Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

die Farce um Noch-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen ist gestern in die nächste Runde gegangen. Maaßen, der wegen seiner umstrittenen Äußerungen zu den fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Chemnitz bundesweit in die Kritik geraten war, soll nun doch nicht zum Staatssekretär im Innenministerium befördert werden. Stattdessen soll Maaßen zwar ins Innenministerium wechseln, aber als Sonderberater, und er soll in der gleichen Gehaltsstufe bleiben wie bisher. Worüber genau ein solcher Sonderberater zu beraten hat, ob womöglich auch über eine verbindliche bundeseinheitliche Definition eines Begriffs wie "Hetzjagden", war gestern noch unklar. Umfragen zufolge hat die Maaßen-Sache aus Sicht der meisten Bürger die Vertrauensbasis in der Koalition allerdings eh schon zerstört. FDP-Vize Wolfgang Kubicki forderte denn auch flink Neuwahlen. "Dass die Koalition wegen zweier dummer Sätze des Leiters einer nachgeordneten Behörde an den Rand ihrer Existenz gebracht wird, zeigt deutlich, dass diese Verbindung tiefer liegende Probleme hat", sagte Kubicki der "Augsburger Allgemeinen". Heute sollen, das kann ähnlich spannend werden wie Neuwahlen, erst mal die Führungsgremien der SPD zusammenkommen.

Weniger tiefer liegende Probleme gab es am Wochenende in Hamburg. In der Stadt war jede Menge los – der dritte verkaufsoffene Sonntag des Jahres, das Elbfest samt Auslauf-Parade von rund 50 Segel-, Dampf- und Motorschiffen, das Reeperbahn-Festival, das fatale Spiel HSV gegen Regensburg, der große Tag der ZEIT auf Kampnagel, eine Sechziger- und Siebzigerjahre-Party am Schanzenpark. Aber ausgerechnet an diesem Wochenende fuhr dieU3 zwischen Rathaus und St. Pauli nicht. Allerdings aus recht vernünftigem Grund: Am Baumwall wird eine Weiche eingebaut, damit die Züge bei Störungen künftig wenden können. Das ist nur fair.

Und noch was: Als ich gestern aus dem Fenster schaute, hatte ich ein Gefühl, das ich seit April nicht mehr gehabt hatte, nämlich das, so richtig in Hamburg zu sein. Können Sie sich vorstellen, woran das lag?

Selbst wenn nicht: Lesen Sie den Schnack. Unbedingt!

Deutschland hat gesprochen

Gestern um 15 Uhr trafen sich auch in Hamburg Hunderte Paare, die einander noch nie gesehen hatten, um ausnahmsweise nicht nur über "die anderen" zu sprechen, sondern miteinander. Zusammengebracht hat sie das Projekt "Deutschland spricht", im vergangenen Jahr von ZEIT ONLINE ins Leben gerufen und 2018, bei seiner zweiten Auflage, von insgesamt elf Medienhäusern unterstützt. Das Ziel: Menschen, die politisch möglichst unterschiedlich denken, aber noch nicht zu verbockt sind, auch die andere Seite hören zu wollen, zum Reden zu bringen. Worüber die Paare gesprochen haben, wissen wir selbstverständlich auch nicht, aber unsere Kollegin Elena Erdmann von ZEIT ONLINE konnte uns zumindest etwas über die 1225 Hamburger verraten, die sich für "Deutschland spricht" angemeldet haben. Sie waren um ein halbes Jahr jünger als der Gesamtschnitt, was aber "nicht der Rede wert" sei, sagt Erdmann. Gegen alle Klischees wollten mehr Männer (734) quatschen als Frauen (468). Und sie haben deutlich weniger konservative Thesen vertreten. "Allerdings", sagt Erdmann, "sehen wir diesen Effekt in allen Großstädten." Überdurchschnittlich stark sprachen sich die Hamburger vorab allerdings für eine autofreie Innenstadt aus: 72,9 Prozent sind dafür, deutschlandweit nur 63,4 Prozent. (Eine gesamtdeutsche Auswertung finden Sie hier.) Wie viele Paare gestern tatsächlich zueinandergefunden haben, ist noch nicht bekannt. Jeder Teilnehmer musste sein Gegenüber erst bestätigen. "Erfahrungsgemäß sind es dann deutlich weniger, die sich auch wirklich treffen."

Bürgerwehr gegen Dealer?

