Dass Regeln für den Straßenverkehr gelockert werden, ist eher ungewöhnlich. Umso erstaunlicher wirkt da der Vorschlag, beim Autofahren künftig eine höhere Konzentration des Cannabiswirkstoffs THC im Blut zu erlauben. Der gültige Grenzwert liegt bei einem Nanogramm THC pro Milliliter Blutserum und gilt als sehr streng. Wer am Steuer eines Fahrzeugs mit dieser Menge oder mehr im Blut erwischt wird, muss mit einer Strafe rechnen. Viele halten das für ungerecht und sogar einige Fachleute sprechen sich dafür aus, den Wert anzuheben. Denn: Über die Fahrtüchtigkeit eines Menschen sage dieser Grenzwert nichts aus.
Nun sind es allerdings keine Anhänger der Hanflobby, die so argumentieren, sondern Rechtsmediziner, Juristinnen und Unfallforscher. Sie treffen sich diese Woche beim Deutschen Verkehrsgerichtstag in Goslar, um dort auch über den THC-Grenzwert im Straßenverkehr zu diskutieren. Der jährliche Verkehrsgerichtstag gilt als eines
der wichtigsten Treffen von Verkehrssicherheitsexperten in Deutschland. Es ist gut möglich, dass die Fachleute jetzt einen neuen THC-Grenzwert vorschlagen, der über dem aktuellen liegt. Bedeutsam wäre das auch vor dem Hintergrund, dass die Ampel-Koalition Cannabis legalisieren möchte.
Einer dieser Wissenschaftler ist Stefan Tönnes, der die Abteilung Forensische Toxikologie am Institut für Rechtsmedizin der Universität Frankfurt am Main leitet. Er sagt, durch den aktuellen Grenzwert könnten auch Menschen bestraft werden, von denen im Verkehr kein Sicherheitsrisiko ausgeht: "Gerade bei Menschen, die häufig Cannabis konsumieren, sind solche niedrigen Mengen auch dann nachweisbar, wenn sie gar nicht akut unter Rauschwirkung stehen", sagt Tönnes im Gespräch mit ZEIT ONLINE.
Tatsächlich war der Grenzwert von einem Nanogramm pro Milliliter Blutserum nie als Richtwert für die Fahrtüchtigkeit gedacht. "Es ist ein rein analytischer Wert", sagt Tönnes. Als er vor Jahren eingeführt wurde, ging es darum, THC überhaupt nachzuweisen und die größtmöglich denkbare Sicherheit für den Straßenverkehr zu gewährleisten. Also legte man den kleinstmöglichen Wert fest, den alle Labore deutschlandweit sicher nachweisen konnten.
Die Suche nach einem neuen, angemesseneren Wert stellt sich allerdings als schwierig dar. Denn eine eindeutige und wissenschaftlich fundierte Risikogrenze – analog zur 0,5-Promillegrenze beim Alkohol – gibt es für Cannabiskonsum nicht. Inwieweit die THC-Konzentration im Blut als verlässlicher Indikator für Fahrsicherheit taugt, ist strittig.
So wirkt Cannabis auf die Fahrsicherheit
Dass Cannabis die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen und das Unfallrisiko erhöhen kann, gilt grundsätzlich als erwiesen (Frontiers in Psychiatry: Pearlson et al., 2021). Wer unter starkem Einfluss von Cannabis steht, hat unter Umständen eine verlängerte Reaktionszeit, fährt womöglich weniger aufmerksam und könnte Probleme kriegen, auf plötzliche Gefahrensituationen angemessen zu reagieren.
Forschende wissen das zum Beispiel aus Versuchen am Fahrsimulator. Der Rechtsmediziner Benno Hartung von der LMU München etwa hat vor ein paar Jahren eine solche Studie gemacht (International Journal of Legal Medicine: Tank et al., 2019). Er und sein Team ließen Testpersonen nach dem Genuss von bis zu drei Joints in einem Simulator durch virtuelle Landschaften fahren. Getestet wurden sie zu verschiedenen Zeitpunkten: erst unmittelbar nach dem Konsum, dann drei Stunden später und dann noch einmal nach sechs Stunden. "Direkt nach dem Joint-Rauchen haben wir erhebliche Ausfallerscheinungen gesehen", sagt Hartung. Die Probanden machten Fahrfehler, bauten Unfälle, konnten die Spur nicht halten. "Wer sich vor Fahrtantritt kritisch selbst hinterfragt, würde sich in diesem Zustand aber erst gar nicht ans Steuer setzen", sagt Hartung. Drei Stunden später hatte sich das Fahrverhalten dagegen wieder normalisiert. "Zu diesem Zeitpunkt war das THC aber noch im Blut nachweisbar", sagt Hartung. Nach sechs Stunden traten dann erneut vermehrt Fahrfehler auf. "Das könnte aber auch daran gelegen haben, dass die Probanden zu dem Zeitpunkt einfach müde waren", schränkt Hartung ein.
