Annika Lasarzik © Gretje Treiber

Guten Morgen,

hatten Sie schon mal ein déja-vu? Sie wissen schon, das seltsam vertraute Gefühl, das einen plötzlich überkommt, wenn man zu wissen glaubt, eine Situation ganz genau so bereits erlebt zu haben? Ja, ich weiß, dieses Phänomen lässt sich ganz rational erklären. So oder so spielt mir die Erinnerung hin und wieder einen Streich.

Etwa dann, wenn alle Fraktionen in der Bürgerschaft wieder mal über die nebulösen Zukunftspläne des Bürgermeisters spekulieren, der offenbar ganz genau weiß, wie er sich selbst zum Gesprächsthema Nr. 1 dieser Party macht: Er geht einfach nicht hin.

Oder dann, wenn die schwindende wirtschaftliche Bedeutung des Hamburger Hafens wieder mal zur Debatte steht. Im Vergleich zum Vorjahr verringerte sich der gesamte Güterumschlag zuletzt um ein Prozent, auch der Containerumschlag war leicht rückläufig, wie gestern bekannt wurde. Neu ist dieser Trend nicht.

Sehr vertraut erscheinen mir auch diese Tage, an denen besonders zwei Themen das Blut unserer Leser in Wallung bringen: Da wäre der Verkehr, in diesem Fall die Erwägung der Bundesregierung, den kostenlosen ÖPNV für ganz Deutschland zu prüfen, um so vielleicht endlich für saubere Luft in den Städten zu sorgen. Die Umweltbehörde begrüßt die Initiative, Ihr Urteil steht längst fest. Eine "kostenlose, also steuerfinanzierte Leistung ist meist schlechter als das bezahlte Pendant, da muss man sich nur mal Schulen angucken!", ist sich ein Leser ganz sicher. Auch die "Gender-Frage", die Kollege Mark Spörrle kürzlich aufgeworfen hat, beschäftigt Sie noch immer sehr. "Wenn Sie Ihren Letter mit Sternchen, I und x versehen, ist er nicht mehr zwischen Baby und Schreibtisch lesbar! Dann bin ich raus, aus ganz lebenspraktischen Gründen!", tippte eine vielbeschäftigte Mutter vermutlich unter größten Anstrengungen in ihr Handy. Eine andere Leserin frohlockt: "Eine wahre Revolution wäre es doch, wenn immer eine weibliche Form im Sprachgebrauch benutzt würde – und die Männer sich ihr unterordnen müssten! Was gäbe das für ein Gebrüll!"

Ach, vielleicht merken Kollegin Neudecker und ich uns diese Idee einfach mal für die nächste Vertretungsstunde vor – lassen Sie sich überraschen! Und bis zur Revolution tröstet Sie vielleicht dies: An der Produktion des heutigen Letters waren ausschließlich Frauen beteiligt.

Bierzelt statt Bürgerschaft

(Bürgermeister …) sein oder nichtsein? Das war auch in der gestrigen Bürgerschaftssitzung die große Frage. Nur einer hielt sich, wie bereits angedeutet, fein raus: Olaf Scholz selbst. Sein Platz blieb leer, weilte er doch lieber im bayerischen Vilshofen, um dort eine Bierzelt-Rede zu schwingen. Manche Termine gehen eben vor. Die Abwesenheit des neuen kommissarischen SPD-Vorsitzenden nutzte die Opposition indes als Steilvorlage für muntere Gedankenspiele. "Am Aschermittwoch ist alles vorbei, für Sie in Hamburg auf jeden Fall!", resümierte etwa der CDU-Fraktionsvorsitzende André Trepoll, Hamburg sei kein Trostpflaster für gescheiterte SPD-Bundeskarrieren. Dass Scholz nicht offen zu seinen Zukunftsplänen stehe, wertete Anna von Treuenfels-Frowein von der FDP als "pure Rückversicherung, aus Angst vor dem anstehenden Mitgliedervotum". Scharfe Kritik – obwohl seit Tagen klar ist, dass sich die Koalitionspartner vor dem SPD-Mitgliedervotum nicht zu Personalien äußern werden. Und dann fiel ein Machtwort: Wer von der Opposition in Sachen Scholz-Nachfolge nun "Morgenluft wittere", also selbst auf lukrative Posten spekuliere, dem solle klar sein: "Es bleibt ein Pfeifen im Walde!", sagte der SPD-Fraktionsvorsitzende Andreas Dressel – der, dies nur am Rande, selbst als Favorit für den Bürgermeisterposten gehandelt wird … Neben der Personaldebatte blieb immerhin noch Raum für ein wenig Groko-Werbung: "Hamburg setzt wichtige Impulse und würde von einer Koalitionsvereinbarung im Bund profitieren", verkündete die SPD selbstbewusst, etwa bei der Kita-Qualität und in der Verkehrsinfrastruktur, im Bereich Digitales an Schulen. Große Pläne also – wir bleiben gespannt.

