Kaum eine aktuelle Erfindung dürfte so viele Menschenleben retten wie der Malaria-Impfstoff, den Adrian Hill mitentwickelt hat. Wie funktioniert der Impfstoff und wie geht es mit der Infektionskrankheit weiter, an der – noch – Hunderttausende Kinder pro Jahr sterben?
ZEIT ONLINE: Herr Hill, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Malaria-Patienten?
Adrian Hill: 1988 arbeitete ich zum ersten Mal in Gambia. Ich erinnere mich nicht an einen einzelnen Patienten, es waren so viele. Die meiste waren noch Babys. Viele waren bewusstlos, wachten nur ab und zu auf. Sehr viele starben. In den beiden folgenden Jahren war ich erneut während der Regenzeit dort und es war jedes Mal dasselbe Desaster.
ZEIT ONLINE: Was haben Sie in Gambia gemacht?
Hill: Ich wollte erforschen, warum manche Kinder schwer an Malaria erkranken und andere nicht. Es gelang uns damals nachzuweisen, dass bestimmte Gene, die die Immunantwort steuern, dieses Risiko beeinflussen (Nature: Hill et al., 1991). Ich war gefesselt von der Malaria-Immunologie. Impfungen waren der nächste logische Schritt. 1993 begann ich, an einem ersten Impfstoffkandidaten zu arbeiten, in den 30 Jahren danach habe ich unzählige weitere entwickelt. Ich wollte die Malaria nicht nur verstehen, sondern dafür sorgen, dass wir diese grausame Krankheit endlich besiegen. Inzwischen kann ich sagen: Malaria sollte uns nicht noch weitere 30 Jahre begleiten, ich gehe davon aus, dass wir es vorher ausgelöscht haben.
ZEIT ONLINE: Vor etwa 20 Jahren starben jährlich etwa eine Million Kinder weltweit an Malaria. Durch verschiedene Maßnahmen, etwa Bettnetze, die Bekämpfung von Moskitos mit Pestiziden und den Einsatz von vorbeugenden Medikamenten, ist es gelungen, diese Zahl um ungefähr ein Drittel zu senken.
Hill: Aber das reicht nicht. Es war klar, dass Malaria ohne eine wirksame Impfung nicht bekämpft werden kann. Und diese Impfung müssen die Kinder im ersten Lebensjahr verabreicht bekommen. Denn die meisten Kinder sterben im ersten Lebensjahr an Malaria.
ZEIT ONLINE: Seit Kurzem wird ein erster Malaria-Impfstoff mit dem Namen RTS,S von GlaxoSmithKline in Afrika ausgerollt. Besonders große Hoffnungen setzen Fachleute aber in den Proteinimpfstoff R21/Matrix-M, den Sie federführend mitentwickelt haben und den die WHO im Herbst ebenfalls empfohlen hat. Er soll in diesem Jahr zum Einsatz kommen. Warum könnte gerade er die Wende bringen?
Hill: Bereits RTS,S ist viel wirksamer als vorangegangene Impfstoffkandidaten. Aber ich bin überzeugt davon, dass unser Impfstoff R21 noch deutlich besser ist. Wir haben als Einzige das Ziel von 75 Prozent Wirksamkeit geknackt, das die WHO vor zehn Jahren formuliert hat.
ZEIT ONLINE: Ist Ihr Impfstoff also der Durchbruch im Kampf gegen Malaria?
Hill: Die Idee für einen Malaria-Impfstoff ist mehr als hundert Jahre alt. Aber erst in den Achtzigerjahren war es molekularbiologisch möglich, Antigene auf dem Malaria-Parasiten zu identifizieren, gegen die man hoffte, impfen zu können. Eines dieser Antigene sah so vielversprechend aus, dass man damals verkündete, in fünf Jahren werde es einen Impfstoff geben. Fünf Jahre, das wissen wir heute, war zu optimistisch. Aber das Antigen war das richtige. Es steckt sowohl im RTS,S- als auch in unserem R21-Impfstoff.
ZEIT ONLINE: Das Wort "Durchbruch" gefällt Ihnen nicht, oder?
Hill:
Wissenschaft funktioniert nicht in Durchbrüchen. Erkenntnisse bauen immer auf
früheren Erkenntnissen und der Arbeit anderer Menschen auf. Aber was die
Wirksamkeit betrifft, sind R21 und auch RTS,S sicher ein Durchbruch verglichen
mit allen bisherigen Malaria-Impfstoffen.
ZEIT ONLINE: Warum hat es so lange gedauert, bis ein wirksamer Impfstoff gegen Malaria gefunden wurde?
Hill: Der Malaria-Erreger ist mindestens 30 Millionen Jahre alt und infiziert Menschen vermutlich schon so lange, wie es sie gibt. Er hat immer wieder Wege gefunden, unserem Immunsystem auszuweichen. Das gilt besonders für Plasmodium falciparum, den Erreger der gefährlichsten Form der Malaria. Der Parasit verändert seine Oberfläche im Verlauf der Infektion. So sieht er für das menschliche Immunsystem ständig anders aus und es hat Schwierigkeiten, ihn zu fassen. Dadurch ist es deutlich schwerer als etwa bei Sars-CoV-2, das Antigen zu finden, gegen das man impfen will. Beim Coronavirus war es offensichtlich, dass man das Spikeprotein nehmen muss, mit dem es an die Zellen andockt. So etwas gibt es bei Malaria nicht. Das Erbgut des Parasiten umfasst 5.000 Gene, jahrzehntelang haben sich Fachleute gestritten, was nun der Schlüssel für die Malaria-Impfung sein könnte. Ich und viele andere Forscher haben an unzähligen Impfstoffkandidaten gearbeitet, deren Antigene sich aber letztlich als ungeeignet erwiesen.
ZEIT ONLINE: Sowohl RTS,S als auch R21 benutzen das sogenannte Circumsporozoitprotein (CSP) als Angriffspunkt, das während der frühen Phase der Infektion wichtig ist, also nachdem der Parasit durch einen Mückenstich ins Blut gelangt ist und bevor er die Leber infiziert.
Hill: CSP war über all die Jahrzehnte der heißeste Kandidat. Aber um vor Malaria zu schützen, muss eine Impfung extrem hohe Antikörperspiegel gegen CSP hervorrufen. Viel höher als alles, was man von den Corona-Impfungen kennt.
ZEIT ONLINE: Weil die Antikörper die Parasiten erwischen müssen, bevor sie die Leber infizieren?
Hill: Genau. Man hat nur Minuten, bis sie die Leber erreichen! Nach dem Mückenstich gelangen die Parasiten üblicherweise innerhalb von zehn Minuten von der Haut über das Blut zur Leber. Pro Stich werden zwar nur 20 oder 30 Parasiten übertragen. Das Problem ist aber: Wenn es auch nur ein Einziger davon bis zur Leber schafft, kann das tödlich enden. Denn wenn der eine Parasit die Leberzelle befällt, kommen sieben Tage später 20.000 neue heraus. Und zwar in einem Entwicklungsstadium, gegen das die Impfung wirkungslos ist.