Gerrit Braun spricht heute über Helene Fischer. "Auch wenn ihre Musik nicht jedermanns Geschmack ist, bewegt sie Massen", sagt er. Mainstream hin oder her, Hauptsache friedlich und mit tanzbarem Beat. Das war schon vor 20 Jahren nicht anders, auch wenn seine favorisierte Musik damals noch anders klang: schneller und elektronischer.

Braun macht heute einen gutbürgerlichen Eindruck. Gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Frederik betreibt er das Miniaturwunderland in der Speicherstadt, eine riesige Modelleisenbahnanlage. Zudem hat er sich für die Olympiabewerbung Hamburgs engagiert. Anfang der Neunziger aber war er einer der Techno-Avantgardisten der Stadt. Mit seinem Bruder unterhielt er einen Club namens Voilà und mischte auch bei Hamburgs kleiner Love-Parade mit, dem G-Move.

Die Conventstraße in Hamburg-Eilbek mit ihren klinkerroten Mehrfamilienhäusern und Gewerbehöfen liegt in einem der für Hamburg so typischen Mischgebiete der Nachkriegszeit. Ein gesichtsloses Treppenhaus führte ins Voilà im ersten Stock. In den Achtzigern noch mehr eine gepflegte Diskothek, wurde das Voilà in den Neunzigern zum Techno-Club, der die Gäste mit Schwarzlicht, Stroboskop und Laserfächer empfing. Das Spiel mit Lichteffekten und Glanzfolien war wichtiger Bestandteil der Clubinszenierung. Bei Glühbirnenlicht hätte der Laden den Charme eines Einwohnermeldeamtes gehabt.

Der Sound des neoliberalen Jahrzehnts

Dabei war Techno in Hamburg eigentlich verspätet angekommen. Hamburg, das war bis dahin House – Clubs wie das Front machten Furore. Klaus Stockhausen, heute beim ZEIT-Magazin und damals Resident-DJ des Front, erinnerte sich vor einigen Jahren über die einsetzende Techno-Phase: "Ich fand das furchtbar. Auf den Platten hörte ich nur noch Waschmaschinen rattern." Dabei lagen die Wurzeln des Techno im House, der sich seit den späten Siebzigern aus der populären Discomusik zusammen mit verschiedenen elektronischen Stilen heraus entwickelte. Als Keimzelle der bis zu 130 Beats pro Minute schnellen House-Musik gilt das Warehouse in der US-Stadt Chicago. Ab Mitte der Achtziger dann zog House-Abkömmling Techno mit einem schnelleren und maschinelleren Beat auch in die europäische Clubszene ein.

Die Diskjockeys in den Clubs wurden zu Superstars. Während der Neoliberalismus das politische Klima dieser Zeit prägte, entwickelte sich drumherum eine postpolitische Jugendbewegung mit einem eigenen, berauschenden Soundtrack. Eine Bewegung, die unter dem übersichtlichen Motto "Love, Peace and Unity" stand. Eine Parallelwelt aus rasenden Beats, einem neuartigen Körperkult und Amphetaminen, abseits von Lehre, Jobmonotonie und Studium.

"Ich war ziemlich geflasht und überzeugt, dass das eine Massenbewegung werden konnte", erinnert sich Gerrit Braun. Täglich legten deswegen im Voilà die DJs Janny und MartinK Techno auf. Nur nicht am Freitag. Der gehörte der coolen House-Szene, die im Haus gehalten werden sollte. Was die Popper in den Achtzigern waren, war das House-Publikum in den Neunzigern: ziemlich abgehobene Schnösel. Türsteher und Frauenüberschuss waren auf ihren Partys Standard, genauso wie neueste weiße Turnschuhe.

Freizügiger ging es am Samstag im Voilà zu: Da wurde im hinteren Clubbereich Goa gespielt, eine relativ harmonische Techno-Variante. Die Szene trug bauchfrei, Girlie-Zöpfe, Mecki oder Glatze, kleidete sich in fransige Hotpants und Camouflage-Muster. Auch Outfits aus anderen Szenen gingen im Techno auf: Hosenträger, Lack, Leder, Iros und Tattoos. Oder enge, weiße Ripp-T-Shirts, die schön im Schwarzlicht fluoreszierten.

Noch vielfältiger war die Kleidung in den Techno-Clubs Tunnel und Unit, die kurz nach dem Voilà in Hamburg aufmachten. Hier trugen die Gäste auch Plateausohlen, Männerröcke im Neon-Batik-Look und Bauarbeiterwesten. "Dafür war das Voilà wohl etwas zu Mainstream", erinnert sich Gerrit Braun.

