Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

Hamburg erwacht langsam wieder aus dem Gipfeltrauma, die Ermittler sind noch dabei, die Gewalttäter, Randalierer und Kriminellen des G20-Gipfels zu identifizieren –hier können selbst Videovoyeure ihre sensationslüsternen Aufnahmen sinnvoll der Fahndung zuführen. Und gestern verteidigte die Bundesregierung die Ausrichtung des G20-Gipfels in Hamburg. Die Staats- und Regierungschefs hätten wichtige Ergebnisse erzielt, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Kanzlerin Angela Merkel stehe zu der Entscheidung, Hamburg als Gipfelort ausgewählt zu haben, die Zusammenarbeit mit Bürgermeister Olaf Scholz sei ausgesprochen gut und eng gewesen. Zur Frage, ob Deutschland einen Imageschaden erlitten habe, äußerte sich Seibert eher ausweichend.

Zur Frage, ob das Chaos in Hamburg denn mit mehr Polizisten ausgeblieben wäre, äußerte sich dagegen der Bund Deutscher Kriminalbeamter. Er meint: Nein. Es sei mit über 20.000 Beamten schon nicht gelungen, die Stadt vor 1500 linken Kriminellen zu schützen, sagte Verbandschef André Schulz der dpa. "Was wäre eigentlich passiert, wenn tatsächlich die prognostizierten 8000 linken Gewalttäter nach Hamburg gekommen wären und es an verschiedenen Orten der Stadt gleichzeitig zu Ausschreitungen gekommen wäre? Man mag es sich nicht ausmalen."

Bürgermeister weiter unter Beschuss

Ob Olaf Scholz mittlerweile wieder ruhig schlafen kann, ist fraglich. Auch am zweiten Tag nach dem offiziellen Gipfelende forderte die Opposition seinen Rücktritt. Verteidigt wird Scholz indes auch von Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU), der "keine Begründung" erkennen kann, warum Scholz zurücktreten sollte. Aber auch Koalitionspartner Anjes Tjarks von den Hamburger Grünen sagt: "Die, die jetzt Rücktritte fordern, haben noch mit keiner Silbe gesagt, was sie anders oder gar besser gemacht hätten." Auch auf unsere Nachfrage hin bleibt Hamburgs CDU-Chef André Trepoll da unkonkret. Die Wahl Hamburgs als Austragungsort möchte er gar nicht kritisieren – wie auch, war sie doch die Idee von Kanzlerin Angela Merkel (selbe Partei). Stattdessen wirft Trepoll dem rot-grünen Senat eine "Toleranzpolitik für Keimzellen des Extremismus" vor. Sie sei die "geistige und logistische Unterstützerplattform für linke Gewalttäter", meint Trepoll und fordert deshalb die umgehende Schließung der Roten Flora. "Sie hat sich nicht von Gewalt distanziert", betont er uns gegenüber. "Sie steht auch für die europaweite Vernetzung dieser Szene." Vor allem die Sicherheitsgarantie, die Scholz vor dem Gipfel abgegeben hatte, ist für den CDU-Chef ein Rücktrittsgrund. "Seine im Vorwege zur Schau getragene Gelassenheit und seine schrägen Vergleiche sind das eine. Der Umgang mit diesem Desaster und dass er nicht in der Lage ist, sich für Fehler zu entschuldigen, ist das andere", sagt Trepoll . Vorerst soll es laut Anjes Tjarks eine Sondersitzung des Innenausschusses geben, die Linken fordern gar einen Untersuchungsausschuss, der "den ganzen Komplex" rund um den Gipfel unter die Lupe nimmt. Morgen will Olaf Scholz vor der Bürgerschaft erst mal eine Regierungserklärung abgeben.

"Es darf kein nächstes Mal geben"

18 Millionen Euro Umsatzeinbuße haben die Geschäfte der Innenstadt nach eigenem Bekunden dem G20-Gipfel zu verdanken, drei Millionen mehr als erwartet. Wir haben Brigitte Engler, Geschäftsführerin des City Management Hamburg, gefragt, ob sie sich schon auf den nächsten Gipfel freut.

Elbvertiefung: Frau Engler, das City Management hat dem Bürgermeister gestern gemeinsam mit zwei weiteren Handelsverbänden einen Brief geschrieben, in dem als Ausgleich für den Umsatzverlust während des G20-Gipfels zwei verkaufsoffene Dezembersonntage gefordert werden. Die können die 18 Millionen Euro wieder wettmachen?

Brigitte Engler: Uns ist bewusst, dass dies nur eine Teilkompensation darstellt. Damit werden wir den Ausfall nicht annähernd hereinholen. Aber wir brauchen diese beiden Tage schon allein für die Sicherung der Arbeitsplätze.

EV: Gerechnet hatten Sie ja durch das Wegbleiben der Kunden nur mit 15 Millionen Verlust. Wieso wurde das mehr?

