Auf den Dachschindeln wuchert Moos, die Fenster sind mit Spanplatten bedeckt. Doch im Inneren ist die Bissinger Bräu ein Schmuckstück: Steinerne Bögen und holzvertäfelte Decken überspannen die Gewölbe, Kronleuchter und ein Kamin stiften Gemütlichkeit. Das Gebäude aus dem 18. Jahrhundert beherbergte einst einen Brauereibetrieb und einen Gasthof, es liegt mitten im 3.700-Einwohner-Örtchen Bissingen, gut 40 Kilometer nördlich von Augsburg. Seit langer Zeit steht es leer. Doch das soll sich nun ändern.

Im vergangenen Jahr kauften die Mittzwanziger Tatjana K. und Johannes F. das Grundstück. Sie wollen daraus "eine Art Mehrgenerationenhaus machen", sagte K. der örtlichen Donauzeitung. Bissingens Bürgermeister Stephan Herreiner war elektrisiert. Bis er erfuhr, wer sich da in den Ortskern eingekauft hatte: Nachdem der Erwerb abgeschlossen war, hätten Einwohnerinnen ihm mitgeteilt, dass K. und F. Teil der rechtsradikalen Szene Schwabens, insbesondere der Identitären Bewegung sind.

Der Bürgermeister suchte daraufhin das Gespräch mit den neuen Hausherren. Tatjana K. und ihr Lebensgefährte mussten sich in einer nicht öffentlichen Sitzung des Gemeinderates verantworten. Dort erklärte K., sie habe sich aufgrund persönlicher Sympathien in der Freizeit mit Einzelpersonen getroffen und betonte: "Ich war nie Mitglied dieser Gruppe und bin privat anderer Meinung. Der Gruppierung möchte ich keine Bühne bieten."

"Chance auf Zukunft" für Rechtsradikale?

Wie diese angebliche Distanz tatsächlich aussieht, belegen Fotos aus den Jahren 2018 und 2019. Sie zeigen, dass K. an Aktionen der Identitären Bewegung in Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen teilgenommen hat – in der Regel ganz vorne am Banner und für Aufnahmen in Szene gesetzt. Auf Videomaterial, das ZEIT ONLINE vorliegt, ist Tatjana K. zu sehen, wie sie eine sogenannte Charakterschulung für junge Aktivisten der Identitären abhält. Noch wenige Wochen vor ihrer Erklärung im Gemeinderat trat K. gemeinsam mit ihrem Partner Johannes F. für die rechtsradikale Partei Die Republikaner zur Wahl für den Kreistag im nahen Dillingen an. Mit ihnen auf der Liste: einige weitere Aktivisten der Identitären Bewegung, Mitglieder der Republikaner, ein ehemaliges NPD-Mitglied sowie ein Mitglied der Neonaziband Schanddiktat.

Die Bissinger befürchten nun, dass sich ein Milieu dieser Art im Ort ansiedeln könnte. Schon seit Jahren versuchen die Identitären, sich in Schwaben niederzulassen. Doch bislang gelang das nur zeitweise, wenn Anhänger heimlich deutlich weniger attraktive Räumlichkeiten mieteten. Im Fall des Bräu allerdings handelt es sich bereits um Eigentum – und es ist um ein Vielfaches attraktiver. Als Schulungszentrum im Süden hätte die Immobilie eine perfekte Lage mitten im Dreieck der Großstädte Nürnberg, Stuttgart und München, umgeben von mehreren Autobahnen. Das enthält mehrere auch für größere Veranstaltungen nutzbare Räume und Wohnbereiche.

Das Bissinger Bräuhaus könnte der ins Schwächeln geratenen Identitären Bewegung in Schwaben als strukturelle Basis wieder Aufwind geben – wenn die Gemeinde das zulässt. Doch die Stadtspitze ist zumindest nicht untätig geblieben. Nach der Ratssitzung hielten Gemeinderat und Bürgermeister Rücksprache mit der Bayerischen Informationsstelle gegen Extremismus der Staatsregierung, die mit Mitarbeitern von Verfassungsschutz und Polizei besetzt ist.

Anschließend reagierten sie mit dem einstimmigen Erlass einer Resolution gegen Extremismus, "egal, ob von links oder rechts", sagt der Bürgermeister. Über K. und F. sagte Herreiner aber auch: "Die beiden haben bei uns eine Chance auf Zukunft, dies gehört auch zu gelebter Toleranz. Aber, und das habe ich ihnen sehr deutlich zum Ausdruck gebracht – sollten hier trotz allem Tendenzen auftreten, die in diese Richtung gehen, werden wir mit allen rechtsstaatlichen Mitteln dagegen ankämpfen."

Rechtsradikale als Erzieherin an Grundschule beschäftigt

Bislang waren Tatjana K. ihre politischen Tendenzen nicht im Weg. Trotz ihrer einschlägigen Neonazi-Kontakte war sie zuvor als Erzieherin an einer Grundschule tätig. Auf einem Flugblatt zur Jugendarbeit an einer Schule im Landkreis Augsburg heißt es, diese lege "besonderen Wert darauf, dass sich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Einrichtung nach bestem fachlichen Wissen und Gewissen, mit ihrer ganzen Persönlichkeit und Fachlichkeit, zum Wohl unserer Kinder und Jugendlichen einsetzen". Direkt daneben: Foto und Kontaktdaten der studierten Erziehungswissenschaftlerin Tatjana K.

Die Schule und das Frère-Roger-Kinderzentrum als Trägerin der Jugendarbeit unter dem Dach der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Augsburg erfuhren nach eigenen Angaben erst durch die Recherche von ZEIT ONLINE von K.s rechtsradikalem Hintergrund. "Es gab keine Anhaltspunkte und somit keinen Anlass für ein Gespräch mit der Beschäftigten im beruflichen Kontext über deren private Aktivitäten in der Freizeit", erklärt das Kinderzentrum. Das obligatorisch geprüfte Führungszeugnis sei "einwandfrei" gewesen.

Die Frage von ZEIT ONLINE, ob das Areal in Bissingen künftig der Identitären Bewegung als Szenetreffpunkt und rechtsradikales Schulungszentrum dienen soll, verneint Tatjana K. nicht ausdrücklich. Sie wiederholt allerdings ihre Distanzierung, betont, sie wolle "die Vergangenheit ruhen lassen" und wünsche sich "ein besinnliches, familiäres Umfeld". Zum "Mehrgenerationenhaus" erklärt sie, es solle aus ihrer Familie bestehen, im Rest des Gebäudes sollten "Büros und Praxen" unterkommen.

Laut Bürgermeister Herreiner sind bislang keine Aktivitäten zu beobachten, die auf ein Schulungszentrum hindeuten. Doch auch von der Einrichtung eines Mehrgenerationenhauses sei bislang nichts zu sehen. Der Ort will wachsam bleiben.