Viele Frauen haben das schon einmal erlebt: Kämme und Bürsten sehen plötzlich aus, als habe man ein Schaf geschoren. Und in den meisten Fällen gerät es zu einer mühsamen und frustrierenden Angelegenheit, will man der Ursache für die rieselnde Haarpracht auch noch auf die Schliche kommen. Das liegt vor allem daran, dass die meisten Betroffenen sich erst mal an die falsche Adresse wenden: Zunächst wird der Friseur konsultiert, dann der Apotheker zu Rate gezogen, weiter geht’s zu Hausarzt - und schließlich ist noch der Gynäkologe dran. Doch der einzig richtige Ansprechpartner ist ein spezialisierter Dermatologe, denn Haare sind ein so genanntes Hautanhängsel. Der Arzt muss nicht niedergelassen sein, auch manche Uniklinik bietet spezielle Sprechstunden für Menschen mit Haarausfall an. © Amélie Putzar für ZEIT online

Fachleute sprechen übrigens erst von krankhaftem Haarausfall, wenn der tägliche Verlust hundert Haare auf Dauer überschreitet. Ob krankhaft oder nicht ist bei Frauen trotzdem nicht so leicht einzuschätzen, weil starker Haarverlust nach einer Geburt zum Beispiel vollkommen normal sein kann, die Haare kommen später wieder. Einige Frauen haben auch einen periodisch verstärkten Haarausfall. So ein Fellwechsel tritt oft im Herbst und im Frühling auf und normalisiert sich seinerseits wieder. Ohnehin ist ein verstärkter Ausfall von Haaren selbst noch keine Krankheit, sondern ein Symptom - hinter dem sich vier verschiedene Diagnosen mit unterschiedlichen Ursachen verbergen können. Für die meisten Formen gilt leider, dass sie schwer zu behandeln sind.

Noch am erfreulichsten ist da schon die Diagnose diffuser Haarausfall: Etwa jeder zwölften Patientin fallen die Haare aufgrund von Infekten, Medikamenten, fehlendem Eisen, Zink, Eiweißen oder Vitaminen, wegen einer Fehlfunktion der Schilddrüse oder eines erhöhten Blutzucker aus. Ist die Grunderkrankung behoben, wachsen die Haare innerhalb von drei bis sechs Monaten komplett nach.

Die häufigste Form des Haarausfalls bei Frauen aber ist die androgenetisch bedingte Alopezie (AGA). Diese Frauen haben entweder erhöhte Blutwerte für männliche Hormone (Androgene) oder besonders empfindliche Haarwurzeln, die auch bei normalen Androgen-Spiegeln die Fassung verlieren. Vor der Menopause trifft die AGA jede zehnte, danach leidet sogar jede fünfte Frau darunter. Geheimratsecken, ein hohe Stirn – die Haare dünnen an für Männer typischen Stellen aus. Behandelt werden die Patientinnen in der Regel mit Medikamenten, die den Hormonspiegel normalisieren. Oder das Haar wird unspezifisch in seinem Wachstum unterstützt: Minoxidil ist ein rezeptfreies Arzneimittel ohne Hormone, das - direkt auf den Kopf aufgetragen - die Haarzellen besser mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen soll.

Als eine weitere Ursache des androgenen Haarausfalls werden derzeit übrigens Verspannungen der Nackenmuskulatur diskutiert: Ein gehemmter Blutfluss soll demnach nicht nur die Versorgung der Kopfhaut mit Nährstoffen stören, sondern auch den Abtransport des Hormons DHT behindern - und zwar nicht nur bei Männern. Vor allem Massagen könnten hier Wirkung entfalten.

Doch nicht immer sind die Hormone schuld: Zehn Prozent aller Patientinnen leiden unter kreisrundem Haarausfall, Alopecia areata (AA) . Im extremsten (sehr seltenen) Fall verlieren diese Frauen sämtliche Haare am Kopf, auch Brauen, Wimpern und Nasenhärchen - oder gar am ganzen Körper, inklusive der Schambehaarung. Der kreisrunde Haarausfall gilt als eine Autoimmunerkrankung, bei der körpereigene Immunzellen eine Art Entzündung der Haarfollikel hervorrufen. Innerhalb des ersten Jahres hat die Hälfte der betroffenen Frauen dabei noch eine reale Chance darauf, dass die Haare wieder spontan nachwachsen. Trotzdem können immer wieder kahle Stellen bis hin zur Glatze auftreten. Da die exakte Ursache der AA noch zu wenig erforscht ist, gibt es auch hier keine wirklich durchschlagende Therapie: Zink soll das Immunsystem stimulieren. Maximal drei Monate können die kahlen Stellen auch mit Kortikosteroid-Cremes behandelt werden.

Letztlich gibt es noch die umstrittene DCP(Diphencyprone)-Therapie: Eine aggressive Tinktur löst ein „allergisches Kontaktekzem“ auf der Kopfhaut aus, das die autoreaktiven Immunzellen von der Haarwurzel auf die Kopfhaut locken soll - wo sie keinen Schaden mehr anrichten können, aber Brennen und Jucken. Die Patientinnen empfinden die mindestens halbjährlich dauernde, einmal wöchentlich stattfindende Behandlung wegen der geschwollenen Lymphknoten und der ständig gereizten Kopfhaut oft als sehr unangenehm.