dann ist es so epidemiologisch sinnvoll wie gerecht, die Industrie zu einem ebenso substanziellen Beitrag zu verpflichten. Ja, die Politik hat recht damit, dass wir vorerst zu Hause bleiben sollten. Aber warum eigentlich nur an den Feiertagen?