Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

was hatte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder,CSU, nicht alles versucht: Er hatte die Wähler mit milliardenschweren sozialen Leistungen des Landes gelockt, etwa einem Familien- und einem Pflegegeld. Er hatte in der Asylpolitik den Harten im Garten gegeben; der von Innenminister Horst Seehofer entfachte Streit um die Zurückweisung von Migranten an den deutschen Grenzen, der in einer Rücktrittsdrohung gipfelte, führte in Berlin fast zum Bruch der großen Koalition. Er hatte verfügt, dass im Eingangsbereich aller bayerischen Behörden Kreuze aufzuhängen seien, bevor dort jemand am Ende noch etwas anderes aufhängen konnte – aber alles half nichts. Gestern wurde in Bayern gewählt, und laut den Hochrechnungen bei Redaktionsschluss bekam die CSU in ihrer weiß-blauen Heimat mit 37,3 bis 37,4 Prozent das schlechteste Ergebnis seit 1950 verpasst. Die für die meisten Bajuwaren gefühlt immerwährende absolute Mehrheit der "Schwarzen" ist passé. Und auch sonst ist alles anders. Zweitstärkste Kraft im Freistaat sind die Grünen mit 17,9 bis 18,1 Prozent (von "Veränderungsauftrag" sprach Vorsitzender Robert Habeck), dahinter kommen die Freien Wähler mit 11,6 bis 11,7 Prozent, dann die AfD mit 10,6 bis 10,9 Prozent – und danach erst die SPD mit ihrem historisch schlechtesten Landesergebnis von 9,6 Prozent! Rechnerisch braucht die CSU künftig einen Koalitionspartner; Umfragen zufolge favorisieren viele Wähler ein Regierungsbündnis mit den Grünen. Auch die SPD schien nach den Zahlen von gestern Abend als Koalitionspartner möglich; die CSU favorisiert allerdings die Freien Wähler.

Die Bayernwahl hat auch einiges in der Bundespolitik verändert: Die CSU ist geschwächt – die Schwesterpartei CDU aber ebenfalls und mit ihr die Kanzlerin. Und auch in der SPD wird es rumoren. Das Ergebnis der Wahl (mehr dazu hier) könne in den Parteien "Erschütterungen mit sich bringen", prophezeite Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble schon vorab im Interview mit dem SWR. In zwei Wochen stehen die Wahlen in Hessen an. Vermutlich wird die große Koalition danach erst recht nicht zum Regieren kommen. Innenminister Seehofer jedenfalls kündigte schon mal prophylaktisch an, er wolle seine Verantwortung "weiterhin wahrnehmen"  – was versteht der Mann unter "weiterhin"? Was unter Verantwortung?

Der wirklich verantwortungsvolle Vorschlag der letzten Tage kam dagegen von Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter. Der forderte Ein-Euro-Tickets für Bahn und Busse im Nahverkehr und günstigere Tickets im Fernverkehr, um mehr Menschen zum Umsteigen in die Öffentlichen zu bewegen. Eine geniale Idee. Nicht, weil es im Fall von deren Umsetzung in Bussen und Bahnen prompt so voll werden könnte, dass man dort nicht mal mehr im Stehen arbeiten kann. Sondern weil dann die Verkehrsplaner endlich gezwungen wären, "öffentlich" abgehängte Gebiete zu erschließen – und darüber nachzudenken, dass es selbst in ländlichen Gegenden nicht reicht, wenn der Bus nur alle zwei Stunden kommt.

CDU ohne Spitzenkandidatin

Gleich weiter mit Hamburger Politik: Die Hamburger CDU muss sich nach neuem Personal für die Spitzenkandidatur für die Bürgerschaftswahl 2020 umsehen. Aygül Özkan stehe "aus gesundheitlichen Gründen" nicht mehr zur Verfügung, erklärten die Christdemokraten gestern. Özkan habe ihre Entscheidung "nach intensiver Überlegung und reiflicher Abwägung", wie sie schrieb, dem Landesvorsitzenden Roland Heintze und dem Fraktionsvorsitzenden der Bürgerschaftsfraktion André Trepoll mitgeteilt. Schon bei der Ankündigung der Personalie Aygül Özkan am 19. August war spekuliert worden, ob die schwer erkrankte 47-jährige Juristin die Kandidatur überhaupt antreten werde. Heintze und Trepoll brachten ihr Bedauern zum Ausdruck und wünschten Öztürk im Namen von Partei und Fraktion viel Kraft und schnelle Genesung. Mit der Nominierung der türkischstämmigen Özkan hätten die Christdemokraten unter Beweis gestellt, "dass die CDU Hamburg moderne Großstadtpartei in Hamburg ist", sagte Heintze und: "Wir werden der eingeschlagenen Linie treu bleiben." Wie und mit welchem Personal, darüber berät die CDU heute; für den Abend ist eine Sondersitzung des Landesvorstands anberaumt.

