Annika Lasarzik © Melina Mörsdorf

Guten Morgen,

Schrotträder sind die moderne Plage der Großstadt. Überall stehen sie rum, zerbeult, verbogen, manche haben nur noch einen Reifen, von anderen schält sich der Rost. Der Anblick dieser leise vor sich hin rottenden Gestelle ist trist, sie sind Sinnbilder fürs Vergessen und den Verfall. Und sie werden immer mehr: Im vergangenen Jahr wurden in den Bezirken 7000 Schrotträder erfasst, so viele wie noch nie.

Die Stadtreinigung geht bereits seit Längerem gegen die Wracks vor, indem sie verlassene Räder mit knalligen Stickern versieht, eine Art Warnung: Wir geben deinem Besitzer zwei Wochen, wenn er dich bis dahin immer noch nicht will, nehmen wir dich mit. Und dann? Wartet womöglich ein neues Leben. 460 schrottreife Fahrräder wurden bislang aufgearbeitet und verkauft – auf dem Recyclinghof Brandstücken in Osdorf, in einer eigens zu diesem Zweck eingerichteten Werkstatt. Im Gebrauchtwarenkaufhaus Stilbruch wechseln die Räder dann den Besitzer, um die 65 Euro kostet so ein neues altes Rad.

Eine Erfolgsgeschichte, die zeigt, wie die Stadt den Upcycling-Trend (bevor Beschwerden kommen: Hab ich mir nicht ausgedacht, heißt so), also die Idee, aus Altem Nützliches zu basteln, umsetzen könnte. Und wir reden hier nicht mal über Schmuck aus Plastiktüten oder Deckenleuchten aus Teekannen (nein, auch nicht ausgedacht).

Obwohl – aus alten Reifen ließe sich sicher jede Menge machen.

Ich jedenfalls tarne mein geliebtes Fahrrad weiter als schäbiges Schrottrad, damit es mir nicht geklaut wird. Auch wenn ich dafür täglich nachschauen muss, ob irgendwo ein roter Sticker klebt.

Vor den Nachrichten noch schnell eine Einladung: Am 25. Oktober organisiert DIE ZEIT ein Kneipenquiz im ZEIT Café. Die Elbvertiefung ist mit einem Team dabei – und Sie vielleicht auch? Abonnenten der ZEIT sind herzlich eingeladen (Anmeldung hier). Vielleicht sehen wir uns!

Fernwärme: 100 Prozent für Hamburg

Gestern spekulierten wir noch, nun steht es fest: Der Senat wird das Fernwärmenetz zum 1. Januar 2019 vollständig zurückkaufen. Das haben SPD und Grüne gestern beschlossen. Das Ergebnis des Volksentscheids von 2013 wird also doch umgesetzt. 950 Millionen Euro wird das Netz kosten, ein Preis, der schon im Vorvertrag von 2014 festgelegt worden war. Die Entscheidung habe sich "als die beste Lösung erwiesen, um eine klimaschonende Fernwärmeversorgung aufzubauen", betonte Bürgermeister Peter Tschentscher. Auch garantiere sie "stabile Preise für die Kunden". Rechtliche Fragen seien immerhin so weit geklärt, dass von einer Zulässigkeit des Kaufs ausgegangen werden könne, erklärte die Finanzbehörde. Soll heißen: Die Zahlung des hohen Kaufpreises verstößt nicht gegen die Landeshaushaltsordnung. Vattenfall hatte der Stadt zuletzt angeboten, Miteigentümer zu bleiben. Hamburg aber bestand darauf, mindestens 51 Prozent am Fernwärmenetz zu erwerben – worauf sich der Konzern nicht einließ. Finanzsenator Andreas Dressel forderte nun "einen schnellstmöglichen Kohleausstieg und einen Ersatz des abgängigen Heizkraftwerks Wedel". Derweil rumort es in der Opposition. Während die Linken, die Gewerkschaften und Umweltorganisationen den Rückkauf des Fernwärmenetzes als Fortschritt für den Klimaschutz begrüßen, hält die

FDP die Entscheidung für ein "ökonomisches und ökologisches Desaster". Tschentscher sei "komplett vor seinem grünen Koalitionspartner eingeknickt", sagte der Bürgerschaftsabgeordnete Michael Kruse. Der CDU-Fraktionsvorsitzende André Trepoll kündigte derweil "ein politisches Nachspiel" an, der energiepolitische Sprecher Stephan Gamm bezweifelte, dass Fernwärmekunden ohne Aufpreis davonkommen. Am 16. Oktober will der Senat den Rückkauf final beschließen.

