Am Donnerstagnachmittag steht in der Hamburger Handelskammer die Entscheidung an: Ab 16 Uhr soll das Plenum der Kammer einen neuen Präses wählen. Der als "Kammerrebell" bekannt gewordene Präses Tobias Bergmann war im Dezember zurückgetreten, weil er zu wenig Rückhalt im Plenum hatte (die Hintergründe zum Kammerstreit können Sie hier nachlesen). Die Wahl ist von grundlegender Bedeutung, da sich anhand der Kandidaten entscheidet, ob der von Bergmann eingeschlagene Reformkurs fortgesetzt oder gestoppt wird. Es gibt zwei Kandidaten und drei Szenarien.

Szenario 1: Torsten Teichert wird Präses, die Reform wird gestoppt

Bei einer Probeabstimmung des Bündnisses der sogenannten Kammerrebellen am vergangenen Sonntag sprach sich eine deutliche Mehrheit für den Investmentberater und ehemaligen Chef des Lloyd Fonds aus. Allerdings waren nicht alle stimmberechtigten Plenarier anwesend und derzeit nutzen beide Kandidaten jede freie Minute, um Stimmen neu- oder zurückzugewinnen.

Teichert hatte dem Bündnis, das bei der letzten Wahl 55 der 58 Sitze im Plenum gewonnen hatte, im Streit mit dem ehemaligen Präses Tobias Bergmann eigentlich den Rücken gekehrt, will aber nun trotzdem von ihnen gewählt werden. Formal ist das kein Problem, da es bislang keine verbindlichen Ein- oder Austrittskriterien für das Bündnis gibt. Allerdings machen einige Rebellen Teichert für Bergmanns Rücktritt verantwortlich und nehmen ihm das übel.

In seinem Wahlprogramm wendet Teichert sich stark vom bisherigen Reform- und Sparkurs der Kammer ab. "Die bisherige von der Hauptgeschäftsführung vorangetriebene Organisationsreform muss grundlegend überarbeitet werden", schreibt er. Beispielsweise will Teichert den Plan rückgängig machen, die Kammer künftig nur noch mit 20 statt mit 40 Millionen Euro aus Mitgliedsbeiträgen zu finanzieren.

Aus Kammerkreisen heißt es, Teichert wolle die amtierende Hauptgeschäftsführerin Christi Degen loswerden. Fraglich ist allerdings, ob er so kurzfristig einen kompetenten Ersatz findet. Wer lässt sich schon auf einen Job ein, aus dem er nach den nächsten Plenarwahlen Anfang 2020 womöglich schon wieder gehen muss?

Innerhalb des derzeitigen Präsidiums unterstützen ihn die Marketingunternehmerin Diana Rickwardt und der kommissarische Präses André Mücke, der sich zuletzt ebenfalls von dem Wir-Bündnis-Gründer Bergmann abgewendet hat.

Sollte Teichert die Wahl gewinnen, habe man einen verlässlichen Partner, der wieder Ruhe in die aufgewühlte Institution bringen könnte, sagen jedenfalls seine Mitstreiter. Außerdem gilt er als überzeugender Redner, den man sich gut bei der traditionellen Silvesterrede und anderen öffentlichen Auftritten vorstellen kann.

Seine Gegner werfen ihm gerade das vor: Teichert sei einer, der viel rede, aber wenig tue. Sie fürchten, dass er die Kammer bei einem Sieg komplett ins Chaos stürzen würde. Auch stören sich viele an Teicherts öffentlichem Bekenntnis zu Sahra Wagenknechts Sammlungsbewegung Aufstehen. Präses der Handelskammer und gleichzeitig Links sein passt für manche nicht zusammen.

Szenario 2: Johann Killinger wird Präses, die Reform geht weiter

Zwar stehen die Chancen für seinen Rivalen derzeit besser, allerdings hätte Johann Killinger wohl bereits das Handtuch geworfen, wenn er seine Kandidatur für aussichtslos gehalten hätte. Der langjährige Chef des Hafenunternehmens Buss Group will den Reform- und Sparkurs weitgehend fortführen und vor der nächsten Plenarwahl 2020 zu Ende bringen.

"Die durchgeführte Analyse der Organisation und die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen für die zukünftige Aufstellung sind richtig", heißt es in Killingers Wahlprogramm. Und: "Wir werden die begonnene Kostenreduzierung fortsetzen." Die Handelskammer Hamburg sei immer noch teuer im Vergleich zu anderen Industrie- und Handelskammern.

Killinger verweist auch ausdrücklich darauf, vorerst an Christi Degen als Hauptgeschäftsführerin festhalten zu wollen, um ein Führungsvakuum und weitere Ausgaben für eine Abfindung zu vermeiden. Degens Vertrag läuft noch bis Ende 2020.

Innerhalb des derzeitigen Präsidiums unterstützen ihn der Schnapsbrenner Kai Elmendorf und die Modeunternehmerin Christine Stumpf, die sich bislang weigert, als Vizepräses zurückzutreten, und dem neuen Präsidium daher in jedem Fall angehören wird.

Sollte Killinger die Wahl gewinnen, stehe einer an der Kammerspitze, der viel Erfahrung mit Umstrukturierungsprozessen einbringt, finden seine Anhänger. Obwohl Killinger den Rebellenkurs fortsetzen will, gilt er doch als Vermittler zwischen Rebellen und traditionsbewussten Unternehmen. Er könne sehr gut zuhören, heißt es in seinem Umfeld, was ihn aber auch leicht beeinflussbar mache.

Seine Gegner nehmen ihm übel, dass er nach Bergmanns Rücktritt ebenfalls kurzentschlossen zurückgetreten ist, anstatt – wie die Mehrheit des Präsidiums – geeint und direkt vor der nächsten Präsidiumswahl zurückzutreten. Dies hat ihm den Ruf eingebracht, auch als künftiger Präses nicht verlässlich zu sein. Einige fürchten, dass er das Amt missbrauchen wolle, um Hafenpolitik in seinem Sinne zu machen.

Szenario 3: Es gibt keinen neuen Präses

Viele Beobachter halten dieses Szenario sogar für recht wahrscheinlich. Denn der Präses muss mit einer absoluten Mehrheit der Wahlbeteiligten gewählt werden. Am besten lässt sich dies mit einem Rechenbeispiel erklären: Derzeit sind 66 Plenarier wahlberechtigt, möglicherweise gehen aber nur 60 zur Wahl oder wählen per Brief. In diesem Fall müsste ein Kandidat mindestens 31 Stimmen auf sich vereinen, um Präses zu werden. Wählen von diesen 60 nun aber 20 ungültig, 25 für Teichert und 15 für Killinger, so gäbe es, obwohl Teichert eine Mehrheit hat, trotzdem keinen Präses.

Zerstritten wie das Plenum derzeit ist, kann es durchaus sein, dass einige Plenarier aus Protest ihre Stimmzettel ungültig machen. Träfe dieses Szenario ein, würden danach trotzdem die Vizepräsides gewählt, wobei weder Killinger noch Teichert bei dieser Wahl antreten dürfen. Sie wären dann wieder einfache Plenarier und müssten sich bei einer erneuten Präseswahl, die wohl im März stattfinden würde, wieder bewerben. Bis dahin bestimmt das Vizepräsidium wieder einen kommissarischen Präses.

Dies ist ein Artikel aus dem Ressort ZEIT:Hamburg. Hier finden Sie weitere News aus und über Hamburg.