Diskriminierungsvorwurf gegen Hamburger Ruderinnen

Gendergerechtigkeit – ein großes Thema. Auch in Hamburgs Ruderszene. Und nicht erst seit heute: Schon in den 20er-Jahren waren Frauen an den Skulls ein Aufreger-Thema. Stiegen sie in kurzer Sportkleidung ins Boot, gab es Ärger mit den Männern. Die Damen sollten doch bitte Wickelröcke tragen. Kaum verwunderlich, dass die lieber unter sich bleiben wollten und 1925 den Hamburger Ruderinnen-Club ins Leben riefen. Doch nun gibt es Ärger. Nicht mit den Ruderern, die haben sich im Laufe des Jahrhunderts an die Sportsfreundinnen und ihren Club gewöhnt. Das Finanzamt stört sich neuerdings an dem Club und erwägt, ihm die Gemeinnützigkeit abzusprechen. Ist ein Verein, der die weibliche Endung im Namen trägt und männliche Mitglieder per Satzung ausschließt, überhaupt dem Gemeinwohl nütze? Ist ein Club nur für Frauen eine pragmatische Lösung, gar ein dringend benötigter Schutzraum in einer traditionell männerdominierten Sportart, oder wird hier der rudernde Mann diskriminiert? Was die Ruderinnen selbst darüber denken, was die Entscheidung des Finanzamts für andere Vereine bedeuten könnte und was die Freimaurer mit der ganzen Sache zu tun haben, lesen Sie digital hier oder in der aktuellen Printausgabe der ZEIT:Hamburg.  

"Unsere Erträge sind sozialer und ökologischer Natur"

Regionalität, Nachhaltigkeit, Kooperation – das Netzwerk Regionalwert Hamburg AG arbeitet für gute Landwirtschaft und Lebensmittel – mit Bürger-Aktien. Seit dem Wochenende können Interessierte für rund 500 Euro pro Stück wieder Anteile erwerben. Was haben sie davon? Wir sprachen mit Ulf Schönheim aus dem Vorstand der Regionalwert AG.

Elbvertiefung: Herr Schönheim, wenn ich mich entscheide, eine Bürger-Aktie bei der Regionalwert AG Hamburg zu kaufen: Was genau unterstütze ich damit?

Ulf Schönheim: Einen Verbund kleiner Betriebe, die die Agrar- und Ernährungswende selber machen, in unserer Region, in einem Umkreis von etwa 120 Kilometern rund um Hamburg. Darunter sind vor allem landwirtschaftliche Betriebe, aber auch Gastronomen, Lebensmittelhersteller und -vermarkter. Es ist ein Verbund auf Augenhöhe: Landwirte können mit Händlern und Gastronomen innerhalb des Netzwerks verhandeln. Das ist sonst oft ja nicht mehr möglich, weil viele Strukturen zu groß geworden sind. Wir holen dies auf eine persönliche Ebene zurück

EV: Was haben die Aktionäre davon?

Schönheim: Sie können qualitativ gute, nachhaltig hergestellte Lebensmittel beziehen und die Menschen kennenlernen, die sie produzieren – vom Gemüseanbauer über Weidehühner-, Rinder- und Milchviehbetriebe bis zu einer Bio-Brauerei aus Hamburg. Sie können, wenn sie wollen, sehen, wo die Milch gemolken und wo sie weiterverarbeitet wird, von welchem Feld welches Gemüse stammt und so weiter. Und als Aktionär ist man Miteigentümer des Netzwerks.

EV: So etwas wie Dividendenzahlungen gibt es aber nicht ...?

Schönheim: Nein, vorerst nicht. Wir sind ja nicht börsennotiert und noch im Aufbau, deshalb gibt es auch noch keine finanzielle Dividende. Der Nennwert einer Aktie liegt bei 500 Euro und bleibt auch so. Wenn jemand seine Aktie verkaufen will, sind wir behilflich. Aber im Grunde sollte man damit planen, dass das Geld langfristig angelegt ist. Dafür sind die Erträge, die wir generieren, sozialer und ökologischer Natur. Lebensmittel aus der Region beziehen und Betriebe aus der Region unterstützen – das ist schon Motivation genug, hören wir von vielen Aktionären.

