Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

ist nun doch nicht alles vorbei? Nein, nach dem Abstieg des HSV ist unsere Stadt weiterhin attraktiv und ein spannendes Reiseziel, beruhigt uns Hamburgs Tourismuschef Michael Otremba. Man positioniere Hamburg im Ausland sowieso als "Stadt der Kontraste", "mit vielen spannenden Geschichten", sagte er der Deutschen Presse-Agentur; den Sport habe man in den vergangenen Jahren "schon nicht mehr so sehr in den Vordergrund gerückt", vielmehr sei die Elbphilharmonie der große Tourismusmagnet. Die Zweitklassigkeit des HSV werde zwar Spuren im Einzelhandel, in Hotellerie und Gastronomie hinterlassen, schätzt Otremba – er arbeitete selber elf Jahre lang in der Bundesliga-Vermarktung –, aber auf "sehr niedrigem Niveau: Der Abstieg des HSV schlägt nicht tief in die Kerbe".

Was der Abstieg nach knapp 55 Jahren in Wirklichkeit bedeutet, damit haben sich übrigens die Kollegen der ZEIT:Hamburg auf drei Sonderseiten beschäftigt, die gestern fertig wurden und in der ZEIT von morgen zu haben sind.

Noch schnell zu einer anderen Art von Spielerpech: Falls Sie nicht nur leidenschaftlicher Pokerspieler sind, sondern auch gerne den Kick suchen, James-Bond-mäßig um höhere Einsätze spielen – und sich wundern, weil Sie in letzter Zeit dabei ständig verloren haben: Gestern gab es in sieben Bundesländern, darunter auch Hamburg, Polizeieinsätze wegen illegaler und manipulierter Pokerrunden. Laut dem LKA Sachsen waren mehrere Tatverdächtige Angehörige der Rocker-Gruppierung Hells Angels. Die sollen seit Jahren regelmäßig Pokerrunden mit liquiden, teils auch prominenten Spielern organisiert und diese mit "manipulierter Technik" betrogen haben, und zwar um insgesamt mindestens 600.000 Euro. Ein kleines Quantum Trost für die derart abgezogenen Kicksucher mag dabei wiederum der Gedanke an James Bond sein: Der gewann in "Casino Royale" ja zwar die Pokerrunde, wurde kurz darauf aber äußerst unangenehm behandelt ...

Böhmermann versus Erdoğan ff.

Der eine wollte mehr, der andere entschieden weniger – bekommen haben sie beide nichts Neues. Im Rechtsstreit zwischen dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und dem Satiriker Jan Böhmermann bleibt vorerst alles, wie vom Landesgericht bereits zuvor entschieden worden war: Passagen des Gedichts "Schmähkritik", das Böhmermann im März vergangenen Jahres in seiner Sendung "Neo Magazin Royale" vorgetragen hatte, bleiben verboten. Darin hatte der Satiriker Erdoğan unter anderem mit Kinderpornografie in Zusammenhang gebracht. Diese und andere Äußerungen dienten, so urteilte das Hamburger Oberlandesgericht gestern, in erster Linie dem Angriff auf die "personelle Würde" Erdoğans und seien damit rechtswidrig. Das Oberlandesgericht schlug damit in dieselbe Kerbe wie zuvor das Landesgericht, differenzierte aber schärfer aus: Je weiter die satirische Einkleidung von dem Gegenstand der Kritik entfernt sei und sich auf die bloße Herabsetzung der Person des Kritisierten fokussiere, desto mehr Gewicht gewinne das Persönlichkeitsrecht. Außerdem bilde weder die Sendung insgesamt noch das Gedicht ein einheitliches, untrennbares Werk, dessen Zulässigkeit nur insgesamt beurteilt werden könne – zum Ärger von Böhmermanns Anwalt Christian Schertz, der das Gesamtkunstwerk erneut nicht gewürdigt sah. Bleibt es bei dieser Nullrunde? Wohl eher nicht, denn das Berufungsurteil des Oberlandesgerichts ist nicht rechtskräftig. Der Senat hat keine Revision zugelassen, dagegen können die Streithähne jetzt wiederum Beschwerde beim Bundesgerichtshof einlegen, was Schertz umgehend ankündigte: Notfalls wolle man bis vors Bundesverfassungsgericht ziehen.

