Streit mit dem Partner, Arbeitsplatzverlust, Kündigung der Wohnung – das sind die häufigsten Gründe, warum Menschen in Hamburg auf der Straße leben. Wissenschaftler aus Bielefeld haben im Auftrag der Stadt die Situation von Obdachlosen untersucht. Wichtigstes Ergebnis: In Hamburg leben deutlich mehr Menschen auf der Straße als noch vor zehn Jahren. 1910 Obdachlose trafen die Wissenschaftler bei ihrer Untersuchung im vergangenen März auf der Straße: Das sind fast doppelt so viele wie bei der letzten Untersuchung im Jahr 2009. Von den Obdachlosen auf der Straße waren – anders als vor zehn Jahren – die meisten aus dem Ausland, vor allem aus Polen, Rumänien und Bulgarien.

Auch Thomas Burghardt ist obdachlos. Wir haben ihn gefragt, wie er die Situation der Obdachlosen in Hamburg erlebt – nachdem in diesem Winter schon vier Menschen erfroren sind.

"Ich lebe seit vielen Jahren auf der Straße. Ich habe auch schon bei minus drei Grad draußen geschlafen. Das geht, wenn man einen gescheiten Schlafsack hat und wenn es eine trockene Kälte ist. Sonst muss man ein Zelt haben oder sich etwas einfallen lassen. Viele Obdachlose besorgen sich Paletten, damit sie nicht auf dem Boden schlafen müssen.

Kurz bevor diesmal das Winternotprogramm begonnen hat, haben wir Plätze für unsere Zelte gefunden, hinter Finkenwerder, in der tiefsten Walachei, windgeschützt, weit weg von jedem Wohnhaus, dort haben wir keinen Menschen gestört. Dieses Jahr wollten wir auch nachts draußen bleiben, aber Polizei und Stadt verscheuchen uns immer.

Das geht schon seit dem Sommer so. Du wirst aufgeweckt und musst deine Siebensachen packen. Aber wo sollen wir sonst hin? Es gibt ja kaum noch Plätze, wo wir akzeptiert werden. Selbst am Fischmarkt hat man uns verscheucht. Danach sagte ein Sprecher der Stadt, es sei ja nur darum gegangen, den Sperrmüll zu entsorgen. Nur, unsere Zelte wurden ebenfalls gleich entsorgt. Mit Sperrmüll verglichen werden, das ist nicht schön. 

Ich kenne aber viele, die nicht mehr ins Winternotprogramm gehen. Einerseits, weil es dort überfüllt ist. Aber auch wegen Alkohol und Drogen, die sind eigentlich das Hauptproblem. Viele haben so viel Alk intus, wenn sie in die Unterkunft in der Friesenstraße kommen, dass sie nicht mehr richtig laufen können. Dann kommt es zu Auseinandersetzungen. Immer mehr Osteuropäer leben bei uns auf der Straße, oft sind sie die Betrunkensten und Aggressivsten. Und sie machen es noch enger, als es ohnehin schon wäre. Man hat deswegen eigentlich nur noch die Wahl zwischen Verscheuchtwerden und Streit. 

"Ich bekomme kein Hartz IV, irgendwann hat mir das mit der ganzen Bürokratie gereicht"

Es ist gut, dass Obdachlosen ein Platz zum Schlafen gegeben wird. Dafür bin ich auch dankbar. Aber warum werden die Räume tagsüber geschlossen? Es ist gerade ziemlich ungemütlich draußen, in Hamburg sind in den letzten Monaten vier wohnungslose Menschen auf der Straße gestorben. Trotzdem werden alle Gäste des Winternotprogramms um halb zehn rausgeschmissen und müssen dann bis 17 Uhr schauen, wo sie bleiben. Es ist aber tagsüber oft genauso kalt wie nachts. 

Thomas Burghardt lebt seit einigen Jahren auf der Straße. Diesen Winter hatte er "großes Glück" und darf mit einem Kollegen in einem Container der Diakonie schlafen. Dort muss er, wenn das Winternotprogramm am 31. März 2019 endet, wieder raus. © privat

Schon oft wurde gefordert, die Türen auch tagsüber offen zu halten. Das würde uns unheimlich helfen. Ich verstehe nicht, warum die Stadt sich dagegen sperrt. Die Wärmestuben hatten auch über Weihnachten geschlossen. Dann geht man von einem Geschäft ins andere – wenn die Geschäfte offen sind. Eben überall hin, wo es ein bisschen warm und trocken ist.

Dabei hätte ich ein geregeltes Leben: Derzeit lebe ich vom Verkauf der Obdachlosenzeitung Hinz&Kunzt, das reicht mir. Über 25 Jahre habe ich auf dem Bau gearbeitet, jetzt habe ich eine Prothese in der Schulter und kann deshalb viele Jobs nicht machen. Ich will aber aus eigenem Antrieb über die Runden kommen, ohne dass mir jemand helfen muss. Deshalb bekomme ich auch kein Hartz IV, irgendwann hat mir das mit der ganzen Bürokratie gereicht."

Dies ist ein Artikel aus dem Ressort ZEIT:Hamburg. Hier finden Sie weitere News aus und über Hamburg.