Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

vielleicht haben Sie es ja immer schon geahnt: Aktive Twitterer sind nicht normal. Das gilt nicht nur für mit Tweets um sich werfende Staatenirrlenker, sondern auch für andere Twitterer aus Leidenschaft. Wobei "normal" in dem Fall die Gesamtheit der Online-Gemeinde beschreibt. Von denen unterscheiden sich die Tweetvirtuosen laut einer Studie des Hans-Bredow-Instituts für Medienforschung erheblich. Eine Befragung von knapp 800 deutschen Internetnutzern ergab, dass Menschen, die mehrfach pro Woche Tweets verschickten, replyten und so weiter, zwar kreativer als twittermäßig Zurückhaltendere waren und auch Neuem gegenüber aufgeschlossener. Gleichzeitig, so Studienautor Sascha Hölig, handle es sich um eher "stärkere Persönlichkeiten", die nicht nur "extrovertierter und weniger ängstlich" seien als andere Mitglieder der Online-Gemeinde, sondern auch "höhere Werte in der Tendenz zum Narzissmus" aufwiesen. Für Hölig Hinweise darauf, dass der viel beachtete Kurzmitteilungsdienst nicht unbedingt repräsentativ für die Bevölkerung sei und "als Stimmungsbarometer für die Belange der Gesellschaft eher ungeeignet ist". Erwähnen muss man der Vollständigkeit halber dann auch noch einen anderen Punkt, auch wenn das sicherlich nichts als reiner Zufall ist: Die selbstverliebten Twitteraktivisten, sie waren in der Mehrzahl männlich.

Grundschule – endlich neu gedacht?

Kommt jetzt die Revolution in den Grundschulen? Die Elternkammer in Hamburg wünscht sich mehr Flexibilität und fordert eine Schuleingangsphase, die das individuelle Lerntempo der Kinder unterstützt und je nach Lernstärke die Grundschulzeit verkürzen oder verlängern würde. Schulsenator Ties Rabe signalisierte im Treffpunkt Hamburg bei NDR 90,3 bereits seine Unterstützung. Wir haben die Vorsitzende der Elternkammer, Antje Müller, gefragt, wie das eigentlich funktionieren soll.

Elbvertiefung: Was steckt hinter der Idee einer flexiblen Schuleingangsphase?

Antje Müller: Das Konzept soll zu mehr Chancengerechtigkeit in der Grundschule führen. Die Idee sieht vor, dass die Schüler die Inhalte der ersten zwei Lernjahre altersgemischt lernen. Die Verweildauer in der sogenannten Eingangsphase beträgt dann im Regelfall weiterhin zwei Jahre, kann aber auch ein oder drei Jahre betragen. Hauptsache ist, dass die Inhalte gelernt werden. Danach geht es regulär in die dritte Klasse.

EV: Was bringt das?

Müller: Je nach individuellen Möglichkeiten haben die Kinder die Gelegenheit, den Stoff in unterschiedlichem Tempo zu erlernen. 27 Prozent der Schüler verlassen zurzeit in Hamburg die Grundschule nach vier Jahren, ohne dass sie die Mindestanforderungen in Rechtschreibung erfüllen. Andererseits können viele bereits lesen, wenn sie in die Schule kommen. Alle sollen die Zeit bekommen, die sie benötigen. In Bundesländern wie Bayern wird das Konzept bereits erfolgreich angewandt.

EV: Auf Schwächen und Stärken wird also frühzeitig eingegangen – mit Erfolg?

Müller: Zahlen aus Berlin/Brandenburg zeigen, dass vor Einführung der flexiblen Grundschule ein Prozent der Schüler eine Klasse übersprungen hat. Danach waren es zwei Prozent, die die Eingangsphase bereits nach einem Jahr verlassen haben und gleich in die dritte Klasse weitergegangen sind. Die Verlängerung, also das Jahr mehr, haben im Vergleich zehn Prozent genutzt.

EV: Eigentlich gibt es doch bereits ein Förderprinzip. Reicht das nicht?

Müller: Wir erleben, dass die Förderung, etwa die "23+ Starke Schulen", die Lese-Rechtschreib-Förderung oder die Festlegung der Höhe der Klassenfrequenz, nach sozialer Herausforderung zu funktionieren scheint. Aber trotzdem verlassen 15 Prozent der Schülerinnen und Schüler die Grundschulen, ohne dass sie die Mindeststandards erfüllen. Deshalb müssen wir mehr unternehmen, um diese Kinder zu unterstützen.