CDU-Politiker Christian Abel und die Drogenverkäufer im Schanzenpark sind keine Freunde. Er will sie loswerden. Bereits vor Monaten forderte er Maßnahmen und drohte der Stadt sogar mit einem Volksbegehren. Jetzt sorgt er mit einem neuen Vorhaben für Furore. Mit einer Gruppe von rund 30 Gleichgesinnten, darunter viele Kampfsportler, will er künftig selbst Hand anlegen, wie das "Hamburger Abendblatt" berichtet. Die Dealer sollen demnach im Park beim Verkauf ertappt, wenn nötig auch verfolgt und festgenommen werden. Rechtsanwalt Abel, den wir gestern nicht erreichen konnten, beruft sich auf das "Jedermannsrecht", das Bürgern gestattet, Verdächtige wie Handtaschendiebe festzuhalten. Auch Hunde sollen mitpatrouillieren. "Wir sehen mit Sorge, insbesondere durch die martialische Diktion, dass massiv Straftaten gegen mutmaßliche Drogendealer, aber auch gegen völlig unbeteiligte im Park aufhältige Personen bevorstehen", zitiert die "Hamburger Morgenpost" eine Pressemitteilung der Hamburger Arbeitsgemeinschaft für Strafverteidigerinnen und Strafverteidiger. Der Verein habe Anzeige "wegen der Bildung bewaffneter Gruppen, Volksverhetzung und Amtsanmaßung" erstattet. Und: Das von Abel als "Jedermannsrecht" bezeichnete Festnahmerecht gelte nicht, wenn die Polizei vor Ort präsent sei und ermittele. Das sei derzeit vermehrt der Fall, so Polizeisprecher Timo Zill gegenüber dem Hamburger Abendblatt. Gedankenspielen einer "privaten Streife" trete die Polizei klar entgegen. "Im öffentlichen Raum ist die Polizei die alleinige Institution, die Recht und Gesetz durchsetzen kann", so Zill. Auch Justizsenator Till Steffen meldete sich dazu bereits Freitag bei Twitter zu Wort, nannte das Vorhaben eine "Schwachsinnsidee". Ob demnächst selbst ernannte Wächter des Rechts im Schanzenpark patrouillieren oder sich die Drohung von der Bürgerwehr nur als heiße Luft entpuppt, wird sich wohl schon diese Woche zeigen: Eine erste Aktion hat Abel bereits angekündigt.

Erst Kirche, jetzt Moschee

Eine Kirche ist eine Kirche ist eine Kirche – außer in Hamburg-Horn. Am Mittwoch eröffnet in der ehemaligen evangelisch-lutherischen Kapernaum-Kirche die Masjid Al-Nour Moschee. Eine Kirche wird damit zur Moschee – zum ersten Mal in Deutschland. Möglich war das nur durch außergewöhnliche Umstände. Denn eigentlich dürfen Kirchen nur an christliche, im Ausnahmefall auch an jüdische Religionsgemeinschaften verkauft werden. Das besagt die Rechtsverordnung der Landeskirche. Die Kapernaum-Kirche war aber bereits 2002 entwidmet und drei Jahre später von einem privaten Investor übernommen worden. 2012 verkaufte der an das Islamische Zentrum Al-Nour, das sich dem verfallenden Gebäude annahm und rund vier Millionen Euro investierte. Klaus Schäfer, Direktor des Zentrums für Mission und Ökumene in der Nordkirche, betonte gegenüber der dpa den Ausnahmecharakter des Projekts: "Wir möchten nicht den Eindruck erwecken, dass eine Religion die andere ablöst." Dem pflichtet auch Daniel Abdin, Vorsitzender des Al-Nour-Zentrums und der Schura, des Rates der Islamischen Gemeinschaften in Hamburg, bei: "Wir Muslime wollen, dass Kirchen Kirchen bleiben", sagte er uns. Nach dem Motto "Außen Kirche, innen Moschee" habe eine "friedliche Umwandlung" stattgefunden. "Wir haben das Innere so verändert, dass es den Bedürfnissen der Muslime gerecht wird – aber dezent, der Raum wurde bewahrt." Fünf Jahre dauerte der Bauprozess, während dessen immer wieder auch das Gespräch mit Anwohnern und Kirchenvertretern gesucht worden war. "Die meisten kritischen Stimmen sind inzwischen revidiert worden", erzählt Abdin. Anfang September wurde die ehemalige Kirche allerdings mit fremdenfeindlichen Parolen wie "Deutschland den Deutschen" beschmiert. Die Täter konnten bislang nicht ermittelt werden. Sorgen macht sich Abdin dennoch keine: "Durch die vielen Hundert Solidaritätsbekundungen haben wir gemerkt, dass wir in Hamburg in einer gesunden Gesellschaft leben. Wir haben tolle Nachbarn."

