Annika Lasarzik © Melina Mörsdorf

Guten Tag,

am Ende wurden sie sich doch einig, irgendwie. Am Sonnabend endete die UN-Klimakonferenz im polnischen Katowice, nach zähem Ringen und mit einem Tag Verspätung. Was bleibt, ist ein Regelwerk von 133 Seiten. Es soll das Pariser Abkommen von 2015 in eine konkrete Form gießen und den Klimaschutz messbar machen. Und jetzt? Die Vertreter der knapp 200 Staaten wollen den Planeten nach eigenem Bekunden nicht komplett an die Wand fahren, auch der Multilateralismus wurde noch nicht beerdigt, immerhin. Doch ob es gelingen kann, die globale Erwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen, bleibt umstritten. Aus Sicht des BUND Hamburg ist das Regelwerk "in vielen Teilen vage". Und auch Hamburg müsse mehr tun. Schon jetzt sei erkennbar, dass die Stadt ihr Ziel, die CO2-Emissionen bis 2030 zu halbieren (im Vergleich zu 1990), nicht erreichen werde. Der Senat solle die Zeit nach Katowice nutzen, um einen "wirkungsvollen Klimaplan mit konkreten Maßnahmen" auf den Weg zu bringen, fordert BUND-Geschäftsführer Manfred Braasch. Zumal Bürgermeister Peter Tschentscher sich "sehr klar zum Klimaschutz bekannt" habe.

Stimmt, neulich erst, im Interview mit der ZEIT:Hamburg! Da sagte Tschentscher über das steigende Bewusstsein für Umweltthemen: "Es ist auch schon immer bekannt gewesen, dass Nichtrauchen gesünder ist als Rauchen. Trotzdem war das über viele Jahrzehnte nicht relevant. Dann gab es in kurzer Zeit einen Stimmungswandel, und heute können wir uns kaum noch vorstellen, dass früher fast überall geraucht wurde."

Ja, es wäre schön, wenn wir Berge von Plastikmüll in Zukunft ebenso skurril fänden wie die Vorstellung, dass Leute früher im Flugzeug Zigarre rauchten. Doch was heißt das für den Klimaschutz? Das ganze Interview finden Sie hier.

Ich sage schon mal Tschüss und wünsche Ihnen entspannte Feiertage und einen guten Rutsch – morgen begrüßt Sie hier ein guter Bekannter: Mark Spörrle.

Endlich Durchblick im Baustellen-Chaos?

Im Stop-and-go-Verkehr von einer Baustelle in die nächste? Das soll sich ändern, Verkehrssenator Michael Westhagemann will bekanntlich das Baustellenmanagement reformieren. Am Dienstag soll er seine Pläne vorstellen, Details sickerten aber schon vorher durch: Die "Koordinierungsstelle für Baustellen in Hauptverkehrsstraßen", kurz KOST, soll künftig auch die Lage auf Bezirksstraßen im Blick behalten, berichtet NDR 90,3. Sieben Koordinatoren in den Bezirken sollen der KOST täglich mitteilen, wo welche Baustelle entsteht und wie sich diese auf den Verkehr auswirkt. Bezirks­ämter, Polizei und städtische Betriebe sollen geplante Baustellen vorab melden und über Sondernutzungen oder Veranstaltungen informieren. Kommt zu viel auf einmal zusammen, kann die KOST ein Veto einlegen und Bauarbeiten untersagen. Bei Streit vermittelt die Verkehrsbehörde. Diese Neuordnung der Zuständigkeiten macht deswegen Sinn, weil der Verkehr bislang auch durch mangelnde Kommunikation ins Stocken kam. Wenn Wohnstraßen in den Bezirken gesperrt wurden, bekam die Verkehrsbehörde davon oft nichts mit. Für Pendler interessant: Ab Mai will die KOST online eine tägliche "Störungsvorhersage" veröffentlichen, schreibt das "Abendblatt", auch eine Telefonhotline sei geplant. Gegen Falschparker in zweiter Reihe soll indes die Polizei verstärkt vorgehen, Tagesbaustellen sollen verschwinden, wenn die Staus zu lang werden. Ein ganzer Strauß an Maßnahmen also – die dann greifen, wenn die vielen zuständigen Stellen auch konsequent an einem Strang ziehen.

