Viele Kinder und Jugendliche gehen am Donnerstag mit einem mulmigen Gefühl zur Schule: Es gibt Zeugnisse. Clemens von Lassaulx, Leiter der Beratungsabteilung des Regionalen Bildungs- und Beratungszentrums (ReBBZ) im Hamburger Bezirk Nord, sitzt in diesen Tagen am Telefon. Er ist Berater an der Hotline für Zeugnissorgen.

ZEIT ONLINE: Mit welchen Sorgen rufen Kinder und Jugendliche an?

Clemens von Lassaulx: Die klassische Frage ist: Wie sage ich es meinen Eltern? Manchmal spreche ich dann mit den Kindern das Zeugnis durch. Das ist meistens gar nicht so schlimm, da sind zum Beispiel nur zwei Noten nicht so toll. Schon durch das Gespräch fassen viele den Mut, mit ihren Eltern zu reden. Manche fragen auch, ob sie das Zeugnis irgendwie verheimlichen können. Das geht natürlich nicht. Die Schulen verlangen ja die Unterschrift der Eltern. Zudem ist Kindern oft nicht klar, dass ihre Eltern meist schon Bescheid wissen.

ZEIT ONLINE: Wieso?

Lassaulx: Ein Zeugnis ist heute in der Regel keine Überraschung. Es gibt Lernentwicklungsgespräche an den Schulen, die werden sehr genau eingehalten. Es gibt kaum noch Eltern, die nicht wissen, was da kommt.

ZEIT ONLINE: Wie alt sind Ihre Anrufer ungefähr?

Lassaulx: Die meisten sind Eltern, die sich Sorgen über die Schullaufbahn ihrer Kinder machen oder mit dem Zeugnis nicht einverstanden sind. Zum Halbjahr gibt es immer viele Anfragen dazu, ob jemand weiterkommt und in die Oberstufe gehen darf oder eben nicht zugelassen wird. Wenn Eltern oder die Jugendlichen selbst von der Erwartung ausgehen, dass sie später studieren und sie dann die Zulassung zur Studienstufe nicht schaffen, stellt sich die Frage: Wie geht denn jetzt mein Lebensweg weiter?

ZEIT ONLINE: Was sagen Sie dann?

Lassaulx: Die Tür zum Studium ist ja nicht endgültig zugeschlagen. Es gibt auch noch den zweiten Bildungsweg, die Handelsschule, die höhere Handelsschule, Kollegschulen. Manchmal muss man aber auch begreifen, welche Fähigkeiten man mitbringt. Für einige ist das Studium auch einfach nichts.

ZEIT ONLINE: Merken die Eltern das zu spät?

Lassaulx: Bei denen, die bei uns mit dieser Fragestellung anrufen, ist es oft so. Wenn die Eltern vorher schon engagiert wären, dann würden sie sich schon beim ReBBZ in ihrem Bezirk beraten lassen und hätten nicht durch ein Zeugnis davon erfahren, wie es um die Chancen ihrer Kinder steht.

ZEIT ONLINE: Geht es den Eltern vor allem ums Abitur?

Lassaulx: Die Aufnahme ins Gymnasium ist schon ein großes Thema. Da wird oft nachgefragt: Wie gehe ich mit der Empfehlung der Grundschule um? Manchmal ist das nicht, was die Eltern sich vorstellen – die wollen, dass ihr Kind aufs Gymnasium geht. Manche möchten dann noch mal diskutieren, wie die Grundschule wohl zu ihrer Einschätzung kommt, ob sie den Empfehlungen vertrauen oder sich lieber durchsetzen sollen. Formal gilt in Hamburg: Die Eltern können das frei entscheiden, auch im Gegensatz zur Schulempfehlung.

ZEIT ONLINE: Was machen sie, wenn solche Fragen kommen?

Lassaulx: Nach einem kurzen Telefonat sage ich natürlich nicht: Machen Sie es so. Ich höre erst mal nur zu, daraus erschließt sich dann in der Regel, wieso die Eltern eine andere Einschätzung haben als die Schule. Natürlich gibt es auch Kinder, die trotz anderer Empfehlung auf dem Gymnasium sehr erfolgreich sind. Aber statistisch gesehen liegen die Schulen meist schon richtig. Und schaffen die Kinder es auf dem Gymnasium nicht, müssen sie nach der sechsten Klasse womöglich wechseln. Das ist immer ein Bruch, den vertragen nicht alle gut.

ZEIT ONLINE: Gibt es noch andere Sorgen?

Lassaulx: Ein kleinerer Teil der Anfragen dreht sich um ganz alltäglichen Ärger mit der Schule. Da kann es auch um Konflikte mit einem einzelnen Fachlehrer gehen: Der hat mich in Biologie nicht richtig wahrgenommen, der erklärt das nicht und so weiter. Da kann ich oft nur dazu raten, mit den jeweiligen Lehrern zu reden und sich erst mal zu erkundigen, wie die zu ihrer Bewertung kommen. Man muss einfach miteinander ins Gespräch kommen, um sich zu verstehen. Dabei kann ein ReBBZ unterstützen.

ZEIT ONLINE:  Bekommen Sie auch verzweifelte Anrufe von Leuten, die gar nicht weiterwissen?

Lassaulx: Solche dramatischen Fälle kommen noch vor, aber nicht so häufig wie früher. Die Schulen haben heute auch selbst gute Beratungsdienste, die fangen schon viel ab. Ein einziges Mal hatte ich so einen Fall, das war aber wirklich eine Ausnahme. Da hat eine Schülerin angerufen, die sagte: "Ich gehe heute vor die U-Bahn."

ZEIT ONLINE:  Was machen sie dann?

Lassaulx: Am wichtigsten ist, ins Gespräch zu kommen. Wenn ein Mensch anruft, ist das schon mal ein gutes Zeichen. Der möchte seine Sorgen mitteilen und drüber reden. Da gibt es auch methodische Schritte, die Leute im Gespräch zu halten. Erst mal frage ich: Wie heißt du, wie alt bist du? Meistens öffnen sich die Leute dann schon. Dann versucht man die Leute dazu zu bringen, sich wieder zu melden. Wenn das alles gar nicht funktioniert, gibt es im schlimmsten Fall nur die 110. Das ist mir aber noch nie passiert.

ZEIT ONLINE:  Wie viele Anrufe bekommen Sie in der Regel?

Lassaulx: Zu den Halbjahreszeugnissen sind es etwa 40, zum Jahresende sind es etwas mehr – aber bei rund 240.000 Schülern in Hamburg ist das natürlich nur eine Minderheit, die beim Sorgentelefon anruft.

Das Sorgentelefon für Frust und Fragen rund ums Thema Zeugnisse ist unter der Nummer 428 99 20 02 Montag bis Freitag, jeweils von 8 bis 16.30 Uhr, erreichbar.