Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

wohin in den Urlaub? Die Minister der frisch gebackenen schleswig-holsteinischen Landesregierung geben sich da ganz bescheiden, segeln auf der Ostsee, wandern in den Bergen, lesen Bücher über Roboter- und Maschinenethik (wenigstens etwas Berechenbares!), ja Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) will sich der Überarbeitung der A20-Planungen widmen und fährt deswegen gar nicht in den Urlaub.

Muss er auch nicht, alle wollen in den Ferien sowieso nach Schleswig-Holstein. Die Tourismus-Agentur des Landes rechnet mit einem neuen Gästerekord. St. Peter-Ording, Travemünde und Weißenhäuser Strand, ja selbst der Fressmeilen- und Grünstrandort Büsum sind fast zu 100 Prozent ausgebucht, was weniger an der Attraktivität der Unterkünfte liegt als an der allgemeinen Weltlage.

Dazu kommt: Die Schleswig-Holsteiner mögen zwar bescheiden tun, aber sie wissen, wie man mit Großveranstaltungen umgeht. In der kommenden Woche steht wieder eine an, 75.000 Besucher, überwiegend schwarz gekleidet (!), werden erwartet, dazu höllischer Lärm und jede Menge Alkohol. In Hamburg würde das genügen, um das Event im Herzen der City abzuhalten zu dürfen, inklusive einer Sperrung sämtlicher Straßen rund um Alster und Hauptbahnhof und ausgiebigen Pinkelparaden in den angrenzenden Bezirken. Unsere Landesnachbarn dagegen tun den Teufel, das Festival in das Herz von Kiel zu verlegen, nur weil es dort mehr Hotelbetten gibt. So bleibt man in Wacken, Kreis Steinburg, einer Gemeinde mit 1800 Einwohnern, die während des größten Metal-Spektakels der Welt zur Zeltstadt wird – und zum vermutlich lautesten Ort der Welt.  Bei dem Festival wurden bisher Lautstärken von bis zu 120 Dezibel erreicht; hier beginnt laut Experten beim Menschen die sogenannte "Schmerzschwelle". 

Das war es bislang aber auch schon mit den Schmerzen. Trotz der teils bedrohlichen Outfits der Fans verlief das "Wacken Open Air" in den 27 Jahren seit seinem Bestehen laut Polizei zwar überwiegend ausgelassen, aber ungemein friedlich. Manche behaupten, das liege daran, dass die dort gebotene Musik derart aggressiv sei, dass zum Ausgleich das Harmoniebedürfnis der Wacken-Besucher steige. Andere meinen, es liege daran, dass in den drei Tagen des Events 400.000 Liter sedierendes Bier verkonsumiert würden. Sollte das stimmen, hat man dieses Jahr klug investiert: in eine Bier-Pipeline direkt aufs Festivalgelände.

Noch einer: Peter Altmaier will Rote Flora schließen

Auch Kanzleramtschef Peter Altmaier hat sich nun von Berlin aus dafür ausgesprochen, die Rote Flora im Schanzenviertel zu schließen. Stelle sich heraus, "dass Verantwortliche der Roten Flora an den Ausschreitungen beteiligt waren oder dazu beigetragen haben, muss das Konsequenzen haben, bis hin zur Schließung", so Altmaier zur "Bild am Sonntag". Rechtsfreie Räume dürfe es nicht geben, so der CDU-Mann. Treffpunkte "von gewaltbereiten Linksextremen" müssten ebenso geschlossen werden "wie Moscheen, in denen Islamisten zur Gewalt aufrufen". Allerdings gilt hier wie da, dass sich die wirklich Gewaltbereiten unbeeindruckt von der Symbolpolitik dann einfach anderswo treffen. Mal sehen, ob der nächste Flora-Schließer etwas dazu sagt.