Schüler entwickeln Schlafwagen für Obdachlose

Mit mobilen Schlafplätzen wollen Schüler des Gymnasiums Allermöhe die Not von Obdachlosen lindern: Tagsüber ist in den Bollerwagen Platz für Hab und Gut, für die Nacht können die Seitenwände ausgeklappt werden, sodass eine Liegefläche entsteht. "Wenn man auf dem eisigen Boden liegt, zieht die Kälte in den Körper", erklärt Schülerin Liza Popal (16). Die Idee kam ihr beim Fernsehen. "Da wurden kleine mobile Häuser gezeigt, in denen Obdachlose in den USA übernachten können", erzählt sie. Im Philosophieunterricht mit Lehrer Julian Lee entwickelte ihre Klasse die Idee weiter, der Verein Clubkinder sammelte Spenden. Inzwischen gibt es einenPrototypen, gebaut von Lehrer Lee und zwei ehemals Obdachlosen, Maschinenbauer Thorsten und Ingenieur Manuell. Nun arbeiten sie am letzten Schliff. "Wir überlegen, ob wir noch eine Isomatte einbauen, damit die Leute nicht direkt auf dem harten Holz liegen müssen", erklärt Liza Popal. Die Schlaffläche enthält ein abschließbares Fach; ein großer Vorteil, erklärt die Schülerin: "Die wichtigsten Sachen sind sicher." Bald kann das Modell in Serie gehen, die Finanzierung für 30 Schlafwagen steht, Material und Herstellung kosten pro Wagen 350 Euro. Unklar ist noch, ob und, wenn ja, wo die Gefährte in der Stadt abgestellt werden dürfen. Man werde mit Ordnungsämtern und der Sozialbehörde sprechen, kündigt Julian Lee an. Durchziehen wolle er das Projekt in jedem Fall: "Wenn es heißt: "Du darfst hier nicht schlafen", dann zieht man das Ding halt hundert Meter weiter."

Übrigens, Sie erinnern sich an unsere Nachricht vom Freitag: Vier Obdachlose sind in diesem Winter bereits auf Hamburgs Straßen gestorben. Und nun wird, wie in jedem Jahr, darüber diskutiert, ob die Unterkünfte des Winternotprogramms länger geöffnet bleiben sollten. Neu ist die Forderung nicht, doch diesmal entstehen in der Frage zumindest ungewöhnliche Bündnisse: SPD, Grüne, CDU und Linke sprachen sich in der Eimsbütteler Bezirksversammlung am Donnerstag einstimmig für längere Öffnungszeiten der Unterkünfte und einen Kältebus aus. Dieser fraktionsübergreifende Vorstoß wird das Hilfesystem sicher nicht umkrempeln; die Vorsitzende der Bezirksversammlung wurde beauftragt, sich bei den "zuständigen Stellen dafür einzusetzen". Die Sozialbehörde lehnt eine Ausweitung des Kälteschutzes weiterhin ab. Trotzdem: ein starkes Signal.

Fünf Jahre nach Yağmurs Tod – was hat sich getan?