EV: Das kann nur funktionieren, wenn die Kids richtig eingeschätzt werden. Wie soll das gehen?

Müller: Die Entscheidung sollte im Sinne der Bildungspartnerschaft gemeinsam von Lehrkraft und Eltern mit Zustimmung des Kindes auf Basis der gemachten Beobachtungen erfolgen. Außerdem stelle ich mir vor, dass bereits bei der Einschulung eine Lernausgangslage ermittelt wird, die erste Hinweise gibt.

EV: Am Ende hängt es also wie immer vom Lehrer und seinem Unterricht ab. Müsste da nicht erst ein einheitlicher Standard geschaffen werden, damit alle Kinder die gleichen Chancen haben?

Müller: Es kommt darauf an, dass jedes Kind an seinem persönlichen Leistungsoptimum lernt. Einige Kinder tun das recht selbstständig, andere brauchen dafür Förderung. Aber bezogen auf Standards, erwähnen Sie einen wichtigen Punkt. Unterricht ist in Teilen von Lehrer zu Lehrer sehr unterschiedlich, das ist auch nicht weiter schlimm. Denn gute Lernerfolge können auf unterschiedliche Art und Weise erzielt werden. Aber es gab in den anderen Bundesländern, die bereits mit dem Konzept arbeiten, in Einzelfällen Hinweise darauf, dass es zu Problemen führte, wenn Lehrer nicht gut mit ihrer Aufgabe umgehen konnten, nicht entsprechend unterrichtet haben.

Kreuzfahrtschiffe: Das dreckige Geschäft

Hust, hechel. Ein Blick auf das diesjährige Kreuzfahrt-Ranking, das der Naturschutzbund (Nabu) gestern vorgestellt hat, könnte einem die Lust am Atmen vergällen. Denn die Kreuzschifffahrt bleibt ein dreckiges Geschäft. Der Großteil der 76 vom Nabu untersuchten Schiffe ist alles andere als umweltschonend unterwegs, nur eines (!), die "Aida Nova", fährt mit Flüssiggas. Die allermeisten Pötte tuckern mit Schweröl betrieben munter weiter über die Weltmeere. Auch dass es etablierte Möglichkeiten wie Landstrom und Stickoxid-Katalysatoren gibt, scheinen in erster Linie deutsche Anbieter begriffen zu haben. Hapag-Lloyd und TUI Cruises haben die neue Technik in ihre jüngsten Flottenzugänge involviert und sind in Sachen Luftreinhaltung damit vorn dabei – aber eben die Ausnahme. Denn einen regulatorischen Rahmen gebe es, so Sönke Diesener vom Nabu, bislang nicht. Der Naturschutzbund fordert daher bis 2020 ein Einfahrverbot der Dreckschleudern in die Häfen. "Das Ranking zeigt, dass auch ein Großteil der Schiffe, die Hamburg anfahren, komplett dreckig sind. Für Pkw gibt es Umweltzonen, warum nicht auch für Kreuzfahrtschiffe?", fragt Diesener. Er verweist auf den Luftreinhalteplan 2017, der besage, dass allein 80 Prozent der gemessenen Stickoxide an der Elbchaussee vom Hafen kommen, an der Max-Brauer-Allee waren es noch 25 Prozent. Diesener spricht sich dafür aus, die Kreuzfahrt-Anbieter regulatorisch in die Pflicht zu nehmen, denn deren Betreiber hätten quasi keine Wahl. "Die Containerschiffe könnten vielleicht auf einen anderen Hafen ausweichen, aber die Kreuzfahrtschiffe steuern Hamburg an, weil die Leute die Destination gut finden und hierher wollen."

