Oliver Hollenstein © Maria Feck

Liebe Leserin, lieber Leser,

voraussichtlich am 23. Februar 2020 wird eine neue Bürgerschaft gewählt. Was die Hamburger bewegt, zeichnet sich ab: Verkehr und Wohnen. Doch grundlegend unterschiedliche Ideen zur Lösung dieser Herausforderungen sind bisher kaum erkennbar. Deswegen könnte ein anderes Thema entscheidend werden, mit dem die CDU in Schleswig-Holstein und NRW zuletzt SPD-Regierungen gestürzt hat: die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren auch an Gymnasien. Schon lange ist im Gegensatz zu vielen Experten eine Mehrheit der Hamburger dafür, 2014 scheiterte eine Bürgerinitiative eher an organisatorischem Unvermögen als an fehlendem Rückhalt. Nun ist für die in Umfragen extrem schwächelnde CDU die Verlockung groß, das Thema aufzugreifen. Einen ersten Schlagabtausch dazu wird es heute in der Bürgerschaft geben, wo die CDU-Fraktion das Thema zur Debatte angemeldet hat – Sie können ihn ab 13.30 Uhr hier im Livestream verfolgen. Viele Eltern müssen sich unterdessen derzeit ganz praktisch Gedanken machen, auf welcher Schule sie ihr Kind anmelden. Tipps dazu gibt es unten von meiner Kollegin Annika Lasarzik.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Ihr Oliver Hollenstein

Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns: hamburg@zeit.de.

Aktuelles

© Hochbahn

Bürgerbeteiligung für U5 beginnt

Von der City Nord über die Uhlenhorst zum Hauptbahnhof, vom Dammtor über die Hoheluftbrücke bis nach Stellingen – so könnte die neue U-Bahn-Linie 5 durch die Innenstadt verlaufen. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) und Hochbahn-Chef Henrik Falk stellten gestern die Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie vor. Verschiedene Trassenvarianten sollen nun mit Bürgern diskutiert werden. Im mittleren Abschnitt könnte die Linie zwischen 13 und 17 Kilometer lang werden und 14 bis 17 Stationen anfahren. Sie folgt im Wesentlichen den Strecken der stark überlasteten Buslinien 5 und 6, die derzeit täglich 94.000 Menschen nutzen. Zwei Streitpunkte zeichnen sich ab: Nach Plänen der Hochbahn soll die Linie nicht am Jungfernstieg halten, da dort der Umstieg zu lange dauern würde. Außerdem ist unklar, ob der Siemersplatz eine Station bekommt. Die neue U-Bahn soll vollautomatisiert rund um die Uhr im 90-Sekunden-Takt fahren. Wie viel sie kosten könnte, wollte der Bürgermeister noch nicht abschätzen. Im Februar soll mit vier großen Veranstaltungen die Bürgerbeteiligung starten. Mehr Infos und Beteiligungsmöglichkeiten stellt die Hochbahn außerdem unter www.schneller-durch-hamburg.de zur Verfügung.

Innenbehörde klagt gegen Anordnung des Datenschutzbeauftragten

Im Streit um den Einsatz der Gesichtserkennungssoftware bei den Ermittlungen zu den G20-Krawallen hat die Innenbehörde Klage vorm Verwaltungsgericht eingereicht. Sie richtet sich gegen eine Anordnung des Datenschutzbeauftragten Johannes Caspar, über die wir gestern ausführlich berichtet haben. Caspar fordert die Löschung einer Datenbank mit den biometrischen Gesichtsabdrücken Tausender Bürger.

Trotz strengerer Maßnahmen noch mehr verspätete Flüge

Eigentlich dürfen auf dem Flughafen wegen des Nachtflugverbots nur bis 23 Uhr Flugzeuge landen. Doch seit Jahren steigt die Zahl der verspäteten Flüge rasant, im vergangenen Jahr waren es 1174 Flüge, das entspricht durchschnittlich drei Landungen pro Nacht. Damit hat sich die Zahl in den vergangenen Jahren verdoppelt. Viele Anwohner klagen darüber, vor einem Jahr haben wir sie in der ZEIT zu Wort kommen lassen und über die Hintergründe des Konflikts berichtet. Seither hat die Stadt einen 21-Punkte-Plan verabschiedet und unter anderem die Strafen für verspätete Flugzeuge erhöht. Genützt hat das alles bisher anscheinend wenig.

