Diskriminiert, stigmatisiert und dämonisiert: Wer in Deutschland sexuelle Dienstleistungen gegen Geld anbietet, arbeitet in einem Beruf, der gesellschaftlich und politisch im Abseits stattfindet. "Wenn ich manchmal sage, ich bin Prostituierte, springen die wildesten Bilder an", sagt die Sexualberaterin und Sexarbeiterin Daria Oniér. Ein großes Problem sei zudem der moralisierende Blick auf die Branche, erzählt die Sexualwissenschaftlerin Harriet Langanke: "Die Romantisierung von Sexualität beißt sich mit dem schlichten Bezahlen für Sex."
Im Sexpodcast sprechen beide Frauen mit den Hosts Melanie Büttner und Sven Stockrahm über die Sexarbeit – ihre Vielfalt, Mythen und Vorurteile. "Prostitution ist kein Menschenhandel, sondern legale Arbeit", sagt Daria Oniér. Das könnten sich viele nicht vorstellen. Allerdings gelte auch: "Je prekärer die Prostitution, desto mehr Gewalt gibt es", sagt Harriet Langanke. Ein Gespräch über Kriminalisierung, sexuelle Gesundheit, Selbstbestimmung und fehlenden Diskurs.
Die ganze Folge ist oben auf dieser Seite zu hören.
Mehr zu unseren Gästinnen
- Daria Oniér ist Sexualberaterin und Therapeutin. Sie war in den vergangenen zehn Jahren beruflich unter anderem als Domina, Escort und in der Sexualassistenz tätig. Sie ist Sexarbeitaktivistin sowie Landessprecherin des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen in Baden-Württemberg.
- Harriet Langanke ist Sexualwissenschaftlerin und forscht zu und mit Prostitutionskunden. Mit der von ihr gegründeten Gemeinnützigen Stiftung Sexualität und Gesundheit, kurz GSSG, setzt sie sich für die Rechte von Sexarbeitenden ein.
- In dieser Folge wird die Beratungsstelle Hydra in Berlin erwähnt, die Menschen in der Sexarbeit unterstützt.
- Das Projekt Roter Stöckelschuh bietet Kontakte und Informationen für Sexarbeitende und ihre gesundheitliche Versorgung.
- Harriet Langanke erwähnt die Fachtagung SAMBA, auf der im Oktober 2022 die Themen Sexualassistenz und die männliche Perspektive in der Sexarbeit diskutiert wurden.
Studien, Quellen und Hintergründe zur Folge
- Die Forscherin Nicola Döring hat das seit 2017 geltende deutsche Prostituiertenschutzgesetz untersucht (Zeitschrift für Sexualforschung, 2018).
- Jeder vierte Mann in Deutschland hat bereits einmal in seinem Leben für sexuelle Dienstleistungen gezahlt (Ärzteblatt: Döring et al., 2022), zeigen repräsentative Daten der Studie Gesundheit und Sexualität in Deutschland (GeSiD).
- Sexarbeiterinnen sind im Durchschnitt öfter von Gewalt betroffen als andere Frauen und gesundheitlich stärker beeinträchtigt. Allerdings betrifft dies keineswegs alle Frauen in diesem Beruf. Am häufigsten erfahren Sexarbeiterinnen, die auf der Straße arbeiten, Gewalt (Trauma & Gewalt, Heft 4, November 2021).
- Schweden etablierte 1999 als erstes Land ein Sexkaufverbot (Schwedisches Modell) und meldete 2010: Es gebe keine Hinweise dafür, dass die Prostitution zugenommen habe. Die Straßenprostitution habe sich halbiert. Zudem stellt das Sexkaufverbot laut der Polizei ein Hindernis für Menschenhändler und Zuhälter dar, die sich in Schweden niederlassen wollen (Regierungsbericht (schwedisch), 2010). In der Folge passten weitere Länder ihre Rechtsprechungen an. 2014 empfahl sogar das Europäische Parlament den Mitgliedsstaaten, den Kauf von Sexdienstleistungen unter Strafe zu stellen (EU-Parlament, 2014).
- Inwieweit die Auswirkungen des schwedischen Sexkaufverbots realistisch abgebildet sind, ist fraglich. Forschende sehen gravierende methodische Einschränkungen. Eine umfangreiche Analyse kommt zum Ergebnis: "Die Berichte und Dokumente, die eher eine wissenschaftliche als eine ideologische Basis haben, stützen die Erfolgsansprüche nicht" (Dodillet & Östergren: The Swedish Sex Purchase Act: Claimed Success and
Documented Effects, PDF). Ein Bericht, dass ein Sexkaufverbot in Nordirland untersuchte, konstatiert, dass "Gesetze zum Sexkauf schwer durchzusetzen sind und langjährige und schädliche Folgen für das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit der in der Sexarbeit tätigen Bevölkerung haben" (Social Science Research Network: Ellison et al., 2019). - Eine breit angelegte wissenschaftliche Arbeit kam 2018 zu dem Ergebnis, dass es Belege für "umfangreichen Schäden" gibt, "die mit der Kriminalisierung von Sexarbeit verbunden sind, einschließlich Gesetzen und Durchsetzungsmaßnahmen, die auf den Verkauf und Kauf von Sex abzielen" (PLOS Medicine: Platt et al., 2018).
- Ein Positionspapier (PDF) von Deutschlands Aidshilfe, Frauenrat, Juristinnenbund, Diakonie und anderen erläutert, wie die Kriminalisierung von Sexarbeit die Anfälligkeit von Sexarbeitenden für Gewalt erhöhen kann, worauf zuvor auch die Weltgesundheitsorganisation aufmerksam gemacht hat.
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- Was beim Sex guttut, ist für jeden anders. Was normal ist, auch. Nur wie erkenne ich meine Bedürfnisse und Wünsche beim Sex? Darüber klären die Ärztin und Sexualtherapeutin Melanie Büttner und der ZEIT-ONLINE-Ressortleiter für Wissen, Sven Stockrahm, zusammen mit der Journalistin Alina Schadwinkel in ihrem Buch Ist das normal? Sprechen wir über Sex, wie du ihn willst auf.
- Melanie Büttner ist auch auf Instagram (@melaniebuettner1) und Facebook, Sven Stockrahm auf Twitter und Instagram (jeweils @svensonst) zu finden.
Falls ihr eine Frage oder Anregung habt, schreibt dem Sexpodcastteam eine E-Mail an istdasnormal@zeit.de. Oder stellt eure Frage als Sprachnachricht. Nehmt euch mit dem Smartphone auf und schickt die Datei ebenfalls an die E-Mail-Adresse.
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