Engler: Manche Geschäfte konnten erst gar nicht öffnen, weil ihre Mitarbeiter die Innenstadt nicht erreicht haben. Einige Mitarbeiter, die in der Schanze wohnen, haben sich nicht getraut, nach den schockierenden Ereignissen ihre Wohnungen zu verlassen. Aber nach den Berichten über die bürgerkriegsähnlichen Zustände am Freitag war uns klar, dass Einkaufen am Samstag in der Innenstadt keine Rolle spielen würde. Fast alle Geschäfte haben am Samstag spätestens um 11.15 Uhr aufgegeben und geschlossen. Wir hatten ja auch Splittergruppen des schwarzen Blocks in der Stadt.

EV: Wenn man die verbarrikadierten Schaufenster in der Mönckebergstraße gesehen hat, könnte man dennoch vermuten, dass Sie auf die Heftigkeit der Gewalt besser vorbereitet waren als offenbar die verantwortlichen Politiker.

Engler: Wir waren extrem besorgt, dass es so werden könnte, wie es schlussendlich geworden ist. Wir hatten im Vorfeld recherchiert, wie sich solche Gipfel in anderen Städten ausgewirkt haben: Was war in Genua passiert, was in Toronto und London? Es waren überall schreckliche Bilder. Jedes Haus hat massiv in bauliche Sicherheitsmaßnahmen investiert, das ist bei den 18 Millionen Euro noch gar nicht berücksichtigt. Die meisten hatten zusätzlich auch Security-Personal engagiert, von denen haben wir dann beispielsweise gehört, dass die Geschäfte vom schwarzen Block zwar ausgespäht, aber dank dieser Maßnahmen gemieden worden waren.

EV: Der schwarze Block ging ähnlich strategisch vor wie eine Bande Juwelenräuber?

Engler: So haben es uns die Sicherheitsmitarbeiter geschildert.

EV: Bekommen die betroffenen Geschäfte irgendeine Entschädigung?

Engler: Nur wenn es eine klare Anweisung gegeben hätte zu schließen. Die Geschäfte und Restaurants im Levantehaus bekommen beispielsweise keine Entschädigung, weil sie freiwillig geschlossen hatten. Das für uns zuständige Polizeikommissariat 14 hat außerdem ganz früh darauf hingewiesen, dass Baustellen rückgebaut werden mussten, dass also keine Steine herumliegen oder Gerüste stehen bleiben durften. Gut, dass die Innenstadt so umfassend abgesichert war – aber auch diese Kosten werden nicht ersetzt.

EV: In dem Brief an Olaf Scholz schreiben Sie unter anderem: "Uns allen ist bewusst, dass der entstandene Imageschaden Hamburgs auch den Einkaufsstandort Hamburg treffen wird", und fordern eine entsprechende Werbekampagne.

Engler: Hoffentlich gelingt es uns, diesen Schaden in den kommenden Jahren wiedergutzumachen.

EV: Welche Lehren haben Sie für das nächste Mal gezogen?

Engler: Es darf kein nächstes Mal geben.

Hamburgs fleißigste Abgeordnete macht rüber

Die CDU-Politikerin Karin Prien, seit Kurzem neue Bildungsministerin Schleswig-Holsteins, hat ihr Bürgerschaftsmandat bereits gestern und damit zwei Tage früher als geplant niedergelegt. Eigentlich wollte sie sich in der morgigen Bürgerschaftssitzung verabschieden, doch habe diese nach den G20-Krawallen "andere Prioritäten", wie Prien verlautbaren ließ. Die CDU-Fraktion verliert damit ihr emsigstes Mitglied. Auf ihrer eigenen Website rühmt sich Prien, in der laufenden Wahlperiode – die noch keine zweieinhalb Jahre alt ist – nicht weniger als 595 Kleine sowie 33 Große Anfragen gestellt zu haben. Wer nun in Hamburg für mehr Frauen in der CDU kämpfen wird, ist noch offen.

Welcome to Heaven

Schließen Sie die Augen. Stellen Sie sich vor, die Sonne scheint. Wovon träumen Sie? Vom Grünen. Ohne Menschen. Ohne Autos. Ohne Hubschrauber. Netterweise hat die Umweltbehörde ausgerechnet kurz vor dem G20-Gipfel (Zufall? Wir glauben nicht!) das Wanderkartenset über Hamburgs Grüne Ringe neu aufgelegt. Davon gibt es – kleine Heimatkunde für alle Quiddjes – zwei, einen rund um die Innenstadt, der auf dem ehemaligen Wallring in etwa einem Kilometer Entfernung rund um das Rathaus verläuft und Elbpark, Wallanlagen, Planten un Blomen sowie die Grünflächen bis zu den Lombardsbrücken umfasst. Und einen zweiten Grünen Ring, der 100 Kilometer lang ist und auf dem Wanderer und Radfahrer alle Landschaftstypen erleben können, die unsere schöne Stadt zu bieten hat: Parkanlagen, Kleingartenparks, Waldgebiete, landwirtschaftliche Kulturlandschaften der Geest und der Marsch mit Gemüse-, Blumen- und Obstanbau, Äcker und Grünländereien, Naturschutzgebiete, Flüsse und Seen. Nur Gipfel kommen keine (mehr?) vor. Wem 100 Kilometer Fußmarsch nach all der Demonstriererei zu anstrengend klingen: Es gibt noch sieben weitere, kürzere Etappen. Die Wanderkarten liegen umsonst in den Bezirksämtern, der Bücherhalle am Hühnerposten und der Umweltbehörde aus. Und wem sogar dieser Weg noch zu weit ist: Hier gibt es die Online-Version.

