Hightech gegen Flaschensammler – Seite 1

Die vergleichsweise junge Profession des Flaschensammlers würdigt der Hamburger Musiker Andreas Dorau gut gelaunt auf seinem jüngsten Album: "8, 15, 25 Cent/ein jeder diese Zahlen kennt/die Kinder rufen im ganzen Land/Fli-Fli-Fla-Fla-Flaschenpfand", singt Dorau und lässt im Video leere Limoflaschen durch Hamburgs Innenstadt zuckeln.

Es ist eine Würdigung, die der Flaschensammler längst verdient hat – verkörpert er doch vorbildlich alte und neue deutsche Tugenden: Er sortiert, schafft Ordnung, verhindert Restmüll und schützt somit die Umwelt. Er ist fleißig, gut organisiert und verhält sich meist ruhig. Zudem entstammt er, Soziologen haben das herausgefunden, fast allen sozialen Schichten, und will nicht nur Geld verdienen, sondern beschäftigt sein und unter Leute kommen.

Doch in Hamburg haben es Flaschensammler nun schwerer. In der Innenstadt zwischen Gänsemarkt und Langer Reihe hat die Stadt 160 neue Hightech-Mülleimer aufgestellt. Sie pressen mit einer solarbetriebenen integrierten Presse ihren eigenen Müll und können so das Siebenfache der herkömmlichen Papierkörbe aufnehmen. Per Mobilfunknetz melden die Mülleimer, wenn sie geleert werden müssen.

"Bestimmte Menschen will man nicht mehr sehen."

Der Abfall verschwindet in den Hightech-Mülleimern über eine Klappe, ähnlich der von Altkleidercontainern. Diese Klappe verhindert den Griff ins Innere des Mülleimers, um nach Pfandflaschen oder Essbarem zu suchen. 5.000 Euro kostet solch ein Highend-Gerät, mehr als das Zehnfache der sonst üblichen 9.000 roten Papierkörbe. In der Innenstadt sieht man die neuen Mülleimer seit ein paar Tagen an vielen Straßenecken. Flaschensammler hingegen sind weit und breit keine mehr zu sehen.

Stephan Karrenbauer ist Sozialarbeiter bei Hinz und Kunzt. Er sagt, dass die neuen Mülleimer innerhalb kürzester Zeit die Flaschensammler aus der Innenstadt vertrieben haben. Es seien nicht nur Obdachlose, die nach Pfandflaschen suchen. "Viele Menschen verdienen sich ein kleines Zubrot, auf das sie angewiesen sind. Denen raubt man ein Stück weit die Existenz." "Das Ganze ist Teil einer gezielten Innenstadtarchitektur", ist sich Karrenbauer sicher. "Bestimmte Menschen will man hier nicht mehr sehen."

Diese Klappe sei wegen der integrierten Müllpresse nötig – sonst könne man sich verletzen, sagt Reinhard Fiedler, Sprecher der Stadtreinigung Hamburg: "Unsere Aufgabe ist es nicht, mögliche soziale Probleme zu lösen, sondern die Stadt sauber zu halten." Der Hamburger Senat hat gerade auf eine Anfrage der Bürgerschaftsfraktion Die Linke zu den Mülleimern geantwortet: Dass Menschen vom Pfandgutsammeln abgehalten werden, habe keine Rolle bei der Entscheidung für die neuen Mülleimer gespielt; ordnungspolitische Vorgaben zum Umgang mit Pfandsammlern gebe es nicht. Im Übrigen werde "die Sicherung des menschenwürdigen Existenzminimums für Personen im Transferleistungsbezug über den notwendigen Lebensunterhalt sichergestellt." Mit anderen Worten: Flaschensammeln ist überflüssig.

Aber ließen sich Hightech-Müllentsorgung und frei zugängliches Flaschenpfand nicht vereinen? Der Kölner Produktdesigner Paul Ketz, 25, hat den sogenannten Pfandring erfunden, der bereits mit dem Bundespreis ecodesign ausgezeichnet wurde.

Pfandringe helfen Flaschensammlern in Bamberg und Köln

Die Pfandringe können fest an Mülleimern installiert werden. Passanten können ihre leeren Pfandflaschen dort abstellen, Sammler sie einfach mitnehmen. So müssen sie nicht mehr im Müll wühlen und die Verletzungsgefahr sinkt. Auch ein weiteres Problem der Flaschensammler wird durch den Pfandring gelöst: Die Hausordnung der Deutschen Bahn verbietet das Wühlen in Mülleimern.

Als erste Stadt in Deutschland hat Bamberg in einem Pilotprojekt zwei Pfandringe in der Innenstadt angebracht: "Die Pfandringe funktionieren sehr gut", sagt Ulrike Siebenhaar, Sprecherin der Stadt Bamberg. "Es stehen immer wieder Pfandflaschen drin und die Ringe sind auch immer wieder leer. Für die Sammler sind die Flaschen eben bares Geld." Es gebe viel Zuspruch von Bamberger Bürgern, die die Pfandringe als soziales Projekt sehen und befürworten. Auch in Köln gibt es seit einigen Wochen zehn Pfandringe. Für die Stadt Karlsruhe hat Designer Ketz gerade die Rohlinge bestellt. Die Ringe stellt er in Räumen der Kölner Sozialwerkstatt selbst fertig, die Kosten pro Teil belaufen sich auf 160 bis 200 Euro.  

Peanuts, könnte man meinen, wenn ein Mülleimer so viel wie ein Kleinwagen kostet. Doch in Hamburg will man die Pfandringe nicht haben. "Da landet Müll drin oder Flaschen ohne Pfand. Die Pfandringe sind in der Anschaffung teuer und müssen sauber gehalten werden", sagt Reinhard Fiedler von der Stadtreinigung. Aus der Behörde für Umwelt und Stadtentwicklung hört man, dass die Sicht der Stadtreinigung auch die ihre sei.

"Pfand gehört daneben"

Die Initiatoren der Pfandringe in Köln widersprechen: "Arbeit hat man damit gar keine." Auch der Erfinder des Pfandrings Ketz sieht kein Problem darin, die Pfandringe an die Hamburger Hightech-Mülleimer anzupassen. Dass Hamburg "hermetisch abgeriegelte" Mülleimer installiere, findet er nicht zeitgemäß: "Die Pfandflaschen scheiden aus dem Recyclingkreislauf aus und die Sammler können den Wertstoff nicht mehr einsammeln." Die Stadt wisse um die Problematik der Flaschensammler: "Dass die Interessen einer so großen Gruppe einfach ignoriert werden, finde ich verantwortungslos."

Wer den Flaschensammlern helfen will, hat neben den Pfandringen eine weitere Möglichkeit: Jeder kann einen Antrag beim Bezirksamt stellen, am nächsten Laternenpfahl einen Pfandkasten aufzuhängen. Solche Pfandkisten hält der Getränkehersteller Lemonaid bereit, der die Initiative "Pfand gehört daneben" unterstützt. Die setzt sich seit 2011 dafür ein, dass Pfandflaschen neben Mülleimern landen, und nicht darin. "Weil man Geld nicht einfach wegwirft", lautet der Slogan. Zumindest in dieser Aussage dürften sich arme wie reiche Hamburger eigentlich einig sein.