Eine multimediale Dokumentation von Özgur Uludag zur Umwandlung der Kirche in eine Moschee finden Sie hier .

Ausgezeichnete Inklusionsarbeit

Wir sind alle gleich, aber anders – kein Problem, wäre da nur nicht die Sache der Chancenungerechtigkeit. Viele Hamburger Projekte wollen diese aus der Welt schaffen, vier davon wurden in der vergangenen Woche für ihre Inklusionsarbeit mit dem Senator-Neumann-Preis ausgezeichnet. Der mit 10.000 Euro dotierte Hauptpreis ging an das Bildungshaus Lurupund seine frei zugänglichen Angebote für alle Kinder. Ein zweiter Preis und 4000 Euro wurden an Kampnagelvergeben. Dort werde Inklusion selbstverständlich gelebt. "Auf der Bühne, im Publikum und unter den MitarbeiterInnen spielt es keine Rolle, zu definieren, ob jemand eine Behinderung oder Migrationshintergrund hat, schwarz oder queer ist", erklärt uns Philipp Hecht von Kampnagel. Marginalisierung und Ausgrenzung habe dort keinen Platz und mehr noch: "Wir wollen hier Zukunftsmodelle für das Leben in einer ständig diverser werdenden Gesellschaft entwickeln." Das will das andere zweitplatzierte Projekt, die Wörterfabrik für unterstützende Kommunikation, mit der EiS-App auch. "Sie ist die erste digitale und mobile Lösung, die Begriffe anhand von vier Elementen – Wort, Symbol, Audio und Gebärdenvideo – gemeinsam darstellt", erklärt Anke Schöttler, "eine Art Gebärden-Wörterbuch für die Hosentasche." Der niedrigschwellige Zugang zur Sprache helfe Kindern mit Entwicklungsverzögerungen, Kindern, die Deutsch als Zweitsprache lernen, und geflüchteten Kindern sowie deren Familien und Helfern. Im letzten Jahr gewann das Entwicklerteam (in dem – Transparenzhinweis! – auch zwei Kollegen aus dem Zeitverlag aktiv sind) bereits den ZEIT-Hackathon. Die Studenteninitiative Enactus Hamburg erhielt für "StattTour", ein Konzept für inklusive Stadttouren von und mit Menschen im Rollstuhl, den Nachwuchspreis und 2000 Euro. Der Clou: Alle Tour-Teilnehmer, ob mit oder ohne Behinderung, werden sich im Rollstuhl durch die Stadt bewegen. Milena Holos: "Ziel des Perspektivwechsels ist nicht nur, zu zeigen, wie schwer physische Barrieren im Alltag sein können, sondern auch, wie viel man durch Kommunikation auf Augenhöhe erreichen und voneinander lernen kann."

Mittagstisch

Essen aus geretteten Lebensmitteln

Unfassliche 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel werden weltweit jährlich weggeschmissen, das ist rund ein Drittel aller produzierten Lebensmittel. Viele davon von Supermärkten oder Märkten, weil sie nicht mehr verkauft werden können. Was nicht heißt, dass man sie nicht mehr essen könnte. Ein kleiner Teil dieses riesigen Bergs kommt dienstags bis donnerstags im vistro auf den Tisch – als MittagsMahlAnders. Supermärkte und Wochenmärkte aus der Umgebung spenden Lebensmittel, die sonst weggeschmissen worden wären. Was es gibt, ist stets eine Überraschung, den Preis für das Essen bestimmt der Gast selbst. Der Kartoffel-Lauch-Karotten-Auflauf ist sehr gut abgeschmeckt, der Salat mit Karotten, Radieschen und geröstetem Brot vorweg ebenfalls, nur bei der Vinaigrette war man ein wenig zu spendabel. Schön erfrischend dazu die hausgemachte Limonade Orange-Ingwer (4,10 Euro), die mit metallenem Strohhalm kommt. Die Atmosphäre ist herzlich, der Raum schlicht und gemütlich, und dass hier alles vegan ist, passt ins Konzept.

 

Bramfeld, vistro im Bramfelder Kulturladen, Bramfelder Chaussee 265, Di–Do 12–14 Uhr

 

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Bergedorfer Frieden: Das Risiko militärischer Auseinandersetzungen scheint heute größer als in vergangenen Jahrzehnten. Der Deutsche Gewerkschaftsbund Bergedorf ist sich deshalb sicher: "Bergedorf braucht eine neue Friedensinitiative!" Beim ersten Treffen stellt er die zentrale Frage: "Wie weiter für Frieden und Abrüstung?"