"Ride of Silence" für die Radverkehrstoten

Es hätte jeden treffen können, vermutet Dirk Lau nach dem tödlichen Unfall einer jungen Mutter auf der Osterstraße (wir berichteten). Der stellvertretende Vorsitzende des ADFC Hamburg ruft heute zum "Ride of Silence" auf, der mit einer stillen Gedenkfahrt an die Radverkehrstoten Hamburgs erinnert. Auch in Städten wie Berlin, Köln, Leipzig und München werden Aktivisten schweigend in den Abend radeln. "383 Radfahrer sind in Deutschland 2017 ums Leben gekommen, darunter 15 Kinder", so der Fahrradclub ADFC. "Anders als die Gesamtzahl der Verkehrstoten, nimmt die Zahl der getöteten Radfahrer seit Jahren nicht substanziell ab." Die Trauer vermischt sich bei Lau mit Unverständnis über die "Untätigkeit der Hamburger Politik". Er listet zahlreiche Ideen auf, wie der Verkehr in der Hansestadt sicherer gestaltet werden könnte: etwa Tempo-30-Zonen, vorgezogene Haltelinien für Fahrradfahrer an Ampeln, Bremsassistenten in Lkw. Auch eine "Veränderung der Kurvenradien" könne helfen, schriebe Lastfahrzeugen vor, beim Abbiegen einen großen Bogen zu fahren. Fußgänger und Radler hätten so mehr Zeit zum Reagieren. Wäre das bereits umgesetzt worden, so Lau, könnte die bei dem Unfall umgekommene Frau "womöglich noch leben": "Aber der Schutz von Menschenleben steht in der Hamburger Verkehrspolitik leider nicht ganz oben." Und die Verantwortlichen zeigten wenig Mut zu einer wirklich innovativen Verkehrspolitik.

Teilnehmer des Ride of Silence treffen sich heute um 19 Uhr an der S-Bahn Sternschanze.

Windkraft: Weniger Umsatz, aber keine Sorge

Der Wind, der Wind, das himmlische Kind: Er soll uns wegführen von schmutziger Energieerzeugung. Hamburg gilt als Windhauptstadt Deutschlands, zwar nicht als Erzeuger, aber viele Firmen haben in der Stadt ihr Hauptquartier. Schon jetzt wird etwa 70 Prozent des Stromverbrauchs in Hamburg durch erneuerbare Energien gedeckt. Der Großteil davon kommt aus Schleswig-Holstein. Bis auch die letzten Atomkraftwerke und Kohlekraftwerke vom Netz genommen werden, soll das Energiesystem komplett umgebaut sein. Was aber, wenn die Windkrafträder sich nicht mehr drehen? Die Quartalszahlen, welche die deutschen Hersteller von Windkraftanlagen Nordex und Senvion gestern in Hamburg vorlegten, zeigen einen deutlichen Umsatzrückgang von fast 35 Prozent (Senvion) und 25 Prozent (Nordex). Was heißt das für die Energiewende? "Ich sehe nicht, dass den Windenergieunternehmen die Puste ausgeht", beruhigt Professor Werner Beba vom Competence Center für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz in Hamburg. Er erklärt den Umsatzrückgang mit dem erhöhten Preisdruck, mit dem die Windkraftunternehmen im Inland zu kämpfen und so vorübergehende Einbußen zu verkraften hätten, sowie mit dem schwierigen internationalen Wettbewerb. Dennoch sieht er keine Gefahr für die Windkraftbranche an sich gerade im Norden. Was wäre auch die Alternative? Fotovoltaik etwa? "Die wird in Hamburg eher klein bleiben, dafür gibt es hier zu wenig Sonne", sagt er mit Verweis auf die Konkurrenz aus Afrika. Auch Senvion und Nordex nehmen die Zahlen sportlich und verweisen auf steigende Auftragszahlen im In- und Ausland.

