Zwei Gymnasiastinnen aus einem reichen Hamburger Viertel, die sich für einen 27 Jahre alten Mann prostituieren. Eine überlässt ihm gar über 100.000 Euro Erspartes und versucht gemeinsam mit ihm, weitere 400.000 Euro von ihren Großeltern zu erschleichen. Dieser Fall, unlängst abschließend am Landgericht Hamburg verhandelt, wirft Fragen auf.

Warum gehen zwei intelligente, in wohlhabenden Verhältnissen lebende junge Frauen für einen rund zehn Jahre Älteren anschaffen? Und wie ist es möglich, dass ein bis dahin nicht vorbestrafter Mann gleich für eine ganze Reihe an Vergehen belangt wird? Vergehen, die für sich allein genommen schon hart sind.

Sieben Jahre und neun Monate muss David M. hinter Gitter. Schwerer Menschenhandel, ausbeuterische Zuhälterei, sexuelle Nötigung, Körperverletzung, Besitz von Kinderpornografie. Dazu kommt der Fall einer dritten Schülerin, bei ihr geht es um die Grauzone zwischen sexueller Nötigung und Vergewaltigung.

Mit diesem Urteil ging ein Verfahren zu Ende, das schon im Oktober 2014 hätte abgeschlossen werden können – das zumindest behauptet Richter Ulrich Weißmann. Ein Vorwurf an den Verteidiger von David M., Tim Burkert. Dieser hatte dreimal Anträge wegen Befangenheit gestellt und den Prozess so verzögert. "Die Justiz identifiziert sich unbewusst mit dem guten Elternhaus der Schülerinnen", sagt er. Die Richter wären weniger streng, wenn es Mädchen aus einem sozialen Brennpunkt wie Hamburg-Billstedt getroffen hätte.

Erstmals in Kontakt gekommen sind die jungen Frauen und der Angeklagte vor der privaten Sophie-Barat-Schule in Rotherbaum, direkt hinter dem Hamburger US-Generalkonsulat an der Alster. Hier lungerte David M. regelmäßig herum. Er baute sich hier den Ruf auf, eine Art Guru zu sein. Claudia (Name geändert), eine der Sophie-Barat-Schülerinnen, lernte ihn über eine Mitschülerin kennen. Er half ihr in Lebensfragen. Sie half ihm mit Ivan, einem Zuhälter, dem er Geld schuldete. Ivan ist gewalttätig, erbarmungslos – und eine Erfindung Davids.

"Intelligenz kann keinen schützen"

David M. schaffte es, dass sein fiktives Schuldenproblem zu Claudias realem wurde: Sie glaubte zum Schluss, Ivan 1,8 Millionen Euro zu schulden. Ein Geldbetrag, den sie durch ihre Prostitution begleichen wollte. Und sie brachte ihre Mitschülerin Stefanie (Name geändert) mit ihrem Zuhälter in Kontakt.

Noch bei der Urteilsbegründung nennt Richter Weißmann die Geschichte unglaublich. Immer wieder spricht er von den "intelligenten Mädchen". Eine unnötige Erwähnung, findet Claas-Hinrich Lammers, Leiter der psychiatrischen Abteilung in der Asklepios Klinik Hamburg-Nord. "Auf eine solche Manipulation würde jeder hereinfallen, Intelligenz kann keinen davor schützen", sagt er.

Es dauerte lang, bis Claudia David M. durchschaute: Noch im Ermittlungsverfahren zahlte sie seinen Anwalt und schrieb Liebesbriefe ins Gefängnis, die Mitlesende von seiner Unschuld überzeugen sollten. Erst als sie seine Akte vorgelegt bekam, erkannte sie, dass Ivan nicht existiert. Sagte schließlich aus, war zeitweise im Zeugenschutzprogramm. Claudia und die ebenfalls betroffene Freundin Stefanie haben David M. auch im Verfahren noch positiv und bewundernd beschrieben. Das machte sie für das Gericht besonders glaubwürdig.

Doch was tat Claudia freiwillig und was nicht? "Sie steckte mit David unter einer Decke", sagt M.s Verteidiger. Schließlich habe sie ihre Freundin Stefanie mit in den Fall hineingezogen. "Claudia war Werkzeug, nicht Mittäterin", sagt das Gericht. Sie vertraute sich David M. mit Problemen an, er redete ihr neue ein. Sie glaubte, Ivan würde in ihrer Familie morden und vergewaltigen lassen.

Die Verteidigung sagt, Claudia hätte ihren Kopf rechtzeitig aus der Schlinge gezogen: "Am Ende war sie geschickter. Jetzt kann sie ihn als Initiator darstellen." Das sieht die Staatsanwaltschaft anders: "Sie trat zwar nach außen hin wie eine Mittäterin auf, handelte selbst jedoch ohne 'böse Absichten', sondern allein aus der Intention, ihre Familie und sich selbst vor einem grausamen Schicksal zu bewahren."