Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

unlängst sprachen wir hier über Rüpelradfahrer in Planten un Blomen. Die gibt es längst nicht nur dort und – wie ein Leser uns umgehend informierte – in Prenzlauer Berg. Neulich raste ein Essenskurier auf zwei Rädern so sauknapp an mir vorbei, dass mich seine Warmhaltebox leicht touchierte. Als ich verblüfft protestierte, überlegte er offensichtlich kurz, ob er zurückkommen und es noch mal versuchen solle, entschied sich aber dann, mir gnädigerweise nur den Mittelfinger zu zeigen. Und solche Menschen sitzen natürlich nicht nur auf Fahrrädern. Vor einiger Zeit lief ich beim Joggen über einen Parkplatz, auf den ein Auto mit hoher Geschwindigkeit einbog. Es bremste erstaunlicherweise erst, als es mich schon fast auf der Motorhaube hatte. Dann stieg der Fahrer aus, beschimpfte mich unflätig und forderte Geld für eine imaginäre Delle neben einem der Scheinwerfer.

Sicher, zwei Beispiele ohne statistische Relevanz. "Aber es ist doch im Moment so, dass jeder eine solche Geschichte zu erzählen hat, oder?", fragt der Journalist und Schriftsteller Axel Hacke in der Titelgeschichte der neuen ZEIT. Hacke, der bekannt wurde durch seine Kolumnen im "SZ-Magazin" und dessen "Kleiner Erziehungsberater" bis heute zur Standardausstattung von Familien gehört, vermisst in unserer Gesellschaft etwas, was einen altertümlich klingenden Namen trägt, ohne das aber das Funktionieren unserer Gesellschaft auf dem Spiel steht: Anstand. "Es schwappt seit einer Weile nicht bloß eine Woge der Anstandslosigkeit um die Welt", so Hacke, "es tobt ein Ozean. Das ist mehr als ein moralisches Problem."

Ist die Welt rücksichtsloser geworden? Welches Dilemma uns allen daraus erwachsen kann, was der nach wie vor immer noch amtierende US-Präsident Donald Trump damit zu tun hat und was Anstand sein könnte, das können Sie in der neuen ZEIT nachlesen, am Kiosk oder gleich hier. Nicht nur für den Fall, dass Sie bald wieder in Planten un Blomen spazieren gehen wollen.

Gefährliches Pflaster der Großstadt

Bleiben wir beim Thema Anstand? Denn was ist auf Hamburgs Straßen los? In den ersten sechs Monaten dieses Jahres sind da bereits 15 Menschen ums Leben gekommen, sieben Autofahrer, sieben Fußgänger und ein Radfahrer – laut vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamts. Das macht sechs Verkehrstote und damit 66,7 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres. Wie kann das sein? Christian Hieff vom ADAC Hansa warnt davor, vorschnelle Schlüsse zu ziehen. "Im Bundesvergleich bewegen wir uns in Hamburg mit auf den sichersten Straßen", sagt er. Im Ländervergleich liege Hamburg mit acht Verkehrstoten auf eine Million Einwohner auf Platz zwei – nach Berlin (vier Tote). Nach Berlin? Der Moloch sicherer als Hamburg – wie kann das sein? "Da greift das Gesetz der kleinen Zahlen", sagt Hieff; bereits ein tragischer Unfall könne die Statistik enorm verzerren. Wichtig sei die langfristige Entwicklung. "Seit 2011 bis heute verzeichnen wir eine Stagnation bei Verunglückten im Straßenverkehr." Allerdings müsse auch bedacht werden, dass sich immer mehr Menschen, gerade auch Senioren, auf Hamburgs Straßen bewegen, dass die Zahl der Kfz-Zulassungen zunehme, der Verkehr immer dichter werde. Eine bessere Infrastruktur für Radfahrer sei nötig, meint Hieff – das schütze vor Konflikten mit Autos und Fußgängern. Und: "Die Leute müssen dringend die Verkehrsregeln besser einhalten." Er erzählt von einer ADAC-Untersuchung aus dem vergangenen Jahr, als vor einer Schule die Einhaltung des Tempo-30-Gebots überprüft wurde: "Manche sind da mit mehr als 100 km/h durchgebrettert." Doch, wir bleiben beim Thema Anstand.

