Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

gehen auch Ihnen die hässlichen Szenen aus Chemnitz nicht mehr aus dem Kopf? Vermummte, Flaschenwürfe, Hitlergrüße. Rechte Demonstranten, die am Montagabend weitgehend ungehindert durch die Stadt zogen, weil viel zu wenig Polizei vor Ort war. Gegendemonstranten, die von den Politikern alleingelassen wurden. Dass der Aufmarsch von Chemnitz beileibe nicht unerwartet kam, erklärt Kollege Karsten Polke-Majewski auf ZEIT ONLINE. Auf die Gewalttätigkeiten waren selbst Kamerateams vorbereitet, die mit Schutzausrüstung und Sicherheitsleuten anrückten, welche den Job der Polizei machten – die Landesregierung um Michael Kretschmer war es offensichtlich nicht. Kein Novum, berichtete Reporter Johannes Grunert, der für ZEIT ONLINE vor Ort war, dem Fachdienst Meedia: "Es ist in Sachsen schon länger so, dass es den Videoteams auf Demos nicht mehr möglich ist, frei zu berichten, weil die Polizei nicht an jeder Stelle sein kann und die Aufmärsche so groß sind, dass die offenbar zahlenmäßig dermaßen unterlegen ist."

Was braut sich in dem Bundesland zusammen?

"Wer in einer Demokratie Regierungsverantwortung übernimmt", schreibt Kollege Polke-Majewski, "muss sich sichtbar an die Seite seiner Bürgerinnen und Bürger stellen, die für diese Demokratie eintreten". Was, wenn die Regierenden das nicht tun?

Wird Ihnen dann auch erst mal ganz anders, wenn jemand von "ethnisch-kulturell motivierten Aggressionen" spricht – aber, wie die Hamburger CDU (siehe unten), eine andere Bevölkerungsgruppe meint?

Vattenfall überrascht mit Fernwärme-Kompromiss

Im Streit um den Rückkauf des Hamburger Fernwärmenetzes hat Vattenfall der Stadt ein neues Angebot gemacht: Das Unternehmen will auf den Anschluss des Kraftwerks Moorburg verzichten. Stattdessen plant es, das Leitungsnetz für eine effiziente Nutzung von Gas zu behalten – müsste in diesem Fall aber ein neues Gaskraftwerk bauen. "Vattenfall möchte an der Weiterentwicklung der Fernwärme weiterarbeiten und ist bereit, sinnvolle Konzepte zu entwickeln", so die Hamburger Sprecherin des Energiekonzerns, Barbara Meyer-Bukow. Rot-Grün sieht die Offerte skeptisch. "Über laufende Verhandlungen mit Vattenfall äußern wir uns nicht", erklärte ein Sprecher der Umweltbehörde zwar. Aber: "Der Hamburger Senat arbeitet weiter daran, die Verpflichtung des Volksentscheids zur Übernahme der Energienetze umzusetzen." Dann wäre Vattenfall raus. Das fordert auch der BUND. Der Volksentscheid von 2013 habe eine "ganz klare Bindung" an den Rückkauf, so Landesgeschäftsführer Manfred Braasch. Daran ändere das neue Angebot des Konzerns nichts, auch wenn dieser auf den umstrittenen Anschluss des Steinkohlekraftwerks verzichten wolle. "Dass Vattenfall jetzt eine Kompromisslinie fährt, ist ein Indiz, dass die Fernwärme ein gutes Geschäft ist", so Braasch. Die Vorgeschichte hat ZEIT:Hamburg-Kollege Frank Drieschner schon einmal hier zusammengefasst.

Pflicht-Elternabende gegen "ethnisch-kulturell motivierte Aggressionen"?