G20 I: Grote gibt Sicherheitstipps

Innensenator Andy Grote hat mit argentinischen Regierungsvertretern über Sicherheitsfragen bei der Organisation des G20-Gipfels gesprochen –Ende November findet schon das nächste Treffen der Staatschefs in Buenos Aires statt. Doch kann, sollte Hamburg Vorbild für eine möglichst reibungslose Ausrichtung des G20-Gipfels sein? Zumal die Nachwehen der Ausschreitungen noch heute die Strafbehörden beschäftigen (mehr dazu unten), die Lahmlegung des öffentlichen Lebens während der Gipfeltage vielen Hamburgern in schlechter Erinnerung sind? Doch halt – eigentlich ist Grote in seiner Funktion als Sportsenator für sechs Tage nach Argentinien gereist, anlässlich der olympischen Jugendspiele und der Nominierung Hamburgs als "Global Active City". Seine G20-Beratungen waren da nur Beiwerk. Dennoch ließ er es sich nicht nehmen, Ratschläge zu erteilen. Wir fassen zusammen: Ein gutes Verkehrskonzept? Wichtig. Die Organisatoren "müssten damit rechnen, dass die Ankunftstermine der Regierungschefs durcheinandergeraten". Ansonsten ging es weniger um das Währenddessen und recht schnell um das Gipfel-Danach – konkret um die Strafverfolgung von gewaltbereiten Aktivisten. Grotes Empfehlung: Mehr Kameras im öffentlichen Raum und eine glaubwürdige Strafverfolgung. Ausgerechnet. Ist doch auch die Hamburger Strafverfolgung, ob es nun um die Öffentlichkeitsfahndung oder die Aufarbeitung mutmaßlicher Polizeigewalt geht, nicht unumstritten. Doch Grote äußerte sich auch kritisch. "Wir haben festgestellt, dass die Belastung für die Bevölkerung größer war als erwartet", sagte er. Die Krawalle hätten das Treffen überschattet, der größte Verlierer: "der friedliche Protest".

G20 II: Ein Zahlenspiel

Wo wir gerade dabei sind: Wie sieht der Stand der Ermittlungen in Sachen G20 eigentlich aus? Wir haben, wieder einmal, nachgehakt.

Ermittlungen gegen Demonstranten

... bei der Polizei: Mehr als 3400 Ermittlungsverfahren hat die Soko (jetzt: Ermittlungsgruppe) "Schwarzer Block" bislang geführt.  

... bei den Gerichten: Auf 2166 Verfahren kommt Nana Frombach von der Staatsanwaltschaft. Davon wurden 235 Verfahren bereits eingestellt, in 176 Fällen Anklage erhoben, in 61 Fällen Strafbefehle beantragt. 98 Verfahren wurden abgeschlossen, es gab neun Freisprüche, in wiederum neun Fällen wurde eine Haftstrafe verhängt – sagte uns Kai Wantzen, Sprecher des Oberlandesgerichts, der allerdings keine Vollständigkeit der Zahlen garantieren kann.

Die höchste Strafe

... belief sich bislang auf drei Jahre und sechs Monate. Um welche Tat es dabei ging, können Sie hier noch einmal nachlesen. Eine Ausnahme: Das häufigste Strafmaß sei die Bewährungsstrafe gewesen, sagt Wantzen, in einigen Fällen seien Geldstrafen verhängt worden. Oftmals habe es sich dabei um Ersttäter gehandelt, die mit Steinen oder Flaschen auf Polizeibeamte geworfen hatten.

