Bald sollen sie kommen, die Lockerungen für vollständig Geimpfte und von Covid-19 Genesene. Am Freitag stimmte der Bundesrat über eine Beschlussvorlage ab, die das Bundeskabinett am Dienstag beschlossen hatte und die anschließend im Bundestag diskutiert wurde.
Konkret bedeuten die Neuerungen: Geimpfte und Genesene dürfen in Geschäften shoppen, sich die Haare schneiden lassen, den Zoo besuchen ‒ und zwar ohne ein negatives Testergebnis vorweisen zu müssen. Personen, die zwei Impfdosen erhalten oder eine Erkrankung mit Covid-19 durchgemacht haben, müssen sich außerdem nicht mehr an Ausgangssperren halten und bei den geltenden Kontaktbeschränkungen nicht mitgezählt werden. Außerdem müssen sie sich nach Reisen ins Ausland nicht mehr in Quarantäne begeben ‒ außer sie kommen aus einem Virusvariantengebiet.
Doch was machen all jene, die noch nicht geimpft sind oder nur eine erste Dosis verabreicht bekommen haben? Was tun, wenn man gestern mit AstraZeneca geimpft wurde und nun noch zwölf zähe Wochen bis zur Zweitimpfung vor sich hat? Ist es sinnvoll, die Wartezeit bei AstraZeneca auf vier Wochen zu verkürzen, wie Bundesgesundheitsminister Spahn kürzlich ins Gespräch brachte? Und lassen sich verschiedene Impfstoffe eigentlich kombinieren? Wir beantworten die wichtigsten Fragen zur Impfung.
Wann habe ich einen vollständigen Impfschutz?
Laut RKI gelten alle Personen als vollständig geimpft, die 14 Tage zuvor die letzte notwendige Impfung bekommen haben. Das heißt: Wer mit BioNTech, Moderna oder AstraZeneca geimpft wird, hat ab dem 15. Tag nach der zweiten Impfung den vollen Impfschutz. Dann werden Erkrankungen an Covid-19 mit einer hohen Wahrscheinlichkeit verhindert. Neueste Daten lassen auch vermuten, dass Geimpfte sich auch seltener überhaupt infizieren und so das Virus weitergeben (medRxiv: Pritchard et al., 2021).
Bei dem Impfstoff der Firma Johnson & Johnson braucht es nur eine Impfdosis für den vollständigen Schutz, deshalb gilt man hier schon 15 Tage nach der einmaligen Impfung als vollständig geimpft. Der Impfstoff soll laut seiner Phase-III-Zulassungsstudie zwei Wochen nach Verabreichung mit einer rund 70-prozentigen Wahrscheinlichkeit eine moderate oder schwere Erkrankung an Covid-19 verhindern (NEJM: Sadoff et al., 2021).
Wer schon eine Infektion mit dem Coronavirus durchgemacht hat, ist zumindest eine Zeitlang vor einer erneuten Erkrankung mit Covid-19 geschützt, davon geht das RKI aus, und das lassen auch Studien (zum Beispiel The Lancet: Hansen et al., 2021). "Genesene haben für mindestens mal sechs Monate einen ähnlichen Schutz wie Geimpfte", sagt auch Christian Bogdan, Immunologe am Uniklinikum Erlangen und Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko).
Ehemals Infizierte können und sollten sich aber nach einer Infektion noch einmal impfen lassen, und zwar laut Empfehlung der Stiko ab sechs Monaten nach ihrer Erkrankung. So könnte sich der Schutz vor dem Coronavirus und sogar vor den aktuell zirkulierenden Varianten B.1.1.7 und B.1351 um ein Vielfaches erhöhen (Science: Reynolds et al., 2021 und Science: Stamatatos et al., 2021).
Dabei reicht eine zusätzliche Impfung. "Wenn man Genesene zweimal mit einem mRNA-Impfstoff impft, erreicht man keine höhere Immunantwort als bei einmaliger Impfung", sagt Bogdan. Denn die erste Impfung übernimmt bei Genesenen die Aufgabe, welche sonst die zweite, sogenannte Boosterimpfung erfüllen würde: Sie regt die Immunantwort des Körpers noch mal richtig an und verankert die Reaktion langfristig im Gedächtnis des Immunsystems.
