Am Stadtrand von Istanbul steht ein Junge mit senfgelber Jacke in einer riesigen Mülltonne aus Blech. Er wühlt, zieht leere Kanister und Flaschen aus Plastik hervor. Schmeißt sie in seinen Karren zu dem anderen Plastikmüll, den er schon gesammelt hat. Can ist zwölf. Sein Vater hat die Familie verlassen, seine Mutter ist chronisch krank. Er sammelt Plastik, um es zu einer Recyclinganlage zu bringen und ein bisschen Geld zu verdienen.
Der US-amerikanische Fotograf David Lombeida berichtet ZEIT ONLINE von Cans Schicksal. Ihm sei das immer wieder aufgefallen, seit er in seiner neuen Heimat Istanbul lebt: Ständig liefen Leute mit Karren voll Plastikmüll herum. So erzählt er es über Zoom. Manchmal seien es türkische Kinder wie Can, die in Armut leben. Oft seien es Geflüchtete aus Syrien und Afghanistan. Lombeida beschloss, den Müllbergen nachzugehen – und den Menschen, die darin herumwühlen.
Die Türkei kann kaum mit dem eigenen Müll umgehen. Trotzdem ist das Land in den vergangenen vier Jahren zu einem der größten Abnehmer für europäischen Müll aufgestiegen, viel davon kommt aus Deutschland.
Weil das Recycling in anderen Ländern viel billiger ist als etwa in Deutschland, verschiffen wohlhabende Staaten ihren Müll. 2018 verbot China alle Importe von Plastikmüll – 25 Jahre lang war es ein wichtiges Exportland für Abfall aus Europa. Andere Länder wie Vietnam, Malaysia und Thailand zogen nach. Europa brauchte eine neue Müllhalde.
Die Türkei ist für Europa ein attraktives Land, um Müll dorthin verschwinden zu lassen: Es liegt geografisch nah und pflegt starke Handelsbeziehungen mit der EU. Greenpeace berichtet, dass Plastikmüllexporte aus Deutschland in die Türkei von 2019 auf 2020 um 102 Prozent zugenommen haben. 136.083 Tonnen landeten dort. Damit lag Deutschland auf Platz drei der europäischen Länder, die ihren Plastikmüll in das Land bringen. Auf Platz eins: das Vereinigte Königreich. Insgesamt war die Türkei 2020 mit 656.960 Tonnen der wichtigste Abnehmer für Europa.
Es ist legal, sortenreines Plastik zu exportieren
Die Lage könnte sich bald ändern: Dann müssten sich die EU-Länder vor allem selbst um ihren Plastikmüll kümmern. Die Mitglieder des Europäischen Parlaments haben am 17. Januar dafür gestimmt, die Exporte von Plastikmüll in Länder außerhalb Europas massiv einzuschränken – also auch in die Türkei. Nun muss noch der EU-Rat darüber abstimmen. Greenpeace ist zuversichtlich, dass es zum Verbot kommen wird. Das sagt Viola Wohlgemuth, Expertin für Plastikmüll bei der NGO.
Sie beschreibt, wie komplex das Problem mit unserem Plastikmüll in der Türkei ist. Bislang sei es legal, sortenreines Plastik zu exportieren. Jedoch sei nicht klar, wie gut das überhaupt kontrolliert werde. Bei Industrieabfällen können zum Beispiel Folien oder Styroporverpackungen sortenrein sein, bei Haushalten, Restaurants oder Büros PET-Flaschen oder Joghurtbecher. Entsorgungsunternehmen sammeln den Plastikmüll vor Haustüren oder aus Hinterhöfen ein. Manche Sortierer haben eigene Recyclinganlagen, andere nicht. In beiden Fällen kann es passieren, dass sie den Müll exportieren – weil Recyclinganlagen im Ausland günstiger arbeiten als in Deutschland. Und so verschiffen Entsorgungsunternehmen oder Zweitverwerter Container mit Tonnen von Plastik zum Recyclen in die Türkei. Ein Großteil sei vermutlich Industriemüll, der ins Ausland verschifft wird, sagt Wohlgemuth. Seltener Verpackungsabfall aus privaten Haushalten.
