Kurzer Rückblick: Vom 4. bis 31. Oktober sind in Deutschland 1.173 Patientinnen und Patienten wegen Corona auf die Intensivstationen gekommen.

Ohne Impfschutz wären es fast fünfmal so viele gewesen. Der Impfstoff hat also allein im Oktober ungefähr 4.230 Menschen vor einer schweren Erkrankung mit Klinikaufenthalt bewahrt.

Die Mehrheit der Intensivpatienten ist ungeimpft gewesen, nur etwa jede dritte Person liegt dort trotz vollständiger Impfung.

Aufgrund des Impfschutzes kamen nur 310 Geimpfte überhaupt auf die Intensivstation. Die Impfungen haben damit 93 Prozent der Einweisungen verhindert.

Die deutliche Mehrheit der Geimpften auf den Intensivstationen ist 60 Jahre und älter. Viele von ihnen haben ein schwaches Immunsystem oder die Impfung liegt schon so lange zurück, dass die Wirkung inzwischen nachgelassen hat.

Unter den Ungeimpften ist dagegen nur etwas mehr als die Hälfte 60 Jahre und älter. Es müssen also auch viele Jüngere ohne Impfschutz auf der Intensivstation behandelt werden.

Obwohl die Corona-Impfstoffe einen guten Schutz vor einer schweren Erkrankung bieten – das zeigen zahlreiche Studien – haben Anzahl und Anteil der Geimpften auf den Intensivstationen zuletzt deutlich zugenommen, auf inzwischen mehr als ein Viertel der Covid-Intensivpatienten. Wie kann das sein? Vor allem drei Phänomene spielen eine Rolle.

Zunächst ist da der rein mathematische Effekt: Da die Mehrheit der Bevölkerung geimpft ist, summieren sich selbst seltene Impfdurchbrüche zu nennenswerten Zahlen auf. Zwei Drittel der Bevölkerung sind geimpft, das entspricht etwa 56 Millionen Menschen. Unter ihnen kam es dann in den vergangenen vier Wochen zu mindestens 90.000 registrierten Impfdurchbrüchen. Grundsätzlich schützt die Impfung dennoch zu mehr als 90 Prozent vor einem schweren Verlauf.

Das zweite Phänomen hat mit dem Virus zu tun. Das Risiko, dass eine Corona-Infektion einen schwerwiegenden Verlauf nimmt, hängt ganz stark vom Alter ab. Dieser Alterseffekt ist stärker als der Impfeffekt – eine vollständig Geimpfte 80-Jährige hat daher immer noch ein höheres Risiko als eine ungeimpfte 30-Jährige, unter Männern ist es genauso. Dementsprechend gibt es unter den jüngeren Intensivpatienten viel weniger geimpfte als unter den älteren.

Das dritte Phänomen hat mit den Impfstoffen zu tun. Deren Wirkung lässt mit der Zeit nach. So lässt sich erklären, dass die Zahl der Impfdurchbrüche derzeit Woche für Woche ansteigt. Der eben erwähnte Alterseffekt wird so nochmals verstärkt: Ältere Menschen wurden zu Beginn der Impfkampagne priorisiert, daher lässt der Schutz bei ihnen nun auch als erstes nach – bei einem altersbedingt erhöhten Grundrisiko.

Viel stärker als der Schutz vor einer heftigen Erkrankung nimmt jedoch der Schutz vor einer Ansteckung mit der Zeit ab. Doch übertragen Geimpfte, wenn sie nicht mehr ganz so frisch geimpft sind, das Virus genauso rasch wie Ungeimpfte? Haben wir es, wenn man sich die Fallzahlen ansieht, also längst mit einer Pandemie der Geimpften zu tun?

Ganz so einfach ist es nicht. Das zeigen unter anderem die Daten zu Impfdurchbrüchen, also der symptomatischen Infektionen trotz Impfung. Die werden über die Monate zwar häufiger (zum Beispiel NEJM: Goldberg et al., 2021). Trotzdem besteht auch nach Monaten noch ein messbarer Schutz. Eine Studie aus den USA schätzt die Effektivität gegen die derzeit in Deutschland dominante Delta-Variante auf ungefähr 50 Prozent nach fünf Monaten (The Lancet: Tartof et al., 2021). All jene, die sich diesen Sommer haben impfen lassen, können sich zwar gegenwärtig mit Corona anstecken, sie tun es aber (bei gleichem Verhalten) deutlich seltener als Ungeimpfte. 

Das zeigen auch Studien, die auf Kontaktnachverfolgung beruhen. In einer britischen Studie etwa steckten sich Haushaltsmitglieder von Corona-Infizierten seltener an, wenn sie geimpft waren (The Lancet Infectious Diseases: Singanayagam et al., 2021).



Allerdings lag die Impfung in diesen Fällen im Schnitt nur 74 Tage zurück.

Wenn es darum geht, wie stark Geimpfte das Infektionsgeschehen ankurbeln, muss man zudem berücksichtigen, wie oft sie das Virus weitergeben, wenn sie sich einmal angesteckt haben. Auch hier deuten Studien eindeutig darauf hin, dass sie weniger stark zum Infektionsgeschehen beitragen als ungeimpfte Menschen. So verhindert laut Berechnungen einer Vorveröffentlichung eine vollständige Impfung zu 63 Prozent Ansteckungen durch den geimpften Infizierten (MedRxiv: de Gier et al., 2021). Allerdings war auch hier die Effektivität geringer, wenn die Impfung länger zurücklag.

Mögliche Gründe dafür, dass Geimpfte das Virus seltener weitergeben, beschrieb vor Kurzem die Yale-Immunologin Akiko Iwasaki (The Lancet Infectious Diseases: Mostaghimi et al., 2021). Einerseits scheint es so zu sein, dass Geimpfte, die sich infizieren, weniger Virus ausscheiden. Zwar zeigen auch sie zu Beginn der Infektion einen starken Anstieg an Viren, dann aber fällt die Konzentration der Erreger schneller ab (zum Beispiel MedRxiv: Chia et al., 2021 und The Lancet Infectious Diseases: Singanayagam et al., 2021). Andererseits gibt es Hinweise darauf, dass die Viren, die Geimpfte aushusten oder ausatmen, nicht so ansteckend sind wie die Viren, die Ungeimpfte ausscheiden. Das zeigen erste noch nicht abschließend geprüfte Studien: So sind die Viren, die geimpfte Personen weitergeben können, vermutlich seltener auch im Labor in einer Zellkultur anzüchtbar (MedRxiv: Shamier et al., 2021). 

Das ist auch logisch, wenn man bedenkt, dass das Immunsystem Geimpfter das Virus bereits kennt und deshalb schneller beginnen kann, es zu bekämpfen, also mit Antikörpern reagiert und versucht, es zu zerstören. Zudem könnte auch eine Rolle spielen, dass Geimpfte, wenn sie sich angesteckt haben, weniger Symptome wie Husten haben, mutmaßen die Yale-Forschenden. Auch das könnte dazu führen, dass sie das Virus weniger oft weitergeben.

All diese Effekte – das sich seltener Anstecken, die geringere Viruslast und das möglicherweise weniger ansteckende Virus, das Geimpfte ausscheiden – addieren sich. Geimpfte Menschen, das muss man daraus schließen, spielen im Moment für das Infektionsgeschehen, genauso wie für die Belastung des Gesundheitssystems, eine deutlich geringere Rolle als Ungeimpfte.