Warum muss man nach der Erstimpfung mit AstraZeneca länger auf die Zweitimpfung warten als bei BioNTech oder Moderna?
Der Impfstoff Vaxzevria wirkt wohl besser, je mehr Zeit zwischen der Gabe der ersten und der zweiten Dosis verstreicht. Das zeigen Daten aus den Zulassungsstudien von AstraZeneca: Wurde die zweite Impfung vier bis acht Wochen nach der Erstimpfung verabreicht, lag die Wirksamkeit bei etwa 50 Prozent, bei einem Zeitintervall zwischen acht und zwölf Wochen schon bei mehr als 70 Prozent, und bei einer Wartezeit über zwölf Wochen stieg die Wirksamkeit sogar auf über 80 Prozent (The Lancet: Voysey et al., 2021). Weitere, möglicherweise bessere Effektivitätsdaten für einen Impfabstand von vier Wochen, will AstraZeneca bald in einer Fachzeitschrift veröffentlichen.*
Der Grund dafür könnte in einem Abwehrmechanismus des Körpers liegen, der sich nicht gegen das Spikeprotein des Coronavirus richtet, sondern gegen das Vektorvirus. Zur Erinnerung: Das Vektorvirus dient bei einer vektorbasierten Impfung wie AstraZeneca oder Johnson & Johnson als Transportmittel für einen DNA-Schnipsel des Coronavirus. Vermutlich bildet der Körper nicht nur eine Immunantwort gegen das Coronavirus aus, sondern auch gegen den Vektor. Bei einer erneuten Impfung konzentriert sich der Körper dann auf die Bekämpfung des Vektors. Das könnte verhindern, dass die Immunantwort gegen das Coronavirus weiter ausreift.
Wie sehr diese sogenannte Vektorimmunität der Immunantwort gegen das Coronavirus im Wege steht, hängt vom zeitlichen Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung ab. "Es scheint so zu sein, dass über die Zeit die zirkulierenden Antikörper gegen den Vektorvirus abnehmen", sagt Christian Münz, Immunologe von der Uni Zürich. Wird die zweite Impfung in einem größeren Zeitabstand zur ersten verabreicht, reagiert der Körper wohl schwerfälliger auf den Vektor und gibt diesem die Chance, die Bestandteile des Coronavirus in die menschlichen Zellen abzugeben und so eine Immunreaktion auszulösen.
Bei mRNA-Impfstoffen stellt sich das Problem der Vektorimmunität übrigens nicht, weil die mRNA des Coronavirus nicht mithilfe eines anderen Virus in den Körper getragen wird und der Körper so keine Immunität gegen das Transportmittel aufbauen kann.
Egal ob mRNA- oder vektorbasierter Impfstoff, es gilt: Ganz allgemein braucht der Körper etwas Zeit, um eine Impfung zu verarbeiten. Denn nach einer Impfung findet im Körper ein Mechanismus statt, der sich Affinitätsreifung nennt.
Vorstellen kann man sich das wie die ständige Optimierung eines Prototyps: Nach der Impfung produziert der Körper eine ganze Menge Antikörper, von denen sich irgendwann eine Sorte als effektiver herausstellt, weil sie besser an die Oberflächenproteine des Coronavirus bindet als andere Antikörper. Die effektiveren Antikörper werden vermehrt produziert, während die weniger erfolgreichen nach und nach absterben. In diesen Optimierungsprozess sind maßgeblich die sogenannten B-Zellen involviert. Um den B-Zellen genug Zeit zu geben, sollte die Zweitimpfung nicht zu früh nach der ersten erfolgen.
Ist es sinnvoll, den Impfabstand zwischen Erst- und Zweitimpfung bei AstraZeneca zu verkürzen?