Fiese Spielplätze

Im Sand lauert Hundekot (s.u.), das Klettergerüst verschmieren Graffiti, Schaukeln ächzen in den Angeln; dem Vorsitzenden der CDU-Fraktion André Trepoll zufolge sind viele der 750 öffentlichen Spielplätze Hamburgs marode. Von der angekündigten rot-grünen Sanierung sei nichts zu sehen; "im Gegenteil: Es bleibt nur der Eindruck einer reinen PR-Show", erklärt er. "Spielplätze dürfen keine Schrottplätze sein!" Tatsächlich häufen sich die Beschwerden der Hamburger über verschmutzte, verwahrloste, beschädigte Spielflächen. Über die App "Melde-Michel" wurden 2016 nur 201 Mängel angezeigt, 2017 waren es schon 418. Im laufenden Jahr haben Bürger bereits 300 Schäden in Parks und auf Spielplätzen gemeldet, so die Senatsantwort auf eine kleine Anfrage von Trepoll. Am häufigsten gingen Beschwerden über verdreckte Sandkästen ein, so Björn Marzahn, Pressesprecher der Umweltbehörde. Darin landeten nicht nur Abfälle wie Apfelgriebse, sondern auch mal Spritzen oder Hundekot. "Spielplätze ziehen eben auch andere Leute als Familien an, bieten Bänke, Ruhe, Grünflächen", so Marzahn. Dass die Installation von Spielflächen auf Kosten anderer Grünflächen gehe, verneint er allerdings. Und: Der rot-grüne Senat habe außerdem viereinhalb Millionen Euro zwecks Sanierung  der Spielplätze in die Hand genommen. Allerdings brauche das Projekt seine Zeit: "Viele Handwerker sind ausgebucht. Das Ganze ist nicht so schnell umsetzbar, wie wir es uns wünschen." Marzahn betont auch, dass der "Melde-Michel" erst seit 2015 in Aktion sei. Mittlerweile habe die App "eine gewisse Berühmtheit erlangt" – das erkläre den deutlichen Anstieg von Schadensmeldungen.

Start-up Recalm verbreitet – Stille!

Marc von Elling konnte nicht schlafen. Vor dem Fenster rumpelten Autos über die Breite Straße, rasten, hupten, bremsten. Der Hamburger Student der Elektrotechnik fing an zu tüfteln. Was, wenn er die Schallwellen, auf denen der Lärm zu ihm ins Zimmer dringt, neutralisieren könnte? Seine Idee basiert auf dem physikalischen Prinzip der destruktiven Interferenz. Vereinfacht gesagt, trifft dabei ein Signal gegenläufig auf Krach, die Schallwellen heben sich gegenseitig auf. Einige Jahre später hat von Elling die Idee weiterentwickelt, das Start-up Recalm gegründet. Zum Team gehört "Co-Founder" Lukas Henkel, der Lärm als "Riesenproblem im Alltag" wahrnimmt, vor allem bei Fahrern von Mähdreschern, Baggern und Treckern. Oft trügen sie Hörschäden davon. Recalm will ihnen auf der größten Baumesse Deutschlands, der Bauma, im April 2019, erste Ergebnisse aus Langzeitstudien präsentieren. Dafür baut das junge Team auf Hamburger Baustellen einen Prototypen in Fahrzeuge ein: Ein Gerät aus Lautsprecher, Mikrofonen und Software landet in den Kopfstützen. Bis zu 75 Prozent des Lärmpegels schaltet die Technik bereits aus. Der Haken: Nur tiefe Geräusche bis zu 500 Herz, zum Beispiel von Motoren, Wind und Reifen, verschwinden auf diese Weise. Nerviger Musik oder Babygeschrei kann das Akustikgerät nichts anhaben. Und: Auch Lärmbelästigung in Räumen oder auf Balkonen wird Recalm nicht senken. "Jedes Zimmer, jeder Balkon hat andere Wände, eine andere Verglasung", erklärt Henkel. Schade. Wie sehr hatten wir gehofft, die unbändig laute Nachbarfamilie aus dem Hinterhof neutralisieren zu können, ohne handgreiflich zu werden.

Hundehaufen – einfach wegsaugen?

Einmal zu viel Hans Guck-in-die-Luft gemacht – und schon ist man in eine dieser Tretminen aka Hundehaufen gestapft, und es dampft der frische Kot aus dem Profil. Statt die Gassibeutel zum Aufsammeln der Hinterlassenschaften zu nutzen, gibt es noch mehr als genügend Hundehalter, die den Haufen ignorant Haufen sein lassen – auf die noch sehr theoretische Gefahr hin, ein Bußgeld zahlen zu müssen. Unseren Nachbarn in Schleswig-Holstein stinkt das so gewaltig, dass sie zu neuen Mitteln greifen: einem Saugmobil. Geplant ist ein Pilotprojekt mit einem elektrisch betriebenen E-Mobil, das die Hundehaufen in einen Tank saugt. Auch in Bremen und Berlin sind solche Kotsauger schon im Einsatz. Auch in Hamburg. Hier sind die Stadtstaubsauger allerdings hauptsächlich zum Saugen von etwa Zigarettenstummeln aus Ritzen im Einsatz. Aber sie könnten doch auch mehr, oder? Reinhard Fiedler von der Stadtreinigung lehnt das Ansinnen eines Hundekot-Aufräumservice ab. Für die Beseitigung von Hundehaufen seien die Halter verantwortlich (es gilt die Kotbeseitigungspflicht), und das soll auch so bleiben. "Nicht, dass sie am Ende noch sorgloser werden, weil sie wissen, dass ein anderer die Haufen sowieso wegräumt", sagt er. Und das Konzept Gassibeutel funktioniere. Allein etwa 30 Millionen davon werden von der Stadtreinigung jährlich ausgegeben. Und während vor zehn Jahren bei einer Umfrage nicht beseitigte Hundehaufen noch Aufreger Nummer eins bei den Hamburgern gewesen seien, habe man das Problem mit den Gratistüten "in den Griff" bekommen.