Dohnanyi fordert Gesetzesänderung für gefährliche Demos

Der ehemalige Bürgermeister Klaus von Dohnanyi ist eine Instanz in der Stadt, auch weil er während seiner Amtszeit in den 1980ern eine friedliche Lösung im Konflikt um die besetzten Häuser in der Hafenstraße fand. So ganz vergleichbar ist das nicht, aber dennoch ist von Dohnanyi jetzt ein gefragter Interviewpartner, wenn es um die Nachwehen des G20-Gipfels geht. In der "Süddeutschen Zeitung" von Donnerstag gab sich der 89-jährige SPD-Politiker liberal. Ja, man solle das Gespräch mit der Roten Flora suchen. "Auch ein schwieriger Dialog ist immer ein wesentlicher Teil politischer Arbeit." Ein Grund für die Protestbewegung (ebenso wie für die Trump-Wahl und den Brexit) sei die Globalisierung. "Ich sehe in all dem eine Entwicklung, die uns anzeigt, dass die Demokratie in ihrer heutigen Praxis ihre Akzeptanz verliert", so Dohnanyi. Eine offene Gesellschaft könne Unterschiede verkraften. Das gelte für jeden Protest, wenn er nicht gewalttätig werde: "Gewalt ist nie Instrument der Demokratie, freie Diskussion immer." So weit, so besonnen. Eher radikal dagegen seine Forderung zwei Tage später in einem Interview mit der "Welt". Dort macht sich Dohnanyi dafür stark, die Regeln der Versammlungsfreiheit zu überprüfen. Konkret: Der Innensenator oder die Polizei müssten das Recht bekommen, gefährliche Demonstrationen zu verbieten. "Wir müssen eine Klärung der gerichtlichen Zuständigkeiten ernsthaft diskutieren", sagt er und fährt fort: "Es kann doch nicht sein, dass Richter, die am Ende keine Verantwortung für die reale Lage tragen, feststellen: Die Folgen muss die Gesellschaft eben aushalten." Politiker, die selbst entscheiden sollen, ob man gegen sie demonstrieren darf? Auch eine Instanz hat manchmal eben zwei Gesichter.

Barmbeker protestieren gegen den Wegfall ihrer Post-Filiale

Ein Trauerzug zog am Samstagvormittag singend durch Barmbek. Die rund 25 meist schwarz gekleideten Teilnehmer hielten Kränze und Taschentücher in den Händen. Der Grund für die trübe Stimmung? Die für Ende des Jahres geplante Schließung der Postbank-Filiale in der Volksdorfer Straße. "Gegen die Schließung unserer Post" stand auf einem Banner, eine Frau trug das Post-Logo mit Trauerflor vorweg, so war es in einem Bericht des NDR-Fernsehens zu sehen. Die Anwohner fordern den Erhalt der Filiale, haben schon 1000 Unterschriften gegen die Schließung gesammelt. Dabei geht es gar nicht in erster Linie darum, Geld abzuheben, sondern vor allem um das Versenden und Abholen von Paketen. "Das ist die einzig realistisch erreichbare Filiale", zitiert die Mopo den Stadtteilrat Hans Verhufen: "An Wochenenden reicht die Schlange bis auf die Straße." Das allerdings ist, so leid es uns tut, kein Alleinstellungsmerkmal dieser Filiale. Geht es nach der Anzahl der Wartenden, müsste die Post wohl an jeder Ecke neue Läden öffnen, statt welche zu schließen.

Uni schließt vier Gebäude wegen Brandschutzmängeln

Als Vorsichtsmaßnahme hat die Uni Hamburg am Freitag vier Gebäude des Fachbereichs Chemie an der Bundesstraße geschlossen, weil der Brandschutz dort nicht ausreicht. Im Zuge eines geplanten Neubaus in der Nachbarschaft sind auch die alten Bauten aus den 1960ern und 70ern überprüft worden. Bei den Untersuchungen haben sich Hinweise ergeben, dass die Gebäude – entgegen dem bisherigen Kenntnisstand – über keinen ausreichenden Brandschutz verfügen, heißt es in der Pressemitteilung dazu. Die entsprechenden Mängel seien erst sichtbar geworden, nachdem Decken, Wände und Schächte geöffnet wurden. Beispielsweise seien Lüftungskanäle nicht ausreichend abgeschottet und Fluchtwege nicht genügend gesichert. Dadurch könne sich ein möglicher Brand in hoher Geschwindigkeit ausbreiten. Und die Feuergefahr ist bei chemischen Experimenten ja durchaus etwas, an das man denken könnte. Die Wissenschaftler des Fachbereichs sind übrigens noch am Freitag gebeten worden, bis 18 Uhr ihre Versuche zu beenden und die Gebäude zu verlassen. Wann die Arbeit weitergeht, ist unklar. Heute soll es einen Vor-Ort-Termin mit der Feuerwehr geben, bei dem beraten wird, welche Maßnahmen es brauchte, um den Betrieb wieder aufzunehmen und weiterzuexperimentieren...