Ahmad A. ist "voll schuldfähig"

Ein Mensch starb, sechs weitere wurden verletzt, als Ahmad A. im Juli in einem Barmbeker Supermarkt zum Messer griff. Im Prozess gegen den 27-jährigen Angeklagten, der die islamistisch motivierte Tat gestanden hat, legte Psychiater Norbert Leygrad gestern ein Gutachten vor – und das fiel eindeutig aus: "Es liegt keine die Schuldfähigkeit beeinträchtigende Störung vor", so Leygrad. In anderen Worten: Ahmad A. ist voll schuldfähig. Während des Attentats habe der Angeklagte weder unter einer psychischen Erkrankung gelitten noch habe er bei seiner Tat am 28. Juli unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen gestanden, so der Gutachter weiter. Das Hamburger Institut für Rechtsmedizin hatte bei einer Haaranalyse geringe Rückstände des Cannabis-Wirkstoff THC gefunden. Die Bundesanwaltschaft wirft dem Palästinenser Mord, versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung in sechs Fällen vor. Die Tat sei Gottes Wille gewesen und nicht etwa seine eigene Entscheidung: Mit diesen Worten habe der Angeklagte sein Handeln im Gespräch mit Leygraf selbst begründet. Am 19. Februar wird der Prozess fortgesetzt. Ein Urteil wird für den 1. März erwartet.

Altersarmut: Von Billstedt bis New York

Billstedt hat es in die New York Times geschafft – auch wenn der Grund kein freudiger ist. Es geht um das "Betriebsrestaurant Billstedt": Die Kantine des ehemaligen Ortsamts soll im Juni geschlossen werden, wie Norman Cordes, Sprecher des Bezirksamts Mitte, uns bestätigte. Weil zuletzt gerade mal 20 Prozent aller Gäste Angestellte des Bezirksamts waren, lohne sich die Sanierung nicht, die rund 2 Millionen Euro kosten würde.

Das allein wäre nun wohl keine Aufregung wert, nur: Gerade für ältere Menschen aus der Umgebung ist der Speisesaal ein beliebter Treffpunkt – das mag am Geschmack der deftigen Hausmannskost liegen oder schlicht am Preis: Ein Hackbraten mit Beilagen und Dessert geht für 5,80 Euro über den Tresen. Klaus Wicher, Vorsitzender des Sozialverbands, ist entsetzt: "Für viele Menschen, die in die Kantine kommen, ist der Mittagstisch oft die einzige Möglichkeit, Kontakt zu anderen zu haben." Viele könnten sich von ihrer kleinen Rente eben nur dort ein warmes, gesundes Essen leisten, "der normale Restaurantbesuch wäre viel zu teuer." Und so ist der Aufruhr ums Ende einer kleinen Kantine symptomatisch für ein viel größeres Problem: Unsere Gesellschaft wird älter, Altersarmut steigt. Angebote wie "Essen auf Rädern" seien keine Alternative zur Kantine, so Wicher: "Da wird nach Hause geliefert, so gibt es bald gar keinen Grund mehr, vor die Tür zu gehen. Das macht einsam." Doch vielleicht gibt es Hoffnung: Über 1.000 Unterschriften haben Billstedter schon für den Erhalt ihrer Kantine gesammelt, SPD und Grüne wollen nun nach alternativen Standorten suchen.

Glätte: Wer streut?