Wie viel Zeit nach dem Cannabiskonsum vergeht, lässt der Studie zufolge also grobe Rückschlüsse auf den Grad oder die Art der Beeinflussung zu. In der Praxis sei das aber schwer objektivierbar, sagt Hartung. Auch weil Menschen unterschiedlich auf Cannabis reagieren. Bei vergleichbaren THC-Konzentrationen könne jemand, der nur selten Cannabis nutzt, erheblich beeinflusst sein, während ein regelmäßig Konsumierender weitgehend unbeeinflusst bleibe.
Studien untermauern, dass Cannabis unterschiedlich stark auf Menschen wirken kann. Auch der Toxikologe Tönnes sagt: "Gefährlich sind insbesondere die, die selten konsumieren und sich dann nach dem Rauchen eines Joints ins Auto setzen." Gewöhnung sei aber wiederum auch keine Sicherheitsgarantie: Genauso gefährlich seien nämlich diejenigen, die dauerhaft konsumierten und ihren Rausch womöglich nicht mehr realistisch wahrnehmen könnten – "und die dann vielleicht auch eher mal berauscht fahren, ohne sich Gedanken zu machen", sagt Tönnes.
Eine gute Nachricht gibt es indes für Radfahrer, die gern mal einen Joint rauchen: In einer Studie von Benno Hartung mit bekifften Probanden, die einen Fahrradparcours bewältigen mussten, zeigten sich nämlich sogar nach drei Joints kaum motorische Leistungseinbußen (International Journal of Legal Medicine: Hartung et al., 2016). "Bei einer relativ einfachen Routinetätigkeit wie Radfahren scheint es keine große Wirkung zu geben", sagt Hartung. Der Einfluss auf die rein motorischen Fähigkeiten sei demnach offenbar gering. Der Rechtsmediziner warnt aber davor, dies aufs Autofahren zu übertragen, weil das eben wesentlich komplexer sei.
Und noch etwas gibt es natürlich zu bedenken: Wer bekifft Fahrrad fährt, kann ebenfalls seinen Führerschein verlieren. Unter Umständen kann das sogar eine Straftat darstellen.
Warum Alkohol am Steuer als gefährlicher gilt
Grundsätzlich sind sich die Probleme beim Fahren unter Cannabiseinfluss und beim Fahren unter Alkoholeinfluss ähnlich. Doch es gibt wichtige Unterschiede. "Alkohol enthemmt sehr viel stärker und erhöht die Risikobereitschaft", sagt der Toxikologe Tönnes. Cannabis dagegen lasse Menschen eher langsamer fahren und mehr Abstand halten. Und das beeinflusse das Risiko.
Tönnes leitet die sogenannte Grenzwertkommission, ein Expertengremium, das dem Bundesverkehrsministerium Empfehlungen zu Grenzwerten auf Basis wissenschaftlicher Studien gibt. In einer aktuellen Stellungnahme führen die Autoren aus: "In experimentellen Studien am Simulator oder im realen Verkehr nehmen Cannabiskonsumenten Beeinträchtigungen wahr und fahren vorsichtiger." Während Alkohol zu einer Selbstüberschätzung der eigenen Fähigkeiten führe, gehe Cannabiskonsum eher damit einher, dass Menschen ihre Fahrfähigkeiten sogar unterschätzten. Entsprechend defensiver verhielten sie sich. Ausnahmen gebe es aber eben bei stark konsumierenden Menschen, die sich zum Teil auch unter Rauschwirkung noch für fahrsicher hielten.
Tönnes hält die Unterschiede zwischen Cannabis- und Alkoholkonusm dennoch für bedeutsam: "Wenn man die beiden Drogen miteinander vergleicht, muss man sagen, dass das Verkehrsunfallrisiko bei Cannabiskonsum geringer ist als für Alkohol", sagt er. Dennoch wird Cannabis im Straßenverkehr nach derzeitigem Recht strenger reglementiert, während beim Alkohol durchaus rauschwirksame Mengen am Steuer toleriert werden.