Katholiken zieht es nach Hamburg

Immer weniger Menschen gehören in Deutschland einer der beiden großen christlichen Kirchen an. Die Zahl der Gläubigen sinkt kontinuierlich – außer in Hamburg bei den Katholiken. Seit sieben Jahren werden es mehr. Das ergab auch die letzte Zählung wieder, die am Freitag veröffentlicht wurde. Ende 2016 lebten in der Stadt 184.239 Katholiken, gut 2000 mehr als noch ein Jahr zuvor. Erlebt der Katholizismus ausgerechnet in der Hamburger Diaspora endlich seinen Boom? "Nein, es liegt wohl eher daran, dass mehr Menschen in die Stadt kommen als wegziehen", erklärt Manfred Nielen, Pressesprecher des Erzbistums, ganz nüchtern. Und unter diesen Neu-Hamburgern seien eben auch viele Katholiken. Zum Teil kommen sie aus Regionen in Deutschland, in denen die katholische Kirche auch in der Gesellschaft noch eine weit größere Rolle spielt als hier, Bayern etwa oder Baden-Württemberg, zum Teil stammen sie aber auch aus Ländern wie Polen, Italien und Spanien. Eine Konsequenz aus dieser Entwicklung ist, dass die katholischen Gottesdienste in Hamburg mittlerweile in mehr als 20 Sprachen stattfinden. "Erst vor ein paar Monaten ist Igbo, eine der Hauptsprachen Nigerias, hinzugekommen", sagt Nielen. Dabei gehe es gar nicht nur nach Bedarf und Nachfrage, "es ist immer auch ein Glücksfall, einen Priester zu haben, der die Sprache kann". Die Zahl der Protestanten in der Stadt ist 2016 übrigens zurückgegangen. Aber selbst wenn die Katholiken in den nächsten Jahren alles tun, um sich weiter zu mehren – an die 470.653 Mitglieder starke Protestanten-Schar kommen sie wohl nicht mehr ran.

Wenn das Alphabet zu Kunst wird

Buchstabensalat kennen wir als Journalisten nur zu gut. Buchstaben als Kunst gibt es seit Freitag bei der Ausstellung "Art and Alphabet" in der Kunsthalle zu entdecken. Auf zwei Etagen in der Galerie der Gegenwart beschäftigen sich 22 Künstler aus 15 Ländern mit unterschiedlichsten Sprachen und Schriftsystemen. Das klingt erst einmal theoretisch, ist es aber nicht. "Das A und O einer guten Ausstellung: Überraschungen!", schreibt ZEIT:Hamburg-Redakteur Daniel Haas – und genau die könne man bei der Ausstellung erleben, wenn die "Chiffren der Schrift wieder rätselhaft, aufregend und provokant" werden. Dabei kommen viele Genres und Verfahren vor: Videoinstallationen, Klangskulpturen, Wandteppiche genauso wie Gemälde, Zeichnungen und Fotos. Neben Arbeiten, die sich schnell erschließen, etwa wenn Paulina Olowska Buchstaben mit dem eigenen Körper nachstellt, gibt es Werke, die den Betrachter auf eine falsche Fährte locken. Welche und warum sich der Ausstellungsbesuch auch für das Werk des Hamburger Malers Harald Stoffers lohnt, steht in der aktuellen Ausgabe, am Kiosk oder hier digital.

Die Ausstellung "Art and Alphabet" ist bis zum 29. Oktober in der Kunsthalle zu sehen.

Mittagstisch

Stylische Hausmannskost

Bemalter Betonboden, stoffbezogene riesige Lampenschirme, in der Mitte zwei Teppichhaufen, am Ende des Raumes fällt der Blick auf die Außenwände zweier Container – die Heimat Küche + Bar ist einem Hafenlager nachempfunden. Der Service ist leger in dunkelblaue Oberteile und braune Chinos gekleidet. Tapfer kämpft die Musik gegen den enormen Geräuschpegel in dem hohen Raum an. Auf der Karte steht Hausmannskost wie Schweizer Wurstsalat, Pellkartoffeln oder Grillhähnchen. Der täglich wechselnde Mittagstisch kommt als Burger mit Spiegelei, Bacon und Pommes (9 Euro). Es dauert eine gute Weile, dann kommt eine riesige Portion, die einem hungrigen Hafenarbeiter zur Ehre gereichen würde. Leider ist das Fleisch des Pattys nicht durchgebraten. Das mache man hier immer so, wird erklärt, das sei medium. Beim nächsten Mal solle man bitte einfach Bescheid sagen. Den als Entschuldigung angebotenen Elbgold-Kaffee nimmt man gern an. Doch es bestätigt sich: Lässigkeit und Perfektion in einem zu performen ist höchste Kunst. Hier gelingt sie nur mittelprächtig.

