Allem Anschein nach will sich Oskar Gröning seiner Vergangenheit stellen. Davon zeugt sein umfassendes Geständnis gleich zu Beginn des wohl letzten großen Auschwitz-Prozesses, der derzeit in Lüneburg verhandelt wird. Das beweist aber auch schon allein die Tatsache, dass Gröning wieder vor Gericht erscheint. In der vergangenen Woche noch hielt das Gericht den 93-Jährigen für zu schwach und gebrechlich, um die Verhandlung fortzusetzen. Doch an diesem Dienstagvormittag in Lüneburg sitzt Gröning wieder auf der Anklagebank.

Durch den Hintereingang wird Gröning in den Saal geführt, Mitarbeiter des Roten Kreuzes geleiten den ehemaligen SS-Mann zu seinem Platz. Er stützt sich mit zittrigen Händen auf die Tischkante, um dann doch schwer auf seinen Platz zu sacken. Der Angeklagte verschränkt die Arme und lässt seinen Blick durch den Saal schweifen. Dann lenken ihn seine beiden Anwälte ab: Links und rechts von Gröning bauen sie ihre Laptops auf, kontrollieren ihre Tablets, rücken Mikrofone zurecht. Mit großem Interesse betrachtet Gröning auch einige CDs, die ihm sein Anwalt hinhält. Es wird geplaudert und gescherzt. Von Nervosität oder Anspannung keine Spur.

Als der Richter den Saal betritt, erheben sich die Zuhörer, Nebenkläger und deren Anwälte. Nur Gröning bleibt sitzen, was der Richter aufgrund "dessen Alters und Gesundheitszustandes" billigt. Nach einer ärztlichen Untersuchung sei Gröning nun wieder vernehmungsfähig, wenngleich jedoch nur drei Stunden am Tag, erklärt der Richter. Auf die Frage, wie sich Gröning an diesem Morgen fühle, antwortet der Angeklagte: "Nicht gut". Er habe Kopfschmerzen und Schwindelgefühle. Trotzdem wirkt er entschlossen, sich den kommenden Aussagen vor Gericht zu stellen. Drei Stunden, in denen Nebenkläger berichten werden, was ihnen und ihren Familien im Konzentrationslager Auschwitz widerfahren ist.  

Gröning wird Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen vorgeworfen. Der Angehörige der Waffen-SS soll in Auschwitz-Birkenau geholfen haben, das von neu eingetroffenen Häftlingen zurückgelassene Gepäck wegzuschaffen und an die SS in Berlin weiterzuleiten. Die Anklage wirft ihm vor, so dem NS-Regime wirtschaftliche Vorteile verschafft und das systematische Töten unterstützt zu haben. Der "Buchhalter von Auschwitz" wurde Gröning daher auch von Journalisten genannt.

Bereits am ersten Verhandlungstag in Lüneburg hatte Gröning seine moralische Mitschuld eingeräumt. Er gestand, an der Rampe gestanden zu haben, um bei der Selektion der eintreffenden Juden zu helfen. Während der Zeit der sogenannten Ungarn-Aktion – im Sommer 1944 wurden mehr als 400.000 Menschen nach Auschwitz gebracht – will Gröning aber nur dreimal und keinesfalls regelmäßig an der Rampe Dienst getan haben.

137 Eisenbahntransporte kamen in diesen Sommermonaten in Auschwitz an. In einem dieser Waggons war Kathleen Zahavi, eine der Nebenklägerinnen. Als der Richter sie eingangs fragt, ob sie mit dem Angeklagten verwandt oder verschwägert sei, ist ihre Entrüstung nicht zu überhören: "Absolutely not" – Ganz sicher nicht! Auch die Erklärung des Richters, die Frage sei in einem deutschen Gerichtssaal gängiges Vorgehen, kann die 86-Jährige Rentnerin, die heute in Toronto lebt, nicht beruhigen. Zu tief scheint der Schmerz über all das, was ihr die Nazis angetan haben, zu sitzen. Eine große Familie habe sie gehabt, fünf Cousins, mit denen sie als Kind gerne gespielt habe, erzählt sie zu Beginn. "Keiner hat den Holocaust überlebt."

Zahavi schildert, wie sie in der Schule das erste Mal erlebte, was Antisemitismus bedeutet. Sie erinnert sich, wie im Frühjahr 1944 die deutsche Besatzung in Ungarn begann und sie für das Abschlussfoto der Schule den gelben Stern tragen musste. Wenig später seien erst ihr Schwager, dann ihr Vater weggebracht worden. Dann sei auch sie in ein Ghetto gebracht worden. Zahavi schildert, wie sie am 16. Mai 1944 zum Bahnhof marschieren musste, gemeinsam mit Alten, Kindern, Schwangeren. Sie sei zu dem Zeitpunkt 15 Jahre alt gewesen. "Wir wussten nicht, wo wir hingebracht wurden."   

Als Zahavi die Tage der Deportation schildert, bricht ihre Stimme. Ihr Anwalt legt ihr die Hand auf die Schulter, sie solle fortfahren. "In der Mitte des Waggons stand ein Eimer, den sollten wir als Waschraum nutzen", erzählt sie. In einem anderen Eimer sei etwas Wasser gewesen. Der Zug habe immer mal wieder angehalten, um den Eimer zu entleeren und die Leichen rauszuwerfen. "Wir fühlten uns wie Tiere. Wir wurden schlimmer behandelt als Tiere", sagt Zahavi.

Bei ihrer Ankunft in Auschwitz habe sie vier oder fünf SS-Soldaten gesehen. "Wie Sie", sagt Zahavi plötzlich mit lauter, entschiedener Stimme und blickt zu Gröning hinüber. Sie schildert, wie aggressiv die SS-Männer gewesen seien, wie die Schäferhunde an den Leinen zerrten, wie ihr selbst der Kopf geschoren und sie in neuer Kleidung in einen der Blöcke gebracht wurde. Sie habe gesehen, wie Menschen erschossen wurden, weil sie für den Zählappell auf dem Hof eine Decke mitgebracht hatten. Ein ganzer Block voller Kinder sei über Nacht verwaist gewesen, "alle Kinder waren in die Gaskammer gebracht worden".

Auch ihre Eltern habe sie nie wiedergesehen. Eine Frau aus Tschechien, die bereits drei oder vier Jahre in Auschwitz gewesen sei und "Neuankömmlinge aus Ungarn hasste", habe Zahavi über das Schicksal ihrer Familie aufgeklärt: "Da sind deine Eltern", habe die Tschechin gesagt und dabei auf den aufsteigenden Rauch gedeutet.