Die Hamburger CDU-Bürgerschaftsfraktion fordert für Eltern problematischer Schüler eine Pflicht zur Teilnahme an Elternabenden. Der Titel ihres Antrags an die Bürgerschaft lautet: "Ethnisch-kulturell motivierte Aggressionen in Schulen bekämpfen". Zur Begründung heißt es darin, "insbesondere muslimische Jugendliche aus dem vorderen Orient beleidigen einander in der Schule zunehmend aufgrund von Nationalität, Religion und Weltanschauung". Zahlen und Statistiken gebe es dazu zwar keine, räumt Birgit Stöver ein. Die schulpolitische Sprecherin der CDU-Bürgerschaftsfraktion habe aber von Lehrern, Eltern und Kindern "von vielen solcher Vorfälle gehört". Damit einher gehe "die fehlende Akzeptanz von Regeln" bis hin "zur Radikalisierung und Islamisierung". Damit Lehrer und Eltern gemeinsam vorgehen könnten, sei die Pflicht zur Teilnahme an Elternabenden – "die im besonders problematischen muslimischen Milieu von Vätern so gut wie nie wahrgenommen werden" – für den Erfolg entscheidend. Den Hamburger Elternrat überrascht die Behauptung, Konflikte mit Kindern zugewanderter Familien würden sich an Hamburger Schulen häufen. "Grundsätzlich wurde nichts an uns berichtet, was auf eine solche Entwicklung schließen lässt", erklärt Antje Müller. Auch hält die Vorsitzende Elternabende nicht für das "beste Mittel, um Konflikte zu lösen". Erfolg versprechender seien Erziehungskonferenzen und die aufsuchende Elternarbeit, also die Begleitung von Familien durch pädagogische Fachkräfte. Diese Ansicht teilt Stefanie von Berg, schulpolitische Sprecherin der Grünen Bürgerschaftsfraktion. "Wir möchten Elternpartizipation erhöhen, sind aber klar gegen eine Elternabend-Pflicht", stellt sie fest. "Die Forderung der CDU bedient die Annahme, wenn man Menschen mit Migrationshintergrund nur zu etwas verpflichte, würde automatisch alles besser." Die Aufnahme eines Elternabend-Zwangs in das Schulgesetz sei zudem nicht möglich, da sie "ausschließlich Eltern mit Migrationshintergrund im Blick" habe. Gesetze jedoch "gelten für alle" – oder keinen.

Greenpeace-Fahrradstudie (auf wackliger Datenbasis)

Pro Hamburger nur 2,90 Euro jährlich für den Radverkehr – das klingt nach einer viel zu geringen Summe für eine Stadt, die sich um umweltfreundliche Mobilität bemüht. Kein Wunder, dass die von Greenpeace veröffentlichte Studie in der Hamburger Verkehrsbehörde auf vehementen Widerspruch stößt. "Die Zahl stimmt nicht", sagt Sprecherin Susanne Meinecke. "Wir geben deutlich mehr für den Radverkehr aus." Und zwar exakt 6,29 Euro pro Einwohner im Jahr 2017. Dieser Wert ergebe sich aus sämtlichen Investitionen der Stadt speziell für die Rad fahrende Bevölkerung – etwa dem Ausbau oder der Sanierung von Radwegen. Auch die Kosten von Bike+Ride-Stationen sowie der Versorgung Hamburgs mit Stadträdern zählt die Verkehrsbehörde dazu. "Projekte aus anderem Anlass, bei denen der Radverkehr ebenfalls profitiert, sind hierbei noch nicht berücksichtigt", sagt die Sprecherin. Somit stehe Hamburg viel besser da als auf dem unrühmlichen Platz in der Greenpeace-Liste, die die Stadt knapp hinter Köln verortet. Wie kommt die Diskrepanz zustande? Laut Meinecke hat Greenpeace die Daten nicht gründlich genug erhoben. "Wir haben uns an öffentlich verfügbaren Informationen orientiert", entgegnet Marion Tiemann, Verkehrsexpertin bei Greenpeace. Man habe die online gefundenen Haushaltspläne der vergangenen sieben Jahre nach Schlagworten wie "Radverkehr", "Radweg" oder "Veloroute" durchsucht. Dass dabei auch Mittel durchgerutscht sein könnten, weil sie bei der Erhebung nicht gefunden wurden, streitet Tiemann nicht ab – die Studie sei eine "Einschätzung". Die Kritik an der Belastbarkeit der Auswertung gibt sie dagegen zurück: "Es ist ein Problem, dass die Stadt nicht transparent genug macht, was sie tatsächlich für den Radverkehr ausgibt."