Heimat Küche + Bar im 25hours Hotel HafenCity; HafenCity, Überseeallee 5, Mittagstisch: Mo bis Fr, 12 bis 14.30 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Sinnliches Hamburg: Gibt es im Alten Elbtunnel ein Echo? Hat Wasser Geschmack? Und wie fühlen sich Klinkersteine im Regen an? Hamburger Besonderheiten gilt es bei dieser Stadtführung "Mit allen Sinnen" zu entdecken. Trotzdem: Bitte nicht an der Reeperbahn-Gosse schnuppern.

Alter Elbtunnel, U-Bahn-Haltestelle Landungsbrücken, 10-13 Uhr, 18 Euro, kurzfristige Anmeldung unter 0157 / 50 17 12 59

Korea-Kunst-Kids: Sommerferien ohne viel Sonne wecken schlummernde Talente. Im Workshop "Koreanische Tuschemalerei" etwa malen Kids die Sagunja, vier Pflanzen aus der chinesischen Kunst. Traditionell als "noble Männer" bezeichnet, zählen zu ihnen die Japanische Pflaume, die Orchidee, der Bambus und die Chrysantheme. Workshop ab heute – für kurzentschlossene Kids ab 13 Jahren, angeleitet von Künstlerin Hyun-Duck Kang.

Zentralbibliothek, Themenraum Ebene 1, Mo–Fr von 16–18 Uhr, 40 Euro, Anmeldung vor Ort

Singen bis zum Abi: Zehn Jahre lang haben sie ihre Stimmen reifen lassen, sind Tonleitern hinauf- und hinuntergeklettert. Jetzt präsentieren die Abiturienten des Dresdner Kreuzchors zum Abschluss Werke von Klassik bis Pop. Zwölf Männerstimmen, a cappella, vereint mit der Akustik der Maria-Magdalenen-Kirche.

Maria-Magdalenen-Kirche, Kirchenallee 1, Reinbek, 20 Uhr, 10 Euro

Wasserklavier: Fontänen schießen durch die Luft, strahlen in allen Farben des Regenbogens. Nach einer eigens geschriebenen Partitur bewegen Künstler die Wassermassen und bespielen das riesige "Lichtklavier". Zum romantisch-imposanten Auftritt fügt sich argentinische Leidenschaft: Tangowerke von Héctor Gonzáles-Pino – "Wasserlichtkonzerte". Perfekter Ort für einen Heiratsantrag.

Planten un Blomen, Parksee, 22 Uhr, Eintritt frei

Was kommt

Hokuspokus, Ferienkurs: Was Harry kann, kann Sascha schon lange. Wer die besten Tricks des Fernseh-Magiers lernen möchte, teleportiert sich zum Workshop "Zaubern lernen mit Zauberer Sascha".Voraussetzung: Alle Nachwuchs-Fidibusse sind zwischen sieben und zwölf Jahre alt und Mitglied im Sommerferienclub.

Bücherhalle Altona, Ottenser Hauptstraße 10, Mi,
15–18.30 Uhr, Eintritt frei, Anmeldung unter altona@buecherhallen.de

Kleine, große Lehrer: Kids lernen nicht nur von Großen, sie eignen sich auch selbst als Lehrer. Dieser Ansatz ist Mittelpunkt des "Schnuppertags bei den climb-Lernferien" (climb – clever lernen, immer motiviert bleiben). Junge Erwachsene denken sich Projekte aus, unterrichten Deutsch und Mathe. Damit setzen sie sich zugleich für solche Kinder ein, denen aufgrund ihrer Herkunft nicht alle Türen offenstehen.

Schnuppertage, Donnerstag: Grundschule Arnkielstraße, Arnkielstraße 2, 14–16 Uhr, Freitag: Grundschule der Stadtteilschule Wilhelmsburg, Perlstieg 1, 14–16 Uhr

Hamburger Schnack

Freitagabend, Landungsbrücken. Eine Party-Gruppe Mitte, Ende 20 berät die Abendplanung. Einer, halb ironisch, halb ernst: "Wir gehen in die Rote Flora, solange die noch auf hat. In zwei Jahren ist da ein Burger-Restaurant drin."

Gehört von Wiebke Neelsen

Meine Stadt

Die Einsenderin versichert, dass die Natas sehr gut sein sollen. Zwei Fliegen mit einer Klappe also. © Iris Völkel-Forstner

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr Mark Spörrle

 

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