Eintauchen, abtauchen, untertauchen: Wenn es um bewusst bewusstseinsverändernde Wechsel in Gefilde fern der Norm geht, wird dafür gerne mal Wassersportvokabular verwendet. In der Hamburger Hopfenstraße, dort wo St. Paulis Amüsiergegend jahrzehntelang ins Brauereiviertel ausfranste, gab es einst die Disko Tiefenrausch, die sich mit ihrem Namen dieser Assoziationen bewusst bediente.

Tiefenrausch. Clubgängern mit eigenem Erinnerungsspeicher geht gleichermaßen ein wohliges Kribbeln durchs Gemüt, wenn sie an den Laden denken. Schließlich war der kleine Kellerclub abgesehen vom unverwüstlichen Purgatory vermutlich Hamburgs erste Kleinraumdisco mit elektronischer Liedstruktur, dessen Innenausstattung vom Fabrikambiente damaliger Technoclubs konsequent abwich.

Wer vor gut 30 Jahren House hören wollte, wurde seinerzeit noch vorwiegend ins Stroboskop-Gewitter geschickt – oder noch artifizieller ins Lasershow-Unwetter. Dann aber eröffnete schräg gegenüber der unberührbaren Herbertstraße dieser pittoreske Laden mit dem Mischnamen aus beidrehen, abdrehen, baden gehen und alles wurde irgendwie anders. Milder. Märchenhaft. Seifenblasig.

In den klinisch-kühlen Achtzigern am Übergang zu den übersteuert-beliebigen Neunzigern war er somit ebenso die Antithese zur herrschenden wie zur aufkommenden Partykultur jener Tage: Weder aseptisch wie Tunnel und Traxx noch poppig wie der analoge Rest des Mainstreams. Sondern wohlig warm und doch sehr künstlich. Schon dieser Einstieg: Ein paar Stufen abwärts ging es durch die wellenfarbig bemalte Fassade mit Tropenfischen hinab zur Tiefsee. Über der Theke hingen Fangnetze und Schwimmflossen, gesäumt von allerlei Korallenriffgetier aus Pappe und Plastik. Die maritime Dekoration garnierte einen Weg zum Dancefloor, der eigentlich fast überall war – so winzig kam der Meeresgrund unterm Kopfsteinpflaster daher.

Anfang der Neunziger kam Hip-Hop dazu

Getanzt wurde darauf zu einer Art quirliger Entspannungselectronica, die dem damaligen Abzweig des langsam erwachenden Kiezes in die Chichi-Kultur ent-, zugleich aber auch widersprach. Nebenan rollte ja gerade eine Kuschelwelle über die Reeperbahn, vielerorts ging es plötzlich plüschig statt brachial zu. Noch ohne dem "Ex" davor hing selbst im Punkerschuppen Sparr ein Gemälde voll röhrender Hirsche überm Troddel-Sofa. Es war die Zeit der Geweihe und Flora-Soft-T-Shirts. Nach dem verlorenen Jahrzehnt blutiger Bandenkriege und konstanter Vernachlässigung wurde St. Pauli stellenweise behaglich, im Tiefenrausch vertont durch einen Sound, der dem zackigen Acid die Kanten abschliff und das Gemüt eher umschmeicheln als aufwühlen wollte. 

Anfang der Neunziger wurde der Clubsound im Tiefenrausch dann zusehends ergänzt vom damals noch smartem Hip-Hop. Der Sprechgesang fand hier ein wichtiges Refugium und machte Hamburg für kurze Zeit zu einem Kristallisationspunkt des europäischen Hip-Hops. Das war natürlich, wie so oft im Rotlichtbereich, ein Stück weit Tarnung der vorherrschenden Mehrheitskultur, denn auch im Tiefenrausch drang neben feinem Elektro und Hip-Hop regelmäßig Mainstream aus den Boxen. 

Aber man ließ sich davon nur zu gerne blenden. Unterstützt übrigens durch allerlei bewusstseinsverändernde Pillen und Mischgetränke seltsamer Farbgebung von altrosa bis frühlingsgrün, die ihre Wirkung gern unverhofft und verspätet entfaltet haben. Schon deshalb verließ man den Laden selten vor dem Morgengrauen – um aus dem glitzernden Ozean sediert ins Brackwasser der Nachbarschaft gespült zu werden.