Die Menschen spüren den Kontrollverlust in der Krise, sagt der Soziologe Wilhelm Heitmeyer. Das treibe statusbewusste Bürger auf die Straße: Sie haben etwas zu verlieren.
Der renommierte deutsche Soziologe Wilhelm Heitmeyer spricht in einem Interview über die aktuelle kumulierte systemische Krise, die durch verschiedene Krisenfaktoren wie die Ukraine-Krise und die Klimakrise entstanden ist. Er warnt vor Kontrollverlusten auf individueller und gesellschaftlicher Ebene, die autoritäre politische Lösungen begünstigen könnten. Heitmeyer betont, dass die AfD eine langfristige Strategie der kulturellen Hegemonie verfolgt, um eine autoritäre Gesellschaft zu etablieren. Er plädiert für eine strukturelle Veränderung in der Wahrnehmung materiell prekärer Menschen und warnt davor, die Nationalautoritären der AfD in konstruktive Gespräche zu ziehen, da ihre Machtfantasien bereits zu verfestigt seien.
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Wilhelm Heitmeyer, 77, ist einer der bedeutendsten deutschen Soziologen. Er ist Gründungsdirektor des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Gewalt- und Konfliktforschung, an dem er bis heute forscht. Heitmeyer prägte den Begriff der "Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit", unter dem er die Diskriminierung von Juden, Muslimen, People of Color, LGBTQI, Obdachlosen und anderen Gruppen untersuchte.
ZEIT ONLINE: Herr
Heitmeyer, Sie haben
zusammen mit dem
Frankfurter Kollegen Günter Frankenberg ein
Buch über Krisen und andere Treiber autoritärer
Entwicklungen herausgebracht. Zwischen Fertigstellung und Erscheinen begann
Russland seinen erweiterten Angriffskrieg auf die Ukraine. In was für einer
Krise befinden wir uns jetzt?