Unsanft packt Heinz Rühmann den schwarzen Liftboy am Revers. Der verbeugt sich vor seinem rüpelhaften Gast. In mehr als 20 Filmen der NS-Zeit hat Majub bin Adam Mohamed Hussein den unterwürfigen Afrikaner gegeben, als Komparse neben Ufa-Stars wie Zarah Leander  und Hans Albers. Doch der Lebenskünstler aus Daressalam war keineswegs nur Statist – weder in den Schwarz-Weiß-Filmen der dreißiger Jahre noch im wirklichen Leben. 70 Jahre nach seinem Tod bekommt er nun endlich eine Hauptrolle. Eva Knopf gab sie dem 1904 geborenen Einwanderer und ehemaligen Kindersoldat der Kaiserlichen Schutztruppe in ihrem Dokumentarfilm Majubs Reise

Wie bringt man dem Publikum einen Menschen nahe, der keine Verwandten in Deutschland hat, die über ihn berichten könnten? Von dem, abseits der Spielfilme, kaum mehr blieb als einige Fotos, eine Autogrammkarte, ein Schreiben der Gestapo und Akten des Auswärtigen Amts? Weil es Knopf an Bildern für ihren Film mangelte, verfiel die Filmemacherin auf ausrangierte Plastiken aus einem Schuppen der Hamburger Sternwarte: einen erlegten Löwen aus Bronze. Den Kolonialgouverneur Hermann von Wissmann. Einen Askari zu seinen Füßen, ein afrikanischer Soldat der deutschen Kolonialarmee. Dann ließ sie die Kamera um diese in der Kaiserzeit angefertigten Assistenzfiguren kreisen, die zwar Patina angesetzt haben, die aber ihre Rolle noch gut spielen. 

Während Majub bin Adam Mohamed Hussein im Film weiße Befehlshaber auf seinen Schultern durchs Wasser trägt, ließ er sich in seinem kurzen echten Leben nicht in solche  Rollen pressen. In Hamburg, Daressalams heutiger Partnerstadt, heuerte der Stewart von einem Schiff der Ostafrika-Linie ab – ausgerechnet Ende der 1920er Jahre. Während einiger  Landgänge hatte er gehört, dass das Deutsche Reich Askaris wie ihm ausstehenden Sold ausbezahlen würde. So nannte er sich eingedeutscht Mohamed Husen und bestand auf seinen Rechten als ehemaliger Soldat, der schon im Alter von zehn Jahren an der Seite der Deutschen gegen die Briten gekämpft hatte. 

Fremdenpass für den Askari

Dazu ließ sich Husen auch Briefbögen anfertigen, die seinen Anspruch untermalen sollten. Auf seinem Papier lebte der Löwe. Der Askari schritt voran, das Gewehr im Anschlag. Einen weißen Kolonialführer ließ er nicht aufdrucken, obgleich Husen aus einer Söldnerfamilie stammte, die sich im Dienste der Deutschen an der militärischen Besetzung des heutigen Tansanias beteiligt hatte. Neben "Deutscher Askari aus Deutsch-Ostafrika, Angehöriger der Nubier-Truppe bis 1918" stellte er sich auch als "Lehrer für Suaheli am Auslandsinstitut" vor. 

Im Januar 1933 heiratete Husen die schwangere Maria Schwandner, eine Schneiderin aus Westböhmen. Schon im Sommer desselben Jahres mussten die beiden ihre deutschen Ausweise abgeben: Viele "Schutzbefohlene" aus den ehemaligen deutschen Kolonien erhielten in dieser Zeit Fremdenpässe – und mit ihnen ihre deutschen Ehefrauen.

Das Geld für die inzwischen fünfköpfige Familie wurde knapp. Das Auswärtige Amt hatte Husens Sold-Antrag abgelehnt. Der Fonds sei bereits abgerechnet, hieß es. Doch Husen blieb hartnäckig. 1934 beantragte er sogar das Frontkämpferehrenkreuz für seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg. Als ihm auch das verwehrt wurde, weil es Weißen vorbehalten sei, besorgte er sich das Abzeichen im Militaria-Handel. 1939, kurz nachdem Großbritannien den Krieg erklärt hatte, bat Husen – erfolglos – um die Aufnahme in die Wehrmacht. 

Umarmt wurde er dagegen von der Kolonialbewegung, die für die Rückgewinnung der verlorenen Gebiete eintrat. Husen verkörperte den Mythos des "treuen Askari" und durfte auf Tagungen und Aufmärschen posieren. In der "Vergnügungsstätte Remde´s St. Pauli" trat er 1938 in einer Afrika-Revue mit Tänzerinnen und Trophäen auf. Unter dem Stoffbanner "Deutschland braucht Kolonien" salutierte er in seiner Askari-Uniform.