Oliver Hollenstein © Maria Feck

Guten Morgen,

ich bin auf dem Land aufgewachsen, mein Heimatdorf schrumpft seit vielen Jahren, Schulen und Geschäfte in der Gegend werden geschlossen, der Bus fährt nur noch einmal am Tag. Wer als älterer Mensch nicht mehr Auto fahren kann, wird sehr einsam. Ganz anders stellt sich die Situation in Hamburg dar: Jedes Jahr ziehen 30.000 Menschen in die Stadt, das hat der Senat gestern bekannt gegeben. Er geht davon aus, dass im Jahr 2030 mehr als zwei Millionen Menschen hier leben werden. Eins haben mein Heimatdorf und Hamburg allerdings gemein: Die Bevölkerung wird älter. Jeder fünfte Hamburger wird Prognosen zufolge in gut zehn Jahren über 65 Jahre alt sein, gut 60.000 Menschen werden dann wohl gepflegt werden müssen. Deutlich mehr als heute. Trotzdem treffen uns hier viele Probleme einer alternden Gesellschaft weniger als anderswo. Warum? Weil vor allem jüngere Menschen in die Stadt ziehen, darunter viele Flüchtlinge. Hamburg ist deswegen das jüngste aller Bundesländer. Wachstum ist eben die beste Strategie gegen Überalterung. Sagt der Junge vom Dorf.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Ihr Oliver Hollenstein

Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns: hamburg@zeit.de.

Aktuelles

© Maria Feck

"Dann dachte ich, ich bin tot"

Vor zehn Jahren wurde Johannes M. auf dem Schanzenfest niedergeschlagen. Seither ist der heute 45-Jährige berufsunfähig, leidet unter Konzentrationsstörungen und Tinnitus und hat ständig Schmerzen. Gestern begann sein Prozess gegen die Stadt Hamburg, denn M. ist überzeugt, dass es ein Polizist war, der ihn grundlos attackiert hat, genauer gesagt ein Beamter der 2. Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) Blumberg. Diese Sondereinheit ist nahe Potsdam stationiert und soll lokale Polizeikräfte bei Großveranstaltungen unterstützen – wie eben beim Schanzenfest, bei dem es gern einmal zu Ausschreitungen kommt. Johannes M. klagt auf mindestens 230.000 Euro Schmerzensgeld. Unsere Redakteurin Sigrid Neudecker hat den Prozess besucht und erzählt hier, auf welche Weise M. zu gewinnen hofft.

Kammerrebellen wollen nicht Chef werden

Wenn man mit Unternehmern derzeit über die Handelskammer redet, sieht man: Kopfschütteln. Hört man: Verzweiflung. Statt die Interessen der Wirtschaft zu vertreten, macht die Kammer vor allem mit Interna von sich reden. Seit der einst als Kammerrebell gestartete Unternehmensberater Tobias Bergmann im Dezember als Präses zurückgetreten ist, weil seine eigenen Leute ihn nicht mehr unterstützten, ist nun auch noch der Chefposten vakant. Heute will die Kammer bekannt geben, wer für die Wahl am 24. Januar kandidiert. Nach Informationen der ZEIT will keiner der Rebellen den Job mit Intrigengarantie antreten. Stattdessen bewerben sich zwei, die wohl als Einzige genug Zeit, Geld und Chuzpe haben, um neuer Präses zu werden: der Hafenunternehmer Johann Killinger und der ehemalige Vorstandschef von Lloyds Fonds, Torsten Teichert.

Sie haben den Überblick über das Wirrwarr in der Kammer verloren? Unsere Wirtschaftsredakteurin Hanna Grabbe beantwortet hier die wichtigsten Fragen.