Haus Serrahn, Serrahnstraße 1, 18 Uhr

Borcherts Bunker: Im kleinen Bunker an der Tarpenbekstraße suchten einst Hamburger Schutz vor Bomben. Später entwickelten sich die Räume in ein begehbares Mahnmal, erschaffen von den Künstlern Michael Batz und Gerd Stange. Sie verknüpften das Schicksal des vor 70 Jahren verstorbenen Schriftstellers Wolfgang Borchert mit dem Ort – er war nur drei Straßen weiter aufgewachsen. Führung: "Die Subbühne, ein anderes Mahnmal für Wolfgang Borchert"

Treffpunkt Tarpenbekstraße 68, 18.30–19.30 Uhr, 6 Euro

Was bleibt

Die Bühne ist rund: Der Abstieg des HSV hat die Fans in zwei Gruppen geteilt: Auf der einen Seite herrscht Trauer, auf der anderen Vorfreude auf explosive Derby-Duelle. Humor hilft beiden Lagern, zumal die Abstiegskomödie "Heiß auf 2. Liga" auf der Bühne ähnlich spannend anmutet wie ein (gutes) Fußballspiel. Also ein gutes, nicht unbedingt eins, das 0:5 ausgeht…

Kammerspiele, Hartungstraße 9–11, Premiere heute, 19.30 Uhr, weitere Vorstellungen bis zum 17. November, ab 18 Euro

Was kommt

Konzertkino: Über die Leinwand flimmern Kultstreifen wie "Sherlock, jr.", "Big Business" und "Liberty". Dazu spielen die Symphoniker Hamburg live Begleitmusik. Sie untermalen die Filmszenen angeleitet vom amerikanischen Filmmusik-Dirigenten Timothy Brock – ganz großes Kino.

Laeiszhalle, Großer Saal, Johannes-Brahms-Platz, Fr, 20 Uhr, ab 25,30 Euro

ZEIT für Wirtschaft: Heutzutage gilt es, mit intelligenten Konzepten den Handel zu optimieren, die Erwartungen der Verbraucher zu erfüllen. Gleichzeitig haben digitale Medien nicht nur das Einkaufsverhalten, sondern auch das Verbraucherbewusstsein geändert. Diese beiden Aspekte stehen im Mittelpunkt der Jubiläumsausgabe des ZEIT Wirtschaftsforums mit rund 500 Spitzenvertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.

Hauptkirche St. Michaelis, Englische Planke 1, Do, 9–16 Uhr, Tagesticket 1050 Euro, Anmeldung online

Verhextes Theater: In Salem verstehen die Leute keinen Spaß. Als Pastor Parris heimlich Mädchen beim Tanz im Wald beobachtet und einige von ihnen in Trance verfallen, ist die Sache klar: Hier geht es mit dem Teufel zu. Wer kann sich vor dem Galgen retten? "Hexenjagd" von Arthur Miller.

Thalia Theater, Alstertor, Premiere Sa, 19.30 Uhr, weitere Vorstellungen online, ab 15 Euro

Cello für alle: Alljährlich treffen sich junge Cellisten, üben ein ganzes Wochenende ihr Instrument. Sie krönen die Arbeit mit dem Abend "100 Cellisten in Hamburg – Abschlusskonzert der 17. Cellotage". Wichtigstes Ziel des Projekts ist die Lust am Musizieren, unter anderem durch gemeinsames Spiel mit Berühmtheiten wie Katharina Deserno und den Cellisten des Elbphilharmonie Orchesters Hamburg. Dieses Jahr steht unter anderem der erste Satz aus Schostakowitschs Cellokonzert op. 107 auf dem Programm.

Miralles Saal, Mittelweg 42, So, 17 Uhr, 14,20 Euro

Hamburger Schnack

Ein junger Praktikant kommt hinter seinem Rechner hervor und sagt zu seiner Chefin: »Tut mir leid, ich kann von der Firma keine Adresse oder Telefonnummer finden.« Daraufhin die Chefin: »Dann versuchʼs doch mal mit ʼnem guten alten Telefonbuch. Hat früher auch geklappt. Und da hatten wir noch keine Computer.« Der Praktikant fassungslos: »Und wie seid ihr dann ins Internet gekommen?«

 

Gehört von Susan Barenberg-Mellin

Meine Stadt

Es gab wohl nicht genug Regen in letzter Zeit, um den Staub der Stadt abzuwaschen. © Caspar Grimme

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

 

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