Ermittlungen gegen Polizisten 

157 Verfahren haben das Dezernat Interne Ermittlungen und die Staatsanwaltschaft eingeleitet, davon laufen noch 84, sagt Frank Reschreiter, Sprecher der Innenbehörde. Gibt es eine Anklage, gar einen Prozess gegen einen Polizeibeamten? Gerichtssprecher Wantzen weiß davon nichts. 

Auf Koppmanns Spuren: Stadtfotograf gesucht

Wie hat sich Altona seit dem Abriss von Karstadt, dem Neubau von Ikea verändert? Wie wirkt es sich sozial und kulturell aus, wenn ein Stadtteil wie Barmbek eine neue Wohnklientel anzieht? Hamburg ist eine Stadt im Wandel. Einst legendäre Orte sind heute vergessen – umso wichtiger ist es, Veränderungen festzuhalten. Der neue Georg-Koppmann-Preis soll dabei helfen: Bis Ende November können sich Künstler für das mit 8000 Euro dotierte Stipendium bewerben, ausgeschrieben wird es von der Behörde für Stadtentwicklung und den Historischen Museen. Zehn Wochen soll der Stipendiat oder die Stipendiatin in Hamburg verbringen und Fragen wie "Wie funktioniert die Stadt?" und "Wem gehört die Stadt?" fotografisch beantworten. Über den Blick des Künstlers sei es möglich, Dinge einzufangen, die anderen Menschen verborgen blieben, erklärt Museensprecher Matthias Seeberg. 

Eine kritische Note werde da "wohl kaum vermeidbar sein". Und warum "Koppmann-Preis"? Kleiner Exkurs zum Namensgeber: Georg Koppmann galt Ende des 19. Jahrhunderts als Pionier einer kleinen Fotografenszene in Hamburg, seinerzeit waren Lichtbilder noch Luxus. Die Stadt beauftragte den Fotografen damit, die Entwicklung Hamburgs zur Großstadt zu dokumentieren. Koppmanns Bilder zeigen die Industrialisierung und Hafenerweiterung, er hielt etwa den Abriss des Kehrwieder-Wandrahm-Viertels und den Bau der Speicherstadt in mehreren Tausend Aufnahmen fest. "Er ist der Urvater der Hamburger Stadtfotografie", sagt Seeberg. Und hinterlässt große Fußstapfen.

Sie haben das Zeug zum neuen Koppmann? Bis zum 30.11. können Sie sich unter stefan.rahner@museum-der-arbeit.de für den Preis der Hamburger Stadtfotografie bewerben.

Viele Organspender bleiben unentdeckt

Die Zahl der Organspender ist gering (warum, fragten wir uns bereits hier): Im ersten Halbjahr 2018 stellten in Hamburg zwar 30 Menschen ihre Organe für eine Transplantation zur Verfügung, immerhin doppelt so viele wie im Jahr davor. Doch es könnten noch viel mehr sein, auch ohne die vieldiskutierte "Widerspruchlösung" (der Verstorbene muss zu Lebzeiten der Organentnahme widersprechen, oder dessen Angehörige müssen es nach seinem Tod tun). Denn nur ein Teil der potenziell möglichen Organspenden wurde in den vergangenen Jahren in Krankenhäusern auch realisiert. Wie läuft es in Hamburg? "Wir haben seit Juni eine Berichtspflicht", erklärt der hauptverantwortliche Transplantationsbeauftragte des UKE, Gerold Söffker. "Bei jedem verstorbenen Patienten, den das Computerprogramm Transplant-Check aufgrund seiner Diagnose nachträglich als potenziellen Spender erkennt, müssen wir erklären, wieso der kein Spender war." Denn nicht in allen Krankenhäusern denken Notfallmediziner oder Neurologen automatisch daran, dass ein Patient möglicherweise auch als Organspender infrage kommt. "Ein Arzt arbeitet patientenzentriert", sagt Söffker. "Sein Ziel ist, den Patienten zu retten. Um mehr Organspenden zu generieren, müssen die Ärzte für diese Thema sensibilisiert werden, damit sie künftig auch spenderzentriert denken." Deshalb gehört es zum Job eines Transplantationsbeauftragten, regelmäßig durch alle Abteilungen zu gehen, um das Bewusstsein der Kollegen zu schärfen. Zumindest in dieser Hinsicht könnte Deutschland bald von Hamburg lernen: Das Bundesgesundheitsministerium hat kürzlich den Entwurf für ein Gesetz vorgelegt, der die Hamburger Regelungen bundesweit verbindlich macht.

Mittagstisch

Kartoffeln vegetarischer und veganer Art

Eine breite Fensterfront, luftig hohe Räumlichkeiten, hell, freundlich und unkompliziert eingerichtet – außen lange Bänke, runde Tische, ein paar Kräuter in Holzkästen als Deko: Das Erdapfel gibt sich simpel. Auch das angebotene Essen ist einfach: Es gibt Backkartoffeln – in rund zehn verschiedenen Variationen (zwischen 5,90 und 7,50 Euro). Von Ratatouille (Auberginen, Tomaten, Sellerie, Fenchel und Bärlauch-Aioli) über Sweet Ali Baba (Bulgur, Kichererbsen, Rosinen, Körner, Salat, Sesam-Honig und Kräuter-Sauce) bis hin zu Erdling (Spinat, Sellerei, Bulgur, Feta, Zwiebeln, Knobi-Olivenöl und Sour Cream). Bestellt wird am Tresen. Kaum hat man Platz genommen, meldet der Beeper, dass die Tandoori-Masala-Kartoffel (5,90 Euro) fertig ist. Soja-Hack, Linsen, Kirchererbsen, Tomaten, Zwiebeln, Tandoori-Sauce und Sour Cream vermengen sich mit der mehligen Kartoffel zu einem stimmigen Ganzen – keine spektakuläre Küche, aber frisch und gut. Gegessen wird mit einem langen Löffel, was irgendwie Laune macht, einzig die undefinierbare Musik – ist’s südamerikanisch? – nervt ob ihrer auf Rauschen gehaltenen Lautstärke mehr, als dass sie fröhlich stimmt.

Erdapfel; Altstadt, Burchardstraße 10, Mo–Fr; 11.30–19.30 Uhr, Sa 12–18 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Schnappschuss: Künstler wie Garry Winogrand haben die Geschichte der Street Photography geprägt, ihre Werke sind Teil des kollektiven Bildgedächtnisses. Heute erlebt das Genre zwischen Milieufotografie und Schnappschuss einen erneuten Aufschwung – durch immer kleinere Kameras und das Internet. Fotograf Jürgen Gräser nähert sich der etwas anderen Art des eigenen Sehens im "Foto-Workshop: Street Photography".

Zentralbibliothek, Hühnerposten 1, 18.30 Uhr, Eintritt frei

Party-Drogen (frei): Clubkultur ist für viele gleichzusetzen mit Kontrollverlust; zum Feiern gehören Alkohol und Drogen. Kommen die Themen Gesundheit und Prävention also generell zu kurz? Die Frage steht im Fokus des Gesprächs "More Space for a safer Nightlife?!", die auch Angebote wie SafeSpaces beleuchtet. Es diskutieren Thore Debor (ClubKombinat), Wolfgang Sterneck (Sonics) und die Kriminologin Niobe Osius.

Prinzenbar, Kastanienallee 20, 19 Uhr, Eintritt frei

Hamburger Schnack

Der Sanitärfachmann wartet die Gastherme. Er ist kieztypisch mürrisch, erzählt vom Rohrbruch in der Nachbarstraße, und überhaupt schnauft er viel. Nach zehn Minuten ist er fertig. Bevor er um eine Unterschrift bittet, schaut er sich um. Blickt über die liebevoll zusammengesuchten Vintage-Möbel im Boheme-Stil, seufzt: "Die Rechnung geht dann wohl an den Vermieter. Sie sparen sicherlich auf neue Möbel?!"

Gehört von Kristin Sander

Meine Stadt

Gesittete Ampeldemonstration © Lara Ahlefelder

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihre Annika Lasarzik

 

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