Hamburger Kinder und Jugendliche sind häufiger übergewichtig und depressiv als ihre Altersgenossen im Rest von Deutschland. Außerdem sind Kinder von Eltern mit geringer Bildung öfter krank als andere. Das sind die zentralen Ergebnisse einer großen DAK-Studie. Wie kann das sein? Die Studie lässt die Ursachen offen, wir haben daher Susanne Epplée um eine Einschätzung gebeten. Sie ist Kinder- und Jugendärztin im Sozialpädiatrischen Zentrum in Billstedt, einem sozialen Brennpunkt im Hamburger Osten.

ZEIT ONLINE: Frau Epplée, Hamburger Kinder sind häufiger übergewichtig und depressiv als im Rest von Deutschland. Erleben Sie das auch?

Susanne Epplée: Wir haben in unserem Institut überdurchschnittlich viele Fälle von Adipositas, also von krankhaftem Übergewicht. Das beschäftigt uns oft. Wir bringen die Kinder in Programme und mehrtägige Kurse, um ihnen zu helfen, falsche Lebensgewohnheiten umzustellen. Das Ernährungsverhalten zu verändern, kann nur unter Einbeziehung der Eltern passieren. Sonst funktioniert das nicht.

ZEIT ONLINE: Haben Sie eine Erklärung, warum es diese Häufung gibt?

Epplée: Es gibt in Billstedt einige entwicklungsverzögerte Kinder, die zudem oft unter Bewegungsmangel leiden, bei denen die Sozialisierung ausschließlich auf dem Pausenhof stattfindet, weil zu Hause kein Platz für Verabredungen oder bewegungsbetonte Spiele ist. Und ich erlebe immer wieder, dass einige nach dem Arzttermin zur Belohnung dann noch mal zu McDonald's dürfen. Wenn beide Eltern im Schichtdienst arbeiten und das Kind ganztags beschult ist, dann gehen die wenigsten abends noch zum Sportverein. Müdigkeit und mangelnde Motivation aus der Erschöpfung heraus bremsen die Aktivitäten. Die therapeutischen Bewegungsangebote, die wir den Kindern im Zentrum anbieten können, sollen ihnen Spaß an der Bewegung vermitteln. Sie decken aber bei Weitem nicht den Bedarf unserer Patienten. 

Susanne Epplée ist Fachärztin für Kinder und Jugendmedizin und leitet seit 2013 das Institut für Neuro- und Sozialpädiatrie Hamburg-Ost in Billstedt. © Institut für Sozialpädiatrie

ZEIT ONLINE: In Ihrem Institut werden Kinder und Jugendliche von null bis 18 Jahren untersucht und behandelt, wenn sie medizinisch auffällig sind. Um welche Erkrankungen geht es da?

 Epplée: Rund ein Viertel unserer Patienten erhält die Diagnose ADHS, hat also eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung. Rund 15 Prozent der Kinder leiden unter Adipositas. Zudem stellen wir in sehr vielen Fällen Entwicklungsstörungen fest, vor allem Störungen der Koordination, der Feinmotorik und des Sprachvermögens. Darüber hinaus diagnostizieren wir häufig Behinderungen.

ZEIT ONLINE: Was sind die Ursachen?

Epplée: Eine Ursache ist die Bevölkerungsstruktur von Billstedt. Hier leben die kinderreichsten Familien, mehr als 75 Prozent der unter 18-Jährigen haben einen Migrationshintergrund, 40 Prozent der unter 15-Jährigen leben in Familien mit Mindestsicherung, und die Zahl der Gymnasiasten liegt deutlich unter dem Hamburger Durchschnitt.

ZEIT ONLINE: Was hat das mit der Gesundheit der Kinder und Jugendlichen zu tun?

Epplée: Unter den Eltern der Kinder mit Migrationshintergrund finden sich nahezu keine Akademiker und wenn doch, sind ihre entsprechenden Abschlüsse in Deutschland nicht anerkannt. Viele Eltern verfügen nur über ein geringes Einkommen, sind häufig auf die sozialen Sicherungssysteme angewiesen. So kommen meistens mehrere Dinge zusammen, die sich negativ auf die Kinder und Jugendlichen auswirken. 

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Epplée: Viele Familien leben aufgrund ihrer finanziellen Situation mit mehreren Kindern in einer Zweizimmerwohnung. In manchen Familien gibt es ein behindertes Kind, das intensiver Betreuung bedarf. Dann werden die Geschwister vernachlässigt, sie können nicht lernen, werden nicht zum Spielplatz oder Sport begleitet, sondern verbringen den Tag vor dem Handy oder Fernseher. Die Eltern sind erschöpft, Depressionen treten auf, es kommt zu Auseinandersetzungen und Trennungen. Mütter bleiben mit ihren Kindern alleine, ohne Hilfe und Aussicht auf Unterhalt. Die Kinder sind anfällig für Infekte, schlafen schlecht, zeigen Verhaltensauffälligkeiten in der Schule, haben schlechte Noten, nehmen zu, das Selbstwertgefühl sinkt, sie beginnen, die Schule zu schwänzen, bekommen Schulverweise und so weiter.

ZEIT ONLINE: Inwiefern begünstigt diese Mischung aus widrigen Umständen die Krankheiten, die Sie vorhin genannt haben?

Epplée: ADHS etwa wird außer durch genetische Faktoren durch einen niedrigen sozialen Status begünstigt. Adipositas entsteht bei Kindern in Familien mit geringem Einkommen häufig dadurch, dass sie frisches Essen nicht gewohnt sind, sondern bevorzugt Industrienahrungsmittel, Fertigprodukte und Fast Food essen. Manche unserer Kinder bedrängen ihre Eltern massiv, um Süßigkeiten oder Snacks zu bekommen. Häufig geben Eltern dem schreienden Kind nach, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Manche Eltern haben große Angst, dass ihnen ihr Kind weggenommen werden könnte.