In der Nacht zum 10. Februar 2015 fällt das Thermometer in Hamburg-Bergedorf leicht unter null. Familie Mohamad schläft, wie Menschen um drei Uhr nachts eben schlafen, als Polizisten an ihre Zimmertür hämmern. "Es ging alles furchtbar schnell", erinnert sich der Vater der Familie, Selaheddin: "Wir sollten so schnell wie möglich unsere Koffer packen. ,Jeder nur einen‘, haben sie geschrien."

Zeit, ihre Rechtsanwältin anzurufen oder sonst irgendjemandem Bescheid zu sagen, hatten sie nicht. Nur Amad, einer der zwei Söhne, schrieb aus dem Polizeiauto eine SMS an einen Fußballfreund: "Wir werden gerade abgeschoben und uns wahrscheinlich nicht wiedersehen."

Die syrisch-kurdische Familie wurde aus ihrer Flüchtlingsunterkunft im Hamburger Osten zum Flughafen gefahren. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hatte ihren Asylantrag abgelehnt, eine Klage gegen die drohende Abschiebung war vom Verwaltungsgericht Hamburg abgewiesen worden.

Die Mohamads sollten dorthin zurück, wo sie bereits 1998 als Flüchtlinge anerkannt wurden: nach Zypern. Doch auf der Mittelmeerinsel gibt es weder Arbeit noch finanzielle Unterstützung. Eine einzige medizinische Einrichtung behandelt Flüchtlinge, sofern sie selbst dafür bezahlen. Menschenrechtsorganisationen fordern seit Langem einen Abschiebestopp.

Selaheddin war mit 17 das erste Mal im Gefängnis

Aus der Abschiebung der Familie wurde nichts, vorerst. Gut drei Monate nach dem Hämmern an der Tür lebt die Familie noch in denselben zwei Zimmern wie damals. Ein Wohnzimmer mit einer Couch, einem kleinen Tisch, einem Kühlschrank und Vorhängen vor dem Fenster. Im Schlafzimmer stehen drei Stockbetten. 

Als die fünfköpfige Familie im Februar im Flieger nach Lárnaka saß, begann Selaheddin panisch zu schreien. Seine Frau Fairoz wurde ohnmächtig. Die Piloten weigerten sich, die Maschine zu starten. Fairoz wurde ins Krankenhaus gebracht und blieb in stationärer Behandlung. "Eine Abschiebung nach Zypern ist aus gesundheitlichen Gründen kontraproduktiv und humanmedizinisch nicht zu vertreten", steht in dem Entlassungsbericht des Hamburger Asklepios-Westklinikums. Die Ärzte diagnostizieren eine posttraumatische Belastungsstörung.

Der Ausländerbehörde liegen mehrere Gutachten zum kritischen Zustand der 40 Jahre alten Mutter vor. Von ihrem Plan, die Mohamads abzuschieben, ist sie deshalb aber nicht abgewichen. Er wurde nur noch nicht umgesetzt, weil Fußballfreunde der Söhne Dalsouz und Amad eine Petition gestartet und mehrere Einrichtungen sich für sie eingesetzt haben. Nun wird der Eingabeausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft entscheiden. Er tagt jeden Montag, aber der Aktenordner der Mohamads ist nur einer von vielen.

"Wir können den ganzen Tag nichts tun, außer zu warten, das macht einen verrückt", sagt Selaheddin Mohamad. Dabei müht er sich ein Lächeln ab. "Wir wollen eine Chance und hier in Deutschland neu anfangen." Er wäre mit seiner Familie weder nach Zypern noch nach Deutschland gekommen, wenn sie in Syrien hätten bleiben können. "Fast meine ganze Familie ist noch in Syrien, wieso sollten wir irgendwo anders hingehen, wenn es nicht um Leben und Tod ginge?"

Selaheddin war 17 Jahre alt, als er das erste Mal ins Gefängnis musste. Er lebte in der syrischen Kleinstadt Afrin, unweit der türkischen Grenze, fast ausschließlich von Kurden bewohnt. Ein junger Mann mit linken politischen Idealen, der Arabisch studierte. Als er das in Syrien jahrzehntelang verbotene kurdische Neujahrsfest Newroz feierte, wurde er festgenommen. 28 Tage Haft.