Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

Misstrauen, das ist so etwas wie das Grundgefühl unserer Zeit geworden. Der bärtige Mann in der U-Bahn – er wird doch nicht ... Der herrenlose Koffer – da drin wird doch nicht ... Der Dom, der Hauptbahnhof, der Supermarkt, das Konzert, der Ostergottesdienst – kann man da überhaupt noch hin, wegen ...? In Hamburg sollen Veranstaltungen wie das Alstervergnügen abgesagt werden, weil man all die Betonpoller, Wassertanks, Sandsäcke und das zusätzliche Sicherheitspersonal gegen möglichen Terror nicht mehr bezahlen kann. Aber schlimmer, weil allgegenwärtiger, sind die Gedanken. Die Vorstellung, Befürchtung, fast schon die Überzeugung, dass im Zweifel etwas schlecht ausgeht. Hat unsere Fantasie ihre Unschuld verloren? Glauben wir nicht mehr an das Gute?

Aber was wäre, wenn ein Vorfall, eine Begegnung, gar nicht schlimm endete, sondern im Gegenteil: gut? Fragt "Das wundersame Aktionsbündnis der Tante Trottoir", das in Hannover Aktionen im öffentlichen Raum veranstaltet und unserem allgegenwärtigen Misstrauen etwas entgegensetzen will – Vertrauen. Gute Gedanken, positive Fantasien. Wie das aussieht, und zwar konkret am Beispiel des bärtigen Manns in der Straßenbahn, zeigen die Aktionisten in einem kurzen Film mit dem Titel "Trust".

Sehen Sie ihn einfach an, und vielleicht haben Sie heute einen weniger misstrauischen Tag.

Ein Kredit von drei Milliarden Euro – aber keine "strukturelle Neuverschuldung"

Andreas Dressel bezeichnete sie gestern als "teure Schlussrechnung für verantwortungslose Geschäfte in der Zeit von 2003 bis 2008". Der neue Finanzsenator sprach von der Drucksache, die er der Bürgerschaft vorgelegt hatte: mit der Bitte, dem seit Ende Februar geplanten Verkauf der krisengeschüttelten HSH Nordbank an US-Finanzinvestoren zuzustimmen. Doch mit der Bitte ging auch die Nachricht einher: "Bei Zustimmung der Bürgerschaft wird der Schuldenstand des Kernhaushaltes voraussichtlich um bis zu drei Milliarden Euro ansteigen." Dass die Garantien für die HSH Nordbank Hamburg und Schleswig-Holstein beziehungsweise uns Steuerzahler ungeheuer viel Geld kosten würden, ist seit Langem bekannt. Wie viel in etwa, das hat ZEIT:Hamburg-Kollege Oliver Hollenstein schon einmal vorgerechnet. Aber warum muss Hamburg nun noch zusätzliche Schulden machen? "Mit dem Verkauf der HSH Nordbank werden endgültig auch die Garantien abgerechnet. Und eine Summe von knapp drei Milliarden Euro können wir nicht einfach aus dem laufenden Haushalt finanzieren, dafür müssen wir einen Kredit aufnehmen", sagte uns Daniel Stricker von der Finanzbehörde. Die bisherigen Garantien über zwei Milliarden Euro flossen dagegen in den HSH Finanzfonds und schlugen deshalb nicht als Schulden im Kernhaushalt zu Buche. Dressels Start als Finanzsenator "könnte unglücklicher nicht sein", befand Michael Kruse, Fraktionsvorsitzender der FDP-Bürgerschaftsfraktion. "Gestern noch stellt er eine Ausweitung des Haushalts um fast 2,7 Milliarden Euro bis 2020 vor, heute schämt er sich nicht, knapp drei Milliarden Euro neuer Kredite zu beantragen", schimpfte der Liberale und bezog sich dabei auf Dressels Ankündigung vom Dienstag, mehr Geld investieren zu wollen, unter anderem in Kita-Plätze, Schulen und Polizei – und dies alles "ohne strukturelle Neuverschuldung", wie Dressel sagte. Und wie nämlich? Laut Finanzbehörde durch eine "Anpassung des Finanzrahmens".

