ZEIT ONLINE: Die Ermittler Ihrer Behörde, die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen, haben vor Kurzem acht mutmaßliche NS-Verbrecher aufgespürt. Wie haben Sie die Verdächtigen gefunden?

Jens Rommel: Wir haben zunächst einen juristischen Gedanken auf das Lager Stutthof übertragen, den die Zentrale Stelle zu Auschwitz entwickelt hat: Auch ohne Nachweis einer konkreten Beteiligung an einem einzelnen Mord kann sich ein Wachmann strafbar gemacht haben. Allein durch seinen Dienst im Lager hat er das Vernichtungsprogramm gefördert oder erleichtert. Nach unseren Vorermittlungen war das Konzentrationslager Stutthof von Juli bis Oktober in die sogenannte Endlösung einbezogen.

ZEIT ONLINE: Welche Verbrechen haben Wachmänner dort begangen?

Rommel: Tausende jüdische Gefangene wurden systematisch ermordet – durch Genickschüsse oder in Gaskammern. Wir haben nach Belegen dafür gesucht, welche Personen wann welche Funktionen ausgeübt haben. Soweit die Betroffenen noch leben, konnten wir nun die Verfahren an die zuständigen Staatsanwaltschaften weiterleiten.

ZEIT ONLINE: Welche Straftaten legen Sie den verdächtigten vier Männern und vier Frauen zur Last?

Rommel: Es geht um den Vorwurf der Beihilfe zum Mord. Bei den vier Männern handelt es sich nach unseren Erkenntnissen um Wachmannschaften der SS. Die vier Frauen sollen als Zivilangestellte in der Kommandantur zum Funktionieren des Lagers und damit zu den Massenmorden beigetragen haben.

ZEIT ONLINE: Müssen Sie den Verdächtigen denn nicht die Beteiligung an konkreten Delikten nachweisen?

Rommel: Nach unserer Überzeugung genügt der Dienst in einem Lager in einer Zeit, in der dort systematisch und bürokratisch organisiert Tausende getötet wurden – vorausgesetzt, die betroffene Person wusste davon und von ihrem eigenen Beitrag. Auch die Urteile des Landgerichts Lüneburg gegen Gröning und des Landgerichts Detmold gegen Hanning stützen diesen weiten Ansatz. Wir müssen nun abwarten, ob der Bundesgerichtshof im Revisionsverfahren Gröning genauere Vorgaben macht, ab wann auch der Einzelne mitverantwortlich ist für die Massenmorde.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen von dem spektakulären Prozess aus dem vergangenen Jahr am Landgericht Lüneburg. Damals verurteilten die Richter den SS-Mann Oskar Gröning wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen zu vier Jahren Haft. Nun entscheidet der Bundesgerichtshof über eine Revision. Was erwarten Sie vom BGH?

Rommel: Wir erhoffen uns eine Klarstellung zu der Frage, unter welchen Voraussetzungen auch der kleine Beitrag eines einzelnen Wachmanns als Beihilfe zum Mord strafbar ist, weil er das Vernichtungsprogramm unterstützt hat. Diese Grenzziehung wird mitentscheiden, ob es noch zu weiteren Verfahren kommen wird.

ZEIT ONLINE: "Mord verjährt nie", heißt es. Das gilt auch für die Beihilfe. Warum hat Ihre Behörde nicht schon vor Jahrzehnten nach diesem Grundsatz ermittelt?

Rommel: Die Zentrale Stelle hat immer zum Vorwurf des Mordes einschließlich der Beihilfe ermittelt. Ziel unserer Vorermittlungen ist, Verfahren bei Staatsanwaltschaften und Gerichten zu ermöglichen. Dies setzt voraus, dass die Justizbehörden ein bestimmtes Verhalten als strafbar bewerten. Nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 1969 war nicht jeder, der irgendwie in das Vernichtungsprogramm in Auschwitz eingegliedert war, für alles verantwortlich, was im Rahmen dieses Programms geschah. In der Folge wurden fast alle Ermittlungsverfahren zu diesen Massenverbrechen eingestellt. Auch für mich ist nicht ganz klar, warum es danach so lange gedauert hat, bis neue Vorstöße unternommen wurden.

ZEIT ONLINE: Ihre jüngsten Ermittlungen richteten sich gegen NS-Personal aus dem KZ Stutthof bei Danzig. Zu welchen Verbrechen in anderen Konzentrationslagern recherchieren Ihre Kollegen und Sie gerade?

Rommel: Wir ermitteln weiter zu den Konzentrationslagern Auschwitz und Majdanek. Unsere Vorermittlungen betreffen derzeit auch die Lager Bergen-Belsen und Neuengamme.

ZEIT ONLINE: Wie laufen die Vorermittlungen zum KZ Neuengamme am Rand von Hamburg?

Rommel: Auch bei Neuengamme prüfen wir, ob wir ein systematisches Vernichtungsgeschehen nachweisen können und wer deswegen noch verfolgt werden kann. Allerdings ist es dort deutlich schwieriger, ein Vernichtungsprogramm festzustellen, als es bei den reinen Vernichtungslagern wie Sobibor oder Konzentrationslagern wie Auschwitz und Majdanek oder zuletzt für einen bestimmten Zeitraum in Stutthof der Fall ist.

ZEIT ONLINE: Liegt das daran, dass Neuengamme ein sogenanntes Arbeitslager war, in dem die SS das grausame Prinzip von "Vernichtung durch Arbeit" verfolgte? Etwa 50.000 Männer wurden dort und in den Nebenlagern ermordet. Es gab aber in Neuengamme keine Gaskammern.