Die Antike – jetzt live in Farbe

Die Kunst der Antike war quietschend bunt, auch wenn die Gipsmasken und Statuen in den Museen der Welt uns anderes glauben machen wollen. Ein Seminar der Universität Hamburg hat sich mit experimenteller Archäologie dieser Ungereimtheit angenommen und die Antike durch das Bemalen von Replik-Gipsporträts und -Reliefs wieder farbig gemacht. Heute um 18 Uhr wird die Ausstellung "Antik in Farbe" in der Gipsabguss-Sammlung eröffnet. "Für manche sieht das vielleicht wie Spielerei aus. Tatsächlich handelt es sich dabei um die praktische Überprüfung von theoretischem Wissen, das anders nicht zu belegen ist", erklärt Seminarleiterin Nadine Leisner. Es sei um das Erfahrbarmachen von antikem Leben gegangen, das Nachempfinden von Handwerksarbeit. "Wir haben uns beispielsweise gefragt, wieso man Marmor verwendet hat, wenn man es sowieso bemalt, und festgestellt, dass die Farben darauf eine besondere Leuchtkraft bekommen." Experimentelle Archäologie ist vielschichtig; dazu gehört das Testen neuer Technologien, aber auch Alpenüberquerungen mit einer Gruppe Legionäre in der Jetztzeit. Bereits 1985 marschierte etwa der Archäologe Marcus Junkelmann mit einigen Mitstreitern von Verona nach Augsburg, im Kettenhemd, mit Helm und leichten Militärsandalen, um die Ausrüstung römischer Soldaten zu erforschen. Eine weitere, wohl ungeahnte Herausforderung des Unterfangens war dann allerdings, auf dem Weg über den Brenner den Lastwagen auszuweichen.

Flohmärkte: Skurriles geht immer!

Was tun mit all den schönen Dingen, die eigentlich noch gut sind, aber in den Schränken vergammeln? Richtig: Ab auf den Flohmarkt. Die Verkaufssaison für gebrauchte Schätze hat wieder begonnen. Flohmarkt-Profi Maritta Schlag steht seit gut zwei Jahrzehnten mit ihrem Stand regelmäßig auf den Trödelmärkten der Stadt. Wir haben sie gefragt, wie das Trödeln richtig geht.

Elbvertiefung: Welche Flohmärkte können Sie Verkaufsneulingen empfehlen?

Maritta Schlag: Es gibt sehr viele, mit ganz unterschiedlichem Publikum. In der Flohschanze ist eher ein jüngeres Publikum, beim Museum für Arbeit ein eher gediegenes und in der Isestraße eine eher betuchte Klientel. Abraten würde ich von Märkten, auf denen viele Menschen auf Decken verkaufen und es überall nur noch Batterien und Handyhüllen gibt oder Neuwertiges. Das macht das Flair kaputt.

EV: Auf Flohmärkten wird ja gerne feilgeboten, was man selbst nicht mehr benötigt. Aber verkauft sich das auch?

Schlag: Also, was alle im Schrank haben und dann auch noch minderwertig ist – Senfgläserflohmarkt nennen wir das –, das braucht man nicht mitzunehmen, da schleppt man nur.

EV: Was sollte man denn stattdessen einpacken?

Schlag: Etwas Skurriles! Wir hatten zum Beispiel mal Holzschlittschuhe aus Schweden und dachten, die will keiner. Die gingen sofort weg. Genauso wie ein tonnenschweres Eisenbügeleisen. So was wird dann gern als Deko genutzt. Auch Vintage-Klamotten sind sehr gefragt. Ich bekomme manchmal Kleidung aus den siebziger Jahren in knalligen Farben von meiner Schwägerin. Die verkauft sich immer gut.

EV: Solche Schätze will man ja aber auch nicht unter Wert verkaufen. Wie handelt man richtig?

Schlag: Ich setze immer fünf Euro höher an, das ist mein Spielraum. Und dann schau ich mir die Leute an, und je nachdem, ob sie mir sympathisch sind, gebe ich dann auch mal mehr Nachlass. Früher wurde mehr bezahlt, jetzt wollen viele möglichst immer nur ein, zwei Euro ausgeben. Es gibt aber auch Leute, die das Hochwertige der Sache sehen und gar nicht erst handeln.

EV: Und wo baut man seinen Stand am besten auf, damit man im Getümmel nicht übersehen wird?

Schlag: Das kann man sich nicht immer aussuchen, aber man kann Wünsche äußern. Es hilft, wenn man den Platz kennt. Ich versuche immer etwas Breite zu haben, denn wenn es zu eng ist, bleiben die Leute nicht stehen und können auch nicht richtig gucken.

EV: Worauf sollte man noch achten?

