Kein Zweifel, der Applaus ist verdient, den die Elbphilharmonie zurzeit bekommt. Diesmal nicht von einem weiteren Klassik-Weltstar, der von der herausfordernd klaren Akustik des Großen Saals schwärmt (das ist in Hamburg längst keine Nachricht mehr wert). Applaus bekommt die Elbphilharmonie deshalb, weil ihre Betreibergesellschaft schon wieder eine Zwischenbilanz vorgelegt hat, die viel besser ist als kalkuliert.

Es läuft sehr, sehr gut. Die Umsatzerlöse steigen von Jahr zu Jahr, die Auslastung liegt konstant über 98 Prozent, die Zahl der Konzerte in dem Haus, in dessen Fassade sich je nach Winkel die Elbe oder die Silhouette der Stadt spiegelt, steigt von Saison zu Saison. Alle – bis auf sehr wenige Ausnahmen – ausverkauft. Von den Zahlen in dieser Bilanz können Veranstalter und Kulturpolitiker anderswo nur träumen. Und hätte die Woche nicht nur sieben Tage und der Tag nur 24 Stunden, könnte man noch viel mehr veranstalten, sagt der Generalintendant des Hauses, Christoph Lieben-Seutter, der aus dem Haus binnen kürzester Zeit eine hocheffizient arbeitende Musikfabrik gemacht hat. Das treibt die Kosten nach oben, da Überstunden abgegolten, mehr Stellen geschaffen und mehr externe Techniker kurzfristig angeheuert werden müssen als ursprünglich geplant. Aber stärker als die Kosten steigen so eben die Einnahmen.

Der Beweis ist erbracht: Die Menschen, die hier arbeiten, wissen, was sie tun. Das ist schön – es ist aber nur deshalb bemerkenswert, weil während der schier unendlich langen Bauzeit des Hauses auch überregional bisweilen der Eindruck entstand, als herrsche in Hamburg zwar eine ungefähre Vorstellung davon, was ein Konzerthaus ist, und irgendjemand ist auch schon mal in einem gewesen. Das war’s dann aber auch. Allein dafür, dass sie diesen fatalen Eindruck – in eigenem Interesse – gründlich und schnellstmöglich wieder geradegerückt hat, ohne darum sich von der Häme in die Knie zwingen zu lassen, darf man Christoph Lieben-Seutters Mannschaft gratulieren.

Es wird wohl noch zwei Spielzeiten dauern, bis der Jahresfehlbetrag ausgeglichen ist

Und sicher, der zweite Jahrestag des Eröffnungskonzerts ist ein guter Anlass, sie für die in der Bilanz ausgewiesenen Erfolge zu feiern. Gleichwohl, ohne diesen Erfolg schmälern zu wollen: Wäre nicht jedes andere Ergebnis als dieses hervorragende nicht zu verantworten und peinlich? Und zwar finanziell, künstlerisch und auch politisch? Wäre es nicht vollkommen untragbar, wenn die Erlöse stagnieren würden, die Konzerte nicht ausverkauft wären, Lieben-Seutter nicht so viele Veranstaltungen wie irgend möglich ins Haus holen und die Betreibergesellschaft auch auf lange Sicht mit ihrem Budget nicht auskommen würde?

Derzeit kommt die Hamburg Musik GmbH, hundertprozentige Tochtergesellschaft der Stadt, mit ihrem Budget ja in der Tat nicht aus. Das dürfte sich in naher Zukunft ändern. Und dass in der Anfangszeit die Kosten die Einnahmen leicht übersteigen, ist für Konzerthäuser dieses Formats eher der Normal- als ein Sonderfall.

Allerdings: Wie die Jubel-Schlagzeilen über die Elbphilharmonie als das alle Erwartungen übersteigende "Haus der Rekorde" zusammenpassen mit der Auskunft der Kulturbehörde an die Bürgerschaft, es brauche sicher noch eine, vielleicht auch zwei Spielzeiten, bis der Jahresfehlbetrag in der Bilanz planmäßig und dauerhaft ausgeglichen sei – das ist wirklich schwer vermittelbar. Haus der Rekorde, aber nicht in der Lage, die veranschlagte Summe einzuspielen?