Wesentliche Teile der Bevölkerung in Deutschland denken wegen des politischen Erstarkens der AfD über einen Wegzug aus ihrem Bundesland nach – oder sogar über Auswanderung. Zu diesem Ergebnis kommt eine Kurzstudie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) in Zusammenarbeit mit Forschern der Universität Leipzig, der Hochschule Magdeburg-Stendal und der Universität Bielefeld. Besonders häufig erwägen demnach Menschen mit Migrationshintergrund, ihr Bundesland oder Deutschland zu verlassen.
Für die Kurzstudie mit dem Titel Ablehnung, Angst und Abwanderungspläne: Die gesellschaftlichen Folgen des Aufstiegs der AfD befragten die Forscherinnen und Forscher im März 2024 deutschlandweit 3.000 Personen – also kurz nach den Enthüllungen des Investigativmediums Correctiv zum Treffen von Rechtsextremen, AfD-Mitgliedern und anderen Angehörigen des Rechtsaußenspektrums in einer Potsdamer Villa. Unklar ist, inwiefern sich die Einschätzungen der Befragten nach den Wahlerfolgen der AfD bei der Europawahl und den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen verändert haben.
Fast jeder Zehnte mit Migrationsgeschichte hat konkrete Auswanderungspläne
Fast jede vierte befragte Person mit Migrationshintergrund erwägt der Befragung zufolge zumindest hypothetisch, Deutschland zu verlassen. Bei den Befragten ohne Migrationshintergrund sagte dies mehr als jeder Zehnte (11,7 Prozent). Der Anteil derer, die nach eigenen Angaben bereits konkrete Pläne gemacht haben, beträgt bei Befragten mit Migrationshintergrund 9,3 Prozent. Bei Befragten ohne Migrationshintergrund trifft dies nur auf 1,9 Prozent zu.
Höher sind die Werte bei der Frage nach möglichen Abwanderungsplänen in andere Bundesländer. Der Befragung zufolge spielt mehr als ein Drittel (33,8 Prozent) der Befragten mit Migrationshintergrund mit dem Gedanken, im Falle einer Regierungsbeteiligung der AfD im eigenen Wohnbundesland in ein anderes Bundesland zu ziehen. Konkrete Pläne haben 12,5 Prozent dieser Befragten, wobei Menschen mit Herkunft aus dem arabischen Raum (24,1 Prozent) und aus europäischen Nicht-EU-Staaten (15,3 Prozent) besonders häufig von solchen Plänen berichteten. Bei den Befragten ohne Migrationshintergrund denkt fast jeder Siebte (14,2 Prozent) über einen Wegzug nach, ein geringer Teil (3,4 Prozent) hat dazu konkrete Pläne.
Forscher sieht Wirtschaft in Ostdeutschland in Gefahr
Die Studienautorinnen und -autoren warnen vor verheerenden Folgen für Regionen, in denen die AfD starke Ergebnisse erzielt. "Wenn fast jeder Fünfte bei einem Sieg der AfD darüber nachdenkt, sein Bundesland zu verlassen, bedeutet dies gerade für Ostdeutschland einen kaum verkraftbaren Verlust an Wissen, Know-how und Wirtschaftskapazität", sagt Gert Pickel, Professor für Kirchen- und Religionssoziologie an der Universität Leipzig. "Zudem dürfte eine Gewinnung von Fachkräften bei einem solchen Image faktisch unmöglich werden."
Der Bielefelder Sozialpsychologe Andreas Zick sieht in den Befragungsergebnissen auch einen Beleg für die Spaltung der Gesellschaft. "AfD-Sympathisanten stimmen im klaren Gegensatz zu allen anderen demografischen und politischen Gruppen dem rechtsradikalen Konzept der 'Remigration', welches massenhaft Menschen umsiedeln will, eher zu." Diese Stimmung erzeuge Angst und Auswanderungsgedanken bei Andersdenkenden.