Müllhandel biete Raum für mafiöse Strukturen, sagt Wohlgemuth, und das gelte nicht allein für die Türkei. Oft übernehmen Abnehmer dort so viel Müll wie möglich, denn das bedeutet mehr Geld. Ob sie dafür zertifiziert sind, prüften manche deutsche Entsorgungsunternehmen nur oberflächlich. Sie ließen sich Zertifikate zeigen, die Greenpeace zufolge über eine Unterstelle des türkischen Ministeriums für Umwelt vergeben werden. Sie attestieren den Abnehmern, dass sie nach deutschen Standards Müll recyclen. Ob das wirklich so ist, werde nicht ausreichend kontrolliert. Und die Zertifikate würden oft gefälscht, sagt Wohlgemuth. Ein Teil des Plastikmülls lande auf Zwischenlagern und werde verbrannt.
Als Lombeida sein Fotoprojekt starten wollte, sprach er mit Bekannten und Expertinnen, die ihm alle von der Recherche abrieten – es sei zu gefährlich. Die Menschen der Müllwirtschaft mögen keine Presse, hieß es. Lombeida hörte nicht auf sie und reiste in die Städte, die zu den Zentren des Plastikmüllproblems gehören: Istanbul im Nordwesten, außerdem Adana und Mersin im Süden.
Er beobachtete Aufpasser, die um die Recyclinganlagen herumliefen. Immer wieder versuchte er hineinzukommen, um den Müll zu fotografieren. Schließlich gelang es mit der Hilfe eines Bekannten, der einflussreiche Kontakte in der Region habe. Genauer möchte Lombeida die Verbindungen nicht erläutern, das sei zu heikel. "Da drin sieht es aus, als wäre eine Bombe explodiert", sagt er über eine Recyclinganlage, zu der er irgendwann endlich Zutritt bekam. Eine Industriehalle, an der Wand kein Putz. Nur ein kleines Loch, durch das Licht einfiel. Überall meterhohe Plastikberge. Mehrere Lastwagen luden hintereinander ihre Ladungen ab, während Lombeida dort war.
Das neue Gesetz der EU würde den Export in Nicht-OECD-Länder verbieten, also Länder wie Indonesien, die nicht Teil der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sind. Außerdem soll der Export aus der EU in Mitgliedsstaaten der OECD, zu denen die Türkei gehört, innerhalb von vier Jahren ausschleichen.
"So viel Bewegung wie jetzt gerade gab es selten in der Gesetzgebung, was Verpackungsmüll aus Plastik angeht", sagt Wohlgemuth von Greenpeace. Dennoch weiß sie nicht, wo genau der Müll landet, falls er in vier Jahren nicht mehr in die
Türkei oder andere OECD-Länder gehen darf. "Eine
sehr gute Frage", sagt sie dazu nur.
Ziel von Greenpeace sei es, dass deutscher Müll durch den Ausbau von Mehrwegsystemen erst gar nicht entstehe und wenn doch, dass er komplett in Deutschland bleibt und hier unter hohen ökologischen und sozialen Standards entsorgt und recycelt
wird. Das neue Gesetz wäre ihrer Meinung nach ein großer Schritt in diese Richtung.
Ohne die Auswahl an günstigen Abnehmern im Ausland würde das Recycling für Entsorgungsunternehmen zwar teurer. Die Kosten seien in den dualen Systemen aber schon eingepreist. Wohlgemuth sagt: "Wenn wir in Europa unseren Müll behalten und sehen, welche Masse wir produzieren" – einfach, weil wir ihn nicht mehr aus unseren Augen schaffen können – "dann werden wir anfangen, weitere Mehrwegsysteme zu etablieren."
"Wir handeln nicht mit Müll, sondern mit Recyclingmaterialien"
Bernhard Schodrowski findet ein Exportverbot nicht sinnvoll. Er ist Pressesprecher des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft. "Wir handeln nicht mit Müll, sondern mit Recyclingmaterialien", sagt er. Recycelbares Plastik sei ein gängiges Handelsgut für den internationalen Markt. Um illegale Mülldeponien in Ländern wie der Türkei zu verhindern, bräuchte es schärfere Kontrollen und besseren Vollzug. Schodrowski räumt allerdings ein, dass Deutschland den Plastikmüll komplett selbst recyceln könnte, die Kapazitäten seien theoretisch da. "Das bedeutet aber noch lange nicht, dass die Materialien hier auch nachgefragt werden." Das sei eine Kostenfrage.
Durch die Exporte leiden Umwelt und Menschen in der Türkei. Oft bestehen Verpackungen nicht nur aus Plastik, sondern aus einem Plastikgemisch. Darin sind Flammschutzmittel, Weichmacher, Farbstoffe. Wenn es regnet oder die Sonne scheint, lösen sich die Stoffe. Die Witterung setzt sie frei, sie gelangen in den Boden, die Luft und ins Grundwasser.
