Jeden ersten Sonntag im Monat fahren Hunderte junge Menschen mit Fahrrädern durch den Alten Elbtunnel auf die Elbinsel Wilhelmsburg. Ihr Ziel: der Flohmarkt FlohZinn in den ehemaligen Zinnwerken mitten im bunten Reiherstiegviertel. In den vergangenen Jahren ist der Markt eine feste Größe im Veranstaltungskalender der Stadt geworden. Doch dann fiel er im Januar überraschend aus. Und nun ist klar: Auch im Februar, also an diesem Sonntag, wird in den Zinnwerken nicht gestöbert und gehökert. Das Bezirksamt duldet die Nutzung der Hallen nicht weiter, nachdem auf einer Veranstaltung im Stadtteil Zweifel an der Sicherheit laut geworden waren.

Um die Zinnwerke gibt es gerade mächtig Streit. Nachdem Kreative das alte Fabrikgebäude vor Jahren vor dem Abriss gerettet hatten, soll auf Wunsch der Bezirksversammlung eigentlich ein dauerhaftes Nutzungskonzept für Kreative erarbeitet werden. Beauftragt ist damit die Hamburg Kreativ Gesellschaft, eine städtische Firma, die in der Stadt die Kreativwirtschaft fördern soll. Doch die stellt sich dermaßen ungeschickt an, dass die Kreativen in Wilhelmsburg jetzt auf die Barrikaden gehen. Offenbar haben sowohl Politiker und Politikerinnen als auch Kreativ Gesellschaft übersehen, mit wem sie es da zu tun bekommen: Einmal mehr steht die Elbinsel vor einer Revolte.

Dabei können sich alle Beteiligten sogar auf ein Ziel einigen: Die Zinnwerke sollen das lebendige Herz des Kulturkanals mitten auf der Insel werden, so wünscht es sich die Bezirkspolitik. Größte Hürde: die marode Bausubstanz der alten Gebäude. Deswegen will die Politik das Potenzial des Standorts ermitteln, bevor Hunderttausende Euro in die Sanierung fließen. Ein Nutzungskonzept soll her, die Kreativ Gesellschaft soll es erarbeiten – so lautet der Auftrag der Bezirksversammlung Mitte. Dafür gibt es schon mal 60.000 Euro, weitere Investitionen sollen folgen.

Die Streitfrage ist nun: Wer legt fest, was in den Zinnwerken entstehen soll? Der Geschäftsführer der Kreativ Gesellschaft, Egbert Rühl, betont, dass diese Entscheidung eben nicht die Kreativ Gesellschaft treffe, obwohl das dem Auftrag des Bezirks Genüge getan hätte. "Es war unsere Entscheidung, das in einem öffentlichen Verfahren zu machen." Heißt: Alle Interessierten, ob aus Wilhelmsburg oder anderen Teilen der Stadt, sollen Ideen einbringen. Die werde die Kreativ Gesellschaft dann in passenden Konzepten verdichten. "Das ist unsere redaktionelle Aufgabe", sagt Rühl. Die Entscheidung, welches Konzept verwirklicht würde, treffe die Politik.

Einst haben die Kreativen sich den Ort selbst erschlossen, nun haben sie Existenzängste

Doch mit dem Plan ist er in Wilhelmsburg an der falschen Adresse. Schon vor dem ersten Ideenfindungsworkshop wetterten die örtlichen Kreativen: Es sei kein offenes Verfahren, wenn eine "ortsfremde Organisation" die Art und Weise der Planung festlege. Die Nutzerinnen wüssten am besten, welchen Bedarf es vor Ort gebe. Nun fürchtet die Nutzergemeinschaft der Zinnwerke, dass ihre eigenen Ideen gegen sie verwendet werden könnten. "Wir können nicht kreativ unser Wissen und unsere Zeit in einen Prozess einbringen, bei dem wir selbst ziemlich sicher unter die Räder kommen werden." Die Pioniere, die sich den Ort selbst erschlossen haben, sind nun ein Konkurrent unter vielen. Das schürt Existenzängste.

"Ich kann verstehen, woher das kommt", sagt Egbert Rühl. "Aber ich halte das für falsch." Sich am Verfahren abzuarbeiten, koste die ortsansässigen Kreativen doch nur Zeit und Kraft, die sie ebenso gut in konstruktive Vorschläge stecken könnten. "Die haben das größte Wissen über diesen Ort und könnten die Ideenfindung mit Leichtigkeit dominieren." Das täten sie aber nicht.

Es ist überraschend, dass die Kreativ Gesellschaft davon überrascht ist. Auf der Elbinsel Wilhelmsburg gilt seit jeher ein Credo: Traue keinem Beteiligungsverfahren, das du nicht selbst mitgestaltet hast. Verfahrenskritik ist hier Volkssport, man hat jahrzehntelang trainiert – angefangen mit der "Zukunftskonferenz" 2001 und 2002, in denen protesterprobte Wilhelmsburger dem Senat ein Mitspracherecht über den "Sprung über die Elbe" abrangen.

Mit Leidenschaft kämpften langjährige Inselbewohner um Zugang zum Spreehafen und Verkehrsprojekte wie die Hafenquerspange oder die Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße. Den bislang größten Erfolg in Sachen Mitbestimmung errangen sie mit dem "Perspektiven"-Verfahren zur Planung neuer Quartiere, bei dem zwar immer noch die Politik entscheidet, aber die Bürgerinnen und Bürger immerhin an Ausschreibungstexten mitformulieren lässt. Und trotzdem: Die Angst, übers Ohr gehauen zu werden, bleibt gerade auf der Elbinsel spürbar – und die Skepsis gegen Pläne von oben ein tief sitzender Reflex.