Das digitale Schulkind

Wie viel Smartphone darf mein Kind? Diese tägliche Elternfrage beantwortet nun – der Schulsenator. Gemeinsam mit der TU Hamburg und der Joachim Herz Stiftung hat Ties Rabe das "digital.learning.lab" ins Leben gerufen. Auf einem Internetportal stehen ab dem kommenden Schuljahr allen Lehrkräften "digitale Unterrichtsbausteine" zur Verfügung, die in allen weiterführenden Schulen eingesetzt werden sollen. Die Schüler sollen laut Schulbehörde in Zukunft "neben Füllfederhalter, Buch und Arbeitsheft auch ganz selbstverständlich mit digitalen Medien wie Smartphones, Laptops oder Tablets lernen". Das wird vor allem in jenen Schulen spannend, in denen Smartphones eigentlich Hausverbot haben. "Schulische Hausordnungen haben keine Auswirkungen auf Unterricht, sondern nur auf den sonstigen Umgang mit Geräten", sagt Behördensprecher Peter Albrecht. Sprich: Im Unterricht könnte das Handy dann erwünscht sein, auf dem Pausenhof jedoch verboten. Die Unterrichtsbausteine sollen so konzipiert werden, "dass Lehrkräfte sie auch ohne spezifische Fachkenntnisse nutzen können", verspricht Albrecht, gibt aber zu, dass die Lehrer trotzdem parallel dazu entsprechend aus- und fortgebildet werden müssen, damit die Kids sie nicht überholen. (Was konkret die Angst etlicher Lehrer ist, die immer noch hoffen, dass der digitale Kelch an ihnen vorübergeht.) Und was ist mit Kindern, deren Eltern sich die teuren Teile nicht leisten können/wollen? Für sie werde die Schulbehörde entsprechende Geräte vorhalten. Allerdings habe ein Schulversuch bereits gezeigt, dass die meisten Hamburger Schüler zumindest ein Smartphone haben. Ihre Eltern haben vor der Einstiegsfrage vermutlich bereits kapituliert.

Vom zweifelhaften Geschäft mit der Wohnungsnot

Eins vorab: Lesen Sie es nicht kurz vorm Schlafengehen, das Stück "Ein ungleicher Kampf" in der aktuellen ZEIT:Hamburg, am Kiosk oder hier digitalEs sei denn, nach der Lektüre von Krimis schlafen Sie in der Regel selig ein. Denn keinen Deut anders liest sich das, was ZEIT:Hamburg-Kollege Sebastian Kempkens recherchiert hat zu den Praktiken einiger Immobilienfirmen, die aus der Wohnungsknappheit an Alster und Elbe Kapital schlagen – mindestens mit Knebelverträgen, bisweilen gar mit mafiös anmutenden Methoden. In den Hauptrollen: Martin Machno, Ende 20, neu in Hamburg, im Berufsleben und händeringend auf der Suche nach einer bezahlbaren Bleibe in einer Stadt, deren Wohnungsleerstand sich laut dem "Frühjahrsgutachten Immobilienwirtschaft 2018" auf verschwindend geringe 0,2 Prozent beläuft. Und Michael B., eigenen Angaben zufolge Besitzer von rund 300 Wohnungen, vorrangig in Gründerzeit- und Jugendstilhäusern, attraktiv gelegen in Nähe der Außenalster. "Dort legt er seinen Mietern seit Jahren Verträge vor, die vor zweifelhaften Klauseln nur so strotzen", schreibt Kempkens. Wie man gegen diese und gegen andere teils haarsträubende Praktiken vorgeht und was man sonst noch tun kann, steht in Kempkens’ Text.

"Irgendwann wird es megaanstrengend"

Am Wochenende findet der zweite Megamarsch Hamburg statt. Innerhalb von 24 Stunden wandert man auf dem 2. Grünen Ring einmal um die Stadt. Wir haben den Organisator Marco Kamischke gefragt, wieso Menschen organisiert spazieren gehen wollen.

Elbvertiefung: Herr Kamischke, wie viele Menschen werden denn an diesem Wochenende einmal rund um Hamburg marschieren?

Marco Kamischke: Vergangenes Jahr waren es 1000 Teilnehmer, diesmal sind wir etwas größer: Es haben sich 3500 Menschen angemeldet. Deshalb haben wir auch eine zweite Startergruppe eingerichtet, die bereits um 12 Uhr losgeht. Meines Wissens sind wir damit die größte Langstreckenwanderung Deutschlands.

EV: 3500 Menschen sind schon ganz ordentlich. Wieso nicht noch mehr?

Kamischke: Das ist ja kein Marathon, für den alles abgesperrt wird. Deshalb darf man den Verkehr nicht überlasten. Wir lassen alle zehn Minuten drei- bis vierhundert Leute starten. Durch die unterschiedlichen Gehgeschwindigkeiten zieht sich das Feld dann auseinander.