Verschlickt und zugemüllt

Wir hören es immer wieder: Der Hamburger Hafen erstickt im Schlick. Damit der Betrieb rund läuft, die Schiffe durchkommen, wird nach Sisyphosart gebaggert, was das Zeug hält. Unmengen Kubikmeter Sediment müssen schon jetzt jährlich verklappt werden – ein Problem. Denn wo soll das geschehen? In der Elbe fließt es gleich wieder zurück zu uns, und auch das Abkommen mit Schleswig-Holstein, das die Verklappung in der Nordsee nahe Helgoland ermöglicht, erlaubt nur limitierte Mengen. Denn Hafenschlick ist keine gesunde Schlickpackung, im Gegenteil, Schadstoffe wie Schweröl, Blei und Quecksilber wurden darin schon gefunden. Raus aus dem Hafen muss das Sand-Schlick-Gemisch dennoch, und die Stadt schaut sich um. Laut Wirtschaftssenator Frank Horch hat sie die offene See ins Visier genommen und prüft, ob die Verklappung dort möglich wäre, wie Horch NDR 90,3 sagte. "Ich habe mich sehr gefreut, dass über eine Alternative nachgedacht wird", sagt uns Jörg Singer, Bürgermeister auf Helgoland, "wir wollen nicht, dass der Schlick bei uns zum Dauerproblem wird. Das tut uns nicht gut. Wir leben vom Tourismus." Die Wasserqualität sei zwar nicht schlechter geworden, dafür sorge ein strenges Monitoring, für das die Hamburg Port Authority gemeinsam mit dem Land Schleswig-Holstein zuständig sei, aber Sorgen mache er sich dennoch, sagt Singer. "Jedes System verträgt nur einen gewissen Anteil an Schadstoffen. Wir haben Angst, dass das System irgendwann kollabiert", so Singer. Statt immer nur das Ablagegebiet vor der Helgoländer Küste anzufahren, müsse auch über den Bau von Meeresdeichen nachgedacht werden – oder eben auf andere Orte ausgewichen werden. Das wäre mal anständig gegenüber Helgoland, würde das Schlickproblem aber dennoch wieder nur verlagern.

Wer ermordete Maria E.?

Zwölf Leichenteile an fünf Fundorten – der Mord an der Prostituierten Maria E. aus Äquatorialguinea beschäftigt Hamburg seit Wochen. Bald nach dem Fund des ersten Leichenteils am Elbufer Anfang August begannen die Spekulationen über den Täter. "Medien sind an sich keine Horrorkinos, sie spiegeln, verstärken und verzerren lediglich die Schaulust des Publikums", schreiben die ZEIT:Hamburg-Kollegen Daniel Haas und Oliver Hollenstein in der neuen Ausgabe. Die beiden haben sich die ganz spezielle Dynamik, die der Fall mittlerweile in der Presse bekommen hat, genauer angesehen, darunter auch Ferndiagnosen, beispielsweise einer Forensikerin, die erkannt haben will, dass der Täter große Kenntnisse in Anatomie habe und daraus auf dessen Profession schließt. Sie haben aber auch mit einer Sozialpädagogin gesprochen, die sich um Prostituierte in St. Georg kümmert und für die der Mord ein strukturelles Dilemma bestätigt. Wie es den Sexarbeiterinnen in St. Georg jetzt geht und was ausgerechnet die "Regeln zur Wahrung der bürgerlichen Sittlichkeit" mit dem Fall zu tun haben könnten, auch das lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der ZEIT:Hamburg, heute frisch am Kiosk oder hier. Und was eine derart bestialische Tat mit fehlendem Anstand zu tun hat, das erschließt sich Ihnen natürlich von selbst.