Stadt will Demografie von Nachbarschaften beobachten

Wie alt ist Ihre Nachbarschaft? Das werden Sie bald einfach herausfinden können. Die Stadt will künftig für alle Nachbarschaften in Hamburg einmal im Jahr erheben, wie sich die Bevölkerung verändert. Dafür hat sie die Stadt in 940 Quartiere eingeteilt. Weil sich die einzelnen Stadtteile so unterschiedlich entwickeln, will sie damit genauer erkennen können, wo eher eine Kita und wo eher eine Seniorenwohnanlage gebaut werden soll. In einzelnen Quartieren soll zudem bald ausprobiert werden, wie lebendige Nachbarschaften Senioren helfen können, in ihren Wohnungen zu bleiben. Das sind die wesentlichen Neuerungen des Demografie-Konzepts, das Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) gestern vorgestellt hat. Darüber hinaus finden sich im Bericht viele bekannte Maßnahmen des Senats wie der Schul- und Wohnungsbau sowie die Kita-Förderung. Der Eindruck: Der Senat hat das Problem der Demografie erkannt, ob die bisherigen Maßnahmen dem Problem gerecht werden, darf man jedoch bezweifeln.

In einem Satz

Im Kaifu-Bad ist durch ein defektes Ventil Chlorgas ausgetreten, die Feuerwehr musste mit Spezialkräften anrücken +++ Die Wasserschutzpolizei hat im Hafen gestohlene Geländewagen im Wert von 150.000 Euro sichergestellt

Was heute auf der Agenda steht

Justizsenator Till Steffen (Grüne) und Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos) stellen ihre Pläne vor, wie Schiffe künftig digital registriert werden sollen +++ Das VW-Tochterunternehmen Moia will erklären, wie es künftig mit taxiähnlichen Shuttlebussen die Mobilität in der Stadt verbessern will

Was Sie interessieren könnte

Alltagsreporter: Die Schulsekretärin

"Ein kleines Grüppchen Drittklässler unterhält sich darüber, was Ausländer sind.

Kind A: Das sind Menschen, die nicht aus Deutschland, sondern aus einem anderen Land kommen.

Kind B: Ich komme aus Syrien, aber ich wohne seit drei Jahren in Deutschland. Bin ich auch Ausländer?

Kind C: Nee, ich glaube nicht. Wenn du in Deutschland wohnst, dann bist du ja Deutschländer. Oder?

Schweigendes Nachdenken.

Kind A: Stimmt, wenn man in Deutschland wohnt, dann ist man kein Ausländer. Das sind nur die, die woanders wohnen und hier zu Besuch sind. Urlauber zum Beispiel!"

An dieser Stelle finden Sie nun täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.

Lesertipps zum Entsorgen von Weihnachtsbäumen

Wie bekomme ich den Weihnachtsbaum möglichst dreck- und unfallfrei aus der Wohnung zur Sammelstelle? Diese Frage hat gestern offenbar nicht nur uns, sondern auch viele Leser beschäftigt. Elisabeth Ohlendorf schrieb: "Ich habe alles ausprobiert und durchlitten, bis zur Abmahnung, weil ich völlig entnervt vergaß, die Nadeln aus dem Treppenhaus zu saugen." Was also tun? Zwei Methoden erschienen unserer redaktionsinternen Jury am vielversprechendsten:

Methode Gartenschere: Der Tannenbaum wird im Wohnzimmer mit Handschuhen und Gartenschere fachmännisch zerlegt. Zunächst die Zweige am Stamm abtrennen, in einen blauen Müllsack geben, dann den Stamm zersägen und in die braune Tonne, schreibt Birgit Freynhagen. Diese Methode, darauf weist Sophie Lenschow zurecht hin, ist allerdings nichts für alle, die das Märchen "Der Tannenbaum" von Hans Christian Andersen kennen und/oder zu viel Empathie mit Bäumen haben. 

Methode Bettlaken: Dem Tannenbaum wird einfach ein Bettbezug übergestülpt, zugebunden, fertig. Es scheint dabei zwei Schulen zu geben: Die eine stellt den Baum auf den Bettbezug und bindet oben zu. Die andere macht es andersherum. Wie ein solch eingepackter Baum aussieht, hat Doreen S. für uns fotografiert. Besonders beeindruckt hat uns der Tipp von Svante Fink: Sie ist im Besitz einer Decke mit einem Loch in der Mitte, auf die sie den Weihnachtsbaum schon vor dem Aufbauen stellt. Zur Entsorgung wird die einfach nach oben gezogen, fertig!