Mittagstisch

Gestylte Pizza

Erster Eindruck: stylish. Der hallenartige Raum lichtdurchflutet, der Betonfußboden perfekt geschliffen, die Tische Spezialanfertigungen; runde Boxen, aus denen samtige Musik strömt, große Grünpflanzen in bunten Körben und an der Decke ein beeindruckender moderner Kristallleuchter. Zu Essen gibt es hier nur eins: Pizza (vegan, vegetarisch oder mit Fisch/Fleisch zwischen 9 und 13 Euro). Und zu trinken? "Wir haben keine Standardgetränke", lacht die freundliche Bedienung des neu eröffneten Heats und stellt die drei hausgemachten Limonaden vor. Frisch, lecker und nicht zu süß – die wenig später an den Tisch gebrachte Kombination Orange-Salbei-Rosmarin überzeugt. Das Essen allerdings lässt lange auf sich warten. Schließlich kommt die vegetarische Pizza. Erster Eindruck: stylish. Cool, wie das Gemüse auf der Pizza arrangiert ist. Der erste Bissen: hauchdünner, knuspriger Teig, fein! In der Länge aber überzeugt die Pizza nicht. Die Grundlage (Aubergine) ist sehr dominant, das Gemüse sehr gut angemacht, aber irgendwie hat das alles nicht so richtig zusammengefunden. Style ist eben doch nicht alles.

Heat; Altona, Harkortstraße 81, Mittagstisch 12 bis 15 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Teuflische Lesung: Sind mit dem Titel höllische Geschichten oder garstige Frauen gemeint? Die französische Novellensammlung "Les Diaboliques" (Die Teuflischen) lässt Raum für Spekulationen. 1874 erschienen, konzentriert sie sich auf Protagonistinnen von "großartig dämonischem Charakter". Große Erzählungen der Weltliteratur: Jules Barbey d’Aurevillys "Der karmesinrote Vorhang".

Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2, 20–22 Uhr, 10 Euro

Kampf mit Kamera:Robert Marc Lehmann taucht mit Haien, wandert ins Eis, rettet Wildtiere. Der Meeresbiologe dokumentiert an den abgelegensten Orten der Erde fotografisch, wie schön und wie gefährdet sie ist. Multivisionsvortrag: "Abenteuer extrem. Die Welt ist es wert, um sie zu kämpfen".

Karo Beach, Neuer Kamp 31, 20–22.30 Uhr, Eintritt frei

Blaugras-Mucke: Wer ratlos vor der Kategorie "Bluegrass Folk" steht, erweitert heute seinen Horizont; "The Dead South" aus Kanada mixen erdigen Sound mit Nu-Folk, Alternative Country und Punk. Im Ohr klingen Gitarre, Banjo und Cello, nehmen Zuhörer mit aufs Land, ins Säuferleben, rauchig-melodische Stimmen im Genick.

Sommer in Altona, Nobistor 42, 20 Uhr, 22 Euro

Hamburger Schnack

Eine Gruppe Mädchen, alle ungefähr acht Jahre alt und artig weiß gekleidet, vertreiben sich mit einer Mutter in der Warteschlange vorm Eisladen die Zeit. Die Mutter: "Wer weiß ein Getränk mit G?" Ich spontan: "Glühwein." Ein Mädchen schaut mich an und kontert mit: "Gin Tonic. Meins ist cooler!"

Gehört von Lutz Rehkopf

Meine Stadt

Es spendete jemand eine Hilfe gegen schwer erreichbare Mückenstiche. © Hilke Bock

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr Mark Spörrle


PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter https://www.zeit.de/serie/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.