EV: Spazieren gehen kann doch jeder jederzeit. Wieso wollen 3500 Menschen ausgerechnet 24 Stunden lang 100 Kilometer marschieren, und das zusammen?

Kamischke: Es ist vor allem die gemeinsame Challenge. 100 Kilometer hören sich machbar an, "ist ja nur Gehen". Aber irgendwann wird es megaanstrengend. Es geht um die persönliche Grenze. Und wenn man herausfindet, dass die bei 60 Kilometern liegt, weiß man’s eben. Im Unterschied zu anderen Events geht es bei uns um die Gemeinschaft. Für den Ersten im Ziel gibt’s dieselbe Medaille wie für den Letzten.

EV: Machen bei Ihnen all jene mit, die zu viel Schiss vor einem Marathon haben?

Kamischke: Wir haben auch Marathonläufer, die das sehr sportlich nehmen und das vielleicht als neue Challenge sehen. Aber es gibt auch Leute, die sagen: Ich bin ein Couch-Potato, aber gehen will ich trotzdem. Für viele klingt es so unnormal, dass sie es einmal ausprobieren möchten.

EV: Welches sind Ihre Lieblingsstellen auf der ganzen Route?

Kamischke: Ich finde immer wieder überraschend, wie grün Hamburg ist. Man stellt es sich ja als große Stadt vor, und plötzlich geht man nur durch Parks.

EV: Was ist Ihnen denn vom vergangenen Jahr am stärksten in Erinnerung geblieben?

Kamischke: Da gab es jemanden, der sich verlaufen hat.

EV: Das geht?

Kamischke: Das geht! Gerade nachts muss man auf Beschilderung achten. Man läuft auch schnell dem Falschen hinterher. Der, der sich verlief, hatte dann zum Schluss 120 Kilometer erwandert, war aber felsenfest überzeugt, dass er es zu Ende machen muss. Zu ihm haben wir heute noch Kontakt.

EV: Zum Glück!

Der zweite Megamarsch ist bereits seit Wochen ausgebucht, es werden aber noch Helfer für die Verpflegungsstationen gesucht. Als Belohnung gibt es – ein Freiticket für das nächste Jahr. Mehr Informationen unter info@megamarsch.de

Serie: Hamburgs dunkle Ecken

Wo ist Hamburg hoffnungslos unterbelichtet? Hier kommen Ihre "Highlights"

Poelchaukamp, Bezirk Nord

© Gefunden von Kristin von Giese

"Am Poelchaukamp zwischen Sierichstraße und Ecke Wentzelstraße ist es richtig gruselig. Auf beiden Straßenseiten ist der Gehweg so schmal, dass man zu zweit oft nicht nebeneinander gehen kann. Die Gehwegplatten sind wahre Stolpersteine. Dazu ist es stockdunkel, da die Straßenlampen nur die Fahrbahn beleuchten und das Licht auch noch von den Bäumen daran gehindert wird, die Fußwege wenigstens ansatzweise zu erreichen."

Die Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation sagt dazu:

"Die genannte Straße ist nach dem aktuell geltenden Hamburger Baustandard für Nebenstraßen beleuchtet. Eine Überplanung ist in den kommenden Jahren nicht vorgesehen."

Mittagstisch

Kantine plus

Im Innenhof schöner Kontorhäuser am Baumwall findet sich der Elbhof. Bei wärmeren Temperaturen kann auch draußen gegessen werden, jetzt reicht die Schlange der Hungrigen ebenfalls bis vor die Tür. Betreiberin ist Soup City, doch gibt es hier einiges mehr als nur Suppen – die Auswahl reicht von Currywurst über Pasta und Salate zu Ofenkartoffel und Tagesgerichten. Heute stehen Köttbullar für 6,90 Euro auf der Karte, Dosenchampignons in säuerlicher Preiselbeersoße – geht so. Der Nachtisch, Schokomousse mit einem Stück Brownie, kostet 1,80 Euro, kommt hübsch angerichtet in figurfreundlich kleinen Gläschen und schmeckt nicht zu süß. Der Cappuccino mit Kaffee der Speicherstadtrösterei ist okay. Ein wenig wirkt der große Raum wie die Kantine eines Möbelladens, mit großen Lampen über den Tischen, Wandregalen mit steriler Deko und Betonsäulen. Jedoch: Die Mitarbeiter sind trotz großen Andrangs freundlich, die Atmosphäre ist entspannt, und es findet sich immer ein freier Tisch (mit Blümchen und Kerze), an den man sein Tablett tragen kann.