Hamburg und Berlin kämpfen um jeden Einwohner – des Geldes wegen

Die Hanseaten und die Hauptstädter witzeln gern übereinander, wenn es um Großbauprojekte geht, die Milliarden fressen und von denen eins mit enormer Verspätung fertig wurde und das andere niemals, aber ansonsten halten sie eher Abstand voneinander. Jetzt aber ziehen Hamburg und Berlin gemeinsam vor das Bundesverfassungsgericht. Grund für die Fraternisierung: der Zensus 2011. Die Volkszählung, basierend auf einer hochgerechneten Stichprobe hatte dazu geführt, dass beide Stadtstaaten Einwohner verloren, in Hamburg waren es auf einen Schlag fast 83.000 Bewohner, immerhin etwa so viele Menschen, wie in Konstanz leben. Die finanziellen Auswirkungen sind immens. Da sich der Länderfinanzausgleich nach der Einwohnerzahl bemisst, gehen Hamburg laut Finanzbehörde durch die Zensus-Verkleinerung der Bevölkerungszahl seit 2013 rund 73 Millionen Euro jährlich flöten. Geld, mit dem man beispielsweise ein Jahr lang die Produktionskosten von Staatsoper und Kunsthalle abdecken könnte. Obendrauf kommen Ausgleichsbeträge für die Jahre 2011 und 2012; insgesamt geht es um mehr als 350 Millionen Euro. Geld, auf das Hamburg nicht verzichten will, zumal die Zensus-Berechnungen auf recht dünnem Fundament fußen – nur 10 Prozent der Haushalte wurden befragt. Ist die Methode fehlerhaft – und hat diese Stadt anständigerweise doch 83.000 Bewohner mehr? Das Verfahren wird ab dem 24. Oktober in Karlsruhe überprüft.

U4 wird schön UND billiger als gedacht!

Wann hört man schon einmal eine solche Nachricht? Das neue Teilstück der U4 wird ganze 20 Millionen Euro weniger kosten als veranschlagt! Wie das passieren konnte? "Es ist alles so gut gelaufen, dass wir die Reserven, die wir eingeplant hatten, nicht brauchen", erklärt uns ein stolzer Christoph Kreienbaum von der Hochbahn. Und fügt noch hinzu: "Wir haben die Kosten allerdings auch erst dann publiziert, als wir sicher waren, dass die Zahlen halten werden." Ein kleiner Seitenhieb auf das Gebäude, das man von der neuen U4-Station Elbbrücken aus einer ganz neuen Perspektive bewundern können wird? Nicht doch. Kreienbaum schwärmt lieber von dem Blick, den man von der eigens geplanten Plattform auf die Elphi haben wird: "Von dort können die Hamburger gern auch den Sonnenuntergang über der Elbe bewundern – wenn sie eine Fahrkarte haben." Ende 2018 soll es so weit sein. Die eingesparte Kohle wird übrigens nicht für den Fensterreiniger ausgegeben, der die aus 1200 Glasscheiben konstruierte Station von Möwenkot befreien muss. "Dieses Geld spart sich der Steuerzahler", sagt Kreienbaum. Anständig, oder? Und noch einmal: Wann hat man zuletzt so etwas gehört?

Mittagstisch

Ungestillte Sehnsucht

Eigentlich könnte die Alpe Altona ein guter Ort zum Stillen aufkommender Sehnsucht nach dem Süden und den Alpen sein. Ziert doch eine Gämse das Ladenschild und stehen hier doch alpenländische Spezialitäten wie Sennenalpenkäse, Wacholderschinken und Fenchelsalami mit Seele (als Sandwich 3,50 Euro) oder Schupfnudeln mit Paprikagemüse und Salat (9,80 Euro) auf der Karte. Doch die Kartoffeln des seltsam sorgsam abgewogenen Kartoffelsalats zu Leberkäse (7,80 Euro) schmecken, obschon gut angemacht und mit feinem Kürbiskernöl beträufelt, recht fade, und der Leberkäse ist nicht richtig warm und lässt ebenfalls an Geschmack vermissen. Am meisten aber fehlt ein Stück kräftiges Brot, um es in die Salatsoße und den süßen Senf zu tauchen. Einzig die Apfel-Quitten-Schorle (0,4 l für 3 Euro) ist ein kleiner Trost. Am Tischchen vor dem kleinen Laden fällt der Blick nicht auf erhabene Gipfel, sondern auf die Zeisehallen, vorbeihastende Menschen und parkende Autos, und statt meditativer Ruhe prägt Straßenbaulärm die Szenerie. Es hilft wohl nichts: Der Süden lässt sich in Hamburg nicht finden.