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kündigte in der Aktuellen Stunde des WDR an, er wolle mit den Landesgesundheitsministerinnen und -ministern darüber diskutieren, ob der Impfabstand bei AstraZeneca zwischen Erst- und Zweitimpfung von zwölf auf vier Wochen verkürzt werden soll. Der kürzere Zeitraum liegt zwar noch im Rahmen dessen, was in den Zulassungsstudien für den Vaxzevria-Impfstoff getestet wurde ‒ doch zeigen die Studien, dass die Wirkung der Impfung nach vierwöchiger Wartezeit niedriger war als nach einem zwölfwöchigen Abstand (siehe vorherige Frage).
"Meines Erachtens ist das keine gute Idee", sagt deshalb auch der Immunologe Bogdan. Es sei ja nicht damit getan, einfach alle Menschen zweimal durchzuimpfen; vielmehr gehe es um den tatsächlich entstandenen Schutz bei den Geimpften. Und der, so Bogdan, sinke von 82 Prozent auf 54 Prozent, wenn man den Impfabstand von 12 auf 4 Wochen reduziert.
Ähnlich sieht es Carsten Watzl, Immunologe am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung der TU Dortmund: "Für die Impfstrategie ist die Verkürzung der Impfabstände der falsche Schritt." Auch er warnt: "Wenn Sie Ihren Impfabstand bei AstraZeneca verkürzen, um damit schneller in den Genuss von Lockerungen zu kommen, machen Sie das auf Kosten Ihres Immunschutzes." Watzl merkt zudem an, dass aufgrund der vorgezogenen Zweitimpfungen weniger Personen zeitnah einen Immunschutz durch die erste Impfung bekämen. Doch gerade jetzt, sagt Watzl, müsse man viele Personen mit Vorerkrankungen durch eine Impfung schützen, um die Folgen der dritten Welle abzumildern.
Einen Vorteil aber könnte die Verkürzung theoretisch haben, sagt André Karch, Professor für Epidemiologie und Sozialmedizin am Uniklinikum Münster. Sie wäre dann sinnvoll, wenn sie dazu führte, dass mehr Menschen sich auch zweitimpfen lassen. Perspektivisch könnte das nämlich zur Herausforderung werden, wie etwa Daten aus den USA zeigen, wo viele Menschen keinen zweiten Impftermin ausmachen oder zum zweiten Impftermin nicht erscheinen
Insgesamt scheint die Verkürzung des Abstands mehr politischen und sozialen als immunologischen Erwägungen zu folgen. Am Ende bleibt es eine Abwägungsfrage: Sollen mehr Menschen in kürzerer Zeit zwei Impfungen erhalten und dann in den Genuss der versprochenen Freiheiten für vollständig Geimpfte kommen ‒ mit dem Risiko allerdings, dass ihr Schutz vor dem Coronavirus nicht so hoch ist, wie er sein könnte? Oder sollen die einmalig mit AstraZeneca Geimpften weiterhin zwölf Wochen auf ihre zweite Dosis warten, um einen bestmöglichen Schutz zu erhalten?
Ist es sinnvoll, verschiedene Impfstoffe für die Erst- und Zweitimpfung zu nehmen?
Prinzipiell ist es möglich, Impfstoffe verschiedener Hersteller für die erste und die zweite Impfung zu verwenden ‒ egal, ob mRNA- oder Vektorimpfstoffe. Ein heterologer Boost, also eine Zweitimpfung mit einem anderen Impfstoff, könnte sogar "eine attraktive Alternative" zu der zweifachen Gabe desselben Impfstoffs sein, sagt der Zürcher Immunologe Münz. Zum einen würde sich so das Problem der Vektorimmunität lösen (siehe oben), zum anderen bestehe die Hoffnung, dass unterschiedliche Impfstoffe das Immunsystem auf unterschiedlichen Ebenen aktivieren und sich so gut ergänzen.
Die Stiko hat kürzlich empfohlen, dass Personen unter 60 Jahren, die bereits eine erste Impfdosis des AstraZeneca-Impfstoffs verabreicht bekommen haben, einen mRNA-Impfstoff für ihre Zweitimpfung erhalten sollen. Hintergrund ist das sehr kleine, aber ernst zu nehmende Risiko für Blutgerinnsel in Kombination mit einem Blutplättchenmangel infolge einer Impfung mit AstraZeneca. Ansonsten gilt aber zumindest hier in Deutschland: Wer die erste Impfung erhalten hat, soll auch die zweite mit demselben Impfstoff kriegen. Denn noch fehlen Studiendaten dazu, wie gut heterologe Impfungen wirklich wirken und ob sie Nebenwirkungen nach sich ziehen. Einige Forschergruppen, etwa am spanischen Gesundheitsinstitut Carlos III oder an der Oxford-University in Großbritannien, widmen sich der Frage, erste Ergebnisse stehen noch aus.
