Sigrid Neudecker © Gretje Treiber

Guten Morgen,

das Wetter weckt im Moment zwar eher Assoziationen zu Heuschnupfen und – siehe oben – Sonnenbrand, trotzdem sollte man sich langsam auf die alljährliche Grippesaison vorbereiten. Bevor Sie fragen: Ja, die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg rät allen Menschen dazu, sich impfen zu lassen, nicht nur Schwangeren und Menschen mit einem Grundleiden. Dieses Jahr wird der Vierfach-Impfstoff, der je zwei Stämme der Virustypen A und B enthält, auch von den Krankenkassen übernommen. In der vergangenen Saison bekamen den guten Stoff ja nur privat Versicherte.

Wer schlicht aus Bammel vor der Nadel nicht zur Impfung geht, kann versuchen, seiner Krankenkasse eine schwere Spritzenphobie vorzuschützen, dann bekommt man den Impfstoff via Nasenspray verpasst – was eigentlich Kindern und Jugendlichen vorbehalten ist, aber egal.

Und wenn wir als regelmäßige Bus- und U-Bahn-Fahrer noch eine innigliche Bitte aussprechen dürfen: Vergessen Sie das alte "Hand-Vorhalten"! Das ist längst überholt. Heutzutage niest und hustet man in die Armbeuge – mit der hält man sich nämlich nicht an Haltegriffen fest oder schüttelt gar Hände.

Wozu die Kassenärztliche Vereinigung auch noch rät? Hände waschen, schlicht und ergreifend. Grippe, aber auch simple Erkältungen sind nach wie vor Ansteckungskrankheiten. Da können Sie kalte Füße haben oder stundenlang im Luftzug sitzen oder was sonst noch an Legenden herumschwirrt – wenn Sie sich bei niemandem anstecken, werden Sie nicht einmal durch eingefrorene Füße krank werden. Also: Waschen Sie Ihre Hände regelmäßig und gründlich, halten Sie sie in ungewaschenem Zustand nach Möglichkeit von Nase und Augen fern, und Sie haben Ihr Erkrankungsrisiko stark reduziert – und unseres somit auch.

Vielen Dank und ein gesundes Wochenende!

Westhagemann geht Baustellen an

Da stand er nun, der Neue, zum ersten Mal vor versammelter Klasse. Nervös wirkte Michael Westhagemann nicht, als er gestern von der Bürgerschaft ganz offiziell zum Wirtschaftssenator gewählt wurde. Eher erfreut – kein Wunder bei den Vorschusslorbeeren. Als Mann der Praxis wisse Westhagemann, "worauf es ankommt", lobte SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf. "Er ist eine sehr gute Wahl für den Wirtschaftsstandort Hamburg." Auch die Grünen sind ein bisschen verliebt. Man freue sich auf "eine anregende und gute Zusammenarbeit" mit diesem "exzellent vernetzten und innovativ orientierten Fachmann", sagte der Fraktionsvorsitzende Anjes Tjarks. Was man eben beim ersten Date so sagt. 74 Abgeordnete votierten in geheimer Abstimmung für ihn, 42 gegen Westhagemann. Der will übrigens gleich ein ganz heißes Eisen anpacken: das Baustellen-Chaos in der Stadt. Zwar sei zu hinterfragen, ob Hamburg jährlich 25.000 Baustellen haben müsse, sagte er der dpa. (Das Thema kommt uns bekannt vor.) Schuld sei aber der "wahnsinnige Sanierungsstau". Und jetzt? "Nehmen wir das Geld in die Hand, um unsere Stadt zukunftsfest zu machen." Die nächste Baustelle: neue Mobilitätskonzepte, die dafür sorgen sollen, dass "Pendler ihr Fahrzeug stehen lassen und mit der S- oder U-Bahn reinkommen". Westhagemann will die Gebühren für Park&Ride-Dauerparker halbieren, noch zahlen Abonnenten für eine Jahreskarte 200 Euro. Je besser das Angebot, desto mehr Leute würden umsteigen.