EV: Wie kommt man an die Waren? Gibt es eigene Läden in Hamburg?

Schönheim: In der Hobenköök kriegt man von fast allen Partnerbetrieben etwas, sowohl auf dem Teller als auch im Regal. Ansonsten haben die Betriebe ja auch ihre eigenen Vermarktungskanäle, in Supermärkten etwa.

EV: Wird sich an dem Finanzmodell in Zukunft etwas ändern?

Schönheim: Sollten wir mal Überschüsse erwirtschaften, gibt es keinen Automatismus. Dann entscheidet die Hauptversammlung, ob Rücklagen gebildet werden für andere Investitionen oder ob das Geld ausgezahlt wird. Was mir gut gefällt, ist der Vorschlag eines Aktionärs, der meinte, wir könnten dann ja einfach eine Party feiern. Das würde gut passen, das Bier und die Lebensmittel haben wir ja parat (lacht).

Eine Woche im Zeichen des Vinyls

"Offen gestanden hätten wir bei der Premiere 2009 wahrscheinlich selbst nicht gedacht, dass wir die Plattenladenwoche zehnmal organisieren", sagt Marcus-Johannes Heinz, Geschäftsführer der Aktiv Musik Marketing (AMM). Nun hat der Fachhändlerverbund AMM mit Sitz in Hamburg es doch wieder getan. Von heute bis kommenden Sonnabend feiern rund 120 Läden in über 70 Städten den Traditions-Tonträger erneut. Schließlich feierte die Schallplatte ein furioses Comeback: Laut Bundesverband Musikindustrie hat sich die Zahl der verkauften Schallplatten seit 2008 mehr als versechsfacht; 2017 wurden rund 3,3 Millionen Platten verkauft. Das Geschäft mit Vinyl mache zwar nur knapp fünf Prozent des Umsatzes auf dem Musikmarkt aus. Dennoch: Das Medium hat sich augenscheinlich wirtschaftlich wieder eine Bedeutung erkämpft. Was man auch an der hohen Dichte der Plattenläden in Hamburg sieht: Von denen gibt es bis zu 30 Stück, schätzt Ole Harms vom Plattenladen ReKORD am Schulterblatt. Touristen kämen oft sogar extra nur wegen der Platten in die Hansestadt. Na dann. Acht der hiesigen Läden beteiligen sich an der Aktionswoche mit Sonderpressungen, Limited Editions und Konzerten in den Läden.

Blattgold und das Röhren der Puster

Es ist Mitte Oktober – Zeit für die Stadtreinigung Hamburg (SRH), dem Laub (die wackeren Reiniger sprechen von "Blattgold") den Kampf anzusagen. Heute startet die Abholaktion für Laubsäcke, die bis zu 100 Liter fassen und für einen Euro pro Stück etwa auf Recyclinghöfen oder in Drogerien zu haben sind. (Wann in welchem Stadtteil die Sammlung stattfindet, steht hier aufgelistet.) Und wer muss die Säcke füllen? "Dort, wo die Stadtreinigung die Gehwege gegen Gebühr reinigt, sammelt und entsorgt sie auch das Laub", so die SRH. "Anwohner, die ihren Gehweg selbst reinigen und keine Gehwegreinigungsgebühren bezahlen, müssen Laub auf den Gehwegen allerdings auf eigene Kosten entsorgen." Nicht unbedingt in den Säcken. Recyclinghöfe nehmen bis zu einem Kubikmeter Laub gebührenfrei an. Das güldene Laub darf auch in die Biotonnen oder auf den Komposthaufen. Nur wenn Sie den Verdacht haben, dass Ihre Kastanie von der Miniermotte befallen ist oder vom Bräunepilz Symptome hier, sollten Sie nicht kompostieren. Und, Sie haben sicher schon sehnlichst auf das anschwellende Röhren gewartet: Wenn die SHR dem Laub zu Leibe rückt, dann auch mit großen Laubpustern. Allerdings betont Andree Möller aus der Unternehmenskommunikation: Die großen, mit Kraftstoff betriebenen Geräte (bis zu 90 Dezibel) kämen nur bei nassem, schwerem Laub zum Einsatz, "und in Wohngebieten nicht am frühen Morgen, sondern erst später", so Möller. Wenn das Laub trocken, also leichter ist, bevorzugt die SRH morgens in Wohnvierteln Elektro-Blasgeräte (die mit bis zu 80 Dezibel akustisch lediglich der Lautstärke einer Hauptverkehrsstraße gleichkämen). Angesichts der Wettervorhersage dürfen wir also – hoffen.