In einem Satz

Der Senat schlägt als Termin für die Bürgerschaftswahl im kommenden Jahr den 23. Februar vor +++ Viele Reisende haben wegen der Streiks am Flughafen andere Reisemöglichkeiten genutzt +++ In Garlstorf (Kreis Harburg) wurden drei Polizisten verletzt, als eine Beamtin in einer Schießanlage versehentlich auf den Fliesenboden geschossen hat +++ Polizeitaucher haben einen Toten aus dem Stadtparksee geborgen

Was heute auf der Agenda steht

Die Bürgerschaft tagt – außer Schulpolitik steht unter anderem auf dem Programm: die neue U5, die Obdachlosen und das Schulgeld für Ausbildungen in Gesundheitsberufen +++ Die HafenCity GmbH zeigt, wie sie sich die weitere Entwicklung des Stadtteils vorstellt +++ Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) hält bei der Absolventenfeier der Fakultät für Rechtswissenschaft eine Rede

Was Sie interessieren könnte

Alltagsreporter: Die Studentin

"Neulich diskutierten wir in einer Vorlesung über die Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit, es ging um Transgender. Eine Kommilitonin sprach von Geschlechtsumwandlung. Ein Kommilitone meldete sich und erklärte, dass mensch vielleicht eher von biologischer Angleichung sprechen sollte. Das biologische Geschlecht werde schließlich an das soziale Geschlecht angepasst und eben nicht umgewandelt. Ziemlich einleuchtend! Ein gutes Beispiel für die prinzipielle Gefahr, mit Sprache zu diskriminieren – auch wenn man es gar nicht so gemeint hat. Ich freue mich jedes Mal, wenn mich jemand darauf aufmerksam macht, dass ich mit meiner Sprache jemanden verletzte, ohne es zu merken."

An dieser Stelle finden Sie täglich unsere Alltagsreporter. Hier schreiben Hamburger, die wir gebeten haben, uns regelmäßig zu berichten, was sie in ihren Jobs erleben. Sie bleiben anonym, damit ihnen beruflich keine Konsequenzen drohen.

Gymnasium oder Stadtteilschule?

© Christian Charisius/dpa

Am 4. Februar beginnt die Anmeldephase für die weiterführenden Schulen, 16.000 Grundschüler sollen bis zum 8. Februar registriert werden. Die Eltern haben dabei drei Wünsche frei. Wie findet man die passende Schule fürs Kind? Annika Lasarzik hat sich unter Experten umgehört. Der wichtigste Rat: Glauben Sie nicht blind, was auf Internetseiten steht und was andere Eltern erzählen. Eine gute Selbstdarstellung macht noch keinen guten Unterricht. Und der Ruf einer Schule steht oft in krassem Gegensatz zu ihren tatsächlichen Leistungen. Stattdessen sollten Sie hinter die Fassade blicken, dabei helfen etwa die öffentlich zugänglichen Schulinspektionsberichte. Aber noch wichtiger: Hören Sie Ihrem Kind zu. Die ausführliche Anleitung in fünf Schritten lesen Sie hier.

"Störtebeker war Kapitän und Kaufmann – kein Outlaw"

© Maurizio Gambarini dpa

Er ist eine Hamburger Legende: der Pirat Klaus Störtebeker. Bei seiner Hinrichtung am 20. Oktober 1401 auf dem Grasbrook sollen sich unglaubliche Szenen abgespielt haben. Ohne Kopf soll Störtebeker an elf seiner Gefolgsleute vorbeigelaufen sein, die deshalb verschont blieben, so die Abmachung mit dem Bürgermeister. Wissenschaftlich beweisen lässt sich von der ganzen Geschichte aber nur wenig. Der Historiker Gregor Rohmann von der Goethe-Universität in Frankfurt kennt sich aus mit Piraten im Spätmittelalter – und klärt auf.

