Ein Roadtrip mit Mission: Ina Bierfreund, 24, Felix Hartge und Tim Noetzel, beide 23, fahren mit ihrem Van durch alle 28 EU-Länder, um mit den Menschen über Politik zu sprechen. Entstanden ist die Idee in ihrer WG in Hamburg – inzwischen waren die drei schon auf den britischen Inseln, in den Beneluxstaaten, in Frankreich, Spanien, Portugal und Italien. Seit September sind sie unterwegs, ihre Reise dokumentieren sie auf ihrer Website "Driving Europe". Als wir mit ihnen per Skype sprechen, machen sie gerade in Griechenland auf der Halbinsel Peleponnes Station, im Hintergrund das Meer und grüne Berge. Bis Mai sollen Osteuropa, das Baltikum und Skandinavien folgen.

ZEIT ONLINE: Sie fahren durch Europa und sprechen mit Menschen über die EU. Was sind das für Leute?

Tim Noetzel: Ein Farmer aus Nordirland, eine Nonne aus Belgien, eine Winzerin aus Frankreich, ein Polizist aus Spanien – ganz unterschiedliche Menschen. Wir versuchen, in jedem europäischen Land mindestens eine Person für ein Gespräch vor die Kamera zu bekommen, bislang waren es aber meistens mehr. Am Ende soll aus den Interviews eine Dokumentation entstehen.

Ina Bierfreund: Wir wollen mal aus unserer Blase rauskommen. Das sind Menschen jeden Alters und aus allen sozialen Milieus. Menschen, die anders denken als wir und andere Erfahrungen gemacht haben.

ZEIT ONLINE: Was erzählen die so?

Noetzel: In der EU käme alles nur von oben herab, das hören wir immer wieder. Die Menschen wissen gar nicht, wer da warum was entscheidet. Noch eine Sache, die viele stört, ist, dass es zu viel Bürokratie gibt. Ein Student aus Brüssel hat vorgeschlagen, dass es bei wichtigen Problemen eine direkte Beteiligung geben sollte, dass man einfach übers Smartphone abstimmen könnte – und zwar alle. Klar, in so einem halbstündigen Interview kann man nicht die Probleme der EU lösen. Aber häufig entwickelt sich das Gespräch in eine bestimmte Richtung. Manche sind super informiert, der Farmer kannte sich zum Beispiel gut mit der Landwirtschaft aus.

Bierfreund: Wir haben einen Fragebogen mit drei Themenblöcken entwickelt, an den halten wir uns im Großen und Ganzen und stellen darüber hinaus tiefergehende Fragen. Es geht darum, herauszufinden, wie die Leute die EU aktuell erleben, was sie sich wünschen und welche Lösungsansätze es dafür geben könnte. Wichtig ist uns, dass wir den Menschen eine Stimme geben.

Felix Hartge: Wir stellen keine Wissensfragen, uns geht es mehr um Meinungen. Wir wollen verstehen, was die Menschen im Moment bewegt. Es gibt auch Leute, die sagen: Ich spüre gar keine Auswirkungen der EU auf mein Leben. Das wollen wir auch abbilden. Aber den meisten fällt etwas ein, in Großbritannien sowieso. Zum Brexit haben alle eine Meinung.

"Wir klingeln auch an Haustüren"

ZEIT ONLINE: Die EU ist eher ein sperriges Thema. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich damit zu beschäftigen?

Noetzel: Wir haben in Hamburg zusammen in einer WG gewohnt und wollten zusammen reisen. Der Trend ist es ja, in weit entfernte Länder zu fliegen, aber wir haben festgestellt, dass wir noch nicht einmal Europa besonders gut kennen. So kamen wir auf die Idee mit dem Roadtrip. Uns war es wichtig, ein Projekt zu haben. Neun Monate nur im Auto könnten sonst vielleicht langweilig werden. Wir sind alle politisch interessiert. Europa ist gerade nicht so beliebt, in vielen Ländern gibt es einen Rechtsruck. Das fanden wir spannend.

Ina Bierfreund, 24, Journalistik-Studentin, Felix Hartge, 23, Wirtschaftsingenieur und Tim Noetzel, 23, der einen Bachelor in Business Administration hat und ab Herbst eine Ausbildung als Erlebnispädagoge machen will, sind gemeinsam auf Tour. © privat

ZEIT ONLINE: Wie kommen Sie an Ihre Interviewpartner?

Hartge: Manchmal kennen wir jemanden von Reisen oder aus dem Auslandssemester, den schreiben wir an. Tim war als Schüler ein Jahr in Irland, Ina machte ein Erasmus-Semester in Polen. Manchmal sind es aber auch zufällige Begegnungen, dass wir irgendwo übernachten und da jemanden treffen. Wir klingeln auch an Haustüren. In Schottland haben wir eine ältere Frau angesprochen, die gerade im Garten arbeitete.

Noetzel: Sogar unser bislang negativstes Erlebnis bekam so noch eine positive Wendung. Das war in Nordspanien. Uns sind ein Handy und ein Geldbeutel geklaut worden. Gut, wir waren auch etwas leichtsinnig. Aber die Stranddusche war gleich gegenüber, deshalb haben wir den Lieferwagen nicht abgeschlossen. Der Polizist auf der Wache, wo wir den Diebstahl meldeten, war sehr hilfsbereit. Er hat seine Kindheit in der Schweiz verbracht und konnte deshalb ganz gut Deutsch. Am Schluss fragten wir ihn, ob er Lust hat, über die EU zu sprechen. Ja, lautete seine Antwort. Er wollte eh gerade Feierabend machen.