Eine gute Nachricht vorweg: Auch wenn es sich gerade so anfühlt, die Welt ist nicht in einer Zeitschleife gefangen. Ja, die Pandemie ist nicht beendet, Weihnachten war coronabedingt anstrengend und Omikron lässt ein düsteres Frühjahr erwarten. Aber es gibt zuverlässige Impfstoffe, einen großen Teil der Gesellschaft, der sich dem nicht verwehrt, und wenn sich alle ein bisschen zusammenreißen, wird ein Lockdown wie vor einem Jahr wohl nicht zwingend nötig sein. Und doch wird die Pandemie auch 2022 nicht vollständig vorbei sein. Es wird eine fünfte Welle heranrollen, und zwar schon bald. Vermutlich wird es Einschränkungen geben – und im Januar entscheidet sich, ob und in welcher Form eine Impfpflicht kommt. 

Auch selbst ernannte Querdenker werden weiter auf die Straße gehen, krude Geschichten und Lügen verbreiten, die sie im Internet aufgeschnappt haben, und an ihrer Seite werden immer häufiger Rechtsextreme stehen. Die Querdenker werden weniger, das kann man jetzt schon beobachten. Der Teil, der übrig bleibt, wird allerdings wohl in Teilen radikaler und gefährlicher.

Um daran nicht völlig zu verzweifeln und um im Jahr drei der Pandemie nicht die letzten Energiereserven noch für Diskussionen darüber zu verschwenden, ob nun Impfungen gleichzeitig unfruchtbar machen und wirkungslos sind, ob Corona eine menschengemachte Massenvernichtungswaffe ist oder eine harmlose Grippe, gibt es hier ein paar Tipps fürs neue Jahr.

Es ist okay, nicht zu diskutieren

Auch wenn vom Rande der Gesellschaft gern behauptet wird, man dürfe nichts mehr sagen: Das meiste sagen sie ja doch ungestraft. Doch es gibt kein Anrecht darauf, dass ihnen geantwortet wird, und schon gar keines auf Zustimmung. Wenn der Onkel am Kaffeetisch oder die Freundin aus dem Sportstudio mit wissenschaftsleugnenden, demokratiefeindlichen Ideologien kommen und behaupten, mit der Impfung würden den Menschen Mikrochips implantiert, oder sich mit Sophie Scholl vergleichen, darf man das Gespräch ruhig beenden. 

Es ist okay, zu diskutieren

Den Kontakt zur eigenen Schwester, zum Nachbarn oder dem Kumpel aus Schulzeiten zu verlieren, tut weh. Wer hier nicht aufgeben will, sollte sich bewusst machen, dass Fakten laut Experten nicht das geeignete Mittel dafür sind. Verschwörungsgläubige hängen einem geschlossenen Weltbild an, oft sind sie dort aus tiefer liegenden Sorgen oder Ängsten hineingeraten. Im Einzelfall kann man versuchen, diese Ängste zu identifizieren und darüber ins Gespräch zu kommen. Fragen Sie nach, statt zu belehren, wählen Sie einen geeigneten Rahmen für das Gespräch, statt es in großer Runde an Silvester zu besprechen, und setzen Sie sich Grenzen, ab denen es nichts zu diskutieren gibt. Vereine wie Veritas in Berlin bieten Angehörigen dazu außerdem Beratungen an.

Jahresrückblick - 2021 in sechs Minuten Ein Mob stürmt das US-Kapitol, eine Flutkatastrophe erschüttert Deutschland und Captain Kirk fliegt zum ersten Mal ins Weltall. Das Jahr im Videorückblick © Foto: ZEIT ONLINE

Es ist okay, Rechtsextreme rechtsextrem zu nennen

Und das sollte man auch so deutlich tun. Die Gesellschaft zerfällt nicht in zwei gleich große Teile. Auch wenn die Querdenker-Fraktion und rechtsextreme Gruppierungen wie der Dritte Weg in Sachsen das gern glauben machen wollen: Sie sind ein eher kleiner Haufen von meist nur ein paar Hundert, die auf die Straße gehen. Wer sich rassistisch, antisemitisch, rechtsextrem oder wissenschaftsfeindlich äußert, der verweigert von sich aus den Diskurs. Ihn oder sie auszugrenzen, ist keine diktatorische Spaltung der Gesellschaft, sondern schlicht wehrhafte Demokratie. Eine Minderheit, die sehr laut brüllt und die große Mehrheit damit einzuschüchtern versucht, bestimmt nicht, was richtig ist. Das darf und soll die Mehrheit diesem Teil dann auch gern so deutlich sagen und zeigen. Die Pandemie darf nicht benutzt werden, um extreme Ideologien zu verbreiten.

