Setzen sich für ein differenziertes Bild der Sexarbeit ein: Daria Oniér (links) und Harriet Langanke © GSSG, privat

Diskriminiert, stigmatisiert und dämonisiert: Wer in Deutschland sexuelle Dienstleistungen gegen Geld anbietet, arbeitet in einem Beruf, der gesellschaftlich und politisch im Abseits stattfindet. "Wenn ich manchmal sage, ich bin Prostituierte, springen die wildesten Bilder an", sagt die Sexualberaterin und Sexarbeiterin Daria Oniér. Ein großes Problem sei zudem der moralisierende Blick auf die Branche, erzählt die Sexualwissenschaftlerin Harriet Langanke: "Die Romantisierung von Sexualität beißt sich mit dem schlichten Bezahlen für Sex."

Im Sexpodcast sprechen beide Frauen mit den Hosts Melanie Büttner und Sven Stockrahm über die Sexarbeit – ihre Vielfalt, Mythen und Vorurteile. "Prostitution ist kein Menschenhandel, sondern legale Arbeit", sagt Daria Oniér. Das könnten sich viele nicht vorstellen. Allerdings gelte auch: "Je prekärer die Prostitution, desto mehr Gewalt gibt es", sagt Harriet Langanke. Ein Gespräch über Kriminalisierung, sexuelle Gesundheit, Selbstbestimmung und fehlenden Diskurs.

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Studien, Quellen und Hintergründe zur Folge

  • Die Forscherin Nicola Döring hat das seit 2017 geltende deutsche Prostituiertenschutzgesetz untersucht (Zeitschrift für Sexualforschung, 2018).
  • Jeder vierte Mann in Deutschland hat bereits einmal in seinem Leben für sexuelle Dienstleistungen gezahlt (Ärzteblatt: Döring et al., 2022), zeigen repräsentative Daten der Studie Gesundheit und Sexualität in Deutschland (GeSiD).
  • Sexarbeiterinnen sind im Durchschnitt öfter von Gewalt betroffen als andere Frauen und gesundheitlich stärker beeinträchtigt. Allerdings betrifft dies keineswegs alle Frauen in diesem Beruf. Am häufigsten erfahren Sexarbeiterinnen, die auf der Straße arbeiten, Gewalt (Trauma & Gewalt, Heft 4, November 2021).
  • Schweden etablierte 1999 als erstes Land ein Sexkaufverbot (Schwedisches Modell) und meldete 2010: Es gebe keine Hinweise dafür, dass die Prostitution zugenommen habe. Die Straßenprostitution habe sich halbiert. Zudem stellt das Sexkaufverbot laut der Polizei ein Hindernis für Menschenhändler und Zuhälter dar, die sich in Schweden niederlassen wollen (Regierungsbericht (schwedisch), 2010). In der Folge passten weitere Länder ihre Rechtsprechungen an. 2014 empfahl sogar das Europäische Parlament den Mitgliedsstaaten, den Kauf von Sexdienstleistungen unter Strafe zu stellen (EU-Parlament, 2014).
  • Inwieweit die Auswirkungen des schwedischen Sexkaufverbots realistisch abgebildet sind, ist fraglich. Forschende sehen gravierende methodische Einschränkungen. Eine umfangreiche Analyse kommt zum Ergebnis: "Die Berichte und Dokumente, die eher eine wissenschaftliche als eine ideologische Basis haben, stützen die Erfolgsansprüche nicht" (Dodillet & Östergren: The Swedish Sex Purchase Act: Claimed Success and
    Documented Effects,
     PDF
    ). Ein Bericht, dass ein Sexkaufverbot in Nordirland untersuchte, konstatiert, dass "Gesetze zum Sexkauf schwer durchzusetzen sind und langjährige und schädliche Folgen für das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit der in der Sexarbeit tätigen Bevölkerung haben" (Social Science Research Network: Ellison et al., 2019).
  • Eine breit angelegte wissenschaftliche Arbeit kam 2018 zu dem Ergebnis, dass es Belege für "umfangreichen Schäden" gibt, "die mit der Kriminalisierung von Sexarbeit verbunden sind, einschließlich Gesetzen und Durchsetzungsmaßnahmen, die auf den Verkauf und Kauf von Sex abzielen" (PLOS Medicine: Platt et al., 2018).
  • Ein Positionspapier (PDF) von Deutschlands Aidshilfe, Frauenrat, Juristinnenbund, Diakonie und anderen erläutert, wie die Kriminalisierung von Sexarbeit die Anfälligkeit von Sexarbeitenden für Gewalt erhöhen kann, worauf zuvor auch die Weltgesundheitsorganisation aufmerksam gemacht hat.

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Sie sprechen alle zwei Wochen im Podcast "Ist das normal?" über Sexualität, Partnerschaft und Liebe: die Ärztin und Sexualtherapeutin Melanie Büttner (links) und der Leiter des Ressorts Wissen bei ZEIT ONLINE sowie Herausgeber Gesundheit und Digital, Sven Stockrahm. © Julia Bradley für ZEIT ONLINE

Falls ihr eine Frage oder Anregung habt, schreibt dem Sexpodcastteam eine E-Mail an istdasnormal@zeit.de. Oder stellt eure Frage als Sprachnachricht. Nehmt euch mit dem Smartphone auf und schickt die Datei ebenfalls an die E-Mail-Adresse.

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