Ein flauschiges Kaninchen in einer Box, Schleife drum – fertig ist das Weihnachtsgeschenk. Doch nach ein paar Tagen erweist sich das süße Tierchen als lästig, es macht Mist und überall hin. Gekauft war es schnell – entsorgt wird es von manchen Menschen dann ebenso schnell.

ZEIT ONLINE: Herr Fraaß, wie viele Tiere sind diesmal nach Weihnachten im Tierheim gelandet?

Fraaß: Seit Heiligabend wurden 38 Tiere mutmaßlich ausgesetzt, 14 wurden zu uns gebracht. Das sind zwar weniger als im vergangenen Jahr, da waren es zu dieser Zeit schon 73 Tierwaisen. Allerdings werden die meisten Tiere, die als Geschenk unterm Baum gelandet sind, erst kurz vor den Sommerferien wieder ausgesetzt. Viele Besitzer verlieren dann endgültig die Geduld und wollen kurz vorm Urlaub ihr Tier loswerden. Im letzten Sommer haben wir 780 Tiere aufgenommen.

ZEIT ONLINE: Kommen die Leute zu Ihnen und sagen: Moin, ich fliege nach Ibiza, hier ist mein Hund?

Fraaß: Nein, die meisten sind schlicht zu feige und schieben andere Gründe vor. Erstaunlich viele Besitzer entwickeln zum Beispiel urplötzlich eine Allergie gegen Tierhaare. Klar, so etwas kann vorkommen, aber gleich bei so vielen? Andere sagen, ihr Hund sei aggressiv geworden und habe sie gebissen. Nachprüfen können wir das nicht, wie müssen es aber bei der Weitervermittlung angeben. Umso fataler, wenn ein Besitzer lügt – der Hund hat es dann womöglich viel schwerer, ein neues Zuhause zu finden.

ZEIT ONLINE: Was sind die wahren Gründe?

Fraaß: Meistens steckt pure Bequemlichkeit dahinter. Wir leben in einer Zeit, in der alles sofort verfügbar ist. In sozialen Medien und Kleinanzeigenportalen werden ständig Hundewelpen und Katzenbabys angeboten, die sehen wahnsinnig niedlich aus und sind mit ein paar Klicks schnell gekauft. Nur machen sich viele Käufer eben keine Gedanken, wie viel Pflege und Zuwendung so ein Haustier braucht. Ausgesetzt werden Tiere dann aus Scham und Gedankenlosigkeit. Viele scheuen auch die Kosten. Es gibt zwar bei uns eine Abgabegebühr, die je nach Tierart und Zustand unterschiedlich hoch ist (für ein Kaninchen etwa 20 Euro). Wenn aber jemand in Not ist, finden wir gemeinsam eine Lösung. Man muss nur ehrlich sein.

ZEIT ONLINE: Zumal das Aussetzen von Tieren eine Ordnungswidrigkeit ist, die mit bis zu 25.000 Euro bestraft werden kann. Wie weit gehen Menschen, um ihr Tier loszuwerden?

Sven Fraaß ist Diplombiologe und Sprecher des Hamburger Tierschutzvereins. © Hamburger Tierschutzverein

Fraaß: Wenn Lebensgefahr besteht oder große Leiden in Kauf genommen werden, ist es sogar eine Straftat. Einige Menschen sind einfach grausam. Malen Sie sich doch mal aus, was jemand Furchtbares mit einem Tier anstellen könnte. Wir haben schon alles erlebt. Katzen und Hunde, die ins Gebüsch geschmissen und deren Hinterbeine zuvor mit Panzertape stramm zusammengeschnürt wurden. Bei dem Versuch, sich loszustrampeln, haben sich die Tiere das Fleisch bis auf die Knochen abgeschürft. Dass Kaninchen in einer Box irgendwo abgestellt werden, ist Alltag. In den roten Hamburger Mülleimern findet die Stadtreinigung zuweilen ganze Meerschweinchenfamilien. Schwer kranke Tiere, die einen Tumor haben, werden zum Sterben zurückgelassen. Oft wird unerwünschter Nachwuchs entsorgt: Auf einer Baustelle wurden fünf winzige Hundewelpen in einer Tüte gefunden, an allen hing noch die Nabelschnur. Die waren in akuter Lebensgefahr.

ZEIT ONLINE: Was geschieht mit solchen Tieren?

Fraaß: Sehr junge Tiere nehmen unsere Mitarbeiter mit nach Hause und päppeln sie dort auf, außerhalb des Tierheims ist die Ansteckungsgefahr geringer. Vier der Welpen haben wir so retten können, einer war schon tot, als er gefunden wurde. Die meisten Tiere behalten wir bei uns, um sie weiterzuvermitteln oder unterzubringen, bis sie wieder abgeholt werden. Jedes Jahr landen 6.000 Haustiere bei uns, von denen wir in etwa 3.000 neu vermitteln müssen. Und das schaffen wir bei den meisten von ihnen auch früher oder später.