Bistro im Elbhof; Neustadt, Steinhöft 9 (Hofhaus), Mo–Fr 11.30–15 Uhr

Christiane Paula Behrend

Was geht

Theater-Kiez: "Die Azubis" erkunden St. Pauli mal ganz anders – per theatralem Parcours. In "Dr. Faustus sucht das Glück" finden die Schauspieler Arbeit, Rausch, Ruhe, Sex. Ihre Zuschauer treffen dabei auf Gretchen, Wagner und Marthe, die Säufer aus Auerbachs Keller und die Hexen der Walpurgisnacht.

Kölibri, Premiere heute, weitere Vorstellungen 8., 10. und 11.4., 20.15 Uhr, 18 Euro, Telefon 040/319 36 23 (Treffpunkt wird bei Bestellung bekannt gegeben)

Autist im Buch: Ein Autist sucht eine Frau. Schon das klingt schwierig – nun ist der Betroffene auch noch Genetik-Professor und will nur die ganz und gar ideale Partnerin. Lesung in einfacher Sprache: "Das Rosie-Projekt" in der Reihe "Vorlesen!", heute mit Schauspieler Julian Greis vom Thalia Theater.

Hamburger Autismus Institut, 1. Stock, Alsterdorfer Markt 4, 18 Uhr

Was kommt

Atemlos durch die ZEIT-Nacht: ZEIT-Autoren machen am 14. April wieder einmal durch, diesmal mit Persönlichkeiten aus Kultur, Politik, Wissenschaft und Medien, darunter Schauspieler Ulrich Matthes, Juso-Vorsitzender Kevin Kühnert und die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Christof Siemes, Kultur- und Sportreporter der ZEIT, spricht im resonanzraum unter anderem mit Felix Magath und Ewald Lienen über die globale Entwicklung des deutschen Lieblingssports kurz vor der Fußball-WM 2018. Harald Martenstein und Alexa Hennig von Lange lesen im Audimax der Uni Hamburg ihre Lieblingstexte aus Martensteins Kolumne. Und auf der Bühne des Rolf-Liebermann-Studios tritt das Team von NDR Kultur gegen das ZEIT-Team zum rasanten Wettstreit um den Titel des Rezensions-Slam-Meisters an.

Das gesamte Programm der Langen Nacht der ZEIT mitsamt Anmeldemöglichkeiten finden Sie hier, der Eintritt ist frei.

Tipps für Kids

MiniMedi: Geschichten sausen umher, Piraten suchen Schätze, ein Zauberer greift in die Wundertüte – die Bücherhalle Winterhude feiert ihren 20. Geburtstag. Beim Jubiläumsfest am Familiensamstag lädt sie ein zu Bilderbuchkino, Schminktisch und Jonglage.

Bücherhalle Winterhude, Winterhuder Marktplatz 6, Sa, 10–14 Uhr, Eintritt frei

Medi: Auch in der Steinzeit musste der Groove stimmen. Jäger und Sammler spielten auf dem Schwirrholz, dessen brummender Ton weit über die kahle Steppe zu hören war. Sonntagskinder ab acht Jahren bauen im Archäologischen Museum ihre eigenen Ur-Instrumente – "Cooler Sound"!

Archäologisches Museum, Harburger Rathausplatz 5, So, 14–16.30 Uhr, 3 Euro, Anmeldung unter 040/42 87 12 497

Maxi: Im Arbeitszimmer ihres Vaters liest Vita ein paar Sätze in einem Manuskript – und bleibt verzaubert, auch verstört zurück. Auf einer Fahrt quer durch Europa stößt die Siebzehnjährige in Italien zufällig auf den Schauplatz der Geschichte, Viagello. Lesung mit Live-Musik für Jugendliche und Erwachsene: "Die längste Nacht" von Isabel Abedi.

Burg Henneberg, Marienhof 8, So, 18 Uhr, Anmeldung unter reservierung@burg-henneberg.de

Hamburger Schnack

Eine Gruppe junger Touristen vor der Fahrplananzeige im Hauptbahnhof. Plötzlich der Aufschrei einer Frau: "Buxtehude gibt’s?"

Gehört von Ulrich Schmidt

Meine Stadt

Bei der Neugestaltung der Weidenallee genießt das Kunstwerk, die Bank, Bestandsschutz und bleibt erhalten © Maren Schittek

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.