Zwei tödliche Polizeieinsätze innerhalb von acht Tagen. Beide in Mannheim. Beide Male waren die Verstorbenen wohl psychisch krank: Am 2. Mai stirbt ein 47-jähriger Patient des Mannheimer Zentralinstituts für seelische Gesundheit (ZI), nachdem er in der Mannheimer Innenstadt von Polizeibeamten zu Boden gebracht und ihm auf den Kopf geschlagen wurde, wie Videos des Einsatzes zeigen.  

Nur acht Tage später stirbt ein 31-Jähriger, nachdem Mannheimer Polizisten ihm ins Bein geschossen haben. Der Mann hatte sich mit einem Messer verletzt und gedroht, sich umzubringen. Auch hier war das Opfer nach Angaben der Staatsanwaltschaft Mannheim in einem "psychischen Ausnahmezustand". Der Mann starb trotz Reanimationsversuchen. Die Todesursache wird in beiden Fällen noch untersucht. 

Die Polizei hat den Auftrag, Gefahren abzuwehren und Straftaten aufzuklären, sie soll die Bürgerinnen und Bürger schützen – doch immer wieder sterben Menschen bei Polizeieinsätzen, mehr als 300 wurden seit der Wende bundesweit von Polizisten im Dienst erschossen. Weitere starben auf andere Weise, so wie der Patient des ZI in Mannheim. Oft handelten die Beamten in Notwehr oder kamen anderen zur Nothilfe. Doch womöglich hätten viele der Opfer verhindert werden können: Denn drei Viertel der Toten in den vergangenen Jahren, so schätzt der Kriminologe Thomas Feltes, waren psychisch krank – und die Polizei, da sind sich Experten einig, ist zu schlecht darin, mit Menschen in psychischen Ausnahmesituationen deeskalierend umzugehen.

Es herrscht eine große Hilflosigkeit im Umgang mit psychisch Kranken.
Thomas Feltes, Kriminologe

Amtliche Statistiken der Polizeibehörden zu Fällen, in denen psychisch Kranke bei Einsätzen sterben, gibt es nicht. Doch es finden sich viele ähnliche Fälle wie in Mannheim: 2013 erlangte ein Fall in Berlin traurige Berühmtheit. Damals hatte ein Polizist einen schizophrenen, mit einem Messer bewaffneten Mann im Berliner Neptunbrunnen erschossen. Ein anderer Fall ereignete sich im Jahr 2020 in Bremen. Dort wurde ein psychisch kranker 54-Jähriger von einem Polizisten erschossen, nachdem er ein Messer gezückt hatte.  

"Es herrscht eine große Hilflosigkeit im Umgang mit psychisch Kranken", sagt Polizeiexperte Thomas Feltes. Das Problem beginnt schon damit, dass Polizisten oft nur schlecht erkennen, wenn sie es mit einer psychisch kranken Person zu tun haben. Marvin Kaun ist Polizist und sagt, Beamte seien oft nicht in der Lage, in den ersten Minuten eines Einsatzes zu erkennen, ob ein Mensch psychisch krank ist und das sein Verhalten beeinflusst: "Die Person könnte unter Einfluss einer Droge stehen oder sich einfach komisch verhalten", sagt Kaun. Er ist Beamter im gehobenen Polizeidienst und war früher Streifenpolizist. Sein Name wurde auf seinen Wunsch hin geändert, weil er Konsequenzen für seine Karriere fürchtet.  

Doch im Fall des 47-Jährigen aus Mannheim wusste die Polizei, dass es sich um eine psychische Notlage handelt: Ein Arzt der Psychiatrie, in der der Mann behandelt wurde, hatte die Beamten gerufen.

Die Mehrheit der psychisch Kranken ist nicht aggressiv

Warum aber eskalieren Polizeieinsätze mit psychisch kranken Menschen regelmäßig? Die große Mehrheit der Menschen mit psychischen Erkrankungen ist weder besonders gewaltbereit noch auf andere Weise gefährlicher als andere Menschen. Doch es gibt bestimmte Ausnahmesituationen, in denen die Menschen ganz anders reagieren, als die Polizisten es erwarten. "Wenn jemand in seiner Wahrnehmung verwirrt ist, zum Beispiel bei einer schizophrenen Psychose, kann er bestimmte Situationen fehlinterpretieren und reagiert dann nicht logisch oder vorhersagbar, oft überschießend", sagt Peter Brieger, ärztlicher Direktor einer der größten psychiatrischen Kliniken in Deutschland, dem kbo-Isar-Amper-Klinikum in Haar bei München. Die Situation könne dadurch schnell aus dem Ruder laufen. Vor allem, wenn auch der Beamte Angst habe.  

Es sei deshalb immer notwendig, von Anfang an deeskalierend zu agieren, um gar nicht erst in eine Spirale der Eskalation zu geraten. "Es ist wichtig, in so einer Situation der betroffenen Person genug Raum zu lassen, keinen Druck aufzubauen", sagt Brieger. Dafür brauche es genug Zeit. Man dürfe nicht hektisch reagieren. Beamte müssten sich zurückhaltender verhalten und unter Umständen den Anspruch, die Person schnell festzunehmen, hintanstellen, sagt Kriminologe Thomas Feltes.  

Doch Polizisten gehen in solchen Fällen häufig so vor wie in normalen Einsätzen auch. Das zeigen nicht zuletzt die beiden Fälle in Mannheim. Auf einem Video, das offenbar den ersten Einsatz in der Mannheimer Innenstadt zeigt, versucht einer der Polizisten den Mann mit Pfefferspray zu überwältigen. Der Mann reagiert darauf panisch und versucht zu fliehen. Auch im jüngsten Fall in Mannheim wurde Pfefferspray eingesetzt, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Und das, obwohl in der Polizeiwissenschaft bekannt ist, dass Pfefferspray im Einsatz gegen psychisch Kranke die Situation in der Regel weiter eskaliert.  

Die Beamten wüssten oft gar nicht, "dass sie durch ihr eigenes Auftreten und Agieren die Situation zur Eskalation bringen", sagt Martin Thüne, Polizeiforscher an der Thüringer Fachhochschule für öffentliche Verwaltung. Es sei Teil der Polizeitaktik, laut und stark zu wirken, um so Gefährder unter Kontrolle zu bringen. Darauf reagierten psychisch Kranke aber oft panisch. 

Auch Betroffenenverbände kritisieren die mangelnde Fähigkeit der Polizei, zu deeskalieren. Es gebe erhebliche Defizite im Umgang mit psychisch kranken Menschen, sagt Felix Freiherr von Kirchbach, Vorstand des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener. "Betroffene berichten uns über unser telefonisches Beratungsangebot regelmäßig von Grenzüberschreitungen sowie rabiater Gewaltanwendung seitens der Polizistinnen und Polizisten." 

Wie oft Polizeibeamte in Kontakt mit psychisch Kranken kommen, zeigt sich in Mannheim: Auf Anfrage von ZEIT ONLINE teilte das Zentralinstitut für seelische Gesundheit mit, dass die Polizei im vergangenen Jahr über 600 Menschen in die dortige Notaufnahme brachte und etwa 100-mal von der Klinik zu Hilfe gerufen wurde – in der Hälfte der Fälle, um entflohene Personen zurückzubringen; in der anderen Hälfte, um intern bedrohliche Situationen zu handhaben. Auch im Streifendienst träfen Polizisten häufig auf verhaltensauffällige Personen, bei denen potenziell eine psychische Erkrankung vorliegen könnte, sagt Polizist Marvin Kaun. "Das kommt sicherlich mehrere Male pro Woche vor."