Bürgerschaft: Kitas, S-Bahn, Alsterboote

Hitzig ging es hinterher in der Aktuellen Stunde der Bürgerschaft beim Thema Kinderbetreuung zu. Immer mehr Eltern fänden laut Opposition keinen Kita-Platz in der Nähe ihres Wohnortes, obwohl sie einen gesetzlichen Anspruch darauf haben, warf Daniel Oetzel von der FDP der Regierung vor. CDU, Linke und AfD stimmten mit ein, dass die rot-grüne Koalition die Chancengleichheit bei der frühkindlichen Bildung gefährde, was die Regierung – wenig überraschend – abstritt. Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) verwies unter anderem auf knapp 20.000 zusätzliche Kitaplätze, die seit 2011 geschaffen worden seien.

Danach stimmte die Bürgerschaft zu, die S-Bahn-Taktung zwischen Blankenese und Wedel zu verbessern und die Zehn-Minuten-Taktung der S1 weiter auszudehnen. Ein bisschen werden die Pendler allerdings noch warten müssen, denn der Antrag wurde zur weiteren Beratung erst einmal an den Verkehrsausschuss überwiesen.

Leider nichts wurde aus der Idee der CDU, nach den roten Leihrädern auch Leihboote anzubieten, eine Art StadtBoot auf der Alster also. Dieser Antrag wurde abgelehnt.

Ausgewähltes für die Ohren

Das Überjazz Festival bittet am Wochenende mit seiner neunten Ausgabe zur Horizonterweiterung. Hamburger sollen hier "Sachen hören, mit denen sie sonst nie in Berührung gekommen wären", sagt Kurator Heiko Jahnke. Mit den folgenden drei Tipps gibt er eine kleine Orientierungshilfe durch die 28 Programmpunkte.

Welche Überjazz-Künstler erleichtern Neulingen den Einstieg?

BCUC aus Soweto. Die mischen verschiedene Stile südafrikanischer Musik mit Funk, Punkrock und allem dazwischen. Ein totales Live-Ding. Die Band könnte auf nahezu jedem Festival spielen und wird noch richtig durch die Decke gehen. Das hat mit Jazz wenig zu tun, aber genau das wollen wir ja erreichen: Genre-Grenzen aufbrechen. Das schafft diese Gruppe mit Percussion, Bass und Gesang.

Welche Show wird fortgeschrittene Jazz-Hörer überraschen?

Da es ja nicht vornehmlich um Jazz geht, gibt es generell zahlreiche Überraschungen. Nicht verpassen sollte man das eigens für das Festival kreierte Duo aus Jimetta Rose und Carsten "Erobique" Meyer. Sie ist eine R&B-Überqueen aus Los Angeles, er zählt zu den vielseitigsten Alleskönnern, die wir in Hamburg haben. Keiner weiß, was dabei herauskommt, da kann alles passieren.

Welchen Act werden Sie persönlich auf keinen Fall verpassen?

Pharoah Sanders! Er ist eine lebende Legende, der die Musikgeschichte nachhaltig verändert hat. Pharoah war auch für meine eigene musikalische Entwicklung wahnsinnig wichtig und prägte vor allem den Spiritual Jazz. Sein letzter Auftritt in Hamburg ist schon 15 Jahre her. Diesen Künstler muss jeder mindestens einmal im Leben gesehen haben!

Kampnagel, Tagesticket 55 Euro, Zwei-Tagesticket 85 Euro; BCUC: Fr, 22.30–23.45 Uhr; Jimetta Rose & Erobique: Sa, 19–20 Uhr; Pharoah Sanders: Sa, 21.30–23 Uhr

Daddelnd in eine bessere Welt

Ein tagelanges "Creative Gaming"-Festival klingt nach viereckigen Augen und leeren Chipstüten. Doch bei "Play 18" kann man nicht nur Computerspiele testen, sondern auch die ganz großen Fragen diskutieren. Zum Beispiel: Wie lässt sich spielend eine bessere Welt erschaffen? Wir haben den Mitbegründer und Medienpädagogen Andreas Hedrich gefragt, wie das geht.

Elbvertiefung: Herr Hedrich, wird morgen rund um die Uhr gedaddelt?