Lernen mit Lenz

Die "Deutschstunde" ist eine Geschichtsstunde. Manch einem täte es dieser Tage gut, das berühmte Werk von Siegfried Lenz zur Hand zu nehmen; 1968 spiegelte der Wahl-Hamburger darin Schuld und Pflicht in Zeiten des Nationalsozialismus – vor allem die oft gehörte Rechtfertigung, man habe ja nur "seine Pflicht getan", durchleuchtet der Autor kritisch. Vier Jahre nach Lenz’ Tod versteigert das Auktionshaus Schloss Ahlden Manuskripte und private Briefe von Lenz. Sie stammen aus dem Besitz von Elke Ernst, die Lenz 1966 kennenlernte. Zwischen Lenz und Ernst entspann sich eine intensive Freundschaft. Ein Brief etwa dokumentiert 1968 das "Hangen und Bangen" während des Drucks der "Deutschstunde". Waren die "Kriegsverlierer" überhaupt bereit für den kritischen Stoff? Immerhin handelt das Werk von einem Jungen, Siggi Jepsen, der in einem Schulaufsatz über "Die Freuden der Pflicht" schreiben soll. Er gibt ein leeres Heft ab; Pflicht bedeutet für ihn einen unerträglichen Gewissenskonflikt: Siggis Vater, ein Dorfpolizist, forderte vom Jungen 1943, für die Nazis den Freund und Maler Max Ludwig Nansen auszuspionieren. Stattdessen half Siggi beim Verstecken der Bilder. "Der Briefwechsel ist wie ein Report während des Schreibens", erklärt Anna-Maria Rumland vom Auktionshaus. Aus ihm geht hervor, dass nicht zuletzt ein falsch verstandenes Pflichtbewusstsein zu jenen "Tugenden" gehörte, die den Nationalsozialismus und seine Folgen erst möglich machten.

Die Versteigerung findet am 8. September im Auktionshaus Schloss Ahlden statt.

Lange Nacht der Literatur: Lesung, Poetry-Slam, Workshop

Die Lange Nacht der Literatur geht am Sonnabend in die fünfte Runde. Mehr als 50 Buchhandlungen öffnen ab 14 Uhr ihre Türen zu Lesungen, Literaturperformances und Gesprächsrunden. Motto? Gibt es keins. Die Veranstalter entscheiden selbst über das Programm – vom Haiku-Workshop bis zur Verleihung des Buchhandlungspreises. Wir haben vorab bei Buchhändlerin Christiane Hoffmeister, die gemeinsam mit Rainer Moritz vom Literaturhaus Hamburg die Veranstaltung leitet, drei heiße Programmtipps erfragt.

1.   "Mal etwas anderes ist die deutsch/englische Comiclesung ›The Joke Is On You‹ im Strips & Stories. Das wird keine typische Wasserglaslesung werden, denn ein Comic ohne die dazugehörige Zeichnung vor Augen funktioniert nicht. Die Comiczeichnerinnen Kathrin Klingner, Lizz Lunney, Elizabeth Pich und Nadine Redlich präsentieren ihre Bilder, lesen und erzählen im Gespräch außerdem von ihrer Arbeitsweise und davon, was hinter den Geschichten steckt."

2.   "Die Lesung zum Debütroman ›Elly‹ von Maike Wetzel wird keine, nach der man mit guter Laune aus dem Büchereck in Niendorf rausgeht. In dem Roman geht es um den Verlust eines Kindes, den Umgang und die Trauer der Familie. Das fordert, nimmt einen persönlich mit und macht nachdenklich."

3.   "Ein spannendes Format, das Spaß macht, für alle, die keine Lust auf eine klassische Lesung haben, gibt es in der Zentralbibliothek der Bücherhallen beim Poetry-Slam von Kampf der Künste. Acht Slammer treten in den Wettstreit und präsentieren – oder besser: performen – kurz und knackig ihre Texte. Und das interaktiv, denn das Publikum ist die Jury.