Am 18. Dezember 2013 starb die dreijährige Yağmur, nachdem sie von ihrer Mutter misshandelt worden war. Der Fall löste eine Debatte aus, im Kern ging es um eine Frage: Wie kann Hamburg Kinder besser schützen, zumal in vergangenen Jahren schon mehrere Kinder unter den Augen der Behörden gestorben waren? Im Fall Yağmur, die mal bei ihren Eltern, mal bei einer Pflegemutter lebte, hatten die Jugendämter Hinweise auf Misshandlungen übersehen. Von Personalnot und Überlastung war die Rede. Was hat sich fünf Jahre später im Kinderschutz getan? "Wir haben alles, was wir fachlich regeln können, gemacht", sagt Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD). Über geplante Rückführungen in die Familien werde inzwischen nach dem Vier-Augen-Prinzip entschieden, bei Verdacht auf Misshandlung müsse ein Kind im Institut für Rechtsmedizin im UKE untersucht werden. Allein im ersten Halbjahr 2018 war dies in 233 Fällen nötig. 75 neue Stellen kamen zwischen 2014 und 2016 in den Allgemeinen Sozialen Diensten (ASD) dazu. Einer Online-Befragung der Kinderhilfe zufolge klagen viele ASD-Mitarbeiter aber noch immer über zu wenig Zeit für die Betreuung der Familien und einen zu hohen Dokumentationsaufwand. Sicher ist: Eine Bilanz ist auch zu Yağmurs fünftem Todestag noch nicht möglich. Erst Ende Januar soll der fertige Abschlussbericht einer von der Bürgerschaft eingesetzten Enquetekommission vorliegen und im Parlament diskutiert werden. Abgeordnete und Wissenschaftler untersuchten den Kinderschutz zwei Jahre lang auf Schwachstellen – Gesetzeskraft sollen ihre Empfehlungen jedoch nicht haben.

Misch mir den Sound vom Ruhm

Der Ohrwurm, den wir beim Shoppen aufschnappen. Die gedämpfte Stimmung in der Hotelbar. Der Energiekick auf dem Crosstrainer im Fitnessclub. Musik kann uns in Stimmungen versetzen, begleitet uns durch den Alltag und verführt uns – zum Schlemmen, Chillen, Konsumieren. Oft ist es Arndt-Helge Grap, der am Mischpult des kollektiven Unterbewusstseins die Knöpfchen dreht. Er stellt Musik zusammen, die im Hintergrund bleiben soll – in Restaurants, Hotels oder auf Kreuzfahrt. Wie lebt der Mann damit, seine Erfolge immer nur im Glanz der anderen gespiegelt zu bekommen? ZEIT:Hamburg-Autor Moritz Herrmann hat ihn bei der Arbeit getroffen und festgestellt: Solange kein Weihnachtsmarkt in Hörweite ist, muss man sich um Grap keine Sorgen machen. Das Porträt über den "Gottvater des Corporate Sound" lesen Sie in der aktuellen Printausgabe oder hier digital.

Was macht Hamburg zu Ihrer Heimat, Dirk Luckow?

Dirk Luckow © Deichtorhallen

Hamburg ist mein Geburtsort, und die Deichtorhallen sind das Boot, das ich mit frischem Wind versuche nach vorn zu bringen. Darüber hinaus ist Hamburg eine Stadt mit überraschenden Dimensionen und Schattierungen. Meine Familie und ich leben in der Nähe des Stadtparks mitten im prallen Hamburger Leben. Visuell und gefühlt prägen die Baumalleen am Südring dort, der Blick aus der U3 auf den Hafen, die kleinen Kanäle zwischen Schrebergärten, die elegante Innenstadt mit viel Grün und höchst unterschiedlichen Arten von Wohngebieten und natürlich die unvergleichlichen, diversen Kunstorte auf der Kunstmeile meine Beziehung zu Hamburg. Vielleicht nenne ich es lieber Zuhause als Heimat.

