Zwei Männer stehen auf der Bühne, und die Geschichte, die sie erzählen, hielt schon ihr Autor Friedrich Schiller für keinen allzu großen Wurf. Sie hat nicht viel mehr als eine interessante Hauptfigur, einen vielfach überforderten Prinzen, dazu ein paar originelle Knicke im Zusammenspiel von Zeit und Raum, aber vor allem hat sie eines nicht: ein gelungenes Ende. Und so stehen nach anderthalb Stunden die beiden Männer wieder da wie am Anfang, der eine sagt, so, wir spulen kurz vor, die eine Figur ist gestorben, die andere ist tödlich verwundet, eine dritte ist auch tot, okay, das war’s, Verbeugung. Doch während das Publikum zu applaudieren beginnt, brüllt der andere: "Halt, Halt!"  

Anderthalb Stunden Action, und dann wird alles in einem Satz schnell auserzählt? Nee, echt nicht. Also bauen die beiden doch noch ein Ende, das zwar leer, sinnlos und unnötig ist, aber dafür ist es schön fett: mit Nebel, 3D-Projektionen und Musik. Dass Handlungsstränge, die so vielversprechend beginnen, auf der Bühne so abrupt, nüchtern und schmucklos enden wie im Leben: Das geht nicht.

Es gibt viele solcher Momente im Stück "Geisterseher", das am Sonnabend in der Thalia-Filiale an der Gaußstraße Premiere hatte, und diese Momente sind es auch, die den Abend so gut machen. Weil die beiden Männer auf der Bühne, Paul Schröder und Jirka Zett, den Stoff von Schiller nicht einfach nachspielen. Sie erzählen und spielen zugleich, sie zerlegen und hinterfragen, sie machen den Mund auf, und das Kino im Kopf rattert los. Sie erschaffen Welten und lassen sie wieder verschwinden, und dazu reicht schon eine hochgezogene Augenbraue oder die kleine Frage, die sich leitmotivisch durch den Abend zieht und alles zum Einsturz bringt. Sie lautet: Hä? 

Dem Zuschauer wird hier klar, warum das, was Schauspieler tun, Spielen heißt

Natürlich, es ist nichts anderes als postdramatisches Theater, das Regisseur Antú Romero Nunes mit den beiden hier veranstaltet, aber in der Version für Zuschauer, die postdramatisches Theater zu ungemütlich finden. Es ist auch keine Lust an der Zerstörung, die Nunes, Zett und Schröder antreibt, sondern Entdeckergeist. Sie haben Schiller beim Lügen erwischt, und jetzt trauen sie ihm nicht mehr und verraten seine Zaubertricks. Weil sie selber wissen, dass die Frage nach der Wahrheit beim Theater, wo alles erfunden ist, nirgendwo hinführt, aber schnell außer Kontrolle geraten kann. Also lieber schnell noch ein bisschen Nebel. Das alles geschieht überhaupt nur aus dem Grund, aus dem im Theater alles geschieht: wegen der Zuschauer, die erwartungsvoll auf ihren Stühlen sitzen. Und dass hier alle wissen, dass es um die Zuschauer geht, merkt man, anders als bei vielen anderen Abenden, beim Zuschauen in jedem Moment.     

Apropos: Auch der Satz mit der Premiere hier weiter oben stimmt nicht so ganz. In Wahrheit ist der Abend nämlich eine Wiederaufnahme. Vor zehn Jahren war die Arbeit Nunes’ Diplominszenierung an der Schauspielschule Ernst Busch, noch dazu – wenn man dem einzigen Text im Programmheft glauben mag – Nunes’ erste nennenswert erfolgreiche Arbeit nach einer Reihe von Misserfolgen im Studium. Jetzt sind, durch Zufall, der Regisseur und die Schauspieler von damals wieder an einem Haus vereint. Und dass tatsächlich das Erste, was ihnen einfällt, die Wiederbelebung der zehn Jahre alten Arbeit mit all ihren zehn Jahre alten Ideen ist, riecht zwar sehr nach beginnender Selbstmystifikation, ist aber aus einem einzigen Grund verzeihlich: weil es, damals wie heute, ein verdammt guter Abend geworden ist. Ernst und frech und laut und leise, fett und schlank, aufrichtig und verschlagen – und so leicht, dass beim Zuschauen vollkommen klar wird, warum das, was Schauspieler tun, Spielen heißt.

"Geisterseher", Thalia Gausstraße. Weitere Termine: 13. Januar, 4., 8. und 24. Februar sowie 2. März.