Skurrile Szenen spielen sich in Hamburg ab: Nachbarn, die,mit Schweißperlen auf der Stirn, vergeblich versuchen, ihr Auto aus der Tiefgarage zu bugsieren – und doch immer wieder die Auffahrt hinabrutschen. Anfänger! Wer clever ist, schnallt sich Schlittschuhkufen unter die Füße, um elegant zur Arbeit zu gleiten, wir watscheln seit Tagen nur noch im Pinguingang zur Redaktion (das stählt die Beinmuskeln). Doch im Ernst: Wer streut wann bei glatten Straßen? Im Hamburgischen Wegegesetz finden sich dazu klare Vorgaben. Anlieger müssen Eis und Schnee auf den Wegstrecken vor ihrem Haus und vor ihrer Tiefgarage entfernen, und zwar schnell, das heißt: bei nächtlichem Schneefall bis 8.30 Uhr am Morgen, an Sonn- und Feiertagen bis 9.30 Uhr. "Wenn Passanten stürzen und sich verletzen, haben Anlieger, die nicht gestreut haben, ein rechtliches Problem, Anwälte könnten für ihre verletzten Klienten richtig was rausholen", erklärt Andree Möller von der Stadtreinigung. Gestreut werden müsse mit "abstumpfenden Mitteln", so Möller, etwa mit feinkörnigem Kies, Sand, Splitt, Blähton oder Asche, eben "allem, was nicht umweltschädigend ist, aber glatte Oberflächen abstumpft". All das gibt’s im Baumarkt oder im Baustoffhandel. Falls Sie sich nun fragen, wie man sich über plötzliche Glätte informiert – Möller hat da einen unschlagbaren Tipp: "Über die Wettervorhersagen. Da guckt man ja auch rein, wenn man ein Picknick im Park machen möchte." Der Experte empfiehlt die Website der Stadtreinigung, wir verweisen, klar, auf unseren eigenen Wetter-Experten.

Ärztemangel hinter Gittern: "Der Knast ist nicht die erste Wahl"

Weil in Hamburgs Gefängnissen Ärzte und Pflegekräfte fehlen, sei die medizinische Versorgung der Inhaftierten in Gefahr, kritisiert die CDU und verweist auf eine Kleine Anfrage an den Senat. Zwei von drei Arztstellen in der Untersuchungshaftanstalt am Holstenglacis seien demnach unbesetzt, drei von 15 Pflegekräften fehlten, im Zentralkrankenhaus für Gefangene gar 9 von 42 Pflegern. Personalmangel, Unterversorgung? Die Justizbehörde weist die Kritik zurück: Beides sei "nicht zutreffend", die medizinische Versorgung der Gefangenen "sehr gut". Falls nötig würden Gefangene in externen Arztpraxen oder Krankenhäusern behandelt. René Müller, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Strafvollzugbediensteten, sieht das anders: Ärzte und Pfleger seien für die Arbeit hinter Gittern nur schwer zu begeistern, sagt er. Dort verdienten sie nicht mehr als in öffentlichen Krankenhäusern, trotz schlechterer Arbeitsbedingungen. Zudem gäbe es für Ärzte kaum Möglichkeiten der Weiterqualifizierung. Größtes Problem sei in deutschen Gefängnissen aber fehlendes Pflegepersonal: "Der Knast ist als Arbeitsort nicht die erste Wahl, unter Umständen arbeitet man mit weniger Personal als vorgesehen auf den Stationen. Der Einzelne muss also mehr leisten." Wie lässt sich die Attraktivität des Jobs steigern? Bei der Arbeit in einem hochsensiblen Sicherheitsbereich sei eine Verbeamtung unumgänglich, glaubt Müller. Tarifbeschäftigten, die nach einen Betriebsunfall psychisch nicht mehr zur Arbeit in der Lage seien und keine andere Stelle fänden, bliebe nur die Sozialhilfe. Als Beamter gäbe es immerhin eine Mindestpension.

Mittagstisch

Feine Klassiker

 

Nachdem der an eine Haustür erinnernde Eingang zum Restaurant und der Weg durch den abgeknickten Windfang gefunden sind, steht man im grün gestrichenen Gastraum des Louise mit Blick in die Küche. Recht altmodisches Mobiliar, Parkettboden, Leuchter und die Dekoration mit Nippes sowie das bürgerlich-gesetzte Publikum hinterlassen einen konservativen Eindruck. Bei warmen Temperaturen lässt sich die Fensterfront zur Straße vollständig öffnen. Auf der saisonorientierten Karte finden sich gehobene deutsche und internationale Klassiker wie Vierländer Ente und Bouillabaisse. Das zweigängige, täglich wechselnde Mittagsmenü für 14,90 Euro bietet heute eine schön würzige Langustino-Cremesuppe mit Dillsahne sowie leckere Zürcher Kalbsfleischklopse mit Champignonsoße, Kartoffelstampf und sparsam portioniertem, aber feinem Gemüse. Mit einem guten Cappuccino für 3,20 Euro endet das zufriedenstellende Erlebnis, welches von vielen der meist älteren Stammgäste regelmäßig genossen zu werden scheint.