Wenn solche Stoffe verbrannt werden, steigen grauschwarze Rauchwolken auf. Sie hängen über Wohnvierteln in Istanbul, Mersin und Adana. Allein in und um Adana stehen 167 lizenzierte Recyclinganlagen. In Istanbul sind es 232. So steht es in einem Bericht von Human Rights Watch. Viele davon direkt in Wohngebieten. Der Rauch wabert durch Straßen, um Kliniken und Schulen, er durchzieht Parks.
In einem solchen Wohnviertel lernte Fotograf Lombeida Azimye Çeviker kennen. Sie ist 55 Jahre alt. Um ihr Haus in der Küstenstadt Mersin sind in den vergangenen 50 Jahren drei Recyclingcenter entstanden, haben sie eingekesselt. Oft verdunkeln Rauchschwaden das Stückchen Himmel über ihrer Wohnung. Ständig sei sie gezwungen, den Rauch zu atmen, erzählt sie Lombeida. Er lernte sie eine Woche vor ihrer ersten Chemotherapie kennen. Çeviker hat Krebs. Und ist sich sicher, dass er vom Rauch kommt. Beweisen kann sie das nicht.
Viele Anwohnerinnen in den Wohngebieten und Arbeiter in den Anlagen wollten nicht mit Lombeida reden. Çeviker aber redete. Vielleicht ist es der Krebs, der ihr den Mut gibt, sagt der Fotograf.
Çeviker beschuldigt die Verwaltung der Stadt: Die da oben würden sich an den illegalen Geschäften bereichern. Sie habe sich mehrfach beschwert. Habe gebeten, die Anlagen schließen zu lassen, auf denen illegal Müll verbrannt wird. Aber die Behörden würden sie nicht ernst nehmen. Çeviker und ihr Sohn kennen alle Senatoren beim Namen, wissen, wer die Betreiber der Recyclinganlagen sind.
Greenpeace verfolgte 2021 und 2022 mit mehreren Trackern Lieferungen von Plastikmüll eines Unternehmens in Schleswig-Holstein in die Türkei. Einer der Tracker landete in Adana. Greenpeace fand heraus: In der Lieferung war kein reines Plastik, das Material war teilweise nicht recyclefähig. Außerdem hatte der Recyclingbetrieb keine Lizenz vom türkischen Ministerium für Umwelt, arbeitete also illegal. Als mehrere Medien über die Vorwürfe von Greenpeace berichteten, reagierte der Firmenchef öffentlich bestürzt. Gegenüber dem Hamburger Abendblatt sagte er damals, sein Unternehmen habe nichts zu verstecken, es halte sich stets an "bestehendes Recht und Vorschriften". Auf eine Anfrage von ZEIT ONLINE zu den Vorwürfen der NGO reagierte das Unternehmen nicht.
Der Betreiber der Anlage in der Türkei gab an, Müllsäcke, Granulat und Verpackungen aus recyceltem Material herzustellen. Greenpeace aber sagt: Vor Ort sah es nicht so aus, als könne die Anlage solche Produkte herstellen.
Müllberge brennen, damit sie verschwinden
Doch selbst, wenn alles legal läuft, gibt es ein weiteres Problem: Plastikmüll beispielsweise aus Deutschland ist oft besser vorsortiert als der türkische. Das heißt, die Recyclinganlagen bevorzugen den deutschen Plastikmüll. Den türkischen nehmen sie im Zweifel nicht an, er landet in der Landschaft und auf Müllbergen. Damit die verschwinden, werden sie angezündet. Wohlgemuth sagt: Erst, wenn kein "besserer" Müll mehr aus dem Ausland in der Türkei lande, hätten die Recyclinganlagen dort wieder Kapazitäten frei für den eigenen Müll.
Sich ins Recyclingbusiness einzumischen, kann gefährlich werden: Arbeiter der Anlage bekamen mit, dass Çeviker mit Lombeida gesprochen hatte. Sie warfen Steine gegen ihr Fenster, standen vor ihrer Tür, sollen sie bedroht haben. Çeviker ließ sich davon nicht einschüchtern, sagt Lombeida.
Ihre Wut hat er festgehalten, obwohl er ihre türkischen Worte erst später verstand, als sein Übersetzer sie zu englischen verwandelte. Çeviker habe fast geschrien, sagt Lombeida, als er ihr sein Handymikrofon hinhielt: "Europäer, schickt euren Müll nicht mehr in die Türkei, er macht die Menschen hier krank! Ihr wisst nicht, was hier mit eurem Müll passiert. Wir können kaum atmen."