Elbvertiefung: "Störtebeker war gar kein Pirat, sondern hatte ein Inkasso-Unternehmen": So titelte vergangene Woche die "Bild"-Zeitung und beruft sich auf Sie, Herr Rohmann. Wenn man das Aufgabengebiet betrachtet, macht das denn so einen großen Unterschied?

Gregor Rohmann: Ja, das macht sogar einen fundamentalen Unterschied. Ein Pirat handelt in eigenem materiellen Interesse, er nimmt anderen Leuten etwas weg und steht damit nicht auf der Seite des Gesetzes. Ein Inkasso-Unternehmer dagegen ist ein Geschäftsmann, der in legalem Rahmen arbeitet und erst einmal nichts Kriminelles macht, selbst wenn so jemand in der Praxis vielleicht auch gewalttätig vorgeht.

EV: Wie muss man sich das Inkasso-Unternehmen Störtebeker vorstellen?

Rohmann: Störtebeker war Kapitän und Kaufmann – und ganz gut im Geschäft. Ich würde ihn übrigens wissenschaftlich korrekt nicht als Inkasso-Unternehmer bezeichnen, sondern eher als "Gewaltdienstleister", aber um seine Tätigkeiten einem breiten Publikum zu beschreiben, trifft es das schon. Störtebeker hatte zeitweise mehrere Handelsschiffe und transportierte damit Waren. Er verdingte sich aber auch als Auftragskämpfer, und einmal wird er im Zusammenhang mit Schmuggel erwähnt. Er kämpft also für Dritte, aber er hält sich meistens an die Spielregeln. Gewalt war in der Welt des Spätmittelalters nicht grundsätzlich illegitim. Begrenzt wurde sie eher durch gegenseitige Abschreckung und soziale Kontrolle. Störtebeker war ein Mensch seiner Zeit, kein Outlaw. In Danzig, wo er wohnte, war er ein wohlsituierter Bürger und ging vermutlich in der guten Gesellschaft unter den Kaufleuten am Artus-Hof ein und aus.

EV: Störtebeker wohnte in Danzig? Wir dachten jetzt eher an Hamburg.

Rohmann: Der Legende nach wurde der Pirat Klaus Störtebeker 1401 in Hamburg geköpft, historisch nachweisen lässt sich das nicht. Aber es gibt in dieser Zeit eben einen Johann Störtebeker aus Danzig, der war damals schon recht prominent. Es ist davon auszugehen, dass sich die Legende auf ihn stützt. Allerdings wurde er nicht in Hamburg hingerichtet, sondern lebte auf jeden Fall noch 1413, also mehr als zehn Jahre später.

Was Störtebeker tatsächlich mit Hamburg zu tun hatte, lesen Sie im kompletten Interview auf ZEIT ONLINE.

WER WIR SIND

© Maria Feck für DIE ZEIT

Mein Name ist Kathrin Fromm, 36 Jahre alt, Exil-Schwäbin, aber inzwischen auch im Heimathafen Hamburg fest verankert. Seit bald drei Jahren schreibe ich für die Elbvertiefung. Was ich daran besonders mag, sind die abwechslungsreichen Themen: der letzte Sieg des FC St. Pauli interessiert mich genauso wie neue Verkehrskonzepte oder die Eröffnung des ersten feministischen Sexshops. Besonders gerne beschäftige ich mich mit Bildung, Kultur, Gesellschaft und Geschichte. Meine Spezialität sind kurze, prägnante Texte – und deshalb ist auch hier Schluss.