"Wir sind aus allen Wolken gefallen"

© Harro Albrecht

Über 100 Hamburger Bands sind seit Ende November heimatlos. Sie dürfen nicht mehr im "Otzenbunker" auf St. Pauli proben. Wie konnte es so weit kommen – und wie geht es jetzt weiter? Unser Reporter Christoph Twickel hat mit Niels Boeing gesprochen, Schlagzeuger der Band "Die Handlung".

Elbvertiefung: Seit den Achtzigerjahren proben im Otzenbunker Bands, darunter auch Größen wie Tocotronic oder Blumfeld. Jetzt ist damit erst mal Schluss – wie kann das sein?

Niels Boeing: Das ist für uns auch sehr undurchsichtig. Der frühere Eigentümer hatte offensichtlich von der Stadt nur die Genehmigung, den Bunker als Lager zu nutzen. Angeblich hätte er schon seit zehn Jahren die Lüftungsanlage sanieren müssen. Wir haben die Luftschlitze in den Mauern immer mit Sandsäcken abgedeckt, das hat den Schall einigermaßen abgehalten. Und es ist auch noch keiner umgekippt, weil die Luft so schlecht gewesen wäre. Dafür hat der Eigentümer ordentlich Miete kassiert, aber nie was gemacht. Wir hatten permanent Wasserschäden, eine uralte Lüftung – im Prinzip befand sich der Bunker noch im Nachkriegszustand.

EV: Die Schließung kam also auch für Sie überraschend?

Boeing: Allerdings, wir sind aus allen Wolken gefallen! Vor einem Jahr gab es einen Eigentümerwechsel, zu diesem Zeitpunkt lieferte sich der vorherige Vermieter schon zehn Jahre lang einen Rechtsstreit mit der Stadt. Doch Genaues wussten wir nicht. Die neuen Eigentümer haben zwar noch versucht, per einstweiligem Verfügungsantrag die Proberaumnutzung genehmigt zu bekommen. Doch das Bezirksamt wies den Antrag ab.

EV: Wie geht es jetzt für die Bands weiter?

Boeing: Die Mietverträge ruhen, unsere Instrumente stehen immer noch im Bunker rum. Viele Bands haben sich natürlich umgeschaut, was es überhaupt noch zu mieten gibt in Hamburg. Und es stellt sich heraus, dass in der erweiterten Innenstadt kaum noch was zu haben ist. Das geht erst in Stellingen und Hamm los.

Welche Rolle die Anwohner bei der Schließung des Bunkers spielten, lesen Sie in dem vollständigen Interview auf ZEIT-Online

Was macht Hamburg zu Ihrer Heimat, Peter Tschentscher?

© Ronald Sawatzki/Senatskanzlei Hamburg

"Das Gefühl, hier zu Hause zu sein, in einer Stadt am Wasser mit vertrauten Orten, an denen ich vieles erlebt habe. Die Stadt ist groß, aber nicht anonym, denn die Menschen interessieren sich füreinander, sind tolerant und stolz auf die Vielfalt und Weltoffenheit ihrer Hansestadt. Dadurch entsteht ein Wir-Gefühl, das alle einschließt, die hier leben. Neben dem großen Hafen, der Alster und den bekannten Gebäuden gibt es viele individuelle Stadtteile und Quartiere, in denen sich die Leute auch persönlich kennen und miteinander reden."

Peter Tschentscher kam 1966 in Bremen zur Welt. Seit März vergangenen Jahres ist er Hamburgs Erster Bürgermeister

Wer wir sind

© Maria Feck

Ich bin Annika Lasarzik, 30, Redakteurin im Hamburg-Ressort und stellvertretende Elbvertiefungs-Chefin vom Dienst. Aufgewachsen bin ich im tiefsten Ostwestfalen, in einer Stadt, in der ein "großer Stein" noch eine echte Attraktion ist. Spannend, aber ich wollte dann doch lieber weg. So bin ich zunächst in Paris und schließlich in Hamburg gelandet, wo ich Politik und Journalistik studiert und vor allem viel geschrieben habe: als Reporterin für die "taz", als Online-Redakteurin beim "stern" und frei für den NDR, ZEIT ONLINE, Arte und "Hamburg Mittendrin". Mich interessieren sozial- und gesellschaftspolitische Themen, die großen und kleinen Konflikte des urbanen Zusammenlebens, und überhaupt: Menschen! Ich lebe im schönen Wilhelmsburg, gehe gern auf Konzerte, ins Kino und beglücke meine Sitznachbarn dort mit unnützem Filmwissen. An Hamburg mag ich die Weite, das Wasser, den Wind – und die Musik.