 

Winterhude, Restaurant Louise, Maria-Louisen-Straße 3, Mittagstisch Mo, Mi–Fr, 12–14.30 Uhr

 

Christiane Paula Behrend

Was geht

Alte Liebe rostet nicht: Will sie mich noch? Liebt er mich? Roberta und Mariano sind zerstritten und getrennt, aber ob sie nicht doch demnächst im Bett landen – wer weiß. Der Schleudergang der Gefühle hat sie voll erwischt, da helfen auch jeweils 50 Jahre Lebenserfahrung nichts. Das Theaterstück "Unerhört Intim" erfrischt mit einem humorvollen Blick auf Liebe und Sex in reifem Alter.

Goldbekhaus, Bühne zum Hof, Moorfuhrtweg 9, 20 Uhr, 16 Euro

Kinder in der Psychiatrie: klingt nach einem heiklen Thema. Der Film "Wie die anderen" zeigt ehrlich, aber taktvoll, womit Kinder und Jugendliche, Eltern und Ärzte im Klinikalltag zu kämpfen haben, und baut diffuse Ängste ab. Teil einer Filmreihe über "Wahnsinn, Psychiatrie und andere Zustände".

B-Movie, Brigittenstraße 5, 19 Uhr, 3,50–7 Euro

Was bleibt

Imag(in)e: Weltanschauung im wahrsten Sinne des Wortes ist das Thema, mit dem sich die Preisträger des Fotowettbewerbs "gute aussichten – junge deutsche fotografie" beschäftigt haben. In der Ausstellung dazu zeigen die besten Nachwuchsfotografen des Landes, wie sie durchs Objektiv das Subjektive erfassen.

Deichtorhallen, Deichtorstraße 1, heute bis 21.5., Di–So, 11–18 Uhr, 10 Euro

Tipps für Kids

Mini I: Was liegt denn da am Strand? Ein gepanzertes Tierchen! Simon nimmt es mit nach Hause. Aber Nuna will immer nur schlafen, und so richtig verstehen können sich die zwei auch nicht – bis sie das Skateboardfahren entdecken. Das Figurentheater "Simon und Nuna – Spaghetti, Sturm und Fahrradhelm" erzählt Kindern ab vier Jahren, wie spannend es sein kann, unterschiedlich zu sein.

Sprechwerk, Klaus-Groth-Straße, 15 Uhr, Kids 8,50 Euro, Erwachsene 12,50 Euro

Medi I: Knallbunt und trotzdem ein bisschen düster – auf den Bildern von Karl Schmidt-Rottluff gibt es viel zu entdecken. Die "Werkspione" begeben sich auf die Spur des Malers aus der berühmten Künstlergruppe "Die Brücke". Spannende Entdeckertour für Kinder ab sechs Jahren, auch kleine Geschwister und Eltern dürfen mit.

Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2, Sa, 11.30 Uhr, Kids 2 Euro, Erwachsene zzgl. 9 Euro

Medi II: Weg mit den Augenklappen und entern! Beim "Piratentheater" der Impro-Gruppe Impromptü übernehmen Kinder ab fünf Jahren das Kommando über die wilde Seeräubercrew. Jagen sie den Käpt’n über die Planke? Wer darf die Schatztruhe plündern? Heute bestimmen die, die am lautesten reinrufen. Wer richtig mutig ist, kapert selbst die Bühne und spielt mit.

Goldbekhaus, Bühne zum Hof, Moorfuhrtweg 9, So, 15 Uhr, Kids 5,50 Euro, Erwachsene 7 Euro

Maxi: Bunte Schätze aus Kupfer herstellen und eigene Schmuckstücke entwerfen – die Werkbänke der Metallwerkstatt im Museum der Arbeit sind Ende der Woche für die Sonntagskinder reserviert. Mit Presse, Emaille-Farben und handwerklichem Geschick entstehen tolle Mitbringsel. Mitmachen können Kinder zwischen sechs und zwölf.

Museum der Arbeit, Wiesendamm 3, So, 14 Uhr, 3,50 Euro

Hamburger Schnack

An einem Obststand in der Hamburger Meile stehen Mutter und Tochter. Letztere im Plauderton, aber doch mit unüberhörbarem Unverständnis: "Mama, der Rainer ist übrigens kein Veganer mehr. Der ist jetzt nur noch Vegetarier ... So’n Weichei."

 

Gehört von Uschi von Grudzinski

Meine Stadt

So macht man das: #ungerührtdemWintertrotzen © Hilde Häntsch

 


Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihre Annika Lasarzik

 

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