Im Sommer 2013 konnte die Kreativ Gesellschaft das aus nächster Nähe verfolgen: Damals sollte der Veringhof 7 einem Neubau für den Opernfundus weichen, der Senat hatte bereits entschieden – und die Rechnung ohne die Wilhelmsburger gemacht. Mit einer gewitzten Kampagne und genialer Selbstvermarktung unter dem Motto "Zinn macht Sinn" traten die Kreativschaffenden um die Film- und Kochfirma Hirn und Wanst eine Protestwelle los, die zugezogene Hipster und Alt-Insulaner gleichermaßen mitriss. Die jungen Kreativen, die schon mit ihrem Marketingerfolg über die Buslinie 13 Herz für das "ursprüngliche" Wilhelmsburg bewiesen hatten, verhinderten das gefürchtete Hochregallager und zwangen den Senat in die Knie. Die örtliche Politszene war begeistert.

Nun schreibt sich die Geschichte fort: Wieder treten die Zinnwerker als Pioniere an, die das alte Werksgelände am Kanal im kreativen Sinne überhaupt erst urbar machten. Auch daraus speist sich der Anspruch, den sie nun formulieren. "Wir fordern die Garantie, zu bleiben", heißt es in der Verlautbarung unter der Überschrift "Zinn macht Sinn – Jetzt erst Recht!". Doch wer könnte diese Forderung einlösen?

Nicht die Kreativ Gesellschaft – das steht für Egbert Rühl fest. Er bleibt bei seiner Rolle als Auftragnehmer: "Wir müssen einen offenen Prozess gestalten." Und dabei müsse auch erlaubt sein, darüber nachzudenken, dass jetzige Nutzerinnen womöglich gehen müssten. "Das ist unsere Position", sagt Rühl. All diese Überlegungen erübrigten sich aber, wenn die Nutzergemeinschaft endlich ihre Ideen in den Ring würfe und die Entscheidungsträger im Bezirk überzeugte. 

Inzwischen ist man sogar im Bezirksamt irritiert über das Vorgehen der städtischen Firma

Dass die Chancen äußerst gut stehen, ließ die Bezirksversammlung bereits durchblicken: In einer "Klarstellung" verlangt sie vom Konzept der Kreativ Gesellschaft, "die bestehenden Arbeitsplätze im Bereich der Kultur und Kreativwirtschaft (...) möglichst zu erhalten" und die jetzigen Nutzer an der Konzeptfindung zu beteiligen. Eine Solidaritätserklärung von SPD und Grünen, die aber de facto wenig ändert.

Vielmehr scheinen die Fronten sich weiter zu verhärten. Die Kreativ Gesellschaft plant den nächsten Beteiligungsabend am heutigen Freitag, die Kreativen aus den Zinnwerkern haben unterdessen einen offenen Brief an den Bürgermeister, den Senat und die Bürgerschaft geschrieben. Offensichtlich sei die Kreativ Gesellschaft überfordert, heißt es darin. "Hier versucht kein Miethai, sondern eine städtische Gesellschaft ihre Ideenspeicher auf Kosten existenzieller Ängste zu füllen."

Steht also der Showdown am Kulturkanal? Die Zinnwerker warten auf Garantien und machen ansonsten weiter Stimmung, die Kreativ Gesellschaft wartet auf inhaltliche Vorschläge und macht ansonsten weiter in ihrem Beteiligungsprozess. Inzwischen scheint man auch im Bezirksamt irritiert über das Vorgehen der städtischen Firma: Bezirksamtsleiter Falko Droßmann will sich kommende Woche zum Gespräch mit der Kreativ Gesellschaft treffen. Er sehe sich in der Vermittlerrolle, sagt Droßmann: "Ich vermute hier ein Empathieproblem, und zwar auf beiden Seiten."

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