WAS SIE HEUTE ERLEBEN KÖNNEN

Kaffeepause

Ganz türkis

Kleine Lämpchen weisen den Weg zum Café Frau Kowolik. Vor der Türe lädt türkisfarben gestrichenes Mobiliar zum Sitzen ein, doch draußen ist es zu kalt. Drinnen setzt sich Türkis als Wandfarbe fort, Stühle an schweren Holztischen und Sofas laden zum Sitzen ein. Hinter dem Tresen steht die fröhliche Frau Kowolik und begrüßt ihre Gäste. Das Café, ein wenig versteckt in einem Wohnviertel, seit April vergangenen Jahres geöffnet, ist nach ihrer Oma benannt. In der Auslage wird eine herrliche Auswahl an Kuchen präsentiert, die aus der Billstedter Bäckerei Bohnenkamp stammt: Käse- und Mohnkuchen, Windbeutel. Auch Herzhaftes wird angeboten. Der gefüllte Butterkuchen (2,50 Euro) kommt hübsch angerichtet auf einem Brettchen und schmeckt köstlich. Auch der Kaffee (3,20 Euro) ist gut. Die Atmosphäre ist gemütlich, die Gäste plaudern, als hätten sie viel Zeit, man möchte sitzen bleiben, noch einen Kaffee trinken, doch man muss weiter. Bald wird das Café vergrößert, dann soll es auch selbst gemachten Kuchen geben. Man wird wiederkommen und die fröhliche Frau Kowolik besuchen.

Winterhude, Café Frau Kowolik, Hanssensweg 3, Do–Di, 9–18 Uhr

Elisabeth Knoblauch

Was geht

Der Mut der Frauen: Lida Gustava Heymann war eine Visionärin. 1897 eröffnete sie in Hamburg ein Frauenberatungs- und Bildungszentrum, das 1902 zum Ausgangspunkt für den radikalen Kampf um das Frauenstimmrecht wurde. "Verlass ist nur auf unsere eigne Kraft!", Vortrag von Sozialarbeiterin Sabine Hoffkamp.

Zentralbibliothek, kleiner Veranstaltungsraum, Ebene 1, Hühnerposten 1, 18.30–20.30 Uhr, Eintritt frei

Kneipenkino: Das zweite Zuhause von Hafenarbeitern, Künstlern und Kleinkriminellen war in den Fünfzigerjahren die Hamburger Kneipe "Palette". Sie entwickelte sich zum Sammelpunkt für all jene, die sich der Integration in die Wirtschaftswundergesellschaft entzogen. Spelunkenkino: "Palette Revisited, Eine Kneipe – Ein Roman" mit Besuch ehemaliger Palettianer.

Hafenbahnhof, Große Elbstraße 276, 20 Uhr, Spenden erbeten

Blech fürs Ohr: "Sobald Fanfare Ciocarlia die Backen bläht, fahren dem Publikum die Rhythmen der Roma in die Beine", schreiben Kritiker. Die Band aus dem entlegenen rumänischen Dorf Zece Prajini mischt Soundtracks von Streifen wie "Gegen die Wand" und "Borat" auf, bezeichnet sich selbst als "die am härtesten blasende Band im Blechbiz".

Fabrik, Barnerstraße 36, 20 Uhr, 24 Euro

Hamburger Schnack

Eine Baustelle in Altona, zwei junge Tiefbauer schleppen gebückt im Januar-Nieselregen Pflastersteine:

»Die Krankenpfleger sollten mal mehr Geld bekommen, Digga. Die machen voll den harten Job!«

»Die Altenpfleger auch!«

 

Gehört von Daniel Deman (auf dem Weg ins Büro)

Meine Stadt

Und fleißig sein. Und immer alles lochen und abheften. © Jutta Ohlenberg

Die heutige Ausgabe zum vertieften Lesen

In fünf Schritten zur richtigen Schule für Ihr Kind

Der Frankfurter Historiker Gregor Rohmann erklärt, was Störtebeker mit Hamburg zu tun hatte

Das Interview mit Datenschützer Johannes Caspar zu seiner Forderung, die G20-Fahndungsdatenbank zu löschen, wogegen die Innenbehörde nun klagt