Mittagstisch

Begeisternde thailändische Küche

Man sollte sich von dem grummeligen Ton nicht abschrecken lassen, mit dem man hier nicht nur begrüßt, sondern auch bedient wird. Auch nicht von der auf den zweiten Blick etwas rumpeligen Einrichtung. Und ebenso wenig von der sphärisch-kitschigen Musik. Besser ist, man konzentriert sich auf die hübsche Blumendeko des Blooming Thai und das sagenhafte Essen. Auf der Mittagstischkarte steht eine unendliche Anzahl von Gerichten, mit und ohne Fleisch; sie kosten allesamt jeweils 8,90 Euro und werden mit Vorsuppe oder Frühlingsrollen und Nachspeise serviert. Nach der Bestellung passiert eine Weile nichts, dann kommen alle drei Gänge auf einmal, was schade ist. Denn als man dann nach der feinen Glasnudelsuppe bis zum Hauptgang Nam Som King vorgedrungen ist, ist dieser schon ein wenig kalt. Und trotzdem: Das gebratene Rindfleisch mit Thai-Basilikum und Reis ist aufregend scharf, das Gemüse knackig. Und auch der Nachtisch aus Kürbis in süßer Kokossoße ist spannend und überraschend in Kombination und Geschmack.

Blooming Thai; Uhlenhorst, Papenhuder Straße 26, Mittagstisch 12–15 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Mysteriöser Chor: Als "Weltmusik, bevor Weltmusik überhaupt erfunden wurde" bejubelte der britische "Guardian" einst Werke des "Mystery of the Bulgarian Voices". Durch eine spezielle Kehlkopftechnik vibriert die Luft, wenn das "vielschichtige sphärische Timbre" des Chors erklingt. Auf dem neuen Album trifft Folklore auf Neuzeit: "The Mystery of the Bulgarian Voices feat. Lisa Gerrard".

Laeiszhalle, Großer Saal, Johannes-Brahms-Platz, 20 Uhr, ab 28,50 Euro

Was bleibt

Ohrfeige im Exil: Im Alter von 23 Jahren floh Abbas Khider aus dem Irak nach Deutschland. Seit 2007 ist er deutscher Staatsbürger, publiziert Bücher wie den preisgekrönten Roman "Ohrfeige". Zur Eröffnung der "Tage des Exils" spricht Khider über die Ambivalenz von Zugehörigkeitsgefühlen, den Umgang mit der Vergangenheit: "Zum DORT verflucht". 30 Minuten vor Beginn vergibt der Empfang noch Stehplätze.

Tage des Exils, 15.10.–16.11., Programm online;

Eröffnung, Kehrwieder 12, heute, 19 Uhr, Eintritt frei

Was kommt

Scharf schnacken: Von Schnapsideen halten Astrid Rolle und Peter G. Dirmeier einiges, denn auch ihre Talk-Idee entstand bei Hochprozentigem. Ein neues Schnack-Kapitel starten die Moderatoren diese Woche auf der Reeperbahn: Promis, Paulianer und Wundertüten stehen im Mittelpunkt von "scharfgestellt St. Pauli".

kukuun, Spielbudenplatz 22, Premiere am Mi, 20 Uhr, ab 12 Euro

Königliche Bühne: Ein König dankt ab, sein Reich will er unter den drei Töchtern aufteilen. Doch nicht die Eignung für das Regierungsgeschäft soll den Ausschlag geben, sondern die Liebe der Töchter zum Vater. Wie aber ist sie zu messen? Für die Premiere von William Shakespeares "König Lear" am Freitag gibt es noch Restkarten.

SchauSpielHaus, Kirchenallee 39, Fr, 19.30 Uhr, So, 18 Uhr, weitere Termine online, ab 15 Euro

Hamburger Schnack

Auf der Eppendorfer Landstraße geht ein etwa fünf Jahre alter Junge in flottem Tempo nur in Begleitung mit einer circa Dreijährigen, offenbar seine Schwester, die augenscheinlich ungehalten ist. Das will der Junge nicht auf sich sitzen lassen und erwidert: "Wenn du weiter meckerst, schicke ich dich zurück zu Mama!"

Gehört von Dieter Brandes

Meine Stadt

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Gesehen in der Weidenallee Hamburg. © Ann-Christin Zilling

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Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihr Mark Spörrle

 

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