Was Sie heute erleben können

Mittagstisch

Spitzen-Küche

Essen in der Spitze des Chilehauses – das hat schon Flair. Im Dezember 2018 hat genau dort das Restaurant The Brick eröffnet, wo in angenehmem Lounge-Ambiente zu moderaten Preisen in erster Linie persische Küche angeboten wird, zur Mittagszeit auch querbeet mit orientalischer Salatbeilage. Bis 16 Uhr erhält man neben dem afghanischen Nationalgericht Qabuli zwei Burger (mit und ohne Fleisch), Frikadellen mit Kartoffelklößen, gegrillten Lachs sowie einen mediterranen Hähnchenspieß. Die Preise bewegen sich zwischen 7,20 und 7,90 Euro. Günstiger ist nur Qabuli: Es kostet nur 5,90 und besteht aus einem Berg leider zu lasch gewürztem Reis, durchmischt mit zu wenig Karottenstreifen und Rosinen. Wäre nicht die leckere Beilage (Spinat und Auberginen) sowie die für zwei Euro dazubestellten ebenfalls leckeren Hackbällchen in Tomatensauce, das Gericht wäre deutlich zu eintönig ausgefallen. Aber bei der exponierten Lage drückt man gern auch mal ein Auge zu.

The Brick; Altstadt, Burchardstraße 13c, Mittagstisch Mo–Fr 11.30–16 Uhr

Thomas Worthmann

Was geht

Die Physikerin: Lise Meitner war neben Marie Curie die bedeutendste Physikerin des 20. Jahrhunderts. Sie gilt nicht nur als Pionierin ihres Fachs, sondern mit Durchsetzungskraft und Zielstrebigkeit auch als Vorreiterin starker Frauen. "Deine Lise – Hör-Briefe aus dem Exil".

Zentralbibliothek, Großer Veranstaltungsraum, Ebene 1, Hühnerposten 1, 17.30–18.30 Uhr, Eintritt frei

Revolution im Hörsaal: Hamburgs Novemberrevolution von 1918/19 war ein epochales Drama. Handfeste Pläne und Illusionen flossen ineinander, konstruktive Versuche, festgefahrene Vorstellungen. Das Revolutionsgeschehen prägte die Stadt bis hinein in die Weimarer Republik. Öffentliche Vorlesung von Ortwin Pelc (Museum für Hamburgische Geschichte): "Die Revolution im Großraum Hamburg".

Museum für Hamburgische Geschichte, großer Hörsaal, Holstenwall 24, 18.15–19.45 Uhr

Folk-Brüder: Zwei Gitarren, zwei Stimmen. "The Ocelots" aus Irland brauchen nicht mehr, um Säle mit Harmonien zu füllen, vor dem geistigen Auge Felsen in der Brandung und Wiesen im Vollmond zu beschwören. Singer-Songwriter-Folk mit den Zwillingen Brandon und Ashley Watson.

Kulturcafé Komm du, Buxtehuder Straße 13, 20–22 Uhr, Eintritt frei

Hamburger Schnack

Vor Kurzem in der U-Bahn: Eine Frau tippt auf ihr schwarzes Smartphone-Display. Ihr Nachbar: "Das ist wohl kaputt." Sie: "Nein, ich bin blind." Er: "Oh, das tut mir leid." Sie: "Macht nichts, das spart viel Strom."

Gehört von Theo Christiansen

Meine Stadt

Komfortzone in Heimfeld © Claudia Fischer

Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen

Kammerrebellen wollen nicht Chef werden: Ein Überblick für alle, die beim großen Theater der Handelskammer den Überblick verloren haben

"Dann dachte ich, ich bin tot": Sigrid Neudecker berichtet aus dem Prozess zum Schadensersatz wegen Polizeigewalt

"Wir sind aus allen Wolken gefallen": Welche Rolle die Anwohner bei der Schließung des Otzenbunkers spielten