Im Sommer fielen vor allem in den nördlichen Bundesländern viele Amseln dem Usutu-Virus zum Opfer. Doch bislang fehlten genaue Zahlen, um das tatsächliche Ausmaß der Seuche genauer abschätzen zu können. Deshalb warten Ornithologen und Naturschützer besonders gespannt auf die Ergebnisse der zweimal im Jahr vom Nabu durchgeführten Vogelzählung.

ZEIT ONLINE: Bis Sonntagabend sollten die Deutschen Wintervögel zählen. Haben Sie schon erste Hochrechnungen, Herr Sommerfeld?

Marco Sommerfeld: Bis zum Abend sind Meldungen zu mehr als 48.000 Gärten in ganz Deutschland eingetroffen. Aber da kommt bis zum 15. Januar sicher noch einiges nach. Der Haussperling ist wieder auf dem ersten Platz, den wird er auch behaupten. Von ihm wurden deutschlandweit 17 Prozent mehr gezählt, er hat als Steppenvogel sicher vom warmen Frühjahr profitiert. Die Kohlmeise liegt auf Platz zwei, die Blaumeise auf Platz drei, die sind ungefähr gleich geblieben.

ZEIT ONLINE: Im Sommer sind viele Amseln am Usutu-Virus gestorben. Wie stark hat der Bestand gelitten?

Sommerfeld: Im gesamten Bundesgebiet wurden bis jetzt elf Prozent weniger Amseln gesichtet. In den einzelnen Bundesländern waren die Zahlen aber auch für mich ein bisschen überraschend. Hamburg meldet minus 38 Prozent, da sind wir auf dem Spitzenplatz. Aber das Saarland mit minus 32 Prozent und Hessen mit minus 28 Prozent verzeichnen ebenfalls relativ starke Rückgänge. Die Hälfte aller Bundesländer meldet Rückgänge von mehr als 15 Prozent.

ZEIT ONLINE: Haben Sie dieses Ausmaß erwartet?

Sommerfeld: Hier in Hamburg habe ich schon mit ungefähr 50 Prozent gerechnet. Ich war vorhin noch zwei Stunden lang unterwegs und habe keine einzige Amsel gesehen. Es gibt ja auch Menschen, die bei uns anrufen und sagen: "Früher hatten wir zehn Amseln, jetzt nur noch eine." Da der Virus auch in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen stark verbreitet war, hat es mich überrascht, dass es in NRW nur minus sieben Prozent waren und der Bestand in Schleswig-Holstein quasi gleich geblieben ist. Das dürfte nur rund um Hamburg ein lokales Ereignis gewesen sein. Bremen meldet allerdings auch minus 28 Prozent.

Marco Sommerfeld ist Referent für Vogelschutz beim Nabu Hamburg und Leiter der Carl-Zeiss-Vogelstation in der Wedeler Marsch © Thomas Dröse

ZEIT ONLINE: Beunruhigen Sie diese Zahlen?

Sommerfeld: Ich habe noch keine schlaflosen Nächte. Amseln können ja bis zu dreimal pro Jahr brüten, die werden das sicherlich nach und nach auffüllen. Es ist aber gut, dass wir das jetzt schwarz auf weiß haben. Man muss allerdings auch im Kopf behalten, dass unter den gemeldeten Tieren auch zugeflogene nordische Amseln sind.

ZEIT ONLINE: Gab es sonst Auffälligkeiten?

Sommerfeld: Die Zahl der Krähenvögel ist gleich geblieben, obwohl die für viele Menschen gefühlt immer mehr werden. Beim Grünfink hat sich mit minus vier Prozent deutschlandweit der Negativtrend leider fortgesetzt.

ZEIT ONLINE: Muss man sich aufgrund des Insektensterbens auch Sorgen um die Vogelbestände machen?

Sommerfeld: Die Insektenfresser gehen zurück, aber wir zählen derzeit ja nur die Wintervögel. Von denen frisst eigentlich nur das Rotkehlchen Insekten.

ZEIT ONLINE: Was sind denn, ganz naiv gefragt, die Auswirkungen, wenn es weniger Vögel gibt?

Sommerfeld: Generell gilt: Je vielfältiger ein Ökosystem ist, umso besser ist es. Vögel fressen auch Raupen, Blattläuse und Insekten, sie erfüllen in diesem System sozusagen Dienstleistungen und sorgen für Gleichgewicht. Weil sie Schadinsekten fressen, muss ein Bauer vielleicht weniger Insektizide einsetzen. Manche Vogelarten sind auch Indikatoren und beschreiben uns den Zustand der Umwelt.

ZEIT ONLINE: Viele Hamburger sind alarmiert, weil sie derzeit weniger Vögel sehen und hören.

Sommerfeld: In den Städten nimmt die Zahl der Vögel tatsächlich ab. Hamburg liegt im Bundesschnitt mit 28,8 Vögeln pro Garten im unteren Bereich. Dieses Jahr sind es ungefähr zwei Vögel pro Garten weniger. Allerdings ist jetzt keine Brutzeit, deshalb fallen die Vögel nicht großartig durch ihren Gesang auf. Außerdem haben wir derzeit einen milden Winter, da erscheinen Arten wie der Kernbeißer oder der Gimpel seltener an den Futterhäusern, weil sie anderswo genug zu fressen finden. Die meisten Menschen zählen die Vögel an ihren Futterstellen im Garten. Sobald es frostig wird, kommen auch mehr Tiere.

ZEIT ONLINE: Es kommt bei der Vogelzählung also auch immer auf das Wetter an?

Sommerfeld: Ja. Sehen Sie sich die Zahlen in Bayern an, dort liegt ja gerade viel Schnee. Die Finken, die Körnerfresser sind, kommen dort jetzt alle an die Futterhäuser. Das schlägt sich auf die Zahl der Beobachtungen nieder.

ZEIT ONLINE: Wie belastbar sind die Ergebnisse solcher Zählungen?

Sommerfeld: Die Aktion ist eine wissenschaftliche Erfassung durch Laien. Wenn Ömchen Müller in ihrem Garten zählt, bestätigt sie damit auf großer Fläche das, was die Ornithologen durch ihre Zählungen vermuten. Einige Vögel werden sicher falsch bestimmt, aber die Aktion läuft jetzt zum neunten Mal, da haben wir schon viele Wiederholungstäter, die auch die Vogelarten erkennen.