Alpe Altona ; Ottensen, Friedensallee 32, Mo–Fr 9­–18 Uhr, Sa 10–16 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Bücher-Party: Picoletta und ihr Floh haben sich auf dem Weg zum Zirkus verlaufen. Gelandet sind sie beim Jubiläumsfest der Bücherhalle Rahlstedt – zehn Jahre schmökern hier schon Kids in Lesesesseln. Heute gibt es statt ruhiger Bücherecken Zirkusvorstellungen, Kinderzauberei und Gypsy-Musik von Helmut Stuarnig.

Bücherhalle Rahlstedt, Amtsstraße 3a, 11-19 Uhr, Eintritt frei

Rap ohne Dach: Gibt es beim "Obdachlos"-Open-Air heiße Suppe? Pappkartons? Alligatoah alias Lukas Strobel verspricht mehr: "Live-Musik ist eine Lösung" – für alles! Der Rapper, Sänger und DJ schafft es immerhin, seine fiktiven Figuren Kaliba 69 und DJ Deagle selbst zu spielen, parallel. Klingt in der Tat so herausfordernd wie ein Leben auf der Straße.

Stadtpark Freilichtbühne, Saarlandstraße Ecke Jahnring, 18.30 Uhr, 41 Euro

Liebe Leinwand: Toma liebt Ana, obwohl sie psychisch instabil ist. Er folgt ihr in jedes dunkle Loch, ist Babysitter, Fahrer, Seelsorger. Als sie schließlich ihre Ängste überwindet, verlässt sie Toma. Was bleibt? Călin Peter Netzer zeichnet in "Ana, mon Amour" das Porträt einer Beziehung in Einzelszenen, aus denen ein komplexes Bild entsteht. Cutterin Dana Bunesco gewann für ihren Schnitt auf der Berlinale den Silbernen Bären.

Abaton, Allende-Platz 3, Uhrzeit wird online bekannt gegeben

Hardcore aus dem Grab: Eigentlich ist die Band tot. Schon 2006 gab Slapshot bekannt: "Wir sind gestorben!" Für ausgewählte Konzerte und Festivals stehen die Jungs aus Boston aber wieder auf, um den Fans Hardcore in die Ohren zu knallen. Derbe laute Totgesagte.

Logo, Grindelallee 5, 21 Uhr, 20 Euro

Hamburger Schnack

Auf dem Markt am Schlump: Vor den wenigen Marktständen ist es ziemlich leer; wahrscheinlich weil gerade mal wieder ein kräftiger Schauer runtergekommen ist. Der Gemüseverkäufer aus den Vierlanden zeigt sein breitestes Grinsen:"Wissen Sie, was in Hamburg der Unterschied zwischen Sommer und Winter ist? – Im Sommer ist der Regen wärmer!"

Gehört von Annette Garbrecht

Meine Stadt

Wie schrieben Sie gestern so schön: »Auch unter den Bankern in der Schanze wird Kooperation also großgeschrieben.« Welch romantische Sicht auf die Bankenwelt! Anbei ein Foto von der Haspa-Filiale am Schulterblatt, das ich im Juli letzten Jahres aufgenommen habe, als die Deutsche Bank am Schulterblatt die Aufgabe ihrer Filiale angekündigt hatte. © Karl-Heinz Kuke

SCHLUSS

Ende.

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.