Mittagstisch

Besser als bei Oma

 

Schreckgespenster der Kindheit können langatmig sein. So zuckt man ein wenig zusammen, als man die Beilage des ausgewählten Gerichts liest: Kohlrabi. In Kombination mit dem Hinweis, hier werde wie bei Großmuttern gekocht, entsteht vor dem inneren Auge wenig Erfreuliches. Todesmutig bestellt man den Rinderhackbraten mit Kartoffelstampf und, ja, Kohlrabi (8,90 Euro) dann doch. Man ist zur Mittagsstunde im Feinkost HafenCity eingekehrt, einem Pionier des Stadtteils, der sich schon seit mehr als zehn Jahren unweit der Elbphilharmonie befindet. Thomas Jeche und sein Team bringen Deftiges auf den Tisch: von Schaschlik über Leberkäse bis hin zu Matjes (je um 9 Euro). Drinnen rücken Gäste an hohen Tischen und Bänken zusammen, der große Außenbereich bietet einen Blick auf den Grasbrookhafen. Zahlreiche Speisende scheinen Stammgäste zu sein, beim Hinausgehen verabschiedet man sich mit "Bis morgen!". Die Befürchtungen den Kohlrabi betreffend waren indes unbegründet. Das Gemüse ist von gutem Geschmack und kommt in einer versöhnlichen Rahmsoße. Auch der Kartoffelstampf überzeugt, nur der Hackbraten hätte ein kleines bisschen wärmer sein dürfen.

 

HafenCity, Feinkost HafenCity, Am Kaiserkai 27, Mo–Fr 11.30–16 Uhr

 

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Islands Lesung: Heida arbeitet als Model. Mit 23 Jahren aber will sie ihren Körper nicht mehr auf den Präsentierteller stellen, sondern zupacken – auf dem Bauernhof. Sie übernimmt die Farm des Vaters, bekämpft mit lokalpolitischem Eifer den Staudammbau eines Energiekonzerns. Autorin Steinunn Sigurdardóttir fängt in "Heidas Traum – Eine Schäferin auf Island kämpft für die Natur" die Rauheit, die Lust, die Zurückgezogenheit von Heidas Alltag ein.

Literaturhaus, Schwanenwik 38, 19.30 Uhr, 12 Euro

Fair handeln: Den Kindern gehört die Zukunft – angefüllt mit Müll und Unrecht. Das lassen die Schüler des Gymnasiums Eppendorf nicht auf sich sitzen: Bei ihrer Podiumsdiskussion zum Thema Fairtrade suchen sie nach Antworten auf die Frage, wie eine gerechtere Zukunft für alle möglich ist. Mit ihnen diskutieren unter anderen Dieter Overath (Fairtrade Deutschland) und Rolf Steltemeier (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung).

Gymnasium Eppendorf, Hegestraße 35, 19.30 Uhr, Eintritt frei

Elbblick Open Air: Er gilt als "bester Hamburger Unterweltfilm der Siebziger", zumindest aber als der rasanteste; "Zinksärge für die Goldjungen" ist berühmt für lebensgefährliche Motorboot-Verfolgungsjagden auf der Elbe. Als i-Tüpfelchen beeindrucken außerdem die womöglich breitesten Koteletten der Filmgeschichte.

Oberhafenkantine, Stockmeyerstraße 39, 21.30 Uhr

Hamburger Schnack

Bei Douglas in Eppendorf. "Sind Sie nicht Frau Müller?", fragt die Kassiererin eine Kundin.

"Nein, bin ich nicht", sagt die blonde Frau. "Dann sind Sie Frau Schröder, oder?" "Die bin ich auch nicht." – "’Tschuldigung, dass ich Sie verwechselt habe." Die Kundin lacht. "Macht nichts, wir Eppendorferinnen sehen ja auch alle gleich aus."

 

Gehört von Ruth Eichhorn

Meine Stadt

Die Hamburger Schulferien sind vorbei, die Strände wieder kinderfrei. Jetzt heißt es durchstarten für Hamburgs Senioren. © Mechthild Hirthe

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unter www.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr.