Kathrin Fromm © Gretje Treiber

Guten Morgen,

was macht glücklich? Eine Weltreise? Vielleicht. Eine Gehaltserhöhung? Schon eher. Der 60. Geburtstag von Onkel Heinz? Ziemlich sicher. Das sage nicht ich, sondern die Wissenschaftler und Marktforscher um den Sozialökonomen Bernd Raffelhüschen. Für sie sind die Antworten auf die Eingangsfrage klar: Familie, Gesundheit – und Geld. In dieser Reihenfolge. So das Ergebnis des aktuellen "Glücksatlas", der gestern vorgestellt wurde. (Also gut, von Onkel Heinz steht da nichts drin.)

Ganz vorn dabei in Sachen Glück sind jedenfalls – wieder einmal – wir Hamburger. Nur knapp geschlagen von unseren Nachbarn aus Schleswig-Holstein, die noch ein Fünkchen zufriedener sind. Aber wir wollen ja nicht neidisch sein, denn das hilft dem Wohlbefinden bestimmt nicht. Ausschlaggebend für die gute Laune im Norden seien übrigens nicht die objektiven Lebensumstände. "Die Mentalität ist treibend", betont Raffelhüschen, der selbst im schleswig-holsteinischen Niebüll geboren ist und deshalb auch anmerkt: "Im Plattdeutschen gibt es eine Menge Worte für Gemütlichkeit."

Und was macht Sie glücklich?

Ich für meinen Teil weiß, dass ich in den nächsten Tagen mit breitem Grinsen durchs Herbstlaub stapfen werde. Sonnenschein ist mein Glücksrezept! Und dazu noch Wochenende. Besser geht’s kaum.

Hamburg digital: Top oder Flop?

Hamburg ist ein Epizentrum der digitalen Wirtschaft – zumindest was das Anwerben von Unternehmen angeht. Das belegt ein Ranking des britischen "fDi-Magazine", das die Hansestadt weltweit auf Platz neun in der Kategorie Ansiedlungsstrategie sieht. Mithalten kann nur eine weitere deutsche Stadt: Frankfurt. Die Hessen punkten in Sachen wirtschaftliches Potenzial und belegen ebenfalls einen neunten Platz. Wie Hamburg es unter die Top Ten geschafft hat? Indem so namhafte Unternehmen wie Google, Adobe Systems und Facebook an die Elbe geholt wurden. Dafür wurde nicht mal mit Scheinen gewedelt. "Geld spielt gar keine Rolle", sagt Andreas Köpke von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Hamburg Invest. Rezept des Erfolgs sei unter anderem die Möglichkeit der Vernetzung in der Stadt mit Medienhäusern oder anderen Unternehmen. Während Bürgermeister Peter Tschentscher von der SPD seine Stadt als den Standort für Start-ups in Deutschland feiert, sieht die Opposition das alles weniger rosarot. Die Firmen seien zwar da, nicht aber ihre innovativen Entwicklungszentren. In der Stadt seien eher Marketing- und Vertriebsabteilung angesiedelt, so die CDU. Und die FDP bemängelt: Noch immer fehle es vor allem an der Basis – schnellem Internet, flächendeckendem WLAN. Was denn nun – ist Hamburg im Digitalen top oder ein Flop? "Vor fünf Jahren war das Hamburger Ökosystem für Start-ups eine Wüste", sagt Sanja Stankovic von der Plattform Hamburg Startups. Inzwischen sei viel passiert. Gerade wissensbasierte Start-ups hätten mit dem gemeinsamen Innovationszentrum von Desy, Universität und Stadt schon viel gewonnen. Denn ganz grundsätzlich sei Hamburg gerade in technischen Bereichen "kein Standort für Warmduscher. Die Kosten für Lebensunterhalt, Miete und Personal sind hoch. Zwei, drei Jahre Forschen ohne Förderung sind da kaum drin." 

Immer mehr Menschen ohne eigenes Dach überm Kopf

Hat Hamburg im Kampf gegen die Wohnungslosigkeit einen Sprung nach vorn gemacht? Rund 4800 Menschen ohne Wohnung leben derzeit in einer städtischen Unterkunft, so die neuesten Zahlen. Auf den ersten Blick eine Menge, sind das doch gut 2000 mehr als noch 2014. So einfach ist die Rechnung aber nicht. Denn es gibt immer mehr Menschen ohne feste Bleibe in der Stadt. Zur sowieso steigenden Zahl der Wohnungslosen kommen mehr als 15.000 Zuwanderer mit Wohnberechtigung. Durch die Flüchtlingskrise hat sich diese Zahl in weniger als zwei Jahren verdreifacht. Auch sie sind in öffentlichen Einrichtungen untergebracht, wohnen in Gemeinschaftsunterkünften ohne Mietvertrag. Casus knaxsus: Sie kommen dort nicht weg. Denn die Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt ist groß. Menschen mit (sehr) wenig Geld und schwierigen Lebenssituationen hätten kaum eine Chance, weiß Stephan Nagel von der Diakonie. "Knapp die Hälfte aller Hamburger hat theoretisch Anspruch auf eine Sozialwohnung", sagt er und zieht daraus folgenden Schluss: "Die Zahl der Wohnungslosen, die in Wohnraum vermittelt werden, muss sehr stark erhöht werden." Helfen soll unter anderem die Fachstelle für Wohnungsnotfälle. Dort konnten im vergangenen Jahr rund 2150 Haushalte in eigene Wohnungen vermittelt werden, wie der NDR berichtete. Auch das ist eine Steigerung, fast ein Viertel mehr als im Vorjahr. Es reicht aber nicht, solange auch die Zahl der Wohnungslosen weiter steigt. Nagel fordert daher "eine soziale Neuausrichtung der Bestandspolitik" wie mehr sozialen Wohnungsbau und einen besseren Zugang zu Wohnraum für anerkannt vordringlich Wohnungssuchende, zum Beispiel aus öffentlichen Unterkünften.

Stadtteilgeschichte zum Miterleben

Wie hat sich die Welt vor der eigenen Haustür verändert? Zum Tag der Geschichtswerkstätten am Sonntag laden Hobbyhistoriker zu Fensterausstellungen, Rundgängen und Zeitzeugengesprächen ein. Geschichtsforschung gibt es eben nicht nur im Hörsaal, sondern oft auch bei Kaffee und Kuchen im Stadtteilzentrum. "Es wirkt vielleicht manchmal kurios, wenn sich in Debatten um Denkmalschutz oder Gentrifizierung Leute zu Wort melden, die mit der Universität noch nie was am Hut hatten", sagt Margret Markert, Leiterin der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg & Hafen. "Aber die Leute stellen oft wichtige Fragen." Das haben auch Profis erkannt: An der Uni Hamburg arbeiten Germanisten und Laienforscher an einem digitalen Archiv, um die Schätze an historischen Quellen aus den Geschichtswerkstätten öffentlich zugänglich zu machen. "Auch die Stadt kommt immer wieder auf uns zu", sagt Markert. Als Hamburg der Sturmflut 1962 gedachte, waren es vor allem Zeitzeugen aus Wilhelmsburg, die persönlich berichten konnten. Die Bilder einer Ausstellung im Rathaus zum Jahrestag des Feuersturms 1943 stammten aus dem Stadtteilarchiv Hamm. "Die Geschichtswerkstätten und Stadtteilarchive sind einfach näher dran", betont Markert. Vieles aus ihren Beständen komme aus persönlichen Nachlässen, werde von Nachbarn oder Gästen zur Verfügung gestellt. Denn Stadtteilgeschichte ist auch Lebensgeschichte.

Hanseboot gescheitert – jetzt kommt die Boat Show

Eine Hansestadt ohne Bootsmesse? So weit sollte es in Hamburg nicht kommen. Nachdem die Hanseboot aus Mangel an Publikum abgesagt wurde – Hamburgs Messe-Chef Bernd Aufderheide spricht von "Zuschussgeschäft" –, wagt der Deutsche Boots- und Schiffbauerverband (DBSV) mit der Boat Show vom 17. bis 21. Oktober ein neues Format. "Wir wollen frischer daherkommen", erklärt Geschäftsführer Claus-Ehlert Meyer. Um neben Sportbootführern im Ruhestand auch jüngere Wassersportler zu erreichen, setzt der Veranstalter auf Angebote wie Stand-up-Paddling im Wasserbassin oder Wellenreiten auf einer künstlich erzeugten Stromschnelle. Weg von der reinen Produktschau, hin zum Erlebnisausflug – so ist auch das Family Boat Building zu verstehen, bei dem Kinder und Erwachsene innerhalb von fünf Messetagen ein schwimmfähiges Boot zusammenzimmern können. Getragen werde das neue Konzept zu einem großen Teil von den ausstellenden Firmen selbst, wie Meyer erklärt. Die hätten sich die Bootsmesse in Hamburg schließlich ausdrücklich gewünscht. Rund 300 Aussteller ziehen mit, deutlich weniger als bei der letzten Hanseboot. Damals waren es um die 520. Trotzdem soll die Boat Show nicht weniger bieten als der Vorgänger, versichert Meyer: "Es kann nur sein, dass es in einigen Bereichen dann nicht 100 Wettbewerber gibt, sondern nur 30."

