Über 100 Hamburger Bands sind heimatlos. Sie dürfen ihre Proberäume im berühmten Otzenbunker auf St. Pauli nicht mehr nutzen, weil dem Eigentümer die Nutzungsgenehmigung entzogen wurde. Es geht um fehlende Notausgänge, um Lärm und schlechte Belüftung. Mit ihrer Initiative St. Pauli bleibt laut protestieren die Musikerinnen und Musiker gegen die Schließung. Einer von ihnen ist Niels Boeing, Schlagzeuger der Band Die Handlung.

ZEIT ONLINE: Seit den Achtzigerjahren proben im Otzenbunker Bands, darunter auch Größen wie Tocotronic oder Blumfeld. Jetzt ist damit erst mal Schluss – wie kann das sein?

Niels Boeing: Das ist für uns auch sehr undurchsichtig. Der frühere Eigentümer hatte offensichtlich von der Stadt nur die Genehmigung, den Bunker als Lager zu nutzen. Angeblich hätte er schon seit zehn Jahren die Lüftungsanlage sanieren müssen. Wir haben die Luftschlitze in den Mauern immer mit Sandsäcken abgedeckt, das hat den Schall einigermaßen abgehalten. Und es ist auch noch keiner umgekippt, weil die Luft so schlecht gewesen wäre. Dafür hat der Eigentümer ordentlich Miete kassiert, aber nie was gemacht. Wir hatten permanent Wasserschäden, eine uralte Lüftung – im Prinzip befand sich der Bunker noch im Nachkriegszustand.  

ZEIT ONLINE: Die Schließung kam also auch für Sie überraschend?

Boeing: Allerdings, wir sind aus allen Wolken gefallen! Vor einem Jahr gab es einen Eigentümerwechsel, zu diesem Zeitpunkt lieferte sich der vorherige Vermieter schon zehn Jahre lang einen Rechtsstreit mit der Stadt. Doch Genaues wussten wir nicht. Die neuen Eigentümer haben zwar noch versucht, per einstweiligem Verfügungsantrag die Proberaumnutzung genehmigt zu bekommen. Doch das Bezirksamt wies den Antrag ab.  

ZEIT ONLINE: Wie geht es jetzt für die Bands weiter?

Boeing: Die Mietverträge ruhen, unsere Instrumente stehen immer noch im Bunker rum. Viele Bands haben sich natürlich umgeschaut, was es überhaupt noch zu mieten gibt in Hamburg. Und es stellt sich heraus, dass in der erweiterten Innenstadt kaum noch was zu haben ist. Das geht erst in Stellingen und Hamm los.

ZEIT ONLINE: Laut Eigentümer stehen die Sanierungskosten "nicht im Verhältnis zur derzeitigen Nutzung".  

Boeing: Für ein Taschengeld kriegt man so was wohl nicht hin. Die Frage ist, wie viel der Stadt eine Sanierung wert ist und wie ernst sie es mit der "Musikstadt Hamburg" eigentlich meint. Wenn der Eigentümer gewillt ist, zu investieren, muss Hamburg ihn unterstützen. Andere Städte können das auch. In Berlin haben sie gerade ein Programm zur Schalldämmung von Clubs aufgelegt. Hamburg könnte den Bunker auch kaufen und sanieren, das wäre mal eine aktive Förderung. Oder wir gründen eine Art Bunkergenossenschaft und betreiben den Bunker selbst.   

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen Lärmbeschwerden aus der Nachbarschaft? 

Boeing: Angeblich hat die Schließung nichts damit zu tun. Aber wir haben das Gefühl, dass sich die Beschwerden im Sommer übermäßig gehäuft haben. Seitdem ist die Polizei jede Woche bei uns wegen Ruhestörung, das war früher anders.   

ZEIT ONLINE: Dabei müssten die Bewohner St. Paulis doch Lärm gewohnt sein?  

Boeing: Na ja, es gibt hier einfach mehr neue Eigentumswohnungen und einen größeren Unwillen, das Lärmniveau auf dem Kiez zu akzeptieren. St. Pauli ist eben nicht mehr so wie noch vor 15 Jahren. Allerdings kommen die jüngsten Beschwerden angeblich nicht aus den teuren Neubauwohnungen, sondern eher aus den Genossenschaftswohnungen der Saga, das erzählt man sich zumindest in der Nachbarschaft. Es ist eben komplexer, als man denkt. In jedem Fall: Wenn wir nicht hinterher sind, wird der Bunker einfach geschlossen. Das darf nicht sein.   

ZEIT ONLINE: Zurück zur angeblich so schlechten Luft: Besonders bekömmlich war das Klima wahrscheinlich nicht im Otzenbunker?  

Boeing: Das gehört vielleicht auch zum Mythos dazu. So ein richtiger Bunkerproberaum ist eben ein bisschen muffig.