Hedrich: Nein! Es geht theoretisch und praktisch um die digitale Spielekultur und die kreativen Prozesse dahinter. Gamedesigner, Medienpädagogen, Gamer und Journalisten sprechen über den gesellschaftlichen Wert von Computerspielen, in Workshops können Besucher selbst Spiele designen, etwa ganze Spiellandschaften aus Pappe bauen oder auch mal einen Controller basteln. Es wird zusammen getüftelt, gelötet, programmiert.

EV: Und das soll die Welt verändern?

Hedrich: Wir leben in einer Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche, da stellen sich viele Fragen: Wie wollen wir in Zukunft leben? Wie ließe sich die Welt gerechter gestalten? Computerspiele können dabei helfen, Antworten zu finden, indem sie gesellschaftspolitische Phänomene, aber auch Ideen für eine bessere Welt erfahrbar und greifbar machen.

EV: Ein Beispiel, bitte!

Hedrich: Im Spiel "Abteilung F" geht es darum, Fake-News aus einer Vielzahl aus Informationen herauszufiltern – man lernt also spielerisch, zu recherchieren und Informationen zu überprüfen. Andere Games geben einem die Möglichkeit, selbst mit Zukunftsszenarien zu spielen, da geht es dann eher um Gedankenexperimente: Wie könnte das Leben aussehen, wenn bestimmte Dinge geändert werden?

EV: Sie plädieren auch dafür, Games in der Bildung einzusetzen. Schreckt das Kinder und Jugendliche nicht eher ab?

Hedrich: Ich meine keine klassischen Lernspiele! Die funktionieren vielleicht in der Grundschule, auf ältere Schüler wirken solche pädagogischen Ansätze tatsächlich abschreckend. Lehrer sollten einfach ernst nehmen, dass Computerspiele zum Alltag von Kindern und Jugendlichen gehören. Und Inhalte auch mal mit einer Computerspiel-Logik verknüpfen. So ließe sich etwa Physik durch Beispiele erklären wie: "Was passiert da in eurem Spiel, wenn ein Auto umfällt? Wie könnte man das mit diesen Regeln, die ihr hier lernt, erklären?"

EV: Lohnt sich das Programm auch für Menschen, die bisher so gar nichts mit Computerspielen anfangen können? 

Hedrich: Klar! In der PLAY-Ausstellung kann man Spiele ausprobieren, die sich mit Themen wie Städtebau und Gentrifizierung, Migration oder Überwachung und Sicherheit befassen.

Das "Creative Gaming"-Festival läuft noch bis Sonntag am Hühnerposten. Infos zum Programm gibt es hier.

Auf die Plätze!

Wellen aus Pflasterstein und ein paar leere Bänke. Der Gerhart-Hauptmann-Platz in der City wirkt besonders abends öde – weil keiner da ist, der den Platz beleben könnte. "Da passiert nach Geschäftsschluss nichts mehr", erklärt Landschaftsarchitekt Thomas Tradowsky die Innenstadt-Tristesse. Ist das der einzige Grund? Was macht einen guten Platz aus? Genügen Gras und ein paar Bäume, so wie die Initiative "Altstadt für Alle" es jüngst für den südlichen Teil des Hauptbahnhofs vorgeschlagen hat? (Die nicht überdachten Gleise Richtung Deichtorhallen sollen mit einem Park überdeckelt werden.) Die Kollegen Oliver Hollenstein und Christoph Twickel haben vier Experten gefragt, wie man die Freiflächen in der Stadt verschönern kann. Mit welchen Tricks man was erreichen kann, lesen Sie in der aktuellen ZEIT:Hamburg, am Kiosk oder gleich hier digital.

Lesevertiefung

Drei Buchempfehlungen fürs Wochenende …

 

Roman Im Sommer des Jahres 1887 fährt Lafcadio Hearn als Passagier eines Dampfschiffs rund um die Kleinen Antillen von Insel zu Insel. Zurück in New York, verarbeitet er seine Notizen zu einem Reisebericht von exotischer Sinnlichkeit.