Wer über Techno spricht, spricht auch über Drogen

Auch wenn die Techno-Szene in den Neunzigern in Hamburg schnell anwuchs: deutschlandweit gesehen blieb sie klein. Zwar legten schon damals DJ-Größen wie Westbam oder Sven Väth in der Stadt auf, aber sie wurde doch lange eher mit House-Partys in Verbindung gebracht. Erst in den 2000ern machte die Hamburger Subkultur mit Techno über den Norden hinaus auf sich aufmerksam.

Deutschlands Techno-Städte waren bis dahin vor allem Berlin und Frankfurt. In Berlin entstand ein experimenteller Stil, der keine Massen beschwingte, aber für Hinterhofpartys taugte, bei denen Roboter in Aquarien schwammen und Frauen in Hochzeitskleidern Cocktails mixten. In Frankfurt eröffnete Sven Väth das Dorian Gray. Er und DJs wie Ricardo Villabos legten nicht nur Platten auf, sie wurden zu eigenständigen Klangkünstlern.

Wie massenkompatibel Techno eigentlich ist, zeigte die Love-Parade. 1989 mieteten die DJs Dr. Motte und Kid Paul in Berlin einen Lastwagen und fuhren, beschallt von schweren Beats, den Kurfürstendamm hoch und wieder runter. Beim ersten Mal folgten ihnen 150 Raver, nur wenige Jahre später war die Love-Parade mit über eine Millionen Besuchern die "Mutter aller Mega-Events" – bis sie 21 Jahre später in Duisburg mit einer tödlichen Massenpanik ein jähes Ende fand.

Wer über Techno spricht, der spricht zwangsläufig auch über Drogen, über Pillen mit eingestanzten Schmetterlingen, Vöglein oder Kussmündern, die jeden noch so introvertierten Bankkaufmann zum Freak machten. Viele Technoclubs kooperierten damals zwar mit der Polizei, ließen Razzien durchführen. Wenn die Clubbesucher morgens aus den Clubs taumelten, blickten sie dennoch mit geweiteten Pupillen ins Licht.

Trend zum familiären Techno-Club

Gerrit Braun sagt, er habe kein Ecstasy eingeworfen. Die Musik habe ihn auch so mitgenommen. Er beteiligte sich auch am ersten G-Move, Hamburgs kleinem Pendant zur Love-Parade, der 1995 erstmals stattfand. Es freute ihn, dass von Jahr zu Jahr mehr Leute am Hafen entlang zogen. Es störte ihn aber auch zunehmend, dass genau das viele in der Szene anders sahen.

"Ich verstehe nicht, dass sich Menschen von einer Sache abwenden, nur weil viele Leute an dieser Sache Gefallen finden", sagt er noch heute. Die Clubszene definiere sich viel zu sehr über Coolness. Dieser Reflex war der Grund, warum er und sein Bruder das Voilà Ende der Neunziger aufgaben und sich in der Speicherstadt lieber Modelleisenbahnen widmeten.

Die Teilnehmerzahlen des G-Moves gingen danach zurück, 2004 fand er zum letzten Mal in Hamburg statt. 2000 eröffnete der Hamburger Gastronom und Clubbetreiber Wolf von Waldenfels am Nobistor das Phonodrome, das sich schnell zu einer subkulturellen Techno-Größe entwickelte. Die Ära sollte fünf Jahre dauern, ehe sich Waldenfels mit seinem Club verabschiedete: "Das letzte Jahr hat gezeigt, dass der Mainstream die Techno-Clubkultur aufgesaugt hat", sagt er.

Waldenfels ist überzeugt, dass Techno heute nur noch auf großen Events oder aber in kleinen, familiären Clubs funktioniere. Dazwischen sei kein Platz mehr. Große, kommerzielle Clubs verlören ihre Lebensgrundlage. Den Trend zum familiären Club hat heute etwa das Turtur der Techno-Künstlerin Mona Moore in Hamburg-Wilhelmsburg erkannt. Im Sommer ist es eine Pizzeria, zur kalten Jahreszeit ein Club. Das Voilà heißt heute H1. Einmal im Jahr gibt es hier eine Revival-Party. Gerrit und Frederik Braun stehen dann hinter der Bar, während "erwachsene Menschen wippen wie die Hühner."