Eine Alleinerziehende, ein IG-Metaller, eine Ärztin und ein Seenotretter kommen auf eine Demo, und nein: So beginnt kein mittelmäßiger Witz, sondern womöglich etwas Großes.

Wenn sich am heutigen Samstag in mehreren deutschen Städten Hunderttausende Menschen unter dem Motto "Wir sind die Brandmauer" zusammenschließen, dann deshalb, weil sie ein gemeinsames Ziel eint: die Demokratie zu verteidigen. Zu den Unterzeichnern gehören die Gewerkschaften IG Metall, Ver.di und GEW ebenso wie Pro Asyl, die Ärztekammer Berlin und die evangelische Kirche.

In den vergangenen Wochen hatte es immer wieder Debatten darüber gegeben, wer auf den Demos gegen die AfD und Rechtsextremismus willkommen ist und wer nicht. Eine Organisatorin der Münchener Demo hatte zum Beispiel erklärt, dass die CSU unerwünscht sei, daraufhin sagte Bayerns Antisemitismusbeauftragter, ein CSU-Abgeordneter, seine Teilnahme ab.  

Das ist kaum verwunderlich in einer Gesellschaft, der die Räume abhandenkommen, in denen Menschen mit unterschiedlichen Ansichten aufeinandertreffen. In der Sportvereine und Kirchen Mitglieder verlieren und in den Telegram- und WhatsApp-Gruppen nur Nachrichten geteilt werden, die das eigene Weltbild bestätigen.

Wer nun also das erste Mal seit Langem (oder sogar das allererste Mal) auf eine Demonstration geht, wie es viele auf den großen Protesten der vergangenen Wochenenden sagten, mag überrascht oder sogar unangenehm berührt sein, wenn Rednerinnen offene Grenzen für alle fordern, man selbst aber dagegen ist. Gleichzeitig finden sich Demoprofis wie die Antifa Jugend Saar nun mit der Jungen Union auf derselben Veranstaltung und verteilen dafür Entschuldigungsflyer.

Damit sich aus der Empörung über das Geheimtreffen von Rechtsextremen in Potsdam und dem offensichtlich von vielen gehegten Unbehagen über das Erstarken der AfD eine Bürgerbewegung formt, müssten all diese Differenzen in den Hintergrund treten. Das ist eigentlich nichts Neues. Als 2011 Hunderttausende in Menschenketten für einen Atomausstieg protestierten, werden sich viele davon über die Ehe für alle oder die Vermögensteuer uneins gewesen sein. Als 1989 zwei Millionen DDR-Bürger quer durchs Land eine Menschenkette für die "Erneuerung und Demokratisierung unserer Gesellschaft" bildeten, werden sich manche darunter das Ende einer Diktatur vorgestellt haben, andere eine Reform ihres Staates.

Es gab in den Neunzigern Versuche, eine breite Bewegung gegen rechtsextreme Tendenzen ins Leben zu rufen. Und 2018 hatte das Unteilbar-Bündnis als Reaktion auf Pegida, eine stärker werdende AfD und rechtsextreme Proteste in Chemnitz und Köthen zu einer Großdemo für Solidarität nach Berlin aufgerufen, Hunderttausende kamen. Doch 2022 löste sich das Bündnis auf, obwohl in der Zwischenzeit die rassistisch motivierten Morde an Walter Lübcke und neun Menschen in Hanau verübt worden waren. Nach eigenen Angaben hörte das Bündnis auf, weil die Dynamik verloren gegangen sei – nicht zuletzt, so vermuteten einige Organisatoren, weil zu diesem Zeitpunkt viele der Engagierten sich genügend positive Veränderung durch die neue Ampelkoalition versprachen.

Diese Hoffnung hat sich wohl erledigt. Auch weiß man inzwischen konkreter, was eine mögliche Regierungsbeteiligung der AfD nach den Landtagswahlen bedeuten könnte. Der Thüringer AfD-Spitzenkandidat Björn Höcke kündigte für diesen Fall einen Fünfpunkteplan an, darunter: sämtliche Fördermittel für Demokratieprojekte und den Kampf gegen Rechtsextremismus zu streichen und Klimaschutzmaßnahmen zu beenden. Der AfD-Bundestagsabgeordnete René Springer schrieb als Reaktion auf die veröffentlichten Pläne zur massenhaften Vertreibung von Menschen aus Deutschland auf der Plattform X: "Wir werden Ausländer in ihre Heimat zurückführen, millionenfach. Das ist kein Geheimplan. Das ist ein Versprechen."

Im ARD-Deutschlandtrend vom Donnerstag antworteten 39 Prozent der Menschen auf die Frage: Was ist Ihrer Meinung nach die aktuell größte Gefahr für die Demokratie in Deutschland? Mit: "Rechtsextremismus und Rechtspopulismus" – fast doppelt so viele wie im Oktober 2022.

Der Sprecher des Bündnisses Wir sind die Brandmauer, Tareq Alaows, sagt, er hoffe, dass der CDU-Chef Friedrich Merz auch zur Demo kommen werde. Es könnte der Beginn von etwas Großem sein.