Lafcadio Hearn: Die Inseln über dem Winde – eine Sommerreise, übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann, Jung und Jung 2018, 20 Euro

 

Kinderbuch Tippo, aus einer altehrwürdigen Familie von Buchzersetzern stammend, geht in die dritte Klasse der GSAD, der Grundschule für das Altern der Dinge. Sein Metier: klappernde Tastaturen und Programmierfehler. Geistreich und ein optisch überbordender Genuss.

Barbora Klárová und Tomás Končinský: Tippo und Fleck, illustriert von Daniel Špaček, aus dem Tschechischen von Lena Dorn, Karl Rauch Verlag, 18 Euro, ab 6 Jahre

 

Sachbuch Mit trügerisch leichtem Ton erzählt der 1936 in Warschau geborene Grynberg vom Halbstarkenhabitus seiner Jugend, von der Hitze in Israels modernistischen Neubauten und vom Wahnsinn der Bürokratie an Grenzübergängen. Eine Autobiografie und zugleich Chronik polnischer und jüdisch-polnischer Exilanten.

Henryk Grynberg: Flüchtlinge, aus dem Polnischen von Lothar Quinkenstein, Arco Verlag, 20 Euro

 

… ausgewählt von Stephanie Krawehl, Lesesaal Buchhandlung & Café, Neustadt

Was geht

Kiffer-Mic: Der einzige Moment, in dem er nicht high war, sei seine Fahrschulprüfung gewesen. Dementsprechend klemmt dem Plusmacher beim Rappen stets ein Joint zwischen den Lippen. Mit seiner "Hustlebach Tour" hoppt er heute betüdelt durch den Waagenbau.

Waagenbau, Max-Brauer-Allee 204, 19 Uhr, VVK 20 Euro

Buch mit einem im Tee: Er betrachte sich "als kleinen Teil einer Gegenbewegung zu dem, was heute Comedy heißt", sagt Heinz Strunk. Mit wenigen Worten erzählt er Kurzgeschichten und Glossen über Einsamkeit, Sexualnot, Alkohol. Lesung: "Das Teemännchen". (Eine Rezension des Buches finden Sie hier.)

Deutsches Schauspielhaus, Kirchenallee 39, 20 Uhr, 22 Euro

Was kommt

Kunst am Berg: Ein Chor tiriliert, Dichter dichten, beim Jazzfrühschoppen kichern Damen; die Kunst- und Kulturtage Mümmelmannsberg feiern ihren 40. Geburtstag. Neben Lesungen und Konzerten lehren Künstler ihr Handwerk, frei nach dem diesjährigen Motto: "Lichtspiegelung".

Stadtteilschule Mümmelmannsberg, Aula, Mümmelmannsberg 75, Sa, 11–18.30 Uhr, So, 11–17 Uhr

IQ-Mucke:Tocotronic gelten als "Deutschlands intelligenteste Band". Mit krachenden Gitarren laden sie ein zur Märchenfahrt durch die vergangenen 25 Jahre ihres Schaffens. "175 Jahre Thalia Theater – 25 Jahre Tocotronic"; es gibt noch wenige Restkarten an der Abendkasse.

Thalia Theater, Alstertor, Sa, 20 Uhr, ab 19 Euro

Jiddisch singen: Das Jiddische Theater entwickelte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts zum eigenständigen Genre, wollte mit Humor und Musik von den Sorgen des Alltags ablenken. The Yiddish Vocalists greifen diese Idee auf, machen sich beim Konzert "Di gantse Welt iz a Teater" auf die Suche nach verschollenen Melodien.

Goldbekhaus, Bühne zum Hof, Moorfuhrtweg 9, So, 20 Uhr, 16 Euro

Hamburger Schnack

Am Halloween-Abend. Vor meiner Haustür ziehen fünf verkleidete Kids an mir vorbei. Sagt der eine: "Jetzt gehen wir zum Inno-Park, da gibt es echt krasse Häuser!"

 

Gehört von Robert Vetter

Meine Stadt

Deutliche Worte, aufgenommen an der Elbchaussee © Harald Hartmann

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Montag lesen wir uns wieder, wenn Sie mögen!

Ihre

Sigrid Neudecker

 

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