SCHLUSS

Bei allem Negativen, das uns der G20-Gipfel beschert hat, können wir zum Schluss noch über etwas Positives berichten. Der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira twitterte am Sonntag ein Video, das Hamburg während und nach dem Gipfel zeigt und lobt: "Weniger als 24 Stunden nach den Anti-G20-Protesten ist Hamburg wieder sauber." Titel des Tweets? "Thank you, German efficiency". Hm ...

Kaffeepause

Angeschwemmt in Ottensen

Gerüchte treiben den Kaffeeliebhaber in das Tide nach Ottensen. Angeblich gibt es hier den besten Kaffee der Gegend. Bei Superlativen immer vorsichtig, bestellt man am Tresen einen Cappuccino. In der Auslage werden süße Teilchen, herzhafte Panini und Kuchen präsentiert, auf Regalen ausgewählte Feinkost; Marmeladen aus England, selbst gemachter Holunderblütensirup, Essig und anderes mehr. Der kleine Laden wirkt sympathisch unaufdringlich. Treibholz – dicke Planken und Balken – findet sich an den Decken und in den Ecken. Inhaber Frank Walbeck hat es an der deutschen und dänischen Nordseeküste gesammelt, ein Stück soll sogar von der Küste Islands stammen. In der kleinen an das Café anschließenden Werkstatt bearbeitet Walbeck das Holz, man kann es auch käuflich erwerben. Nach der kleinen Runde durch das Lädchen nimmt man draußen seinen Platz auf dem Trottoir an einem der unprätentiösen weißen Holztische ein. Dann kommt der Cappuccino, der Kaffee dazu ist ein Bio-Espresso aus der Speicherstadt-Kaffeerösterei. Und schon nach dem ersten Schluck wird klar: Bisweilen darf man Gerüchten trauen.

Tide; Ottensen, Rothestraße 53, Mo–So 8–18 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Ferien-Magie: Wo befindet sich Gleis 9 3/4, wieso spricht der olle Hut, und was hat es mit dem Schockzauber auf sich? Kids ab sechs Jahren tauchen bei "Harry Potters magische Welten" ein in die Geheimnisse von Hogwarts. Als zauberhaftes Sahnehäubchen gibt es Tisch-Quidditch und Lesungen aus den "Märchen von Beedle dem Barden".

Bücherhalle Dehnhaide, Wohldorfer Straße 30, 10–18 Uhr, Eintritt frei

Freiluftmusik: "Die Serenade, eine abendliche Freiluftmusik mit unterhaltsamem Charakter", doziert Wikipedia. Klingt altmodisch – wären die Protagonisten nicht Schüler der Jugendmusikschule. Sie spielen frisch auf zur Sommerserenade.

Stadtteilschule Alter Teichweg, Kulturhof Dulsberg, Alter Teichweg 200, 19 Uhr

Dorf-Rocker: Treffen sich ein paar coole Typen, machen richtig laut Mucke – und ziehen aufs Land. Was klingt wie ein Ostfriesenwitz, ist die Geschichte von Will and the People. Nördlich von London leben die vier Dorfjungs, komponieren Rocksongs, proben und – na, vielleicht trinken sie auch mal einen.

Prinzenbar, Kastanienallee 20, 19 Uhr, 20,50 Euro

Was bleibt

Hochschulkunst: Die deutsche Zeichenkunst ließ 1767 zu wünschen übrig, befand damals die Patriotische Gesellschaft. Deshalb gründete sie die Hochschule für Bildende Künste (HFBK) – in diesem Sommer vor 250 Jahren. Den Auftakt der Jubiläumswoche macht das Symposium "Individuality/Dividuation: An Epistemological Perspective". Zentrale Frage: Ist der Mensch tatsächlich ein Individuum oder eher die "Schnittmenge verschiedener Teilhabeformen"?

Festwoche am Lerchenfeld, Auftakt: Aula, Lerchenfeld 2, Di–So, Programm online

Hamburger Schnack

Kommentar meiner (leider) nicht protestbewegten Tochter über das ganze Theater um G20: "Warum sind die eigentlich alle extra nach Hamburg gekommen? Können die sich nicht wie normale Leute mit WhatsApp unterhalten?"

Gehört von Regina Allmer

Meine Stadt

Bienenzucht auf Hausdächern ist in Hamburg ja mittlerweile fast alltäglich. Hier aber kommt die erste mobile Imkerei. © Brigitte Reinhardt

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

 

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