Weltmädchentag: "Kein' Bock mehr auf mitgemeint"                                                                        

Schon im Februar sorgten Schülerinnen und Schüler einer Hamburger Stadtteilschule gemeinsam mit der feministischen Organisation Pinkstinks für Furore. Damals hatten sie mit ihrem Video "Not Heidis Girl" Stellung zum Schönheitswahn bezogen. Jetzt legt die Truppe nach. Zum Weltmädchentag gestern veröffentlichten sie ein neues Protest-Video. Thema diesmal: Gendersprache. Denn die Jugendlichen, alle zwischen 12 und 15 Jahre alt, ärgern sich darüber, dass in der Schule sprachlich vereinheitlicht wird, Mädchen dabei nie direkt angesprochen werden. "Auch wenn’s nervig erscheint: Wir haben kein’ Bock mehr auf mitgemeint", heißt es im Rap-Song "Sichtbar sein", den sie mit der Hamburger Musikerin Jamie Watson aufgenommen haben. Und: "Wie wir reden, macht Frauen total unsichtbar. Wenn ihr ›Chef‹ sagt, denk ich automatisch an ’nen Mann. Aber ich kann doch nur werden, was ich auch sehen kann!" Der Inhalt sei von den Kids selbst vorgeschlagen worden. "Da sind wir erst einmal zusammengezuckt", erzählt Marcel Wicker von Pinkstinks. Schließlich handele es sich um ein eher staubiges Thema, "aber dass ihre Lehrer und Lehrerinnen immer die männliche Form verwenden, hat die einfach total genervt", so Wicker, der in enger Zusammenarbeit mit den Schülerinnen (zwei Schüler waren auch dabei) den Liedtext verfasst hat. Etwa drei Monate wurde an Text und Video gefeilt, gestern wurde es durch die digitalen Kanäle geschickt – an Schulen, Gleichstellungsbeauftragte und Mädchen- und Frauenorganisation in ganz Deutschland.

Lesevertiefung

Drei Buchempfehlungen fürs Wochenende ...

RomanEin junger Soldat und dessen Briefwechsel mit einem Dichter während des Ersten Weltkriegs sind der Ausgangspunkt der Recherche – daraus entwickelt die Historikerin Hélène Gestern ein breites Panorama der Schicksale französischer Familien im 20. Jahrhundert. Ein beeindruckendes Werk über Geschichte und Erinnerung, fesselnd und anschaulich. Hélène Gestern: Der Duft des Waldes;Fischer Verlag, 26 Euro

Sachbuch Konfliktfreiheit ist kein Gradmesser für gelingende Integration, sagt El-Mafaalani. Sondern im Gegenteil: Gesellschaftliches Zusammenwachsen und Integration von Zuwanderern erzeugen notwendigerweise Kontroversen und Widersprüche. Und genau dies sind Merkmale einer offenen Gesellschaft. Spannend! Aladin El-Mafaalani: Das Integrationsparadox;Kiepenheuer und Witsch, 15 Euro

Jugendbuch Jessica ist zwölf Jahre und weiß sehr genau, dass sie einmal Schriftstellerin sein wird. In ihrer Klasse eckt sie zwar manchmal an, da sie so wahrheitsliebend ist, dass es manchmal schmerzt. Aber zugleich ist sie hinreißend komisch, wortgewandt und beobachtungsstark. Jane Gardam: Weit weg von Verona; aus dem Englischen von Isabel Bogdan, Hanser Berlin, 22,90 Euro (ab 12 Jahren)

… ausgewählt von Beatrix Holtmann; Buchhandlung Seitenweise; Hamm

Was geht

Gypsy-Beat: Alles nahm seinen Anfang im nächtlichen Nantes; dort trafen sich vor 20 Jahren die Musiker der Gypsy-Balkan-Band Dobranotch. Das Jubiläum feiern sie mit einem Best-Of aus russischen Volksliedern, Balkan Beats und "jüdischem Drive".

Goldbekhaus, Moorfuhrtweg 9, 20.30 Uhr, 15 Euro

Kopfhörerparty: Haben Sie eine Ausstellung schon mal tanzend erkundet? Bei der "Heartphones Kopfhörerparty: Dancing in the Moonlight" hopsen und schunkeln Gäste an Anton Corbijns Werken vorbei.

Bucerius Kunst Forum, Lounge, Rathausplatz 2, 21–2 Uhr, Führungen bis 22.30 Uhr, 10 Euro

Was kommt

DenTod leben: Man muss das Leben tanzen, forderte Nietzsche. Andere betanzen seit Urzeiten ihre Toten. Muss Mensch den Tod verneinen, wenn er das Leben bejaht? "Tausend. Tode. Tanzen.", Geschichten von der Lust aufs Leben, der Leichtigkeit des Todes.

Goldbekhaus, Bühne zum Hof, Moorfuhrtweg 9, Do, 18.10., 20 Uhr, 15 Euro

Hamburger Schnack

An der Bahnstation Horner Rennbahn purzelt eine Frau, die mit einer Freundin in ähnlichem Alter unterwegs und um die 80 Jahre alt ist, sehr akrobatisch rückwärts die letzten Treppenstufen hinunter. Einige Menschen bleiben stehen und fragen besorgt nach ihrem Befinden. Sie lacht, klopft sich kurz ab und steht auf. Die Freundin daraufhin: "Mensch Helga, mach keine Sachen, wir wollen doch zusammen in den Urlaub."

Gehört von Nick Heymann

Meine Stadt

Das Wasser steht fast bis zum Hals, jetzt aber schnell raus hier. Bei der Wattenwagenüberfahrt zur Hamburger Insel Neuwerk. © Renate Schächinger

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Am Montag lesen Sie an dieser Stelle wieder Mark Spörrle!

Ihre Kathrin Fromm

 

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