Schlag: Ganz früh am Morgen kommen die Profis, Sammler und Händler, die nach Schmuck oder Marken suchen und denken, dass man den Brillantring der Oma dabeihat, aber es nicht weiß. Die sind schon rigoros, da muss man sich zu wehren wissen. Außerdem muss man sich vor Dieben schützen. Wenn ich Schuhe dabeihabe, stelle ich immer nur einen hin. Und den Schmuck baue ich ganz zum Schluss auf, wenn ich ihn im Auge behalten kann. Es ist mir schon passiert, dass ich mich einmal kurz umgedreht habe – und schon war eine Uhr weg.

Mittagstisch

Von Sportwagen, Gnocchi und Fisch

Ein guter Platz, um einen Blick auf ausgefallene Sportwagenmodelle zu erhaschen, die manch Hamburger bei Sonne aus seiner Garage lenkt, ist das Engelke im Eppendorfer Baum. Es dauert nicht lange, da findet man sich hier vor dem Lokal an einem der beiden robusten Holztische in der Sonne sitzend in einer Plauderei mit einem anderen Gast verwickelt. Die bald darauf eintreffenden Steinpilz-Ziegenkäse-Gnocchi werden von der Frau kritisch beäugt. Ob die schmecken? Das Lokal, das auch Delikatessen verkauft, trage das gute italienische Essen doch auf den Fahnen, erklärt man: "Pasta, Olio, Vino". Sie komme immer hierher, um Fisch zu essen, erwidert die Dame unbeirrt. Man versenkt sich in die hausgemachten Gnocchi in Thymianbutter (11,90 Euro), die tatsächlich gut sind und von zweierlei Brot und hausgemachter Limonade begleitet werden. Doch als die bestellte Maischolle eintrifft, versteht man auch die Dame. "Sehr aromatisch!", lobt sie. "Sie schmeckt, als hätte sie jemand gerade eben erst mit der Angel gefangen." Und man wird ein klein wenig neidisch ob des knusprig gebratenen Fischs mit Kartoffel-Gurkensalat (15,90 Euro).

Engelke; Harvestehude, Eppendorfer Baum 20, Mo–Sa, 10–20 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Schlüssel-Foto: Die einzig offene Tür zu Bildräumen liegt in der Vorstellungskraft – "also jenseits einer vermeintlichen Realität, dort, wo wir unsere Sinne öffnen für das, was wir nicht kennen", sinniert das Haus der Photographie. Hier setzen die Ausstellungen "Gute Aussichten Deluxe" und "Gute Aussichten 2017/2018" an, mit Bildern junger Fotografie-Absolventen. Letzte Kuratorenführung dieser Art von Ingo Taubhorn.

Haus der Photographie, Deichtorstraße 1–2, 18 Uhr

Baumtraum: Haben Sie schon mal was vom Kuchenbaum gehört, von der Blumen-Esche oder dem Chinesischen Blauglockenbaum? Autor und Experte Harald Vieth kennt sie alle. Beim Rundgang "Urige Baumgestalten im Eppendorfer Park" verrät er ihre Verstecke, Geheimnisse und Vorlieben.

Treffpunkt Haupteingang UKE, Infohäuschen, Martinistraße 52, 18 Uhr, 6 Euro

Radweg – Rad weg: Im Koalitionsvertrag von 2015 steht: "Hamburg wird Fahrradstadt!" Aktuell hält sich die Zufriedenheit der hiesigen Radler allerdings in Grenzen. Radverkehrskoordinatorin Kirsten Pfaue, Dennis Thering, CDU-Fachsprecher für Verkehr, und Dirk Lau vom ADFC ziehen eine Zwischenbilanz der öffentlichen Diskussion: "Hamburg 2030: Radweg oder Rad weg?"

KörberForum, Kehrwieder 12, 19 Uhr, Anmeldung online

Hamburger Schnack

Eine Mutter mit einem etwa zwei- bis dreijährigen Kind im Supermarkt. Das Kind zeigt auf eine Kundin und fragt: "Ist das ein Mann?" – "Nein, das ist eine Frau." Zwei Sekunden später: "Ist das ein Mann?" – "Nein, das ist auch eine Frau." – "Und wo sind die Männer?"

Gehört von Elisabeth Heise

Meine Stadt

Feuerspeiende Grüße aus der Hanseatischen Materialverwaltung. © Norbert Fliether

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr Mark Spörrle

 

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