Wird der Zeitraum zwischen Erst- und Zweitimpfung kürzer, wenn ich nach AstraZeneca einen mRNA-Impfstoff bekomme?
Nein, bislang nicht. Laut aktueller Empfehlung der Stiko müssen ebenfalls zwölf Wochen zwischen Erst- und Zweitimpfung verstreichen, selbst wenn die zweite Impfung mit einem anderen Impfstoff stattfindet, etwa mit dem von BioNTech/Pfizer oder Moderna. Der Immunologe Bogdan sagt: "Zumindest hätte man bei einer Zweitimpfung mit einem anderen Impfstoff nicht das Problem der Vektorimmunität", also dass der Körper eine Abwehr gegen das Trägervirus aufbaut. Konkret heißt das: Folgt auf AstraZeneca ein anderer Impfstoff, hätte eine Verkürzung des Impfabstands vielleicht keine große Auswirkung auf die Wirksamkeit.
Nach wie vor fehlen aber Zahlen dazu, wie ein Impfschema mit zwei verschiedenen Impfstoffen tatsächlich wirkt; Vorsicht ist also geboten. Und Bogdan erinnert: "Wir haben noch eine gehörige Zahl von Menschen, die keine einzige Impfung erhalten haben ‒ auch in den Risikogruppen." Laut der Stiko sind rund 3,5 Millionen der 70- bis 79-Jährigen und etwa 7,3 Millionen der 60- bis 69-Jährigen noch nicht geimpft (Stand 28.04.2021). Auch bei den jüngeren Personen mit Vorerkrankungen ist bislang nur etwa ein Viertel einmal geimpft.
Es sei schwer zu vertreten, sagt Bogdan, dass Menschen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf ungeimpft blieben und andere schnellstmöglich eine Zweitimpfung erhielten, um mehr Freiheiten genießen zu können.
Zumindest zeichnet sich ab, dass durch steigende Produktionskapazitäten für die Impfstoffe kein Mangel an AstraZeneca-Impfstoff zu erwarten ist. Das ist einer der Gründe, warum Bund und Länder beschlossen haben, die Impfpriorisierung für diesen Impfstoff nun aufzuheben. So können sich fortan alle mit dem Impfstoff impfen lassen, unabhängig von Alter und Vorerkrankungen.
Ich habe meinen zweiten Impftermin verschwitzt. Ist das ein Problem?
Ein vollständiger Impfschutz besteht erst, wenn alle notwendigen Impfdosen im Arm sind. Abgesehen von Personen, die Johnson & Johnson bekommen haben, sollte sich also jeder und jede ein zweites Mal impfen lassen. Der Impfschutz wird durch eine zweite Impfung aber nicht nur besser, sondern auch langfristiger: "Wenn man sich das so banal vorstellt: Dann kann sich das Immunsystem besser erinnern", sagte Virologin Sandra Ciesek kürzlich im Podcast Coronavirus-Update des NDR.
Wenn die Zweitimpfung später stattfindet als geplant, ist das aus immunologischer Sicht gar nicht so problematisch. "Jeder Boost zählt, und das Zeitintervall, in dem er gegeben wird, ist da weniger wichtig", so Münz. Allerdings bleibt zu beachten, dass die Wirkung der Erstimpfung nach einer gewissen Zeitspanne abnimmt, bei AstraZeneca ist das ungefähr nach zwölf Wochen der Fall. Dann sollte man sich schnellstmöglich impfen lassen ‒ aber nicht, weil sonst die zweite Impfung nichts mehr bringt, sondern, um weiterhin einen hohen Schutz gegen das Coronavirus zu genießen.
*Anmerkung der Redaktion: Diese Passage haben wir ergänzt.