Dirk Luckow, geboren 1958 in Hamburg, ist Intendant der Deichtorhallen

Mittagstisch

Klein, aber oho

Einfach nur ein weiterer "Thai"? Mitnichten – das /i:t/ (sprich "eat") ist eine Perle im zweifachen Sinne, winzig und mit wunderbarem Essen. Es gibt nur acht Sitzplätze, aber die meisten Gerichte werden ohnehin außer Haus gegessen. Verkauft wird hier das typische Streetfood "Kuai Tiao" (6,50 Euro), welches in Thailand aus Booten heraus verkauft wird. Es besteht aus Brühe mit Reisnudeln und wird täglich frisch zubereitet, der Geschmack ist aromatisch und dem Vernehmen nach wahrhaft authentisch. Das vegane Thai-Curry zum gleichen Preis hat genau die richtige Schärfe, und alle Gemüsezutaten haben ihr schönes Eigenaroma bewahrt. Die Besitzerin Id Graf kocht, bedient und kassiert allein, bekommt im Januar aber Unterstützung von einem Kollegen und wird dann mehr Auswahl als die jetzigen zwei Gerichte anbieten. Zu trinken gibt es unter anderem hausgemachten Eistee in zwei Varianten im Marmeladenglas (2,50 Euro) und guten, starken Espresso für 1,50 Euro.

/i:t/; St. Pauli, Seilerstraße 40, Mo–Fr 12–17 Uhr

Christiane Paula Behrend

Was geht

Heimat Elbe: Die Elbe bietet seltenen Tieren und Pflanzen Lebensraum. Gleichzeitig ist der Hafen ein Wirtschaftsgebiet, ein wichtiges Standbein Hamburgs. Wie lässt sich das vereinbaren? Öffentlicher Vortrag von Veit Hennig vom Institut für Zoologie: "Flora und Fauna in Elbe und Wattenmeer".

Universität Hamburg, Biozentrum Grindel, Martin-Luther-King-Platz 3, 19–20.30 Uhr

Let there be Rock: Auf Fotos wirkt der ehemalige Turbonegro-Sänger Hank von Hell in der Tat höllisch. Unterwegs auf "Pretty Decent Tour" aber will er nur spielen: Nach acht Jahren präsentiert er endlich das neue Album "Egomania".

Markthalle, Klosterwall 11, 20 Uhr, VVK 29,40 Euro

Was kommt

Klassische Weihnacht: Wenn Pia Salome Bohnert die Stimme hebt, singt ihr ganzer Körper. Die preisgekrönte Sopranistin stimmt dieses Jahr neben Yvi Jänicke (Alt), Michael Connaire (Tenor) und Andreas Heinemeyer (Bass) das Weihnachtsoratorium I–III in St. Nikolai an.

Hauptkirche St. Nikolai, Harvestehuder Weg 118, Mi, 20 Uhr, ab 11 Euro

Tanz den Trick: Trickbetrüger Frank Abagnale Jr. schafft es, sich über Jahre hinweg Geld zu ergaunern, Frauenherzen zu erobern und seinen ärgsten Verfolgern zu entwischen – bis er sich verliebt. Wiederaufnahme des Musicals "Catch Me If You Can".

Altonaer Theater, Museumstraße 17, Do, 20 Uhr, weitere Termine online, ab 36 Euro

Hamburger Schnack

Im Wartezimmer einer Augenklinik, die sich auf Grauer-Star-Operationen spezialisiert hat. Durchschnittsalter der wartenden Patienten: siebzig plus, viele haben ein verklebtes Auge. Zwei Frauen unterhalten sich über ihren Zustand. »Ich hab den grauen«, sagt die eine. »Und Sie?« »Ich leider den grünen und den grauen«, erwidert die andere. Beide seufzen. Eine trübe Stimmung breitet sich aus. Da fängt ein Mann, ebenfalls mit verklebtem Auge, auf einmal an zu singen: »Alle Vögel sind schon da …« Das Wartezimmer lacht und singt mit.

Gehört von Evelyn Holst

Meine Stadt

Wer schützt hier wen vor was? In dieser eisigen, oft grauen Jahreszeit mögen die Herren doch bitte die Sonne vor den Wolken schützen. © Markus Morick

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Morgen begrüßt Sie hier Mark Spörrle.

Ihre Annika Lasarzik

 

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