Es ist okay, unterschiedlicher Meinung zu sein

Nicht darüber, ob Bill Gates uns alle fernsteuern will oder Homöopathie über den Placeboeffekt hinaus wirkt. Da geht es um Behauptungen und fehlende Belege. Aber ob nun eine Impfpflicht oder eine Ausgangssperre die richtigen Mittel wären, die Pandemie zu beenden, darüber darf und muss man sogar streiten. Solche Debatten, davon kann man ausgehen, werden 2022 häufiger und komplexer werden wie aktuell die Frage nach der Triage oder wenn es etwa vermehrt um die soziale Ungleichheit in der Pandemie geht oder um eine global gerechte Impfstoffverteilung. Was gerecht ist und was nicht, wer belastet wird und wer auf Entlastung hoffen darf, wie Gelder verteilt werden und welche Regeln gelten – das ist originär politischer Diskurs und das muss eine Gesellschaft immer wieder neu ausverhandeln. Nicht jeder, der anderer Meinung ist, ist gleich ein Verschwörungsgläubiger oder ein "Schlafschaf", wie Querdenker diejenigen gern nennen, die sich an die Regeln halten oder besonders harte Corona-Regeln befürworten. Bei der Gelegenheit lohnt sich auch eine Selbstprüfung, ob man die eigenen Positionen nicht manchmal doch etwas zu entschlossen vertreten hat.

Es ist okay, nicht alles zu wissen

Die Pandemie ist ein hochkomplexes globales Problem, schon auf der virologischen Ebene. Wie mutiert ein Virus? Was genau ist mRNA? Warum sind die Zahlen in Tansania so niedrig und warum sagt das nichts über das tatsächliche Infektionsgeschehen aus? Was verstehen Medizinerinnen eigentlich unter einem milden Verlauf? Dazu kommen politische Fragen, etwa danach, was ein Parlament darf, welche Fragen in den Ländern geregelt werden. Wie soll man all das immer parat haben und gleichzeitig stets auf dem neuesten Stand sein, ob man beim Friseur nun einen Test plus Impfnachweis braucht? Vermutlich gar nicht und das ist auch in Ordnung.

Was nicht in Ordnung ist: wenn Verschwörungsgläubige und Populistinnen durch Unwissen oder böswillig Halb- und Unwahrheiten verbreiten, um entweder Leerstellen auszufüllen oder ihre Agenda durchzusetzen. Als Orientierungshilfe gilt: Jemand, der einen YouTube- oder Telegram-Kanal betreibt und diesen stündlich mit vermeintlichen Fakten füttert, ist in der Regel nicht cleverer und fachlich kompetenter als all die Virologinnen, Ökonomen, Juristinnen und Politikwissenschaftler da draußen. 

Manches ist nicht okay

Der gute Zweck heiligt nicht jedes Mittel. Ja, es braucht eine entschieden durchgreifende Polizei, wenn Querdenker auf Demonstrationen Polizistinnen und Journalisten angreifen, und sie dürfen sich auch nicht davon erpressen lassen, wenn Eltern ihre Kinder als Schutzschilde missbrauchen. Das darf aber auch kein Blankoscheck sein für Polizisten, die unverhältnismäßig vorgehen. Und auch eine Pandemie gibt einer Regierung keinen Freifahrtschein, ohne ausreichende Beteiligung der Parlamente zu walten. Übrigens ist es genauso diskussionswürdig, wenn Kinder für Impfkampagnen instrumentalisiert werden.

Es ist okay, es auch mal gut sein zu lassen

Ja, es wäre cleverer gewesen, sich schon vor Monaten impfen zu lassen, nicht jede weitergeleitete Nachricht bei WhatsApp zu glauben und im November keine Party zu besuchen. Und doch steigt die Impfquote langsam, wenn auch vor allem aufgrund des politischen und gesellschaftlichen Drucks. Einen solchen Fehler einzugestehen, erfordert Größe. Niemandem ist dann geholfen, wenn es der- oder demjenigen Einsichtigen noch zigfach vorgehalten wird. Einfach froh sein, dass die schlechte Phase überstanden ist. Irgendwann gilt das – hoffentlich – auch für die Pandemie.